Schrift:
Ansicht Home:
Reise

Gestrandete Bahnreisende wegen "Xavier"

Es fährt kein Zug aus Ludwigslust

Wie ich mit der Bahn 23 Stunden von Berlin nach Hamburg brauchte. Ein Erfahrungsbericht von Clemens Bosch.

DPA

Chaos am Hamburger Hauptbahnhof

Freitag, 06.10.2017   14:00 Uhr

Das Sturmtief "Xavier" ist gerade auf seinem Höhepunkt und wütet in weiten Teilen Nord- und Ostdeutschlands, als Clemens Bosch* am Donnerstag in Berlin in seinen Zug nach Hamburg steigt. Er weiß noch nicht, dass er heute nicht mehr an seinem Ziel ankommen wird. Hier schildert er, wie es ihm erging.

13.42 Uhr, Berlin Hbf. Alles wie immer: Der ICE nach Hamburg steht bereit und präsentiert sich den Fahrgästen in geänderter Wagenreihung.

14.42 Uhr: Der Zugführer informiert, dass rund um Hamburg ein Sturm tobt. "Wir werden nun außerplanmäßig in Ludwigslust halten. Wir versuchen dabei, im Bahnhofsbereich zu halten, damit wir kurz die Türen öffnen können."

14.48 Uhr: Eine Mitfahrerin, etwa Ende 70, informiert per Handy ihre Freundin in Hamburg und den Rest des Waggons darüber, dass der Zug außerplanmäßig gehalten habe. Aus unerfindlichen Gründen schaltet sie auf Lautsprecher, sodass wir auch erfahren, dass sich ihre Freundin jetzt ein Fischbrötchen kauft.

14.53 Uhr: Die ersten Raucher trauen sich aus dem Zug auf den Bahnsteig, behalten die Türen im Auge und nehmen hastige Züge.

15.06 Uhr: Zugbegleiterin informiert, dass der Aufenthalt womöglich doch etwas länger dauern könne. Man werde demnächst Freigetränke reichen.

15.13 Uhr: Ich stelle mich aus Langeweile in eine bereits beträchtliche Menschenansammlung am Bahnhofsbistro. Alle wollen Freigetränke. Noch ist unklar, ob sich spontan auch die örtliche Bevölkerung aus alter Tradition unter die Wartenden gemischt hat.

15.16 Uhr: Kurze Diskussion darüber, ob auch Bier ein Freigetränk sei. Zugbegleiterin überstimmt den Mann am Ausschank mit einem pragmatischen: "Ismiregal, was die trinken."

15.20 Uhr: Bekomme leichte Beklemmungen, als ich einen internen Hinweis der Zugbegleiterin ans Serviceteam mithöre: "Haut alles raus, was ihr habt. Ich lege mir jetzt was geht aufs Tablett und gehe in die Erste Klasse."

15.46 Uhr: Gemeinschaftliches Aufstöhnen, als die Verspätungsgutscheine verteilt werden. Vor mir ruft jemand: "Wie lange müssen wir stehen, damit ich Geld zurückkriege? Vier Tage?" Noch wird gelacht.

16.03 Uhr: Erste Statusabgleiche in der Ersten Klasse. Eine Frau teilt mit, dass sie fünf Jahre bei der "Zeit" gearbeitet habe. "Inzwischen gehe ich aber wieder einem bürgerlichen Beruf nach." Später stellt sich heraus, dass sie nun bei der "Welt" ist. Ein Mitreisender übertrumpft mit dem Hinweis auf langjährigen Aufsichtsratsvorsitz. Ein weiterer gibt sich als Arzt aus, trägt aber Cargohosen. Niemand glaubt ihm.

Fotostrecke

Ausfälle und Verspätungen: "Xavier" bremst Bahn aus

16.29 Uhr: Inzwischen sind mehr Menschen auf dem Bahnsteig als im Zug. Drei Reihen weiter beschwert sich ein Gast, dass er in Hamburg zu einem immens wichtigen Hintergrundgespräch mit führenden deutschen Journalisten müsse.

16.48 Uhr: Das erste laut gebellte "Typisch, Bahn!". Unerlässlich im Pannen-Bingo.

17.03 Uhr: Direkt vor meinem Fenster kommt es erkennbar zur ersten Raucher-Romanze. Sie spielt nur mit ihm, ich erkenne das sofort.

17.13 Uhr: Der falsche Arzt kommt nach einer Zigarillopause zurück und stimmt den Klassiker an: Welches die vier größten Probleme der Bahn seien? "Herbst, Winter, Frühling, Sommer." Ein Fahrgast steigt ein: "Und das fünfte Problem sind die Fahrgäste." Nur wenige können dem Gag folgen.

