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Politik

Designierter SPD-Generalsekretär Klingbeil

Mission: Rettung

Er arbeitete für Altkanzler Schröder und gehört den konservativen Seeheimern an: Jetzt soll Lars Klingbeil das Gesicht der neuen Sozialdemokratie werden. Kann er es für die SPD richten?

DPA
Von , Walsrode
Mittwoch, 06.12.2017   14:58 Uhr

Der Mann, der Lars Klingbeil die Tür in Jogginghose und Unterhemd öffnet, hat keine Antwort auf die großen Fragen der SPD. Der Hodenhagener ist Angler. Ein geplantes Naturschutzgebiet an der Aller gefährdet sein geliebtes Hobby. "Darum sollte sich die SPD kümmern", sagt er.

Ein Konflikt zwischen Anglern und Naturschützern - klassische Lokalpolitik eben. Aber eher nicht das Thema, das Klingbeil derzeit umtreibt. Beim Parteitag, der am Donnerstag in Berlin beginnt, will der 39-Jährige Generalsekretär werden. Der Posten, den er anstrebt, gilt als Sprungbrett. Seine Vorgänger waren unter anderem Franz Müntefering, Olaf Scholz und Andrea Nahles.

Mehr noch: Klingbeil soll die groß angekündigte Erneuerung der SPD organisieren. Eine schwere Aufgabe. Denn er ist bislang das einzig wirklich neue Gesicht an der Spitze der Sozialdemokratie. Kann das funktionieren?

Klingbeil fühlt erst mal an der Basis vor. Wenige Tage vor dem Parteitag tourt er durch seinen niedersächsischen Wahlkreis: Vorlesen in einem Kindergarten und ein Gespräch über Schülertickets im Städtchen Walsrode, dann Bürgersprechstunde und Hausbesuche im benachbarten Hodenhagen.

Die Frage, die Klingbeil beschäftigt: "Was soll die SPD jetzt machen?" Das will er von den Menschen vor Ort wissen.

Seit Jamaika gescheitert ist, streitet seine Partei eigentlich nur noch darüber: Will sie Neuwahlen, lieber eine Minderheitsregierung tolerieren - oder doch wieder eine Große Koalition?

Stimmenfang #30 - SPD und das Regieren: Nein! Vielleicht. Ja?

Klingbeils kleine, nicht-repräsentative Bürgerbefragung endet eindeutig: Nahezu alle Hodenhagener, die ihm die Tür öffnen und auch etwas sagen wollen, raten der SPD zur GroKo. Besser als Neuwahlen, so der Tenor, die würden nur der AfD helfen. Und eine Minderheitsregierung? Das werde doch nicht funktionieren.

Im SPON-Wahltrend fällt das Ergebnis dagegen gemischt aus: Die Mehrheit der SPD-Anhänger lehnt demnach eine Regierungsbeteiligung ab, die Unionswähler wiederum befürworten dagegen überwiegend ein neues Bündnis der Volksparteien.

Klingbeil selbst will sich nicht festlegen. Vor dem Parteitag ist es eine heikle Phase für die Spitzengenossen, keiner will sich zu weit vorwagen. Geduldig und mit sanfter Stimme referiert der SPD-Mann immer wieder die neue Linie von Parteichef Martin Schulz: ergebnisoffene Gespräche mit der Union, alle Optionen seien denkbar, am Ende entscheide die Basis. "Einen Königsweg habe ich nicht, eine solche Situation gab es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht", sagt Klingbeil.

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Unterwegs mit Lars Klingbeil: "Was soll die SPD jetzt machen?"

Ob der Parteitag den Kurswechsel absegnet, ist offen. Die Jusos wollen beantragen, eine Große Koalition strikt auszuschließen. Genau das hatte Schulz nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierer auch zunächst vorgegeben: "Wir stehen angesichts des Wahlergebnisses vom 24. September für den Eintritt in eine Große Koalition nicht zur Verfügung", hieß es in einem SPD-Vorstandsbeschluss vom 20. November.

Seitdem ist viel passiert, auf Druck des Bundespräsidenten überlegte Schulz es sich anders. Klingbeil muss nun, bevor er überhaupt gewählt ist, einen Kurswechsel erklären, der schwer zu erklären ist. Und er muss einem Parteichef dienen, der ihn nominiert hat, dessen Führungsstärke aber von nicht wenigen in den eigenen Reihen infrage gestellt wird.

"Dann wird die SPD bei der nächsten Wahl vielleicht keine Rolle mehr spielen"

Klingbeils Nominierung war durchaus umstritten, die Frauen in der Partei hätten sich eine Generalsekretärin gewünscht; auch die Parteilinken reagierten unwirsch, weil Klingbeil wie Schulz und der neue Parlamentarische Geschäftsführer Carsten Schneider dem konservativen "Seeheimer Kreis" angehört.

Doch abseits des Proporzdenkens wird Klingbeil in der Partei geschätzt. Als Schulz ihn Mitte Oktober präsentierte, galt das als kluge Wahl: Als Netzpolitiker und Verteidigungsexperte hat er sich Respekt in Partei und Fraktion erarbeitet. Flügelübergreifend wurde ihm zugetraut, das Willy-Brandt-Haus nach dem Debakel bei der Bundestagswahl zu modernisieren.

Klingbeil besteht darauf, dass dies auch nach dem Jamaika-Aus seine Hauptaufgabe sei: "Wenn die Erneuerung nicht gelingt, wird die SPD bei der nächsten Wahl vielleicht keine Rolle mehr spielen."

Klar ist aber auch: Kurzfristig muss der designierte Generalsekretär nun wohl die Gespräche mit der Union organisieren - vorausgesetzt der Parteitag gibt grünes Licht.

