Schrift:
Ansicht Home:
Politik

SPD

Abschied eines Rock'n'Rollers

Sigmar Gabriel muss gehen. Die SPD will den populären Außenminister nicht im neuen Kabinett haben. Der Abgang war absehbar - mit seinem starken Charakter passt Gabriel nicht zum neuen Team-Image der SPD.

DPA

Noch-Außenminister Sigmar Gabriel (am 8. März)

Von
Donnerstag, 08.03.2018   17:19 Uhr

Der Abschied war ganz im Stile von Sigmar Gabriel. Er wollte ihn unbedingt selbst verkünden. Via Twitter verbreitete er, was ihm das SPD-Führungsduo Andrea Nahles und Olaf Scholz kurz zuvor mitgeteilt hatte: Er werde der künftigen Bundesregierung nicht mehr als Außenminister angehören.

Am Donnerstagmorgen war Gabriel in der Parteizentrale, dem Willy-Brandt-Haus in Berlin erschienen, wo ihm Nahles und Scholz ihre Entscheidung überbrachten. Danach fuhr er ins Auswärtige Amt, informierte in einer Runde seine engsten Mitarbeiter.

Anschließend ging der Alltag des noch geschäftsführenden Außenministers erst einmal wie gewohnt weiter: Empfang des bosnischen Außenministers, Verleihung einer Verdienstmedaille an einen Rabbi, Gespräch mit dem früheren Uno-Generalsekretär Kofi Annan. Am Freitag wird Gabriel in seiner Heimat Goslar sein, von zu Hause aus arbeiten. Kommende Woche geht er dann endgültig von Bord: Am 14. März ist die Wahl der Kanzlerin im Bundestag, kurz darauf soll sobald wie möglich das neue Kabinett vereidigt werden.

Das Ende von Gabriels knapp über einjährigen Amtszeit im Ministerium am Werderschen Markt war keine wirkliche Überraschung mehr. Wer in den vergangenen Tagen mit SPD-Politikern sprach, der hörte einen Satz in immer neuen Varianten: Gabriel werde mit Sicherheit keinen Platz mehr im Kabinett haben.

Zuletzt kaum noch Rückhalt

Der Abgang des 58-jährigen hat etwas Tragisches: Gabriel ist und war eines der großen politischen Talente der SPD. Analytisch stark, schonungslos auch was die Schwächen seiner eigenen Partei angeht, ein politisches Alphatier, am Stammtisch bei den "kleinen Leuten" ebenso präsent wie auf dem diplomatischen Parkett. Aber er ist eben auch ein impulsgetriebener Mensch, der sich mit seinem ungestümen Charakter oftmals selbst in die Quere kam, seine führenden Genossen immer wieder nervte mit Kurswechseln, Papieren und Wahlkampf-Tipps per SMS.

Tobias Dünow, langjähriger Sprecher Gabriels zunächst im Wirtschaftsministerium und anschließend im Willy-Brandt-Haus, durfte den Charakter seines einstigen Chefs aus nächster Nähe erleben, zum Abschied twitterte er vielsagend-versöhnliche Worte: "Der letzte Rock'n'Roller geht. Die SPD hat ihm mehr zu verdanken, als sie weiß." Das Wort Rock'n'Roller dürfte mit Bedacht gewählt sein. Mit seinem starken Charakter hat Gabriel, der Ungezähmte und oft Unberechenbare, viele Genossen in Atem gehalten.

In der neuen, geschrumpften SPD-Fraktion, der er als Abgeordneter angehört, hatte Gabriel zuletzt kaum noch Rückhalt. Für viele seiner Kritiker war das Maß voll, als er vor wenigen Wochen über seine Tochter Marie den einstigen SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz kritisierte, nachdem dieser öffentlich mit Vehemenz seine Ambitionen auf das Außenamt vorgebracht hatte.

"Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht" - dieses angebliche Zitat seiner Tochter löste bei vielen in der SPD Kopfschütteln aus, manchen galt es gar als Zeichen, dass er bereit war, die Grenze des Zulässigen zu überschreiten, um seinen Job zu retten. Ihm selbst, so war aus seinem Umfeld später zu hören, tat die Äußerung leid, kaum dass sie in der Welt war.

Erst als Außenminister mochten ihn die Wähler

Das Paradoxe ist: In Umfragen ist Gabriel heute der populärste SPD-Politiker - was ihm in seiner Rolle als Parteichef nie vergönnt war. Es wird ihm eine späte Genugtuung sein. In seiner kurzen Amtszeit als Außenminister gelang es ihm - wie schon seinem sozialdemokratischen Vorgänger Frank-Walter Steinmeier, dessen Wechsel ins Bundespräsidentenamt er maßgeblich eingefädelt hatte - rasch an Ansehen zu gewinnen. Sein voraussichtlicher Nachfolger, der bisherige Justizminister Heiko Maas, wird sich daran messen lassen müssen. "Er wird das exzellent machen", gab Gabriel Maas am Donnerstag schon mal ein paar Vorschusslorbeeren mit auf den Weg.

Fotostrecke

SPD-Personal: Wer als Minister gehandelt wird

Gabriel hat seiner Partei 18 Jahre lang gedient, in vielen Funktionen: als niedersächsischer Ministerpräsident, siebeneinhalb Jahre als SPD-Parteichef, acht Jahre im Bund als Umwelt-, Wirtschafts- und zuletzt Außenminister. Er erlebte nach dem überraschenden Machtverlust 2003 in Niedersachsen Durststrecken. Als er den Kontakt der SPD zu Künstlern hielt ( er übernahm das neu geschaffene Amt eines "Beauftragten für Popkultur und Popdiskurs", wie der SPIEGEL damals berichtete), bezeichneten ihn Medien bald ironisch als "Popbeauftragten" oder auch kurzerhand als "Siggi Pop" - was ihn ärgerte. Wer ihn damals als Journalist sprach, traf auf einen Mann, der sich von der Presse oftmals ungerecht und unfair behandelt fühlte.

