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Reise

Urlaub in Iran

"Der Boom ist definitiv vorbei"

Viele Neugierige sind in den vergangenen Jahren nach Iran gereist. Jetzt stellen mehrere europäische Airlines ihre Flüge nach Teheran ein, nicht ohne Folgen. Das sagt ein Reiseveranstalter dazu.

imago/ Xinhua

Selfie in Teheran

Ein Interview von
Mittwoch, 11.07.2018   09:56 Uhr

Fünf Fragen an Frano Ilic, Sprecher des Reiseveranstalters Studiosus in München.

SPIEGEL ONLINE: Mehrere europäische Fluggesellschaften streichen Verbindungen nach Iran: Welche Folgen hat das für Studienreiseveranstalter?

Ilic: Da wir unsere Iran-Reisen mit mehreren Fluggesellschaften durchführen, halten sich Konsequenzen in engen Grenzen. Sollten Gäste von uns durch Flugstreichungen betroffen sein, werden wir sie zeitnah informieren und Alternativen anbieten.

SPIEGEL ONLINE: Das Reiseland Iran hat in den vergangenen Jahren viele deutsche Gäste angezogen. Gruppenreisen waren oft ausgebucht. Wie ist die Nachfrage heute?

Ilic: Der Boom ist definitiv vorbei. Im Augenblick liegen wir mehr als 40 Prozent unter unserem Vorjahresgeschäft. Absolutes Boomjahr war 2015. Damals hatten genau 2650 Kunden eine Reise nach Iran bei uns gebucht. 2016 waren es schon einige weniger. Im vergangenen Jahr hatten wir nur noch 2250 Gäste.

SPIEGEL ONLINE: Was hält die Leute davon ab, nach Iran zu reisen?

Ilic: Das hat mit der Verschlechterung der politischen Großwetterlage zu tun, auf die Kunden natürlich sensibel reagieren. Viele Gäste reisen auch nicht in die Türkei - aus Antipathie gegenüber Machthaber Recep Tayyip Erdogan. Zudem ist eine Sättigung eingetreten, Iran ist ein Nischenmarkt. Viele Urlauber, die Iran unbedingt bereisen wollten, waren schon da.

Reiseland Iran - Tausendundein Widerspruch

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie Unentschlossenen?

Ilic: Die Gastfreundschaft der Iraner gegenüber ausländischen Reisenden ist besonders. Daran hat auch die politische Entwicklung nichts geändert.

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie steigendes Interesse an anderen orientalischen Ländern?

Ilic: Jordanien als Reiseland kommt langsam wieder - trotz der unmittelbaren Nähe zu Syrien. Und auch Marokko, die Vereinigten Arabischen Emirate und der Oman werden verstärkt nachgefragt.

