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Reise

Büchertipps für Wanderer und Spaziergänger

Los, gehen!

Auch wenn die Schrittzähl-Apps anderes suggerieren: Zu Fuß unterwegs zu sein, ist mehr als reine Bewegung. Fünf Bücher stellen vor, wie sich unser Blick verändert, wenn wir einfach mal loslaufen.

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Sonntag, 16.12.2018   10:22 Uhr

Wo auch immer wir unseren Fuß hinsetzen, einen vor den anderen: Wir sind nicht die Ersten, die dort oder da oder da hinten entlanggehen. Und versuchen, die Landschaft zu vermessen zwischen unserem Standort und der Horizontlinie, die sich in die Ferne verschiebt. Die Phrase vom "Horizonterweitern" meine genau das, sagt der Landschaftsplaner Bertram Weisshaar, der seit zwei Jahrzehnten geht, spaziert, wandert und das mit "Einfach losgehen" nun teilt.

Dass "Gehen" weit mehr ist, als die aktuelle Schrittzähl-App-Manie viele glauben macht, zeigt eine Reihe Bücher, die in diesem Herbst verschiedene Stufen von Sichtreibenlassen vorstellen. Und zugleich illustrieren, wie "Gehen" und "Denken" zusammen, nun ja, gehen.

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Büchertipps: Wie Gehen und Denken zusammengeht

Egal ob Lauren Elkin in "Flâneuse", Bertram Weisshaar in "Einfach losgehen", Abi Andrews in "Wildnis ist ein weibliches Wort", Erling Kagge in "Gehen. Weitergehen" oder Angela Steidele in "Zeitreisen": Alle setzen sich in ihrem Unterwegssein in die Spuren von jenen, die vorausgingen. Gleichen ihre eigenen Schritte ab mit den Erlebnissen anderer Reisender. Im Unterwegssein, so Angela Steidele, steckt immer auch "die Sehnsucht, in der Zeit zu reisen".

Diese fünf Autoren machen vor, wie's gehen kann:

Erling Kagge: Einfach mal drauflosgehen

Nordpol, Südpol, Mount Everest: Der Norweger Erling Kagge war überall. Zu Fuß und teils alleine. Nun, in der Phase nach seinen Abenteuern, hat der Verleger und Kunstsammler begonnen, gedankenschlendernde Bücher zu schreiben: erst eins über die Stille, nun eins übers "Gehen. Weitergehen".

In Sachen Gehen ist er inzwischen zweifellos Experte. Weil er in Extremform erlebt hat, was es mit einem macht. Diese Reflektionen teilt er nun - darüber, im Wald zu laufen, wie Henry David "Walden" Thoreau, fernab aller Forderungen, die die Gesellschaft an einen haben kann. Oder einfach loszugehen ("Nicht zu wissen, was auf einen zukommt, wenn man geht, kann Unsicherheit erzeugen. Das ist gesund", schreibt Kagge - weil man sich auf einen Punkt konzentriere, den Rest ausblende).

Natürlich transportiert er automatisch eine genuin westlich geprägte männliche Selbstverständlichkeit des Unterwegsseins: Er findet Drauflosgehen gerade wegen der Unsicherheit gesund - eine Haltung, die Frauen, die alleine losziehen, nicht so leicht zufällt. Und gemäß der Parole von Sir Edmund Hillary besteigt man seiner Meinung nach einen Berg, "weil er da ist", ohne Demutsgeste vor der Natur.

In dem Buch bummelt Kagge eher zwischen Themen und Ideen herum. Sein Text regt an, sich des "teilnehmenden Beobachtens" bewusst zu werden. Das reicht vielleicht auch erst einmal. Um einen Schritt vor den anderen zu setzen. Und anzufangen, nachzudenken, wieso das eigentlich guttut.