Das ist lange her. Die Medien - Gabriel ist ein Nachrichtenjunkie - waren ihm auch ein Mittel, um seine SPD immer mal wieder mit neuen Gedanken zu überraschen, nicht gerade zur Freude führender Genossen. An der Basis, vor allem in seiner niedersächsischen Heimat, war er hingegen mehr als wohlgelitten. Beim Mitgliederentscheid, so war aus der SPD zu hören, gab es sogar manchen Abstimmungszettel, auf dem das Ja für eine Große Koalition mit dem handschriftlichen (und nicht erlaubten) Zusatz versehen war, das Ja gelte nur für den Fall, dass Gabriel Außenminister bleibe.

Gabriel hatte seine Fans in der SPD, keine Frage. Aber in der jetzigen Führung hatte er sie nicht mehr. "Andrea Nahles und Olaf Scholz haben einen großen Vorrat an negativen Erfahrungen mit Sigmar Gabriel über die Jahre angesammelt", sagt ein Sozialdemokrat, der gut vernetzt ist. Für eine SPD, die bei der Bundestagswahl 20,5 Prozent erzielte und in Umfragen zeitweise noch weiter abgesackt ist, soll für die sechs SPD-Minister in der neuen Großen Koalition ein neuer Teamgeist gelten. Da war für Gabriel kein Platz mehr.

Nun warten sie in der SPD darauf, was Gabriel womöglich in kommenden Interviews über seinen Abgang, seine Zukunftspläne, über die Lage der SPD und zu Nahles und Scholz zu sagen haben wird. Auch das, so ist zu hören, werde man ertragen und aushalten. Aber wer weiß - vielleicht überrascht Gabriel seine Kritiker am Ende noch.

Im Video: DER SPIEGEL live - Sigmar Gabriel im Gespräch

Foto: SPIEGEL ONLINE


Sie wollen die Sonntagsfrage für den Bund beantworten? Stimmen Sie hier ab:


Wer steckt hinter Civey?

Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Das Start-up arbeitet mit unterschiedlichen Partnern zusammen, darunter sind neben SPIEGEL ONLINE auch der "Tagesspiegel", "Cicero", der "Freitag" und Change.org. Civey wird durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

insgesamt 171 Beiträge
Mondlady 08.03.2018
1. Starker Charakter?
Ich glaub's nicht! Ein Wirtschaftsminister, der die Waffenexporte drastisch erhöht hat, obwohl das Gegenteil geplant und gesagt wurde; ein Wirtschaftsminister, der dafür sorgt, dass Rheinmetall in Indien (!) von der Blacklist [...]
Ich glaub's nicht! Ein Wirtschaftsminister, der die Waffenexporte drastisch erhöht hat, obwohl das Gegenteil geplant und gesagt wurde; ein Wirtschaftsminister, der dafür sorgt, dass Rheinmetall in Indien (!) von der Blacklist der Korruptonsunternehmen verschwindet? Ein Außenminister, der sich von Erdogan und Konsorten am Nasenring durch die Manege ziehen und demütigen läßt, bevor irgendwann mal ein - etwas stärkerer - Widerspruch kommt? Sorry, aber darauf kann Deutschland gerne verzichten.
silesian 08.03.2018
2. Gegen den Strich
so war er halt, der Siggi. Die SPD wird ihm noch nachweinen. In der Zeit der austauschbaren Gestalten wird es an Charakterköpfen fehlen. Schade, vielleicht wird die Partei bei 12-15% wieder aufwachen.
so war er halt, der Siggi. Die SPD wird ihm noch nachweinen. In der Zeit der austauschbaren Gestalten wird es an Charakterköpfen fehlen. Schade, vielleicht wird die Partei bei 12-15% wieder aufwachen.
isegrim der erste 08.03.2018
3. Sigmar Gabriel ist markant, nicht unbeding sympathisch,
aber immerhin. Die neue Führungsriege der SPD ist vor allem eines: farblos. Der schnellste Weg hin zu einer 5 Prozent-Partei.
aber immerhin. Die neue Führungsriege der SPD ist vor allem eines: farblos. Der schnellste Weg hin zu einer 5 Prozent-Partei.
DieHappy 08.03.2018
4.
Ich finde es gut, dass dieser Mann in der Regierung nichts mehr zu sagen hat. Seine Putin, Gazprom, Schröder Nähe, ist mir einfach nur suspekt. Es reicht der "Kreml Satellit" AFD im Bundestag. [...]
Ich finde es gut, dass dieser Mann in der Regierung nichts mehr zu sagen hat. Seine Putin, Gazprom, Schröder Nähe, ist mir einfach nur suspekt. Es reicht der "Kreml Satellit" AFD im Bundestag. https://www.tagesspiegel.de/politik/sigmar-gabriel-und-russland-bedenkliche-naehe-zu-gazprom/19943758.html http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-08/gruene-sigmar-gabriel-wladimir-putin-gerhard-schroeder-treffen-erklaerung
fyer 08.03.2018
5.
Populärer als Steinmeier würde ich noch gelten lassen, aber richtig populär oder ein herausragender Außenminister war er nie, sonst würde er jetzt nicht gehen müssen.
Populärer als Steinmeier würde ich noch gelten lassen, aber richtig populär oder ein herausragender Außenminister war er nie, sonst würde er jetzt nicht gehen müssen.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP