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Reise

Die Instagramerinnen von "Bell Collective"

Hauptsache, kein Aufblastier

Männer ziehen ins Abenteuer, Frauen floaten auf Flamingos im Pool oder posieren inmitten schöner Landschaften. Wenn Instagramer Fotos von ihren Reisen posten, geht es oft stereotyp zu. Alina Rudya will das ändern.

Alina Rudya
Von
Dienstag, 07.08.2018   04:52 Uhr

Es gibt Reisemotive auf Instagram, die findet Alina Rudya überstrapaziert: Frauen, die auf aufblasbaren Flamingos durch menschenleere Pools floaten. Oder diese typischen "Follow me"-Fotos, auf denen eine Instagramerin eine männliche Hand hält, einen Blick über die Schulter wirft, und irgendwo in Europa in ein pittoreskes Altstadtgässchen läuft. Einen Avocadotoast in einem hippen Frühstückscafé würde Rudya lieber schnell essen, als Follower-wirksam in Szene zu setzen.

"Viele Profile sind inzwischen nicht mehr unterscheidbar", findet die 33-jährige Fotografin, die selbst fast 70.000 Follower auf der Plattform hat und mit Kooperationen regelmäßig Geld verdient. "Gerade die professionellen Instagramer produzieren immer wieder die gleichen Fotos, um gut bezahlte Aufträge von Unternehmen zu bekommen." Viel mehr aber stört sie eine andere Beobachtung: Wie Frauen sich dort präsentieren - und von Millionen Menschen gesehen werden.

Fotostrecke

Bell Collective: Fotografinnen auf Reisen

"Männer auf Instagram ziehen mit dem Rucksack auf dem Rücken durch die Welt, Influencerinnen wiederum sind schöne Models, die vor einem besonderen Gebäude oder einer schönen Landschaft posen. Das ist ja auch in Ordnung und deren Entscheidung. Frauen auf Instagram erfüllen damit aber häufig Rollenklischees. Und in diese Box möchte ich mich nicht stecken lassen."

Deswegen hat Rudya auf Instagram "Bell Collective" gegründet, eine Plattform, auf der gleichgesinnte, reisefreudige Fotografinnen von ihren Abenteuern und Entdeckungen erzählen, von ihren Aussichten und Einsichten - in ihrem ganz eigenen Fotostil. Bell soll an die große Reisende Gertrude Bell erinnern.

Rudya selbst ist in der Ukraine aufgewachsen, lebt inzwischen in Berlin und hat vor zwei Jahren mit eindrucksvollen Fotoarbeiten aus der Todeszone um Tschernobyl auf sich aufmerksam gemacht.

"Wer auf Instagram viele Follower hat, hat auch eine Verantwortung", findet Rudya. Für sich selbst hat sie entschieden, dass sie mithelfen will, mit den typisch weiblichen Klischees aufzuräumen. Foto für Foto. Was gleich auffällt: Rudya und ihre Bell-Collective-Mitstreiterinnen sind selten selbst auf Fotos zu sehen. "Ich sehe mich als Macherin, nicht als Model", sagt Rudya.

Und was Flamingo-Motive betrifft: Ganz ohne die rosafarbenen Vögel kommt auch der Bell-Collective-Feed nicht aus. Eine Aufnahme hat die Fotografin und Bloggerin Marion Vicenta Payr beigesteuert. Allerdings ist der Vogel hier nicht aufgeblasen, sondern lebendig und lebt mit gestutzten Federn als Social-Media-Star am Strand von Aruba. Seine Geschichte muss einfach auch mal erzählt werden, finden die Bell-Collective-Frauen.

insgesamt 3 Beiträge
vish 07.08.2018
1. Eine Frau...
... findet das, was augenscheinlich die Mehrheit der anderen Frauen macht, also stereotyp und möchte es ändern. Klingt das eigentlich nur für mich völlig absurd?
... findet das, was augenscheinlich die Mehrheit der anderen Frauen macht, also stereotyp und möchte es ändern. Klingt das eigentlich nur für mich völlig absurd?
Newspeak 07.08.2018
2. ....
Es wird immer der Eindruck erweckt, Klischees seien sowas wie Vorurteile. Nicht nur im Hinblick auf Frauen, sondern z.B. auch auf Schwule oder andere Minderheiten, oder bezüglich der Mentalität von Menschen anderer Nationen und [...]
Es wird immer der Eindruck erweckt, Klischees seien sowas wie Vorurteile. Nicht nur im Hinblick auf Frauen, sondern z.B. auch auf Schwule oder andere Minderheiten, oder bezüglich der Mentalität von Menschen anderer Nationen und Kulturkreise. Will man politisch korrekt sein, unbedingt zu vermeiden. Leider nur verhalten sich so viele Mitglieder dieser Gruppen EXAKT so, wie es das Klischee verlangt. Weil es sich dabei um eine summarische Erfahrung echter Unterschiede handelt, die natürlich nicht immer und für jeden gilt, aber doch erstaunlich oft annähernd.
lebensgefährlich 07.08.2018
3.
"Wer auf Instagram viele Follower hat, hat auch eine Verantwortung", findet Rudya. Ach so? War Reisen nicht mal, um zu erfahren, zu genießen, zu entspannen usw., also für mich und meine Begleiter - ja schon klar: [...]
"Wer auf Instagram viele Follower hat, hat auch eine Verantwortung", findet Rudya. Ach so? War Reisen nicht mal, um zu erfahren, zu genießen, zu entspannen usw., also für mich und meine Begleiter - ja schon klar: auch mit Verantwortung für die? Das fand ich bis jetzt so immer ganz schön und lebenswert. Gerne auch mit Erinnerungsphotos hier und da, meistens aber Bilder in der Erinnerung und Geschichten und Gerichten zum Wiedererleben und Erzählen im Freundeskreis, also Menschen, die ich kenne. Reicht das jetzt nicht mehr? Woher nimmt man eigentlich die Zeit beim Reisen für diese Beschäftigung mit sich selbst, wenn es soviel anderes mit anderen zu entdecken gibt?
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