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Erling Kagge:
Gehen. Weiter gehen

Eine Anleitung

Übersetzung: Ulrich Sonnenberg

Insel Verlag; 160 Seiten; 16,- Euro (gebunden)

Lauren Elkin: Flanieren in Städten

Mit Mitte 20 zog Lauren Elkin von New York nach Paris. Und blieb. Die Literaturwissenschaftlerin entdeckte das ziellose Umherstreifen für sich, um die Umgebung und sich und ihre Gedanken dazu bei jedem Schritt neu zu vermessen. Lange bevor sie begriff, dass es ein Wort für Menschen wie sie gibt: "Flâneur". Sie änderte es in "Flâneuse" und stellte fest: Wer heute durch Straßenzüge spaziert, die im 19. Jahrhundert entstanden sind, erlebt nie nur das Jetzt.

Zugleich sind unsere Eindrücke flankiert von Zeichnungen, Photos, Beschreibungen dieser Viertel, meist produziert von Männern. Für den Flâneur sei es entscheidend, unsichtbar zu sein, erklärt Elkin - doch Frauen, zumal allein in der Öffentlichkeit, seien eben allzu oft beobachtet; ihre Rolle als "Flâneuse" somit dahin. "Wenn wir aber so sehr ins Auge fallen, warum wurden wir dann aus der Geschichte der Stadt herausgeschrieben?", fragt Elkin. "Es ist an uns, uns wieder in dieses Bild hineinzumalen, und zwar auf eine Art, die uns gerecht wird."

Und genau das unternimmt sie in "Flâneuse", unterwegs in den Straßen von Paris, London, New York, Tokyo und Venedig auf den Wegen anderer Frauen, die vorangingen, von Autorinnen wie Virginia Woolf, George Sand oder Jean Rhys, der Filmemacherin Agnès Varda, der Künstlerin Sophie Calle. "Räume sind nicht neutral", so Elkin. "Der Raum, den wir einnehmen - hier, in der Stadt -, wird fortwährend umgestaltet und aufgehoben, konstruiert und bestaunt."

Wie sie beim Gehen nicht nur ihre Beobachtungen der Balkone, Cafés und Kopfsteinpflasterwege teilt, sondern die historischen, politischen, sozialen Facetten ihrer Rundblicke bis hin zur Präsenz von "Occupy" im öffentlichen Raum analysiert, schärft die Sinne für jeden Schritt, den wir tun, sobald wir vom Buch aufschauen.

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Lauren Elkin:
Flâneuse

Frauen erobern die Stadt - in Paris, New York, Tokyo, Venedig und London

Übersetzung: Cornelia Röser

btb Verlag; 400 Seiten; 22,- Euro (gebunden)

Abi Andrews: In der Wildnis

Sie bricht in England auf, fährt auf Containerschiffen gen Nordwesten, trampt, wandert, bis sie in Alaska ankommt: Erin, eine junge Frau, die eines Tages feststellt, dass alle Wildnistexte, die sie kennt, von Henry David Thoreau über Jack London und Jack Kerouac bis zum Unabomber Ted Kaczynski, also von Männern, geschrieben sind; die Frauen darin nur unsichtbare Anhängsel.

Ihr Plan: Sie will herausfinden, wie sie selbst die Wildnis erlebt, und es in einem Film dokumentieren. Die Figur, die Abi Andrews in ihrem Reiseroman "Wildnis ist ein weibliches Wort" erfunden hat, trifft dabei immer wieder auf Konventionen. Weil die, denen sie begegnet, keine Frauen kennen, die ihr zuvorgekommen sind, schon gar nicht zu Fuß, schon gar nicht solo durch abgeschiedene Landstriche.

Erin stellt fest: "Die Wildnis" ist "eine Grenze", sie platziert die Menschen außerhalb der Natur - und dient zugleich als Naturschutz. Auch vor jenen "Mountain Men", die sich an ihr, der Wildnis, abarbeiten wollen. Diese Typen, die sich ihr authentisches Selbst als Mann draußen, in den Wäldern und Bergen, beweisen und bewahren wollen.

Erin nun macht es selbst: Sie übernachtet auf einem Berg, wacht in einer Wolke auf, analysiert die biologische Arbeit von Pilzen im Waldboden ebenso wie Grundlegendes über das Reisen als Weltaneignung: "Wenn alle herumreisen, wie soll sich dann noch irgendeine Kultur erhalten?", fragt sie, und: "Was passiert, wenn nur noch die Bilderbuchlandschaften erhalten bleiben, weil sie subventioniert und geschützt werden", wenn also nur noch das Schönste zählt, der Rest vergiftet, zugemüllt wird?

Wer Cheryl Strayeds "Wild" - verfilmt mit Reese Witherspoon - kennt und anhand der "Road Novel"-Story einer jungen Frau intensiver darüber nachdenken möchte, was wir erleben, als Männer und Frauen, wenn wir unterwegs sind, sollte sich in Andrews Abenteuer werfen.

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Abi Andrews:
Wildnis ist ein weibliches Wort

Übersetzung: Mayela Gerhardt

Tempo; 400 Seiten; 22,- Euro (gebunden)

Angela Steidele: Zu zweit in die Welt

Dorthin, wo andere zuvor waren, und das Jetzt mit dem Damals vergleichen: Was Angela Steidele in "Zeitreisen" unternimmt, ist Dokument einer Reise Mitte des 19. Jahrhunderts und gesellschaftspolitisches Porträt in einem. Steidele und ihre Frau Susette reisen auf den Spuren der beiden Engländerinnen Anne Lister und Ann Walker in den Kaukasus, über Moskau nach Georgien. Zwei Jahre hatten sich die beiden Frauen damals genommen, sieben Wochen das Paar heute.

Steidele, Autorin historischer Sachbücher, flicht in ihren Text immer wieder Passagen aus Listers Reiseschriften. Und erzählt damit nicht nur von den Unterschieden im Unterwegssein, etwa weil Lister/Walker mit Pferden über steile, steinige Pässe weiterkamen, wohingegen Steidele/Susette abwinken und sich etwas anderes anschauen.

Mehr noch, sie sinniert auf ihrem Weg nach Georgien darüber, was Fremdsein damals und heute heißt: Sei es, dass Steidele und ihre Frau ihre Eheringe vor der Reise abgelegt haben und sich zur Not als "Cousinen" vorstellen, aus Furcht vor Repressalien. Oder dass sie allein wegen ihres Kurzhaarschnitts und ungeschminkten Gesichter als eigene Sehenswürdigkeit wahrgenommen werden.

Vor diesem Hintergrund räsoniert sie über die Dynamik der beiden anderen Frauen damals und stellt fest, wie man unterwegs zugleich das Anderssein anprobieren könne. Ein bisschen wie eine andere Hose. Denn, so Steidele: "Auf Reisen erfinden wir uns […...] bewusst oder absichtlich neu."

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Angela Steidele:
Zeitreisen

Vier Frauen, zwei Jahrhunderte, ein Weg

Matthes & Seitz; 269 Seiten; 24,- Euro (gebunden)

Bertram Weisshaar: An den Rändern

Und dann zieht er sich seine Wanderstiefel an, zurrt den Rucksack fest und geht einfach los. Bertram Weisshaar, eigentlich Landschaftsplaner, beginnt seine "Einfach losgehen"-Touren genau so: von seiner Wohnung mitten in Leipzig aus, durch den Park, dann immer weiter. Bis die Randbebauung aufhört. Und die Landschaft beginnt. Genauer: die Kulturlandschaft.

Er quert ehemalige Kohleabbaugebiete, läuft durch die Bauhaus-Siedlung in Dessau und über Wanderwege im Schwarzwald. Vorbei an Salzhalden, Uranbergbaurevieren und Küsten. Er unterhält sich mit Spaziergangsforscher, erwähnt Künstler, und immer wieder dreht es sich bei ihm um die Frage, wie Gehen und Denken sich gegenseitig nach vorne katapultieren.

Weisshaar ermuntert zum Streunen. Und dazu, herkömmliche Wanderrouten zu verlassen. Irgendwo wild sein Zelt aufzuschlagen (und es in aller Frühe wieder zusammenzupacken und den Ort spurenlos zu hinterlassen). Hauptsache, er erreicht die Kuppe von Hügeln, um von dort die Gegenden genauer in den Blick zu nehmen, die wir sonst achtlos passieren. Wer braucht schon die Alpen.

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Bertram Weisshaar:
Einfach losgehen

Vom Spazieren, Streunen, Wandern und vom Denkengehen

Eichborn; 288 Seiten; 20,- Euro (gebunden)

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