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Reise

Neuschnee in den Alpen

Wie gefährlich sind Lawinen für Wintersportler?

Außerhalb der gesicherten Pisten durch Tiefschnee zu wedeln - davon träumen viele Skifahrer. Wegen der hohen Lawinengefahr sollte man tunlichst darauf verzichten. Diese Hinweise sollten Sie beachten.

Florian Sanktjohanser / dpa-tmn
Mittwoch, 09.01.2019   12:51 Uhr

Tagelanger Schneefall sorgt für Traumbedingungen für Wintersportler in den Alpen - wäre da nicht die Lawinengefahr. "Es sind so große Mengen Neuschnee gefallen, dass sogar auf Bergen, die normalerweise als sicher gelten, Lawinengefahr herrschen kann", sagt Christoph Hummel, Sicherheitsexperte beim Deutschen Alpenverein (DAV), zur allgemeinen Lage.

In Bayern gilt Warnstufe 4, in Österreich haben Behörden sogar die höchste Warnstufe 5 ausgerufen: In den steirischen Nordalpen ist in einigen Regionen die Lawinengefahr "sehr groß". Bei der höchsten Lawinenwarnstufe besteht die Gefahr, dass sich spontan viele sehr große oder auch extrem große Lawinen lösen können - und das auch in mäßig steilem Gelände.

Skifahrer sollten die gesicherten Pisten nicht verlassen, warnten Behörden in Tirol. Auch das Betreten der Wälder sei angesichts der Gefahr umstürzender Bäume nicht ratsam. Auch im Süden und Südosten Bayerns sollten sich die Bürger möglichst nicht im Wald aufhalten und unter Bäumen generell vorsichtig sein, teilte das bayerische Forstamt mit.

In der Steiermark, wo etwa 2000 Menschen in den Bergorten eingeschneit sind, warnte der stellvertretende Landeschef Michael Schickhofer am Dienstag: "Anordnungen der Behörden jetzt nicht zu befolgen, ist kein Kavaliersdelikt, sondern lebensgefährlich". Er riet allen Bürgern und Touristen, an sicheren Orten zu bleiben, Absperrungen ernst zu nehmen und nicht notwendige Aktivitäten im freien Gelände zu unterlassen. Dennoch kam es in den vergangenen Tagen bereits zu mehreren Todesfällen.

Wie gefährlich sind Lawinen auf der Piste? Und abseits der Piste?

Wer im Winterurlaub in einem Skigebiet auf den präparierten Pisten unterwegs ist, müsse sich keine Sorgen um Lawinen machen, sagt Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein (DAV) in München. Wenn Sprengungen und andere Maßnahmen nicht ausreichen, sperren die Skigebiete auch schon mal Lifte und Abfahrten - wie in den vergangenen Tagen zum Beispiel am Brauneck oder in vielen Gebieten in Österreich.

Auf den Pisten lauern eher andere Gefahren - so ist die Wahrscheinlichkeit, auf einer präparierten Abfahrt einen Unfall zu haben, im Allgemeinen sogar höher als bei Skitouren im Gelände. "Das liegt daran, dass es in Skigebieten mehr Stürze, Kollisionen, Bänderrisse und gebrochene Haxen gibt", sagt Christoph Hummel, Sicherheitsexperte beim Deutschen Alpenverein (DAV).

Unfälle in freier Natur würden aber im Vergleich häufiger ein tragisches Ende nehmen: Auf solchen Skitouren sei "die Gefahr eines tödlichen Unfalls höher", sagt Hummel. Der DAV schätzt die Risiken aufgrund der Unfallzahlen und regelmäßigen Befragung seiner Mitglieder ab. Tödliche Lawinen zumindest sind in den vergleichsweise niedrigen deutschen Alpen selten: 2017 gab es nach den Daten des Lawinenwarndiensts Bayern zwei Tote, 2016 einen, 2015 keinen einzigen.

Weit mehr Lawinentote sind in Österreich und der Schweiz zu beklagen. In Österreich zählten das Kuratorium Alpine Sicherheit und die Alpinpolizei (KFA) vom 1. November 2017 bis 1. November 2018 insgesamt 65 tote Wintersportler. 17 davon starben durch Lawinen im freien Gelände. Auf Skipisten dagegen kamen 29 Menschen ums Leben. Laut Bucher vom DAV wird die Zahl der verunglückten Tourengeher über die Jahre eher nicht größer, obwohl immer mehr Menschen Skitouren unternehmen.

Was müssen Skitourengeher beachten?

Skitouren und Schneeschuhwandern sind in den Alpenländern Volkssport, viele Gipfel werden im Winter sogar häufiger besucht als im Sommer. "Wer abseits der Pisten unterwegs ist, muss wissen, was er tut", sagt Bucher vom DAV. Das Gelände sollten Tourengeher einschätzen können und die Kriterien für Hangbegehungen kennen. Unerfahrene schließen sich am besten einem Bergführer an.

Videointerview: Die fünf wichtigsten Fragen zur Lawinengefahr

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Lawinengefahr im Gelände ist abhängig von der Menge an Neuschnee und von vielen anderen Faktoren: etwa der Beschaffenheit der Schneedecke, Himmelsrichtung, Temperatur, Wind und von der Neigung der Hänge. Auf sanft geneigten Hängen ist das Risiko auch bei höherer Warnstufe geringer als im Steilgelände. So sind Lawinengefährdungen häufig nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Wie hoch die Lawinenwarnstufe ist, schätzen die Lawinenwarndienste der Länder und Regionen ein - für Bayern zum Beispiel hier, für Österreich hier.

Um das Lawinenrisiko zu reduzieren, müssen die Tourengeher die Sicherheitsausrüstung gut beherrschen. "Wenn ich in eine Lawine gerate, bin ich darauf angewiesen, dass die anderen mich ausgraben", sagt Bucher vom DAV. Bei einer organisierten Bergrettung per Helikopter vergehe zu viel Zeit. Die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Verschütteten sinke bereits nach 15 Minuten drastisch. "Die Gruppe muss sich bewusst darüber sein, dass sie verantwortlich ist."

Zur Standardausrüstung für Skitouren und Abfahrten abseits präparierter Pisten gehören LVS-Gerät, Sonde und Schaufel. "Die Geräte sind nicht selbsterklärend", sagt Bucher, der Umgang und die sogenannte Kameradenrettung muss erlernt werden. Grundkenntnisse werden in Kursen vermittelt, regelmäßiges eigenes Auffrischen ist wichtig. Allein sollte kein Skifahrer abseits der Pisten unterwegs sein.

Ein Lawinen-Airbag ist nach Einschätzung Buchers eine sinnvolle Zusatzausrüstung. "Er reduziert die Wahrscheinlichkeit, komplett verschüttet zu werden." Der Experte betont jedoch: "Das ist keine Lebensversicherung." Zunächst einmal müsse der Wintersportler den Airbag im Ernstfall selbst auslösen, was nicht immer passiert.

Und dann gebe es Geländekonstellationen, bei denen der Airbag nichts bringt. Wenn eine Lawine zum Beispiel vor einem Gegenhang in einer Stauzone endet, nutze der Rucksack nichts.

abl/dpa

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