24.07.2012
Sicherheitstests im Mittelmeer
ADAC beanstandet offene Schotten auf Kreuzfahrtschiffen
München - Das Unglück der "Costa Concordia" mit 32 Toten vor der italienischen Insel Giglio hat Kreuzfahrttouristen wie Reedereien aufgeschreckt - und dem ADAC in München Anlass gegeben, stichprobenartig zehn der Ozeanriesen im Mittelmeer unter die Lupe zu nehmen. Das Fazit des am Dienstag veröffentlichten Tests: Es gibt zum Teil noch Nachholbedarf beim Sicherheitsmanagement.
Inkognito gingen nautische Sachverständige mit Kapitänspatenten im Auftrag des Automobilclubs an Bord. Nach einigen Tagen gaben sie sich zu erkennen, um dann mit Schiffsleitung und Crew auch für Passagiere nicht zugängliche Schiffsteile begutachten zu können.
Das größte Problem sahen die ADAC-Tester unterhalb der Wasserlinie. Nach der Solas-Konvention, die international die Sicherheit auf See regelt, müssen alle Schotten auf See geschlossen sein. Diese wasserdichten Türen teilen das Schiff in Sektoren und verhindern bei einem Leck, dass sich Wasser unkontrolliert im gesamten Rumpf ausbreitet.
Die Hälfte der überprüften Schiffe allerdings - die "Adventure of the Seas", die "Norwegian Epic", die "MSC Fantasia", die "MSC Orchestra" und die "MSC Splendida" - ließen Schotten auf See offen. Sie hatten von ihren Flaggenstaaten Ausnahmegenehmigungen erhalten, damit sollen Arbeitsabläufe zum Beispiel in der Wäscherei oder in den Lagerräumen erleichtert werden.
Der ADAC sieht in solchen Sonderregelungen ein bekanntes Schlupfloch, das in der internationalen Seefahrt häufig genutzt werde und "ein nicht zu unterschätzendes Risiko" berge. Offene Schotten könnten "schwerwiegende Folgen haben, wenn etwa ein Schiff Leck schlägt, Wasser eintritt und sich schnell und unkontrolliert im Rumpf ausbreitet", hieß es.
Die Dienststelle Schiffssicherheit der BG Verkehr in Hamburg bestätigte die Bedenken. Abhängig von der Lage der Türen im Schiff könnten geöffnete Schotten ein Problem sein, sagte der Leiter des Referats Nautik, Siegfried Schreiber. "Wir haben noch nie solche Ausnahmegenehmigungen ausgestellt." Möglicherweise geöffnete Schotten sind auch noch Thema bei der "Costa Concordia".
Zu oberflächliche Seenotrettungsübungen
Bei den zehn untersuchten Schiffen gab es laut ADAC moderne Sicherheits-, Rettungs- und Brandschutzeinrichtungen. Die Besatzung sei meist professionell gewesen. Allerdings beanstandeten die Tester auf den Schiffen "Norwegian Epic", "MSC Fantasia", "Navigator of the Seas" und "MSC Splendida" die Seenotrettungsübungen. Teils seien sie zu oberflächlich gewesen, oder es seien nicht alle Passagiere zusammengerufen worden. Auch seien Rettungswesten oder -inseln teils verschlossen oder festgebunden gewesen und Fluchtwege verstellt.
Die Kreuzfahrtindustrie hatte nach dem "Concordia"-Unglück ihre Sicherheitsvorschriften verschärft. Seitdem werden Passagiere schon vor der Abfahrt ihres Kreuzfahrtschiffes über das Verhalten bei Notfällen aufgeklärt. Die Reederei des Unglücksschiffes, Costa Crociere, wollte zudem die Routen der Schiffe in Echtzeit verfolgen und die Befugnisse der Kapitäne beschneiden.
Insgesamt attestierte der Autoclub den Kreuzfahrtschiffen einen guten oder sogar sehr guten Zustand. Die Endnote "sehr gut" erreichten die "Aida Bella" und die "Aida Diva" der Reederei Aida Cruises.
Getestet wurden auch zwei Schiffe der "Costa Concordia"-Reederei Costa Crociere. Die "Costa Fascinosa" schnitt bei allen Testpunkten "gut" oder "sehr gut" ab - auch beim Sicherheitsmanagement. Bei dem 4880 Personen fassenden Luxusliner "Costa Serena" allerdings sei den Testern die Zusammenarbeit verweigert worden, hieß es beim ADAC.
Die Reederei teilte dazu mit, es sei zu Missverständnissen gekommen, die Costa bedauere. "Der ADAC ist jederzeit willkommen an Bord. Daher wurde auch voll mit den ADAC-Testern auf der 'Costa Fascinosa', dem Schwesterschiff der 'Costa Serena', kooperiert und die Bewertung des Schiffes ermöglicht." Der ADAC sei eingeladen, jederzeit die Bewertung der "Serena" nachzuholen.