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Politik

Tempolimit

Die Illusion von Freiheit

Die Regierung erteilt dem Tempolimit eine Absage. War klar, sie bräuchte sonst gar nicht mehr zur Wahl antreten. Freie Fahrt ist zwar eine Illusion, aber die Chance darauf wollen sich die Deutschen nicht nehmen lassen.

DPA

Autobahn A8 bei Rosenheim

Eine Kolumne von
Montag, 28.01.2019   16:51 Uhr

Die Autobahn hat auf mich eine ähnliche Wirkung wie Twitter auf Robert Habeck. Gerade hielt ich mich noch für einen einigermaßen höflichen, zurückhaltenden Menschen, der seinen Mitbürgern mit grundsätzlichem Wohlwollen entgegentritt. Das ändert sich jedoch direkt proportional mit der Erhöhung der Geschwindigkeit

Es beginnt bereits auf der Beschleunigungsspur. Warum lässt mich dieser Trottel nicht hinein? Zügig auf den Mittelstreifen gewechselt, was sind da wieder für Schleicher unterwegs, also links in die Lücke, endlich geht hier was voran, aber nein, der wird doch nicht, dieser Wahnsinnige wird doch nicht hinüberziehen, hat der etwa keinen Rückspiegel, Du Volldepp, na den schaue ich mir an, aha, natürlich eine Frau.

Jenseits von 180 Stundenkilometern schrumpft die Wahrnehmung der Umwelt, bis nur noch das kleine, freudianische Es übrig ist, aller zivilisatorischer Bemäntelungen entkleidet, und das also bin ich dann: ein schnell reizbarer, rücksichtsloser Egomane, und, wer hätte es gedacht, sexistisch noch dazu. Würde man mich in diesem Zustand einen Stimmzettel ausfüllen lassen, ich könnte für nichts garantieren.

Nun halte ich mich wie jeder Mensch selbstverständlich für absolut einzigartig, bin aber vermutlich doch nicht ganz so ungewöhnlich. Klar, die allermeisten Deutschen sind höchst verantwortungsvolle, zurückhaltende Fahrer mit Weitblick und Rücksicht. Trotzdem ahne ich, dass ich möglicherweise doch nicht der einzige bin, der an autobahnbedingter Persönlichkeitsspaltung leidet. Und deshalb habe ich den Verdacht, dass die aktuelle Debatte um ein Tempolimit ziemlich sinnlos ist: Sie wird mit rationalen Argumenten geführt, doch um solche geht es nicht.

In kaum einer anderen Situation kann der moderne, in vielfältige Zwänge des Arbeits- und Soziallebens eingebundene Mensch Herrschaft über sich und sein Schicksal ausüben wie hinter dem Steuer eines schnellen Wagens. Das eigene Handeln wirkt unmittelbar, hier bestimmt man noch selbst, wohin die Reise geht.

Geschwindigkeit, Abstand, Drehzahl: Die Realität ist gemeinhin hochkompliziert, doch hier verschaffen die Anzeigen auf der Instrumententafel und ein Blick aus der Windschutzscheibe den kompletten Überblick. Die Situation ist schnell zu erfassen, einfacher jedenfalls als die leidig komplexen Interaktionen mit anderen Menschen. Auf dem Fahrersitz ist jeder ganz bei sich. Bei der Hälfte der Deutschen, die sich laut Umfrage für ein Tempolimit aussprechen, handelt es sich vermutlich um Beifahrer.

In der Kolumne Agitation und Propaganda schreibt Stefan Kuzmany über die aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft. Abonnieren Sie den Newsletter direkt und kostenlos hier:

Es ist darum sinnlos, darauf zu verweisen, dass jährlich viele Menschen auf deutschen Autobahnen wegen unangemessen hoher Geschwindigkeit sterben. Mich wird es schon nicht erwischen, denkt sich der Raser beim Rasen. Und wenn doch, ist es sowieso egal.

Wenn einem aber schon das eigene Leben egal ist, wie soll man sich dann für die Tatsache interessieren, dass durch die eigene Reduktion der Geschwindigkeit der CO2-Ausstoß des Autos sinkt und so die Klimaerwärmung um den Bruchteil eines Bruchteils eines Bruchteils verlangsamt wird, wovon möglicherweise irgendwann diese Gören was haben, die mir schon seit zwei Kilometern Grimassen aus dem Rückfenster des Wagens vor mir schneiden?

Den Irren auf der Autobahn ausgeliefert

Es geht nicht ums Klima, es geht nicht um die Verkehrstoten. Und es geht auch nicht darum, schneller anzukommen - weiß doch jeder, dass schon eine blöde Ampel am Ankunftsort reicht, um den toll herausgefahrenen Schnitt zu ruinieren. Es geht um die Freiheit.

Oder sagen wir lieber: Um die letzte Illusion von Freiheit.

Denn tatsächlich ist man kaum mal unfreier als eingesperrt in einer auf 200 Stundenkilometer beschleunigten Blechkapsel, ausgeliefert den anderen Irren auf der Autobahn, die ja allesamt nicht fahren können. Wenn man nicht sowieso im Stau steht oder an einer Baustelle vorbeizockelt, auf der seit Monaten nichts vorangeht.