17.18 Uhr: Frage an den falschen Arzt: Wie lange schaffen wir das hier ohne Nahrung? Die Zugbegleiterin spendiert mir ein weiteres Pils. Alles muss raus.

17.22 Uhr: Für einen Moment keimt Hoffnung auf: "Wir erfahren soeben, dass wir für 18.03 Uhr eine neue Abfahrtzeit haben", sagt die Zugbegleiterin. Im weiteren Verlauf wird davon nie wieder die Rede sein.

17.49 Uhr: "Hier spricht der Lokführer. Ich werde jetzt die Batterie ausschalten. In der Folge geht das Licht aus und die Toiletten funktionieren nicht mehr."

18.15 Uhr: Inzwischen ist klar, dass mehrere Bäume auf der Strecke liegen und die Stromleitung definitiv futsch ist. Die Zugbegleiterin verweist auf einen Krisenfuchs der Bahn, der versuchen werde, Strom vom anderen Gleis zu holen.

18.32 Uhr: Die Mitreisende Ende 70 wird zunehmend hysterisch. Im gefühlt fünften Gespräch fordert sie ihre Freundin auf, ab jetzt nicht mehr anzurufen. Sie müsse Akku sparen. Die Nahrung sei ausgegangen. "Die Türen gehen nicht mehr auf. Mir wird kalt. Das ist ein eiserner Sarg." Mehrere Fahrgäste verlassen irritiert das Abteil, durch geöffnete Türen.

18.55 Uhr: Erster Ausflug zum Bahnhofskiosk, der an diesem Abend seinen Jahresumsatz verdoppelt. Die Frau vor mir bestellt eine Bockwurst. "Ist das die letzte?" - "Sehen Sie denn noch eine?" Ich würde diese Menschen besser nicht reizen.

19.17 Uhr: Die Dame aus dem eisernen Sarg hat inzwischen ihr Gepäck und sich selbst Richtung Ausgang geschleppt. "Ich bin so alt. Ich bekomme Beklemmungen."

19.22 Uhr: Der Mann mit den wichtigen Journalisten in Hamburg hält die Zugbegleiterin auf: "Wie kann es sein, dass die Bahn auf so etwas nicht reagiert? Das ist hier eine Behörde. Sie haben NICHTS dazugelernt."

19.26 Uhr: Derselbe Mann sucht Verbündete, scheitert aber an der Gegenfrage, was die Bahn gegen den Orkan hätte tun können. "Die wussten das einen Tag vorher. Warum haben sie den Leuten nicht gesagt, dass sie nicht Zug fahren sollen?" Allen liegt auf der Zunge: "Du hast es doch auch gewusst und bist gefahren, du Trottel." Keiner spricht es aus. Der Mann mit den guten Kontakten versucht die Situation zu retten: "Was meinen Sie, was ich den Journalisten heute Abend erzählen werde?!" Hamburgs führende Journalisten müssen von diesem Orkan erfahren. Wir sind alle dieser Meinung.

19.45 Uhr: Der falsche Arzt beunruhigt durch ein Stand-up im Stile von Schtonks "Falscher Hase, wussten Sie das nicht?": "Ich habe soeben die Gerüchteküche gelesen. Nun, sie sagt, der Zug bleibe hier über Nacht stehen. Früher hätte ich das durchgestanden. Nun nehme ich ein Hotel. Wohlan, auf Wiedersehen." Auch der Mann mit den Kontakten gibt auf, beruhigt uns aber: "Es ist nicht so schlimm, dass ich an dem Gespräch mit den Journalisten nicht teilnehmen kann. Es ist ja noch so vieles unklar wegen des Wahlausgangs."

20.08 Uhr: Die Zugbegleiterin schafft Fakten: Im Bistro gibt es jetzt Pizza. Beim Zugchef Taxigutscheine. Und irgendwann komme das Technische Hilfswerk mit Decken und die Feuerwehr mit Strom. Niemand glaubt ihr. Klar ist aber: Dieser Zug fährt keinen Meter mehr weiter. Der falsche Arzt hatte Recht.

20.19 Uhr: Bizarre Szenen auf dem Bahnhofsvorplatz von Ludwigslust: Hunderte Menschen wedeln mit Taxigutscheinen. Die drei Taxen der Stadt sind längst halb in Berlin oder Hamburg.

20.35 Uhr: Ich erreiche einen Taxibetreiber in Parchim, der aber nicht kommen will. "Aber Sie können sich hier die Fahrten aussuchen - Bremen, Hamburg, Berlin..?" Will er nicht.

20.48 Uhr: Ein Großraumtaxi hat noch vier Plätze für Familie Braun frei. Familie Braun verpasst die Chance, vier andere Menschen prügeln sich erfolgreich mit anderen um die letzten Sitzplätze.

