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Politik

Weihnachten

Wer braucht einen Aufstand?

Keine Spende zu Weihnachten, aber über Sahra Wagenknecht herziehen: Notizen eines satten Journalisten auf der Fahrt im dicken Diesel in den Weihnachtsurlaub.

DPA

Sahra Wagenknecht

Eine Kolumne von
Montag, 24.12.2018   15:39 Uhr

Obwohl ich nicht davon ausgehe, dass Sie mir das glauben, denn was sollten Sie überhaupt noch glauben, ist es jedenfalls so: Sonst gebe ich ihm immer etwas. Er ist schließlich der prominenteste Bettler in unserem Kiez. An Sommerabenden sitzt er vor dem Spätkauf und geht die Touristen direkt an: "Ihr Handyaffen! Gebt mir 50 Euro!" Seit einiger Zeit trägt er eine Warnleuchte auf dem Kopf, man sieht ihn im Dunkeln schon von Weitem.

Diesmal blinkte er mich direkt vor dem Hauseingang an, ich war in Eile. "Ach so, keine Zeit", murmelte er, und ich stieg schnell in den gemieteten dicken Diesel-Mercedes, mit dem wir am nächsten Tag zum Weihnachtsbesuch nach Bayern aufbrechen wollten. Der normale Stress vor den Feiertagen, dazu die üblen Nachrichten aus der Zentrale, nur weg. Schnell noch zu Karstadt, für liebe Menschen letzte Geschenke kaufen, die sie nicht brauchen. Keine Zeit für eine kleine Spende. Der Widerspruch kam mir nicht in den Sinn.

Das Volk möge sich erheben

Und damit zu Sahra Wagenknecht. In ihrem neuen Video steht sie vor dem Kanzleramt. In Ton, Haltung und Stil einer Regierungschefin richtet sie eine Weihnachtsansprache an das deutsche Volk. Es möge sich demnächst erheben.

Twitter/ @aufstehen_de

Weihnachtsansprache von Wagenknecht: In Ton, Haltung und Stil einer Regierungschefin

Wagenknecht hat sich mit gelber Weste als französische Gilets-jaunes-Demonstrantin verkleidet. "Ich finde, solchen Druck brauchen wir auch in Deutschland", spricht die Oberaufsteherin, nämlich Druck auf die "Regierung der Reichen". "Immer wird Politik für wohlhabende Klientelen, für große Unternehmen gemacht. Dagegen muss es auch in Deutschland mehr Widerstand geben."

In der Kolumne Agitation und Propaganda schreibt Stefan Kuzmany über die aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft. Abonnieren Sie den Newsletter direkt und kostenlos hier:

Obwohl die Autokonzerne "weiter Profite machen" und die Dieselfahrer "die Zeche bezahlen", ruft Wagenknecht dann aber nicht etwa wütend zur Revolution, sondern wirbt gesittet für den Besuch der Veranstaltungen ihrer Organisation nach den Feiertagen: "Wir brauchen auch hier viele Menschen, die bereit sind, auf die Straße zu gehen. Das will 'Aufstehen' erreichen. Und das machen wir im nächsten Jahr."

Auf dem Trittbrett zum Aufstand

Wagenknechts Auftritt wirkt wie die Parodie eines Wagenknecht-Auftritts. Anschwellende Sphärenklänge aus dem Synthesizer, Schnitt auf die Projektion einer gelben Weste an der Wand des Bundeskanzleramts, am Schluss mit dramatischem Knall das eben nicht gelbe, sondern rote Aufstehen-Logo im Bild - fertig ist der Trittbrett-Trailer für den kommenden Aufstand.

Ausgerechnet die Spalterin der Linken setzt sich an die Spitze einer sogenannten Sammlungsbewegung, und jetzt geriert sie sich auch noch als Sprachrohr der Gelbwesten, einer Bewegung, die professionelle Großsprecher wie sie nicht hat, nicht will und nicht braucht. Und was soll das überhaupt: Aufstehen? Wer braucht einen Aufstand?

Mal schnell auf den Kontostand geschaut: Ich jedenfalls nicht. Darum fällt es mir auch sehr leicht, mich über Wagenknecht und ihr Anliegen lustig zu machen. Häme geht immer über die geschleckte Sozialrhetorikerin mit dem Drall ins Herrische. Beim Schreiben verspeise ich einen Teller Plätzchen, am Abend werde ich satt sein und mich trotzdem weiter vollstopfen.

Tatsächlich weiß ich schon lange nicht mehr, wie das ist, so wenig zu verdienen, dass es am Ende des Monats nicht reicht. Ich habe vergessen, wie es sich anfühlt, wenn der Tank leer ist oder der Magen. Ich habe keine Ahnung davon, wie es ist, auf der Straße Passanten anbetteln zu müssen um einen Euro. Und deshalb, liebe Leserinnen und Leser, halte ich jetzt einfach mal die Klappe. Bis nächstes Jahr. Keine Pointe. Frohes Fest!

