27.10.2010
Neueröffnung in Abu Dhabi
Der Ferrari unter den Vergnügungsparks
Von Alexander Smoltczyk, Abu DhabiAm Golf gehört der Superlativ zur Bauausschreibung wie der Wasseranschluss. Bekannt ist auch, dass der Emirati als solcher einen gewissen, bisweilen unterdrückten, doch dann umso deutlicher zutage tretenden Hang zum Schnellen, Starken, Lauten hat.
Wie alle Männer, wenn sie es sich nur leisten könnten. Nirgendwo in der Welt wird so viel Hubraum pro Einwohner verkauft wie in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
So ist es nur logisch, dass ab kommender Woche (siehe redaktionelle Anmerkung am Ende des Textes) das größte jemals gebaute Ferrari-Logo in den Himmel Abu Dhabis leuchtet, auf dem Dach eines der mächtigsten je errichteten Dächer, über dem weltweit größten Indoor-Vergnügungspark: "Ferrari World".
Während Arbeiter noch palettenweise rote Petunien in die Rabatten stecken oder die Baugeräte verstecken (es ist extrem knapp geworden im Finish), lässt sich schon ein Blick auf die Anlage wagen. 12.370 Tonnen Stahl - "der Eiffelturm brauchte nur 7000 Tonnen", merkt das Marketing an dieser Stelle an -, sind auf eine Wüsteninsel gebracht worden.
Wie eine Erscheinung steht das 20 Hektar große Dach in der allgemeinen Ödnis, vom Flugzeug aus schon zu sehen, eine flache, immens weitgespannte Form aus Glas und Metall, die an einen Ferrari GT erinnern soll. Das Gebäude "Ferrari World" versucht gar nicht erst, mit Beton-Arabesken Tradition zu heucheln. Es ist ein Logo und sonst nichts. Und daher ist es das ehrlichste Gebäude in den Emiraten.
Per Boot in den Hightech-Motor
In der Mitte ragt ein 62 Meter hoher Stahlturm heraus, laut Selbstbeschreibung eine "Adrenalinpumpe" für jeden, der sich hier in fünf Sekunden 52 Meter hoch (und zurück) schießen lassen will. Das ist eine Vertikalbeschleunigung von 3,8 g. Fast so schnell wie ein Ferrari. Es gibt 3-D-Rennsimulatoren und Karussels aus Prototypen, es gibt einen per Boot befahrbaren Ferrari-599-Zwölfzylinder-Motor ("Enter the Engine"), Trainingscamps und Rennsportschulen für die Kleinen. Dazu im Hintergrund das süchtig machende Kreischen ausgeklügelter Aggregate, diese Schreie der Bestie "Formula Uno".
Das Gerät aber, welches einen Grand-Prix-Rausch am ehesten simulieren soll, steht draußen: die Achterbahn "Formula Rossa". Die Geschosse hier (allesamt Kopien eines Boliden) rasen mit bis zu 240 km/h über einen 2700 Meter langen filigranen Parcours auf Stelzen, die bis zu 52 Meter hoch sind, und dabei sollen Gravitationsgefühle erzeugt werden wie bei einer Vollbremsung in Monza. "Vollgas-Fun" sagen die Leute vom Marketing. Es ist die Technik, die auch auf Flugzeugträgern Verwendung findet, beim Abschnellen der Jets.
Wegen des Wüstensandes in der Luft und überhaupt werden Fallschirmspringerbrillen an die Besucher ausgegeben. Aber was ist mit dem anderen Italien, was ist mit Wein und Schwein? Maranello, die Ferrari-Stadt, ist schließlich auch die Heimat von Lambrusco und Culatello-Schinken. Das geht nicht so richtig in der Ferrari World.
Denn hier herrscht neben dem Motoren-Kult auch die Scharia. Pasta und Pizza sind zu bekommen, in "echtem italienischen Ambiente", aber dazu auch eine "Auswahl internationaler Gerichte", sprich: das übliche Foodcourt-Gemansche von Chinapfanne, WhopperMac und Kentucky-Fried-Lebanese-Grill. Doch Moment, zwei "von Maranello inspirierte Restaurants" haben die perfektionistischen Macher auch eingeplant. Eines heißt natürlich "Mamma Rosella".
Es wäre stillos, jetzt zu fragen, wieso dieses testarossarote Superdach nicht von einem italienischen Architekten entworfen wurde. Weshalb der Betreiber aus England kommt und der Konstrukteur aus den USA. Made in Italy ist nur der Farbton und der Mythos, mehr nicht. Anschein und Gefühl zu liefern, das ist Italiens Rolle in der Welt. Die Technik und das Geschäft machen andere.