21.17 Uhr: Ich gebe auf und lasse mich mit den letzten drei Prozent Handy-Akku zum Hotel Stadt Hamburg leiten. Ausgebucht. Im Hotel Erbprinz - ebenfalls ausgebucht - erfahre ich, dass zehn Kilometer weiter die letzten beiden freien Einzelzimmer der Region zu haben seien. Ich schiebe dem Mann der Rezeptionistin einen Schein zu, und er chauffiert mich über endzeitgestimmte Straßen zum Hotel. "Wir können Ihnen leider nicht sagen, was das Zimmer kostet, das Buchungssystem ist ausgefallen." Macht nix, her damit. Das hole ich mir von der Bahn wieder. Oder ich spreche mit Hamburgs führenden Journalisten.

*Name von der Redaktion geändert. Der Autor ist übrigens am heutigen Freitag gegen 13 Uhr in Hamburg eingetroffen. Per Großraumtaxi.

insgesamt 41 Beiträge
so-long 06.10.2017
1. Deswegen
sollte man alle Bahntrassen unter die Erde legen, damit sich keiner mehr wegen der Einwirkung "höherer Gewalt" beklagen kann. Fördert die Infrastruktur und sichert Arbeitsplätze. Die Karibik-Anrainer bekommen [...]
sollte man alle Bahntrassen unter die Erde legen, damit sich keiner mehr wegen der Einwirkung "höherer Gewalt" beklagen kann. Fördert die Infrastruktur und sichert Arbeitsplätze. Die Karibik-Anrainer bekommen Lachkrämpfe angesichts der deutschen Problemchen und Klagelieder wegen Xavier. Mutation der Mücke zum Elefanten.
jujo 06.10.2017
2. ....
Da frage ich mich was abgeht wenn ein wirklicher (!) Notfall zu meistern ist. Diese Situation ist ärgerlich aber eigentlich Pillepalle, es gibt schlimmeres.
Da frage ich mich was abgeht wenn ein wirklicher (!) Notfall zu meistern ist. Diese Situation ist ärgerlich aber eigentlich Pillepalle, es gibt schlimmeres.
aquarius99 06.10.2017
3. Selten so gelacht ...
... auch wenn es vor Ort bestimmt weniger lustig war!
... auch wenn es vor Ort bestimmt weniger lustig war!
Bahnix 06.10.2017
4.
Unter die Erde brauchen Bahnlinien nicht. Es würde schon genügen, wenn man es so machen würde, wie der südliche Nachbar: https://www.waldwissen.net/technik/naturgefahren/wsl_waldpflege_bahnlinien/index_DE Nur ein [...]
Zitat von so-longsollte man alle Bahntrassen unter die Erde legen, damit sich keiner mehr wegen der Einwirkung "höherer Gewalt" beklagen kann. Fördert die Infrastruktur und sichert Arbeitsplätze. Die Karibik-Anrainer bekommen Lachkrämpfe angesichts der deutschen Problemchen und Klagelieder wegen Xavier. Mutation der Mücke zum Elefanten.
Unter die Erde brauchen Bahnlinien nicht. Es würde schon genügen, wenn man es so machen würde, wie der südliche Nachbar: https://www.waldwissen.net/technik/naturgefahren/wsl_waldpflege_bahnlinien/index_DE Nur ein gepflegter Wald ist ein sturmsicherer Wald.
plutinowski 06.10.2017
5. Hotel? Turnhalle
Schön. Ich saß auch in dem Zug und hab mit den verbliebenen Fahrgästen in einer Ludwigsluster Turnhalle übernachtet. Von den Infos, die der Autor hat, kam bei mir so gut wie nichts an. Taxigutscheine? Freigetränke? Gab es [...]
Schön. Ich saß auch in dem Zug und hab mit den verbliebenen Fahrgästen in einer Ludwigsluster Turnhalle übernachtet. Von den Infos, die der Autor hat, kam bei mir so gut wie nichts an. Taxigutscheine? Freigetränke? Gab es angeblich vielleicht mal irgendwann irgendwo. Keiner wusste was. Achja, das Bahnhofsklo kostete 50 Cent Eintritt (die Klos im Zug waren wegen des Stromausfalls nicht mehr benutzbar). Die Bahnhofsgegend von LWL riecht heute vermutlich etwas. Die Schaffner und Helfer vor Ort (DRK, Feuerwehr) gab en sich wirklich Mühe. Aber sie waren auf sich gestellt, denn so etwas wie ein übergeordnetes Krisen- und Informationsmanagement gab es nicht. Achja, in einem kann ich den Autor toppen - ich war heute tatsächlich schon um 11 zuhause.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP