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Politik
Freitag, 19.10.2018   05:45 Uhr

Die Lage am Freitag

Liebe Leserin, lieber Leser,

Eurokrise ist das europäische Albtraumwort unserer Zeit. Damit begann das große Zerwürfnis, die Rückkehr des nationalen Denkens auch in Deutschland. Den Griechen helfen, den Griechen nicht helfen? Und was ist, wenn auch Italien kippt?

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Heft 42/2018
Revolution
Warum die Deutschen so oft scheitern

Die Hilfe für die Griechen ist gerade ausgelaufen, die Eurokrise, die 2010 begann, scheint einigermaßen bereinigt. Nun droht die nächste. Mit Italien. Die Regierung in Rom hat der Europäischen Union einen Haushalt mit einem hohen Defizit vorgelegt. Finanzkommissar Moscovici hat gestern darauf ziemlich harsch reagiert. Nun sind wieder die Italiener am Zuge. Lenken sie ein oder nicht? Das wird die große Frage der nächsten Tage.

Die Spekulanten lauern schon, die Märkte sind unruhig. Und Europa ist in einem weit schlechteren Zustand als in der Hochphase der ersten Eurokrise, als es noch keine Masseneinwanderung gab, keinen Brexit, keinen Boom des Rechtspopulismus' in so vielen Mitgliedstaaten. Die AfD begann als Anti-Euro-Partei, das sollte man nicht vergessen. Die rechtspopulistischen Freunde in Rom täten ihr einen Gefallen, würden sie die nächste Eurokrise auslösen. Dann hätte sie zwei große Themen, die sie beackern kann.

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Der Deutsche

Er hat genug, er geht. Abends packt er die Umzugskisten, bald ist er weg. Er hält es nicht mehr aus, ein Deutscher mit dunkler Haut. Bei einem Mittagessen hat er mir erzählt, wie sie ihn dumm anmachen, ihn diskriminieren. Er hat mir ekelhafte Mails vorgelesen. Ein richtiger Deutscher sei er eben doch nicht, werde er nie sein. Er hat Kinder, er will ihnen das ersparen. "Ich gehe lieber zu früh als zu spät", sagt er.

Als Kind ist er nach Deutschland gekommen und ist so deutsch wie ich. Er hat Karriere gemacht, seine Deutschen haben ihm einiges zu verdanken. Jetzt sitzt er abends in seinem Wohnzimmer und packt die Gesamtausgabe von Schiller ein, von Hölderlin. Er kann sie nicht zurücklassen. Sie gehören ihm, er gehört ihnen. Wenn Deutschland ihn verliert, verliert es sich selbst.

Schwarzer Genosse (Gewinner des Tages 1)

DPA

Einen schönen Spitznamen hat er jetzt: Genosse Günther. So nennt man in der CSU Daniel Günther, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und Christdemokrat, seitdem er die Idee ins Spiel gebracht hat, dass die CDU in Ostdeutschland mit den Linken zusammenarbeiten solle. Bis dahin hatte ihn südlich von Lübeck niemand wahrgenommen, er brauchte einen Satz, mit dem er auffallen konnte (siehe unten). Er hat ihn gefunden. Heute wird der Bundesrat Günther für ein Jahr zum Vorsitzenden wählen, turnusgemäß.

Mission Zertrümmerung

Getty Images

Er hat Großes vor. Er will die rechten Europäer dazu bewegen, den Staat in ihren Ländern zu zertrümmern. Das wollte Stephen Bannon auch in den USA bewerkstelligen, ist aber gescheitert, weil er einen Großteil seiner rechten Freunde gegen sich aufgebracht hat, einschließlich Donald Trump, dessen Berater er war.

Christoph Scheuermann, unser Korrespondent in den USA, hat Bannon über Wochen begleitet, war bei ihm zu Hause in Washington und hat ihn auf seiner Mission in Europa getroffen. Bannon hat Kontakt zur AfD und zu Gloria Fürstin von Thurn und Taxis, in deren Familiensitz St. Emmeram er Seminare abhalten möchte.

Aber Bannon kommt nicht so richtig voran. Die rechten Europäer wollen ihre Staaten nicht auflösen, sondern verändern. Und er selbst ist eher ein Mann des Wortes als der Taten. Lesen Sie dieses schaurige Porträt in der neuen Ausgabe des SPIEGEL, die Sie heute ab 18 Uhr auf dem iPad kaufen können.

Gewinner des Tages (2)

DPA

Sagt Ihnen der Name Tobias Hans etwas? Na, Tobias Hans ist doch der Mann, zu dem die "Welt" gestern die Überschrift gemacht hat: "Hans ist schon Profi beim Windelwechseln". Tobias Hans ist kürzlich Vater von Zwillingen geworden. Heute macht Tobias Hans den nächsten Karriereschritt, Tobias Hans wird voraussichtlich zum Vorsitzenden der CDU im Saarland gewählt. Deshalb ist Tobias Hans der Gewinner des Tages.

Aber welchen Beruf übt Tobias Hans jetzt schon aus, seit März dieses Jahres, seit sieben Monaten. Und? Wissen Sie's? Die meisten Saarländer wissen es vielleicht. Tobias Hans ist der Ministerpräsident ihres Bundeslandes. Warum ich den Namen Tobias Hans jetzt neunmal aufgeschrieben habe? Damit ich ihn mir merken kann. Tobias Hans hat seinen Satz noch nicht gefunden (siehe oben).