Die Ferrari World ist ein Joint Venture von Aldar Properties, dem größten Immobilienbauer des Emirats, und des Betreibers ProFun Management Group aus Kalifornien. Aldar gibt das Geld, ProFun die Expertise. Die kalifornische Gruppe hat schon die "Autostadt" in Wolfsburg entworfen, diverse Western-Town-Steakhäuser und den Suzanne Mubarak Family Park bei Kairo.
Die Attraktionen sind allesamt entworfen und gebaut von der Vergnügungsweltmacht Jack Rouse Associates, Ohio. Die haben von Legoland bis ZDF-Medienpark, Dolly (Parton) World und Hershey's Chocolate World so ziemlich jede World der Welt mitgebaut, dazu Zoos, Museen und Ruhmeshallen. Und überall dingeln ihre Beschleunigungs-, Rüttel- und Entdeckungsmaschinen.
Alles geht, alles ist machbar
Jack Rouse hätte auch ein alpenländisches Heidi-Land nach Abu Dhabi gestellt oder einen rosa Eiffelturm mit 5-g-Beschleunigung oder ein Andy-Warhol-Museum. Alles geht, alles ist machbar, solange die Petrodollar nur sprudeln.
So wurde in der Halle natürlich versucht, ein bisschen Bell'Italia nachzubauen: Man sitzt am Steuer eines kleinen Gran Turismo und gleitet an Kolosseum, Markusplatz und Portofino, Caracalla-Termen und Dolomiten-Dörfern vorbei. Die Anlage sieht allerdings aus, als wäre ein bildungsferner Straftäter zu 60 Stunden Zwangs-Modelleisenbahnerei verpflichtet worden. Lieblos und wüst sind die Landschaften hingepinselt, quadratmeterweise erstrecken sich Sägespanbegrünung, und selten hat man etwas Traurigeres gehört als das matte Geläute aus der Attrappe des Florentiner Doms. Das hat Italien, trotz Andrea Bocelli, nicht verdient.
Ferrari World ist nur ein Teil des megalomanen Entwicklungsprojekts Yas Island, die Umwandlung einer Wüsteninsel in 25 Quadratkilometer Fun, Shopping, Formel 1 und Flughafen. Die Rennstrecke Yas Marina ist vergangenes Jahr eingeweiht worden. Die ersten vier Luxushotels stehen bereits und meistens leer. Folgen werden 500 Luxus-Wohngebäude und drei Einkaufszentren, Fashion-Boulevards und eine zentrale Vergnügungszone mit (muss es erwähnt werden?) der größten LCD-Leinwand.
Doch auch Yas Island ist nur Teil eines noch größeren Plans und Ganzen, dem "Stadtentwicklungsplan Abu Dhabi 2030". Schon auf der Nachbarinsel Saadiyat wird an den Fundamenten des (okay, ein letztes Mal) größten Kulturviertels der Welt gegraben. Mit Louvre- und Guggenheim-Replikat und Scheich-Sajid-Nationalmuseum, dazu Golfplätzen, Yachthäfen, Luxusappartments und -hotels und nachhaltigen Mangrovenpflanzungen.
Insgesamt ein Bauprojekt von 40 Milliarden Dollar. Und warum das alles? Um wahrgenommen zu werden. Für alle, die bislang Abu Dhabi und Dubai für irgendwie dasselbe gehalten haben, bringt Richard Cregan, Chef der Rennstrecke Yas Marina, es auf den Punkt: "Aus 'Wo?' machen wir 'Wow!'" Pierre Bourdieu, der selige Soziologe, hätte es gebildeter ausgedrückt: Es ist "symbolisches Kapital", das die Herrscherfamilie al-Nahyan dort auf den Inseln anhäuft. Man kennt so was von Fußballspielern, Modeschneidern und Hedgefonds-Verwaltern.
Wer sehr viel Geld hat, aber von niemandem gekannt beziehungsweise ernst genommen wird, der kauft Kultur. Sofern er die teuersten Autos schon in der Garage stehen hat, natürlich. Deswegen wird es bis zur Eröffnung des "Louvre Abu Dhabi" auch noch etwas dauern. Bis dahin: "Vollgas-Fun"!
Redaktionelle Anmerkung: Die offizielle Eröffnung des Ferrari-Parks war für Mittwoch, 27. Oktober geplant. Aufgrund des Todes des Herrschers des Arabischen Emirats Ras al-Chaima, Scheich Sakr Bin Mohammed Al Kassimi, am Mittwoch wurde die Zeremonie jedoch kurzfristig um eine Woche verschoben.