Video: Mein Urlaub im Iran

Foto: dbate.de
insgesamt 6 Beiträge
Schmidt24 11.07.2018
1. Den Iran wollten wir auch mal bereisen,
aber die auch für Touristinnen geltende Verhüllungspflicht hat uns wieder davon abgebracht - wir sind zwar sehr unternehmungslustig, zurück ins Mittelalter müssen wir allerdings nicht.
aber die auch für Touristinnen geltende Verhüllungspflicht hat uns wieder davon abgebracht - wir sind zwar sehr unternehmungslustig, zurück ins Mittelalter müssen wir allerdings nicht.
cyberpommez 11.07.2018
2. Was sind das für Menschen?
Wie kommen Menschen auf die Idee in solchen Ländern Urlaub zu machen? Egal ob Iran, Türkei, Ägypten,China und und und. In diesen Ländern werden Menschenrechte mit Füßen getreten und es gibt Menschen die sich das anschauen [...]
Wie kommen Menschen auf die Idee in solchen Ländern Urlaub zu machen? Egal ob Iran, Türkei, Ägypten,China und und und. In diesen Ländern werden Menschenrechte mit Füßen getreten und es gibt Menschen die sich das anschauen wollen? Komische Welt
hansulrich47 11.07.2018
3. @Schmidt24
Das historische (liberalere) Persien hätte uns auch interessiert, aber eine ganztägige Verhüllungspflicht für Frauen ist schlicht ein no-go! Das war für uns auch das "so nicht!"
Das historische (liberalere) Persien hätte uns auch interessiert, aber eine ganztägige Verhüllungspflicht für Frauen ist schlicht ein no-go! Das war für uns auch das "so nicht!"
Schmidt24 11.07.2018
4. @ Nr. 2 cyberpommez
Naja - in den von Ihnen genannten Ländern kann man sich durchaus etwas mehr anschauen, als die Missachtung von Menschenrechten. Und der Besuch dieser Länder übt zudem nicht nur ungemein die Toleranz, sondern zeigt auch immer [...]
Naja - in den von Ihnen genannten Ländern kann man sich durchaus etwas mehr anschauen, als die Missachtung von Menschenrechten. Und der Besuch dieser Länder übt zudem nicht nur ungemein die Toleranz, sondern zeigt auch immer wieder, auf "welcher Insel der Glückseligkeit" wir uns in D und Europa trotz aller Querelen befinden.
krautrockfreak 11.07.2018
5. Meine Erinnerungen an Teheran
War vor ca. 3 Jahren beruflich dort und war beeindruckt. Einmal so viele junge Menschen, die unter dem Regime leiden, alle recht clever und sehr freundlich, auf den Straßen zwar etwas Chaos, aber nicht so egoistisch wie z. B. in [...]
War vor ca. 3 Jahren beruflich dort und war beeindruckt. Einmal so viele junge Menschen, die unter dem Regime leiden, alle recht clever und sehr freundlich, auf den Straßen zwar etwas Chaos, aber nicht so egoistisch wie z. B. in Saudi Arabien. Und wie viele der jungen Leute dort Deutsch lernen bzw. schon können, und nicht wenige davon wollen mal nach Deutschland. Schade, dass das Land von den religiösen Führern derart geknechtet wird...
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Republik Iran

Land
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Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
dpa

Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Khamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
Corbis

Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz fünf). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
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Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2013 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 4750 Dollar. Nach der minimalen Lockerung der internationalen Wirtschaftssanktionen keimt im Land derzeit Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung. 2013 schrumpfte die Wirtschaft noch um schätzungsweise 1,7 Prozent nach mehr als fünf Prozent 2012. Neben der Arbeitslosenquote, die offiziell bei rund 13 Prozent, inoffiziellen Schätzungen zufolge aber wohl weit höher liegt, ist die Inflation nach wie vor eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2013 lag sie bei 35 Prozent, für 2014 rechnet der IWF mit 23 Prozent. Im Jahr 2013 machte Teherans Verteidigungsbudget laut IISS rund vier Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,2 Prozent).
Menschenrechte
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Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2013 mindestens 369 Menschen hingerichtet. Dem International Centre for Prison Studies zufolge saßen 2012 pro 100.000 Einwohner 284 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 79). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2013 bei 177 beobachteten Staaten den 144. Rang ein (Deutschland: 12).

Chronik

Aufstieg von Mohammed Resa
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Im Zweiten Weltkrieg gilt der monarchische Staat Iran als Freund der Achsenmächte. Britische und sowjetische Truppen besetzen daher 1941 das Land. Resa Schah muss abdanken. Die Alliierten inthronisieren seinen Sohn Mohammed Resa . Wegen seiner proamerikanischen Reformpolitik gerät der Schah erstmals 1963 in die Kritik von Ajatollah Ruhollah Chomeini, einem damals hochrangigen religiösen Führer, den die Regierung ein Jahr später in die Türkei abschiebt. Chomeini geht schließlich in den Irak. Dort bleibt er 13 Jahre und entwickelt er das Staatsmodell des islamischen Staates. Mit seiner repressiven Politik und seinem dekadenten Herrschaftsstil bringt der Schah eine wachsende Opposition aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Schichten gegen sich auf.
Ajatollah Chomeini und die islamische Revolution
Getty Images