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Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Freitag und einen guten Start ins Wochenende.

Ihr Dirk Kurbjuweit

insgesamt 10 Beiträge
quark2@mailinator.com 19.10.2018
1.
Ein typischer Fehler wird auch durch Wiederholen nicht besser. Bei der sog. Griechenlandrettung ging es nicht darum, "den Griechen" zu helfen. Wären es "nur" die Griechen gewesen, wäre gar nichts passiert. Es [...]
Ein typischer Fehler wird auch durch Wiederholen nicht besser. Bei der sog. Griechenlandrettung ging es nicht darum, "den Griechen" zu helfen. Wären es "nur" die Griechen gewesen, wäre gar nichts passiert. Es ging darum, die vornehmlich nordeuropäischen Banken und den Euro an sich zu retten. Aber hier schleicht sich immer sofort der zweite Fehler ein - es wird regelmäßig vergessen, daß der Sündenfall und die Ursache des ganzen Problems natürlich viel früher liegen - beim Euro-Beitritt Griechenlands und der darauf folgenden, nicht auf Produktivitätssteigerung ausgelegten, Schuldenfete dort. Und zugrunde liegt das Hauptproblem EU-Europas ... das Regeln zwar aufgestellt und vertraglich festgehalten werden, daß danach aber jeder selbst entscheidet, was die Verträge bedeuten und ob er Lust hat, sich daran zu halten. Mit anderen Worten: Ja, "die Griechen" hatten sehr wohl etwas von der Rettung, nur eben viele Jahre vorher schon, als sie die vermeintlich billigen Kredite aufnahmen. Und nein, es war dennoch nicht in Ordnung, die Hauptschuldigen dieser Krise, nämlich die Banken, die diese Kredite vergaben, einfach zu retten. Man hätte sie, aus meiner Sicht, jeweils im Moment ihrer Zahlungsunfähigkeit verstaatlichen sollen, inklusive Rettung und späterer Reprivatisierung - wodurch die Anteilseigner ihre Anteile verloren hätten, Funktion und Arbeitsplätze der Banken aber erhalten geblieben wären. Ein solches Vorgehen würde vielleicht auch andere Banken dazu bewegen, mehr Selbstschutz zu betreiben - z.B. in Italien. Und vor allem hätte man dann als EU-Bürger das Gefühl, daß diese Milliarden Steuergelder vernünftig eingesetzt werden.
StefanZ.. 19.10.2018
2. EU, das europäische Alptraumwort unserer Zeit
So können Meinungen auseinander gehen. In meiner Jugend und dem jungen Erwachsenenalter war für mich die Weiterentwicklung der EWG zur Europäischen Union auch eine inspirierende Zielsetzung, in der ich mich auch persönlich [...]
So können Meinungen auseinander gehen. In meiner Jugend und dem jungen Erwachsenenalter war für mich die Weiterentwicklung der EWG zur Europäischen Union auch eine inspirierende Zielsetzung, in der ich mich auch persönlich engagierte. Aber in der Zwischenzeit sehe ich von meiner Perspektive eine Entwicklung hin zu einem intransparenten, gefährlichen Machtmonopol, das sich - wie das diese Woche auch Sarah Wagenknecht gut im Bundestag ausführte - bereits jahrelang nur noch mit Absichten und Vorgehen beschäftigt, die den Interessen von Bürgern entgegenlaufen.
thequickeningishappening 19.10.2018
3. # Italien
Die Italiener tun Der EU Einen Gefallen wenn Sie Das "Projekt Euro" zu Fall bringen. Die EZB hat Ihr Pulver verschossen und es wird Ein boeses Erwachen geben wenn Die Nullen im Zentralcomputer in Der Haftungsgemeinschaft [...]
Die Italiener tun Der EU Einen Gefallen wenn Sie Das "Projekt Euro" zu Fall bringen. Die EZB hat Ihr Pulver verschossen und es wird Ein boeses Erwachen geben wenn Die Nullen im Zentralcomputer in Der Haftungsgemeinschaft aufgeteilt werden = Währungsreform!
Ralf1234 19.10.2018
4. Ursache und Wirkung !
"Europa ist in einem weit schlechteren Zustand als in der Hochphase der ersten Eurokrise, als es noch keine Masseneinwanderung gab, keinen Brexit, keinen Boom des Rechtspopulismus". Und dass alles in der Amtszeit von [...]
"Europa ist in einem weit schlechteren Zustand als in der Hochphase der ersten Eurokrise, als es noch keine Masseneinwanderung gab, keinen Brexit, keinen Boom des Rechtspopulismus". Und dass alles in der Amtszeit von Angela Merkel!
wolfsauge 19.10.2018
5. Alptraum??? Warum???
Es konnte uns nichts besseres passieren, als die Rückkehr zu nationalem Denken !!! Ich will keine EU !!! Ich will ein Europa der Vaterländer.
Es konnte uns nichts besseres passieren, als die Rückkehr zu nationalem Denken !!! Ich will keine EU !!! Ich will ein Europa der Vaterländer.
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