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Politik

Nationalstolz

Kein schlechtes Land

Hundert Jahre Schwarz-Rot-Gold und eine aktuelle Frage: Geht Deutschland vor die Hunde? Kommt sehr darauf an, wen man fragt.

imago/ Sven Simon

Schwarz-rot-goldene Fahnen (beim Skispringen in Garmisch-Partenkirchen Neujahr 2019)

Eine Kolumne von
Montag, 18.02.2019   16:25 Uhr

Als der junge Argentinier zum ersten Mal Berlin besuchte, machte er eine unglaubliche Entdeckung. Er beobachtete eine Straßenszene, die er so noch nie gesehen hatte, in Buenos Aires nicht und auch nicht sonst wo.

Wir saßen in einem bayerischen Restaurant mitten in Berlin-Kreuzberg, als er mir davon berichtete. Ich hatte mich etwas ratlos dorthin auf den Weg gemacht, denn mein Redakteur hatte mir vorher eine knifflige Aufgabe gestellt: Ich solle über Nationalstolz schreiben.

Denn vor genau 100 Jahren hatte der Ausschuss der deutschen Gliedstaaten in der Weimarer Nationalversammlung beschlossen, Schwarz-Rot-Gold als deutsche Nationalfarben einzuführen. Die Fahne in Schwarz-Rot-Gold gab es schon lange vorher, doch erst mit der Weimarer Verfassung wurde sie zum Symbol der ersten parlamentarischen Demokratie auf deutschem Boden.

Die Weimarer Verfassung trat erst im August 1919 in Kraft, man wird ihr Jubiläum im Sommer feiern, heute gibt es nichts, keine Reden und Aufsätze, heute feiert weit und breit keiner die deutsche Demokratie und ihre Flagge. Ganz im Gegenteil. Anstelle einer Festrede fand ich gestern einen Leserbrief von Herrn Sch. aus Köln in meinem Postfach.

Genau genommen richtete sich der Brief nicht an mich, sondern an einen Herrn "Kunzmann", aber gemeint war eindeutig ich, also habe ich die Mail gelesen. Es handelte sich um einen offenen Brandbrief an die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer.

Schwarz: ganz schön düster

Herr Sch., Jahrgang 1937, macht sich große Sorgen um Deutschland. Die hiesige Situation habe sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verschlechtert. Grund dafür sei eine "falsch verstandene, linkslastige Liberalität". Eigenschaften wie Fleiß, Strebsamkeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Respekt, Moral und Disziplin seien nahezu aus dem Sprachgebrauch und aus dem Bewusstsein verschwunden. Die Bahn sei unpünktlich. Verbrecher verließen als freie Leute das Gericht. Die Polizei sei hoffnungslos unterbesetzt, der BER ein Desaster, Regierungsmaschinen, U-Boote, Panzer nicht einsatzbereit. Die Automobilindustrie dürfe unbestraft betrügen, die Schulgebäude seien marode, die Lehrer frustriert und die Schüler respektlos.

Das Pendel schwinge in Deutschland seit Jahrzehnten nach links. Herr Sch. appellierte an Kramp-Karrenbauer: "Stoppen Sie das Pendel und führen Sie es ein Stück weit zurück!"

Mit dieser düsteren Bestandsaufnahme im Kopf machte ich mich schnellen Schrittes auf den Weg zum Schnitzellokal, ich wollte pünktlich sein, wenigstens das war ich dem Land und Herrn Sch. als linkslastiger Liberaler schuldig.

Mit der Bahn fahre ich sehr gerne, gebe aber zu, dass sie manchmal Probleme mit der Zuverlässigkeit hat, was ich persönlich allerdings nicht der Linkslastigkeit des seit vielen Jahren von der CSU geführten Verkehrsministeriums anlasten würde. Dass der massenhafte Betrug durch die Autoindustrie eine Folge linker Liberalität sei, war mir neu. Ebenso wenig scheinen mir die Defekte von Regierungsmaschinen und Panzern auf linke Umtriebe von Ursula von der Leyen zurückzuführen. Unbekannt war mir auch die linksliberale Politik der Kürzungen im Bildungssystem.

Und ob es um Respekt und Disziplin besser stehen würde, wenn man zu den Standards des Herrn Sch. zurückkehren würde, der sich nicht einmal die Mühe macht, den Adressaten seines Schreibens mit seinem richtigen Namen anzusprechen, ist mir ebenfalls unklar.

Rot: Man muss sich ja schämen

Nur mit dem BER, da hat er natürlich einen Punkt, der Herr Sch., dachte ich mir seufzend: eindeutig linkslastiger Schlendrian. Aber dann wieder: Auf dem Weg zum Schnitzellokal war die Straße voll mit jungen Menschen, die, soweit ich das hören konnte, ausschließlich Englisch sprachen. Sie waren offenbar trotz BER-Desaster irgendwie in Berlin gelandet.

Die Aussicht auf das Schnitzel rückte näher, und so hob sich meine Laune. Klar, dieses Land hat eine Menge Probleme zu lösen und es gibt vieles, worauf man alles andere als stolz sein kann - den alltäglichen Rassismus zum Beispiel, den Antisemitismus, die Tatsache, dass eine Partei in unseren Parlamenten sitzt, die sich nicht von völkischem Denken abgrenzen mag und deren Galionsfiguren ein Problem damit haben, dass wir uns immer wieder und voller Scham an unsere Schuld am Zweiten Weltkrieg und am Holocaust erinnern.

