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Reise

Leuchtturmwärter in Europa

"Man muss schon Hippie sein"

Aus Trotz, aus Not, aus Sehnsucht nach dem Meer - die Gründe, Leuchtturmwärter zu werden, sind so vielfältig wie die Arbeitsorte. Doch eins eint die Wächter: die Fähigkeit, Einsamkeit zu ertragen. Acht Männer und Frauen erzählen, was sie auf den Turm gebracht hat.

Sergio Ramazzotti/ParalleloZero
Von "Mare"-Autor Sergio Ramazzotti
Montag, 24.10.2011   06:44 Uhr

Eugenio Linares, 57 Jahre, Punta Estaca de Bares, Galicien:

Meine Frau ertrug das Leuchtturmleben zwei Jahre lang, dann hat sie die Scheidung gefordert und ist nach Mallorca gegangen. Sie ertrug die Kälte nicht, den Wind nicht und nicht die Sturmfluten.

Für mich ist es das ganze Leben. Es ist keine romantische Arbeit, du lebst zwischen Kabeln, Batterien, Lampen, Elektrizität, da ist nichts romantisch. Aber der Platz! Und der Stolz auf deine Arbeit: Du arbeitest nicht in einer Tabakfabrik, die den Menschen den Tod verkauft, sondern du hilfst bei der Navigation und trägst vielleicht indirekt dazu bei, Leben zu retten.

Ich bin jetzt seit 28 Jahren Leuchtturmwärter, und ich bin allein hier oben. Der Leuchtturm ist schon sehr alt, 100 Jahre und älter. Er ist aus Stein und ohne Zement gebaut, und die Zwischenräume der einzelnen Blöcke sind mit Austernschalen gefüllt. Wenn ich vom Leuchtturm spreche, sage ich "mein Leuchtturm", ich empfinde ihn als Teil von mir - dabei bin ich es, der Teil der Einrichtung des Leuchtturms geworden ist. Ich habe Stunden damit zugebracht, das Meer zu beobachten; es ist unglaublich, was es dich alles lehren kann. So kannst du an der Farbe des Schaumes und seiner Form an der Oberfläche erkennen, wie das Wetter wird.

Leuchtturmwärter zu werden war eine Entscheidung, die ich notgedrungen treffen musste. Ich studierte Ingenieurwesen, aber als ich heiratete und zwei Kinder kamen, musste ich mein Studium abbrechen und mir Arbeit suchen. So wurde ich Fischer. Immer wenn ich auf dem Meer war, betrachtete ich die Leuchttürme, sie zogen mich magisch an. Ich nahm an einem Auswahltest für Leuchtturmwärter teil und gewann. Jetzt denke ich, ich hätte mich schon viel früher bewerben sollen. Ich würde nie in ein anderes Leben zurückkehren.

insgesamt 4 Beiträge
HappyLuckyStrike 24.10.2011
1. Es gibt kaum Leute, die es nicht belastet,
wenn nicht dauernd dutzende von Mitprimaten um sie heum abhängen - ist aber wohl nur eine Gewohnheit. Auch unsere Vorfahren, Herdentiere wie wir selbst, haben beim Umwandern des Planeten sicher öfters viele Jahre außer [...]
wenn nicht dauernd dutzende von Mitprimaten um sie heum abhängen - ist aber wohl nur eine Gewohnheit. Auch unsere Vorfahren, Herdentiere wie wir selbst, haben beim Umwandern des Planeten sicher öfters viele Jahre außer Kontakt mit überbordenden Zivilisationen verbracht und nicht unbedingt darunter gelitten - "Einsiedler" war ja früher en geachteter Beruf ! Diogenes im Faß, Desmond im Dharma-Bunker... Das "ach, ich bin so einsam" - Gejammere findet man meist in großen Städten, wo es niemand im Traum aufgehen würde, daß das auch Luxus sein kann... Was ich aber am Erleuchtendsten fand, war der Spruch "Verdammt, jetzt bin ich 40 Jahre lang in Ferien gewesen, und jetzt schicken sie mir...". Ha, der war gut ! Eben, man muß das als Privileg sehen, als Urlaub von der Menschheit. Aber bitte mit Internet und einwandfreier Verkehrsanbindung. Nur für den Fall...
emmelmann 24.10.2011
2. x
Das Beste sind die Kaninchen-Fangmethoden! Musste sehr lachen...
Das Beste sind die Kaninchen-Fangmethoden! Musste sehr lachen...
cobobka 24.10.2011
3. +
In der Tat. Ich kichere noch immer vor mich hin. Ob er das wirklich so macht? Ein platt gefahrenes Kaninchen zu verarbeiten, kann ziemlich kompliziert sein. Der letztgenannte Leuchtturmwärter teilt das Schicksal zahlreicher [...]
Zitat von emmelmannDas Beste sind die Kaninchen-Fangmethoden! Musste sehr lachen...
In der Tat. Ich kichere noch immer vor mich hin. Ob er das wirklich so macht? Ein platt gefahrenes Kaninchen zu verarbeiten, kann ziemlich kompliziert sein. Der letztgenannte Leuchtturmwärter teilt das Schicksal zahlreicher Dörfler, die sich mit Zuzüglern aus der Stadt rumschlagen mussten, die zwar idyllisches Landleben, aber nicht die dazugehörige Realität in Form von Geräuschen und Gerüchen wollten. Leuchtturmwärter wäre mein Traumberuf. Alleinsein ein Geschenk.
k70-ingo 04.04.2015
4.
Das Problem ist, daß heutzutage fast alle Leuchttürme automatisiert sind und von fernen Leitzentralen gesteuert werden. Aber wenigstens ist es häufig möglich, in den Leuchtturmwärterhäuschen Urlaub zu machen. Wir haben [...]
Zitat von cobobkaIn der Tat. Ich kichere noch immer vor mich hin. Ob er das wirklich so macht? Ein platt gefahrenes Kaninchen zu verarbeiten, kann ziemlich kompliziert sein. Der letztgenannte Leuchtturmwärter teilt das Schicksal zahlreicher Dörfler, die sich mit Zuzüglern aus der Stadt rumschlagen mussten, die zwar idyllisches Landleben, aber nicht die dazugehörige Realität in Form von Geräuschen und Gerüchen wollten. Leuchtturmwärter wäre mein Traumberuf. Alleinsein ein Geschenk.
Das Problem ist, daß heutzutage fast alle Leuchttürme automatisiert sind und von fernen Leitzentralen gesteuert werden. Aber wenigstens ist es häufig möglich, in den Leuchtturmwärterhäuschen Urlaub zu machen. Wir haben das zweimal in Schottland genossen. Unvergeßlich, wie wir einmal völlig alleine einen Sturm über der Irischen See im Häuschen vom Mull of Galloway miterlebt haben.

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Zum Autor

Sergio Ramazzotti, Jahrgang 1965, ist ein italienischer Autor und Fotograf in Mailand. Für die Reportage ist er sieben Wochen durch Europa gereist und hat Charaktere vorgefunden, "die das Meer geschliffen hat".

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