1978 mobilisieren Liberale und Konservative, Säkulare und Religiöse, Linke und Rechte Massenproteste gegen den Schah. Zur Leitfigur des Protests wird Ajatollah Chomeini. Den landesweiten Streiks und Massendemonstrationen in Teheran schließen sich Hunderttausende an. Armee und Polizei gehen teilweise brutal gegen die Demonstranten vor. Dennoch enden die Proteste mit dem Sturz des Schahs am 16. Januar 1979. Nach Chomeinis Rückkehr aus dem Exil in Frankreich, wohin er 1978 gedrängt worden war, spricht sich die Bevölkerung in einem Referendum für die Islamische Republik aus, deren oberster Führer der Großajatollah selbst wird.

Die Außenpolitik Chomeinis wendet sich vor allem gegen die USA und Israel. Am 4. November 1979 besetzen islamische Kräfte die amerikanische Botschaft und nehmen mehr als 50 Geiseln, die erst nach 444 Tagen wieder freikommen. Chomeini billigt die Aktion. Die Beziehungen zu den USA erreichen ihren Tiefpunkt. Unterstützt von den USA überfällt der Nachbarstaat Irak am 22. September 1980 Iran. In dem folgenden acht Jahre langen Krieg zwischen den beiden Ländern sterben etwa eine Million Menschen.
Phase der Islamisierung
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Im Laufe des Kriegs treibt die Regierung die Islamisierung des Landes voran. Für Frauen gilt eine strenge Kleiderordnung, in öffentlichen Verkehrsmitteln die Geschlechtertrennung. Chomeini lässt linksgerichtete politische Häftlinge ermorden, vor allem Anhänger der Volksmudschahidin, die noch während der Revolution auf Seiten Chomeinis standen.

1989 stirbt der religiöse Führer. Der Expertenrat, ein Gremium aus höchsten religiösen Sachverständigen, ernennt Ajatollah Ali Chamenei zum Nachfolger. In den Folgejahren hat Iran stark unter zunehmender Korruption zu leiden. Die Liberalisierung der Wirtschaft bleibt weitgehend wirkungslos. Bereits 1995 verhängen die USA erste wirtschaftliche Sanktionen, weil Iran nach US-Auffassung den internationalen Terrorismus unterstützt.
Vom Reformer Chatami zum Hardliner Ahmadinedschad
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Der als liberaler Geistlicher geltende Mohammed Chatami gewinnt 1997 die Präsidentschaftswahl. Seine innenpolitischen Reformbemühungen geraten allerdings ins Stocken, da er versucht, zu viele politische Lager zusammenzubringen, und die nach wie vor einflussreichen konservativen Hardliner erheblichen Widerstand leisten. Im Juni 2005 erobert der frühere Bürgermeister Teherans und konservative Hardliner Mahmud Ahmadinedschad das Amt des Präsidenten. Außenpolitisch sorgt er vor allem durch Vorantreiben eines Atomprogramms und harsche verbale Angriffe gegen Israel für Ärger. Infolge seiner Wiederwahl als Präsident im Sommer 2009 kam es wegen Unregelmäßigkeiten zu wochenlangen Massenprotesten, die teils brutal niedergeschlagen wurden. Zahlreiche Demonstranten wurden getötet, Hunderte Menschen verhaftet.
Entspannung gegenüber dem Westen
Bei der neuerlichen Präsidentenwahl im Sommer 2013 durfte Ahmadinedschad nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten. Es siegte der als gemäßigt geltende Kandidat Hassan Rohani, der seitdem mildere Töne nach außen anstimmt. Der Westen und Iran einigen sich im November auf einen "Gemeinsamen Aktionsplan" im Streit um das iranische Atomprogramm.

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