Gold: ziemlich Weltspitze

Aber es gibt doch Dinge, an denen man sich erfreuen kann: dass wir, ganz allgemein, trotz aller gefühlten Angst und Besorgnis, in Verhältnissen leben, die sicherer und freier sind, als es sie jemals gab. Wenn die AfD ständig "ihr Land zurück" haben will, dann bedeutet das doch vor allem: Sie hat es nicht.

Und wir haben, ganz konkret, eine Regierungschefin, die, wie sich jüngst zeigte, in ganzen Sätzen und klar verständlich in freier Rede Gedanken auszudrücken vermag, in krassem Gegensatz zum mächtigsten Gelbhaarigen der Welt etwa, der das Pendel in seinen USA kräftig nach rechts schwingt.

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Und dann saßen wir beim Schnitzel, und ich fragte den jungen Argentinier, was ihm denn als Ausländer so gut gefalle an Deutschland, dass er am liebsten gleich ganz hier bleiben würde. Zum einen, meinte er nach einem guten Schluck von einer Halben Augustiner, dem besten Bier der Welt, zum einen habe er kürzlich eine Bundestagsdebatte verfolgt. Da ging es darum, wie Haushaltsüberschüsse sinnvoll verteilt werden sollten. Haushaltsüberschüsse, davon hatte er in Argentinien noch niemals gehört.

Aber der Moment, in dem ihm klar wurde, dass Deutschland ein besonderes Land ist, mit einer reichen und egalitären Gesellschaft, geschah direkt nach seiner Ankunft. Er beobachtete eine Straßenszene, die er so noch nie gesehen hatte, in Buenos Aires nicht und auch nicht sonst wo. Es war unglaublich: "In Deutschland arbeiten Deutsche bei der Müllabfuhr."

Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen. Und dann war ich ein bisschen stolz.

insgesamt 256 Beiträge
quark2@mailinator.com 18.02.2019
1.
Nein, natürlich kein schlechtes Land. Aber es könnte wesentlich besser sein. Und es stellt sich die Frage danach, wie lange obrige Aussage so noch stimmt und für wieviel Prozent der Bewohner sie dann noch stimmt.
Nein, natürlich kein schlechtes Land. Aber es könnte wesentlich besser sein. Und es stellt sich die Frage danach, wie lange obrige Aussage so noch stimmt und für wieviel Prozent der Bewohner sie dann noch stimmt.
hardeenetwork 18.02.2019
2. Ich schimpfe auch ...
... manchmal ... und ich reise viel ... habe dabei gelernt das es uns sehr sehr gut geht ... unendlich viele freiheiten haben ... frieden und wohlstand ... ein schönes land ... dieses freie deutschland ... schimpfen und neid [...]
... manchmal ... und ich reise viel ... habe dabei gelernt das es uns sehr sehr gut geht ... unendlich viele freiheiten haben ... frieden und wohlstand ... ein schönes land ... dieses freie deutschland ... schimpfen und neid gehören auch dazu :-)
sinnmacher 18.02.2019
3. Suchen Sie sich einen in Ihrer Größe, Herr K.
Den Beitrag eines 81jährigen Herren, der vermutlich mit allen altersbegleitdenden Unzulänglichkeiten zu kämpfen hat, so genüsslich abwertend durch den Kakao zu ziehen, ist das Gegenteil von Größe, Herr Kunzmann.
Den Beitrag eines 81jährigen Herren, der vermutlich mit allen altersbegleitdenden Unzulänglichkeiten zu kämpfen hat, so genüsslich abwertend durch den Kakao zu ziehen, ist das Gegenteil von Größe, Herr Kunzmann.
gammoncrack 18.02.2019
4. Genau das ist aber das Problem vieler Deutscher.
Man muss sich nur diverse Postings angucken. Sobald es jemandem besser geht als einem selbst, platzen viele vor Neid aus dem Anzug. Ich glaube, dass das das Schlimme hier in den Landen ist. Ich war auch viel im Ausland. Neid [...]
Man muss sich nur diverse Postings angucken. Sobald es jemandem besser geht als einem selbst, platzen viele vor Neid aus dem Anzug. Ich glaube, dass das das Schlimme hier in den Landen ist. Ich war auch viel im Ausland. Neid ist den Leuten einfach fremd. Fast allen!
rdiess 18.02.2019
5. Uns geht es überwiegend gut
Unser größtes Problem ist die grassierende Schlechtmacherei. Natürlich können Dinge verbessert werden: Sozialleistungen für die Bedürftigen, die definitiv nicht in der Lage sind für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, [...]
Unser größtes Problem ist die grassierende Schlechtmacherei. Natürlich können Dinge verbessert werden: Sozialleistungen für die Bedürftigen, die definitiv nicht in der Lage sind für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, zukünftige Renten (es müssten einfach alle Erwerbstätigen und alle Einkommensarten einzahlen), zunehmende Ausgrenzung von Minderheiten. Ansonsten bitte ich die ewigen Nörgler einfach, zwanzig Länder aufzuzählen - Reihenfolge beliebig - die besser funktionieren als unseres.
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