Doch egal wie es ausgeht: Es scheint kein Szenario zu geben, aus dem die SPD geschlossen hervorgeht.

Ruhig und ausgleichend - aber kann er angreifen?

Klingbeil bemüht sich, der Lage dennoch etwas Positives abzugewinnen: Statt von einer schwierigen Aufgabe spricht er lieber von einer "spannenden Zeit, an die wir uns noch in 20 Jahren erinnern". Die nächtliche achtstündige Beratung der Parteispitze nach dem Treffen von Schulz und Frank-Walter Steinmeier nennt er "eine der besten Sitzungen, die ich je in der Partei erlebt habe".

Und auch den umstrittenen Vorstandsbeschluss, mit dem Schulz das Nein zur GroKo zunächst zementierte, verteidigt er: "Das war eine besondere Situation, auf die niemand vorbereitet war." Von einem Fehler will er nicht sprechen, vorsichtig stellt er lediglich die Frage: "Ob man diesen Beschluss heute noch mal so formulieren würde?"

Mit seiner ausgleichenden Art könnte Klingbeil der richtige Mann für die Beruhigung einer stets aufgeregten Partei sein. Doch kann er auch angreifen, wie es zum Jobprofil eines Generalsekretärs gehört?

Er sei "eher ein ruhiger Typ", sagt Klingbeil: "Ich höre mir vieles an, analysiere und entscheide dann." Er sei keiner, der "permanent breitbeinig durch Berlin" laufe und "ständig auf Testosteron" sei. Dabei nannte ihn die "Bild"-Zeitung bei seinem ersten Einzug in den Bundestag 2005 "Reichstagsrocker", weil Klingbeil Frontmann seiner Jugendband Sleeping Silence war, lange Haare und ein Augenbrauenpiercing hatte.

Anfang der Nullerjahre arbeitete Klingbeil im Wahlkreisbüro von Gerhard Schröder. Der Altkanzler sei "ein anderer Typus Politiker aus einer anderen Zeit", sagt Klingbeil. "Ich bin nicht so wie Gerhard Schröder und will meinen eigenen Stil durchsetzen." Trotzdem habe er Respekt vor dessen Leistung. Vieles habe Schröder nur durchgesetzt, "weil er an den richtigen Stellen auf den Tisch gehauen hat".

Wenn es sein müsse, könne auch er sich durchsetzen, betont der 39-Jährige und verweist auf Kampfkandidaturen sowie inhaltliche Streitfragen bei Vorratsdatenspeicherung oder Fracking. "Das, was die anderen falsch machen, wird man benennen." Nach dem neuen Chef der Abteilung Attacke hört sich das allerdings noch nicht wirklich an.



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insgesamt 121 Beiträge
Bürger Icks 06.12.2017
1. Seeheimer Kreis
Der sollte zur CDU wechseln! Ein konservativer(aka neoliberaler)Seeheimer wird es wohl eher nicht richten können, eher geht es mit so einem nur noch schneller abwärts, mit der ehemaligen Arbeiterpartei!
Der sollte zur CDU wechseln! Ein konservativer(aka neoliberaler)Seeheimer wird es wohl eher nicht richten können, eher geht es mit so einem nur noch schneller abwärts, mit der ehemaligen Arbeiterpartei!
Jor_El 06.12.2017
2. Die SPD rafft es nicht
Ausgerechnet der konservativen SPD-Flügel soll es richten? also der Flügel, der uns die Agenda 2010 eingebrockt hat? Die SPD versucht Feuer mit Benzin zu löschen, und das immer wieder. Dafür gibt es nur einen Begriff: [...]
Ausgerechnet der konservativen SPD-Flügel soll es richten? also der Flügel, der uns die Agenda 2010 eingebrockt hat? Die SPD versucht Feuer mit Benzin zu löschen, und das immer wieder. Dafür gibt es nur einen Begriff: DUMMHEIT.
grommeck 06.12.2017
3. Für Schröder gearbeitet zu haben ist kein Pluspunkt...
eher ein Makel, da der Niedergang eben diesen Grund hat und die GroKo. Kein Zukunftskonzept bisher in Sichtweite.
eher ein Makel, da der Niedergang eben diesen Grund hat und die GroKo. Kein Zukunftskonzept bisher in Sichtweite.
TheFunk 06.12.2017
4. Der Herr Berufspolitiker
hat aber eine steile Karriere hingelegt.. Klassische Ochsentour. Was bringt er an Berufserfahrung in den Bundestag mit? Und: war er früher nicht mal ziemlich "links"? Und jetzt ist er Mitglied bei den [...]
hat aber eine steile Karriere hingelegt.. Klassische Ochsentour. Was bringt er an Berufserfahrung in den Bundestag mit? Und: war er früher nicht mal ziemlich "links"? Und jetzt ist er Mitglied bei den "Seeheimern"?! Keine weiteren Fragen
WolfgangMeier 06.12.2017
5. Aus Fehlern nicht lernen
Nach Schröder, Steinbrück, Steinmeier, Gabriel und Schulz jetzt endlich mal einer aus dem wirtschaftsfreundlichen Flügel der SPD. Ja, die SPD erkennt, woran der Fehler liegt. Die Erfolge von Berbie Sanders und Jeremy Corbyn [...]
Nach Schröder, Steinbrück, Steinmeier, Gabriel und Schulz jetzt endlich mal einer aus dem wirtschaftsfreundlichen Flügel der SPD. Ja, die SPD erkennt, woran der Fehler liegt. Die Erfolge von Berbie Sanders und Jeremy Corbyn zeigen eindeutig, dass man mit kandidaten aus dem linken Flügel nix reißen kann. Weiter so, SPD!

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