insgesamt 101 Beiträge
jufo 24.12.2018
1. Sie haben Recht
Lohnt darüber nachzudenken so ab und an. Weihnachten habe ich dafür so wenig Zeit ;-)
Lohnt darüber nachzudenken so ab und an. Weihnachten habe ich dafür so wenig Zeit ;-)
dr.könig 24.12.2018
2. Aufstehen wird langsam, sehr langsam erwachsen.
Wir Deutschen sind satt und faul. Demonstrieren sollen die Franzosen, am besten für uns mit. Alleine der Diesel Skandal wäre es wert einmal z.B. das Kamener Kreuz per - sit in - zu blockieren. Aufstehen ist noch viel zu brav. [...]
Wir Deutschen sind satt und faul. Demonstrieren sollen die Franzosen, am besten für uns mit. Alleine der Diesel Skandal wäre es wert einmal z.B. das Kamener Kreuz per - sit in - zu blockieren. Aufstehen ist noch viel zu brav. Da muss rhetorisch wesentlich mehr kommen. Bei der Europawahl sollten die antreten und dann die Landtage abgrasen bis zur BTW 2021. Arsch huuch, unn Zähne usenander...........
rainbow-warrior999 24.12.2018
3. Chapeau´ Herr Kuzmany !
Immerhin sind Sie ehrlich mit ihrer Aussage: "Tatsächlich weiß ich schon lange nicht mehr, wie das ist, so wenig zu verdienen, dass es am Ende des Monats nicht reicht. Ich habe vergessen, wie es sich anfühlt, wenn der Tank [...]
Immerhin sind Sie ehrlich mit ihrer Aussage: "Tatsächlich weiß ich schon lange nicht mehr, wie das ist, so wenig zu verdienen, dass es am Ende des Monats nicht reicht. Ich habe vergessen, wie es sich anfühlt, wenn der Tank leer ist oder der Magen." Als Leiter des Hauptstadtbüros von SpOn können Sie sich auch schlecht mit einer alleinerziehenden Mutter oder einem ALGII-Empfänger vergleichen. Man kann ja kritisch zu #aufstehen sein,-bin ich in verschiedenen Punkten auch,- aber sie sprechen entscheidende Defizite in der Gesellschaft an. Und das allein ist schon mal wichtig und nötig. Trotzdem Merry X-Mas :-) !
bikerrolf 24.12.2018
4. Zwei Helden
Für mich sind Sarah Wagenknecht und Boris Palmer die bemerkenswertesten Politiker des Jahres. Beide wagen es Selbstverständlichkeiten auszusprechen und werden dafür von ihren eigenen Milieus in die rechte Ecke, ja sogar in den [...]
Für mich sind Sarah Wagenknecht und Boris Palmer die bemerkenswertesten Politiker des Jahres. Beide wagen es Selbstverständlichkeiten auszusprechen und werden dafür von ihren eigenen Milieus in die rechte Ecke, ja sogar in den geistigen AfD-Sumpf gestellt. Was letztlich trauriger Beleg dafür ist, dass es in Sachen Migration und Integration Denk- und Redeverbote gibt. Wer die missachtet, wird geächtet - oder in Spiegel online auf ziemlich wirre Weise lächerlich gemacht.
keksguru 24.12.2018
5. jeder kann etwas dazu beitragen...
oder auch auf Sachen verzichten, die man zum Überleben nicht braucht. Man muß nur die Gesetzmäßigkeiten der Anstiftung zum Konsum verstehen, um gegenzusteuern. Bei uns gibts z.B. keine Weihnachtsgeschenke mehr... schon seit [...]
oder auch auf Sachen verzichten, die man zum Überleben nicht braucht. Man muß nur die Gesetzmäßigkeiten der Anstiftung zum Konsum verstehen, um gegenzusteuern. Bei uns gibts z.B. keine Weihnachtsgeschenke mehr... schon seit Jahren nicht. Und als ich wirklich überhaupt keine Mark übrig hatte, hab ich ein Zimmer vermietet... ein Single braucht keine 3 Zimmer. Ich hab gelernt, mein Auto selber zu reparieren, mein Essen selber zu machen, Möbel selber aufzubauen, ich hab Sylvester und Samstags nachts in Discos gearbeitet, Sonntag ab 7 Uhr dann Pferde gefüttert... jeder der zwei gesunde Arme und Beine hat, hat gefälligst die Aufgabe, sich selbst zu helfen. Und sich nicht jeden Scheiß zu kaufen, bloß weil die Werbung es einem suggeriert, daß man es braucht. Meine Frau kommt aus einem bitterarmen Land, in dem ich auch mal gelebt hatte, dort fand ich mich als Konsumverweigerer bestens zurecht, wir haben uns da von Anfang an gut verstanden... es geht ja auch darum, daß man das Geld beisammenhalten lernen muß, dann geht man auch mit 1500 Euro Netto nicht kaputt sondern legt 300 Euro im Monat zur Seite... was bei unserer Weihnachtsgans übrig ist, kriegen morgen übrigens ein paar Obdachlose. Mit 93.000 Euro brutto ist mir das Leid anderer Menschen nicht egal.... aber ich mußte auch mal mit 12.000 Euro p.a. zurechtkommen, das hieß morgens ein Toastbrot, ab zur Arbeit. Nachmittags auf der ARbeit subventioniertes Mampf und abends ein 79 Cent Fertigfutter, in dem manchmal auch noch eine halbe Packung gebratene Salami drin war, dazu gabs Rotwein für 1,29 den Liter...
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