Die Freiheit auf der Autobahn ist ähnlich illusionär wie die Möglichkeit eines Lottogewinns: Theoretisch hat jeder die Möglichkeit, sie zu erleben - praktisch ist sie höchst unwahrscheinlich.

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Und deshalb war es klar, dass die Regierung das Tempolimit ablehnen würde, obwohl es richtig und vernünftig wäre: Weil eine Regierung, die ihren Wählern die - auch noch so unrealistische - Möglichkeit von Freiheit nimmt, gar nicht erst zur Wiederwahl antreten bräuchte.

Von der Bundesregierung heißt es nun, man wolle sich "intelligentere" Maßnahmen ausdenken, um den CO2-Ausstoß im Straßenverkehr zu reduzieren. Hier ein Vorschlag, der die allgemeine Geschwindigkeit reduzieren könnte und trotzdem jedem die Hoffnung auf unbegrenzte Geschwindigkeit ließe: Die linke Spur auf deutschen Autobahnen wird komplett gesperrt. Jeden Tag wird per Los eine einzige Autonummer gezogen und am Abend in den Nachrichten verkündet. Nur dieses eine Auto darf dann die linke Spur benutzen. 24 Stunden Höchstgeschwindigkeit, jede und jeder kann gewinnen: freie Fahrt für Glückspilze.

Ich bin dann allerdings nicht mehr dabei: Mein Auto habe ich längst abgeschafft. Lange Strecken fahre ich nur noch mit dem Zug, gerne bei 300 km/h. Da bleibe ich freundlich und entspannt. Obwohl, Moment: Packt dieser Idiot nebenan da gerade ein Käsebrot aus? Will der uns etwa alle verpesten?

insgesamt 443 Beiträge
spon_4_me 28.01.2019
1. 83%
Aller Befragten halten sich selbst für überdurchschnittlich gute Autofahrer - mehr an Daten muss man zu dem Thema eigentlich nicht kennen. Was dem Ami sein 2nd amendment ist uns das Tempounlimit.
Aller Befragten halten sich selbst für überdurchschnittlich gute Autofahrer - mehr an Daten muss man zu dem Thema eigentlich nicht kennen. Was dem Ami sein 2nd amendment ist uns das Tempounlimit.
susisuper 28.01.2019
2. warum nicht?
Weil alle Limit-Gegner - einschließlich Minister Scheuer - argumentieren, man könne doch eh kaum schneller fahren als 130: dann kann man sich das Tempolimit einführen! Und sich - wie bei so vielen anderen Scheinaktivitäten - [...]
Weil alle Limit-Gegner - einschließlich Minister Scheuer - argumentieren, man könne doch eh kaum schneller fahren als 130: dann kann man sich das Tempolimit einführen! Und sich - wie bei so vielen anderen Scheinaktivitäten - auf die Schulter klopfen , dass man was Substantielles getan hat. Frisch an die Arbeit, Politiker!
mborevi 28.01.2019
3. Schon die Einleitung ...
... dieses Artikels unterstellt, dass die Deutschen in ihrer Mehrheit "Raser" seien und kein Tempolimit wollen. Das ist falsch. Umfragen ergaben, dass eine Mehrheit für ein Tempolimit plädiert und Rasen nicht mit [...]
... dieses Artikels unterstellt, dass die Deutschen in ihrer Mehrheit "Raser" seien und kein Tempolimit wollen. Das ist falsch. Umfragen ergaben, dass eine Mehrheit für ein Tempolimit plädiert und Rasen nicht mit "Freiheit" verwechselt. Freiheit ist es vielmehr, sich zu einer vernünftigen und sicheren Fahrweise zu entschließen, die es obendrein erlaubt, sehr weite Strecken am Tag zurückzulegen. So sind bei Tempomat 110 täglich weit über 1.000 km ohne große Anstrengung möglich. Also ihr guten Fahrer: Bekennt Euch zum Tempolimit und lasst Euch nicht von Journalisten zu vermeintlichen Rasern abstempeln. Dazu seid Ihr viel zu intelligent!
K.Vetters 28.01.2019
4. Nicht nur auf der Autobahn
Das Schlimme ist, dass der Geschwindigkeitswahn auch auf alle anderen Strecken abfärbt. Die Gaspedal-Sportler in ihren hirnlos übermotorisierten Monsterkarren scheinen sich zu denken: Innerorts 50? - Wie langweilig! Auf der [...]
Das Schlimme ist, dass der Geschwindigkeitswahn auch auf alle anderen Strecken abfärbt. Die Gaspedal-Sportler in ihren hirnlos übermotorisierten Monsterkarren scheinen sich zu denken: Innerorts 50? - Wie langweilig! Auf der Landstraße 90? - Gähn! Und so brettern sie durch ihr und leider auch unser Leben und verpesten die Welt mit Lärm, Staub, Aggression und Gefahr. Die Mehrheit ist für ein Tempolimit, doch die Regierung ist zu arrogant und durch Lobbyeinfluss zu korrumpiert, um die Mehrheitsmeinung umzusetzen. Wider alle Vernunft.
newline 28.01.2019
5. Was dem US-Amerikaner
seine Waffengesetze, das ist dem Deutschen das fehlende generelle Tempolimit. Für Außenstehende unbegreiflich.
seine Waffengesetze, das ist dem Deutschen das fehlende generelle Tempolimit. Für Außenstehende unbegreiflich.
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