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05.01.2013
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Spreewald im Winter

Wenn der Kapitän zwei im Kahn hat

TMN

Kirschlikör und Korn stehen bereit. Wer etwas Warmes braucht, dem schenkt der Kapitän einen Glühwein ein: Eine Kahnfahrt durch den Spreewald, die ist feuchtfröhlich - und frostig. Vor allem im Winter, wenn sich auf dem verzweigten Netz der Wasserwege Eisschollen bilden.

Lübbenau - Es ist ein frostiger Vormittag in der Niederlausitz. Durch die Poststraße von Lübbenau, die zum Hafen führt, weht ein eisiger Wind. Der Biergarten neben dem Minigolfplatz ist verwaist. Die Bahnen sind mit Planen abgedeckt, auf denen sich der Schnee sammelt. Die "Metropole des Spreewalds", wie Theodor Fontane die Kleinstadt mal etwas überschwänglich genannt hat, ruht im Winterschlaf.

Tote Hose bei eisigem Wetter - wozu soll man sich das antun? Weil sich der Spreewald niemals sonst so entspannt entdecken lässt und eine Kahnfahrt im Winter ihre ganz eigenen Reize hat.

Harald Wilke kann die Kälte nicht schocken. Er ist langjähriger Fährmann und frischen Wind gewöhnt. Und wenn das Thermometer mal auf Temperaturen deutlich unter null sinkt, heißt das noch lange nicht, dass er zu Hause an der Heizung sitzen bleibt. "Wir fahren den ganzen Winter", sagt er, "solange es hier nicht zufriert." Im vergangenen Jahr waren die Fließe meistens frei, nur drei Wochen lang war Pause.

Wilkes Spreewaldkahn ist im Großen Hafen festgemacht - gut zwei Dutzend Passagiere passen hinein. Im Sommer kommen die schnell zusammen, im Winter wird es nur während des Lübbenauer Weihnachtsmarkts eng. Dann steigen Hunderte von Gästen in die Kähne. Doch heute sind nur zwei gekommen. "Macht nichts", sagt Wilke. "Ich würde auch fahren, wenn nur einer mit will."

Kirschlikör auf Eis

Der Himmel ist blau, sogar die Sonne ist zu sehen, auch wenn die Temperaturen um den Gefrierpunkt liegen. Im Hafenbecken liegt eine leichte Eisschicht auf dem Wasser. Wilkes Passagiere haben jeder eine Bank und zwei Wolldecken für sich. Braucht man die überhaupt?

Der Fährmann steigt in den ganz flach auf dem Wasser liegenden Kahn, in dem es sich seine Passagiere schon gemütlich gemacht haben. Auf den Tischen vor den gepolsterten Bänken liegen Deckchen. Und darauf stehen Töpfe mit Stoffblumen und Körbchen mit Hochprozentigem: Kirschlikör und Weizenkorn. Wilke hat zum Glück noch mehr im Angebot: "Tee oder Glühwein?", fragt er und schenkt aus einer Thermoskanne ein.

Nach dem Ablegen stakt er den Kahn mit einem langen Stab vorwärts. Staken ist die richtige Vokabel im Spreewald, hier wird nicht im Wasser gestochert wie auf dem Neckar. Das Prinzip ist aber das gleiche. Fast geräuschlos gleitet der Kahn dahin, nur am Heck hört man ein Plätschern, wenn Wilke die Stange aus dem Wasser zieht.

Die Wasserläufe im Spreewald, den die Unesco zum Biosphärenreservat erklärt hat, sind Hunderte von Kilometern lang. Jetzt im Winter sind die Birken am Ufer kahl, die Weiden zeigen noch ein bisschen Grün. Eschen, Eiben und Silberpappeln stehen dicht am Wasser. Ein paar Stockenten fliegen vor Schreck über die winterlichen Kahnfahrer nervös auf. Die beiden Passagiere haben sich inzwischen in Wolldecken eingewickelt, von den Füßen bis zur Brust. Und sicherheitshalber auch Glühwein nachgeschenkt.

Holzkähne baut kaum noch einer

Wilke könnte die Strecke auch mit verbundenen Augen fahren, so gut kennt er sein Revier. "Ich bin in Lübbenau geboren und fahr schon seit meinem dritten Lebensjahr Kahn", erzählt er. "Und seit 40 Jahren auch mit Gästen." Die Fährgenossenschaft, bei der er Mitglied ist, zählt rund 120 Fährleute.

Am Ufer ist ein alter Holzschuppen zu sehen, an dem Efeu rankt, und nicht weit entfernt ein riesiger Tulpenbaum, der alles Grün längst verloren hat. Gleich dahinter steht ein Haus. "Hier wohnen tatsächlich Leute", sagt der bärtige Fährmann. "Sonst gibt es ja auch viele Wochenendhäuser." Auf vielen Grundstücken liegt ein Kahn, doch meistens kieloben.

Mit dem Kahn zu fahren, ist noch immer Alltag, auch wenn man längst fast überall auch auf dem Landweg hinkommt. Das war vor wenigen Jahrzehnten noch anders, als die Boote im Spreewald das einzige Verkehrsmittel waren, mit dem sich viele Häuser ansteuern ließen.

Die Post kommt noch immer mit dem Kahn, jedenfalls zwischen April und Oktober. "Da vorne, das war ein Kahnbauer", erzählt Wilke. Ein Stapel Kiefernholz lagert vor dem Hof. Aber Holzkähne baut heute kaum noch einer. Auch Wilkes Exemplar hat Wände aus Aluminium, das macht das flache Wasserfahrzeug deutlich leichter. "Dafür muss der alle drei Jahre zum TÜV", sagt er.

Kuh im Kahn

"Wir haben noch viele Fische hier", erzählt Wilke. "Zander, Karpfen, Aal und Schlei." Fischgerichte gibt es auch in den Spreewaldrestaurants. Jetzt sind die meisten davon zu, jedenfalls alle, an denen Wilke vorbei stakt. Ab Mitte Oktober ist für sie die Saison zu Ende. Auch an den Stellen, an denen im Sommer Spreewaldgurken verkauft werden, herrscht nun gähnende Leere. An den Holzstegen sind um Weihnachten, zu Silvester und Neujahr Glühweinstände aufgebaut - doch davon ist nichts mehr zu sehen.

Die Stockenten schwimmen inzwischen gelassen vor dem Kahn her, der einsam und allein durch den Spreewald gleitet. Rechts ist gerade ein kleiner Bauernhof zu sehen. Der Hofhund steht am Ufer und guckt etwas ratlos. "Vier Kühe haben die im Stall", erzählt Wilke. "Die müssen sie mit dem Kahn auf die Weide bringen." Das Spreewalddorf heißt Lehde und zählt rund hundert Einwohner - "fast alle zweisprachig". Der Spreewald gehört zu der Region, in der Sorbisch verbreitet ist. "Ich hatte das in der Schule auch", sagt Wilke, "als freiwilliges Unterrichtsfach."

Auf Wasserwegen durch die Spreewaldlandschaft zu fahren, hat etwas geradezu Meditatives. Selbst die Kälte ist so gut wie vergessen, wenn man hin und wieder die zweite Wolldecke wieder hochzieht. Wem doch zu frisch geworden ist, kann sich an Land wieder aufwärmen: Direkt am Großen Hafen steht das 1879 eröffnete Traditionsrestaurant "Am Grünen Strand der Spree". Sülze und Kesselgulasch wird dort serviert oder Grützwurst mit Spreewälder Sauerkraut. Die Gäste blicken auf etliche Bilder an den Wänden mit Motiven von Lübbenau im Winter.


Weitere Informationen

Die Kahnfahrten am Großen Hafen in Lübbenau starten täglich um 11 und um 13 Uhr und kosten zehn Euro pro Person. Gruppen sollten sich vorher anmelden, einzelne Lübbenau-Besucher einfach nur pünktlich da sein. Auch in Burg/Spreewald werden zweimal täglich Glühweinkahnfahrten angeboten.

Karte

Andreas Heimann/dpa/jus

Forum

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insgesamt 3 Beiträge
1. Muss man nicht mitmachen
hubertrudnick1 05.01.2013
Spreewald im Winter muss man nicht wirklich mitmachen, selbst bewegen ist viel wichtiger. Wo einem im Sommer die vielen Mücken beißen, da darf man dann im Winter frieren, oh wie verrückt muss einer sein um da mitfahren zu [...]
Zitat von sysopKirschlikör und Korn stehen bereit. Wer etwas Warmes braucht, dem schenkt der Kapitän einen Glühwein ein: Eine Kahnfahrt durch den Spreewald, die ist feuchtfröhlich - und frostig. Vor allem im Winter, wenn sich auf dem verzweigten Netz der Wasserwege Eisschollen bilden. Kahnfahrt durch den Spreewald im Winter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/aktuell/kahnfahrt-durch-den-spreewald-im-winter-a-875811.html)
Spreewald im Winter muss man nicht wirklich mitmachen, selbst bewegen ist viel wichtiger. Wo einem im Sommer die vielen Mücken beißen, da darf man dann im Winter frieren, oh wie verrückt muss einer sein um da mitfahren zu wollen? HR
2. Touristenfalle
the_rover 05.01.2013
Lübbenau mit seinen Touristenrundfahrten ist professionell zur Toristenfalle ausgebaut. Parkplätze kosten ein Vermögen, die Kähne fahren von Verkaufsstand zu Verkaufsstand und der Konsum von Alkohol schein Hauptzeck vieler [...]
Lübbenau mit seinen Touristenrundfahrten ist professionell zur Toristenfalle ausgebaut. Parkplätze kosten ein Vermögen, die Kähne fahren von Verkaufsstand zu Verkaufsstand und der Konsum von Alkohol schein Hauptzeck vieler Mitfahrer zu sein. Jahrmarkt im Biosphärenreservat. Wer wirklch was vom Spreewald sehen will, sollte sich mit Kanu oder Kajak und Karte selbst auf den Weg machen und Lübbenau weiträumig umfahren.
3. in den 3 Wochen
sangerman 05.01.2013
im letzten Jahr war Eis zum Schlittschuhlaufen - herrlich!!! Radfahren im Sommer ist auch wunderbar. Mücken sind jedes Jahr unterschiedlich vertreten - 2012 war es mal schlimm - 10 Jahre davor nicht.
im letzten Jahr war Eis zum Schlittschuhlaufen - herrlich!!! Radfahren im Sommer ist auch wunderbar. Mücken sind jedes Jahr unterschiedlich vertreten - 2012 war es mal schlimm - 10 Jahre davor nicht.

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