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Reise

Turbulenzen bei Billigflieger

Ryanair gibt stornierte Flüge extrem kurzfristig bekannt

Ryanair will bis Ende Oktober täglich 40 bis 50 Flüge wegen interner Schwierigkeiten streichen - unter anderem wurden die Urlaube der Piloten durcheinandergebracht. Spekuliert wird auch über einen anderen Grund.

DPA
Montag, 18.09.2017   12:55 Uhr

Die Ankündigung kam für die Fluggäste unvermittelt. Am Freitag gab Ryanair bekannt, dass die irische Fluglinie ab sofort bis Ende Oktober täglich 40 bis 50 Flüge streichen wird. Das Unternehmen wolle mit etwa 2000 Stornierungen die Pünktlichkeitsrate, die seit Anfang September unter 80 Prozent gefallen sei, verbessern.

"Wir haben die Planung der Urlaube der Piloten durcheinandergebracht und arbeiten hart daran, dies auszubügeln", sagte Kenny Jacobs, Marketing-Chef von Ryanair. Nicht nur die desaströse Urlaubsplanung, auch Fluglotsenstreiks und Unwetter seien Schuld an den Verspätungen.

Den Ryanair-Kunden hilft das wenig. Schon am Samstag standen die Ersten von ihnen ohne Heim- oder Urlaubsflug da - und reagierten per Twitter empört. Mit extrem kurzer Vorlaufzeit wurde und wird ihnen per Mail mitgeteilt, dass ihre Flüge ausfallen. Auf der Webseite sind am Montag lediglich die Stornierungen bis Mittwoch angegeben: Gestrichen wurden in diesen drei Tagen 164 Verbindungen, davon 15 ab und zu deutschen Flughäfen.

Das Unternehmen bietet den Betroffenen Umbuchungen oder Flugpreiserstattungen an. Ihnen stehen nach der Fluggastrechte-Verordnung der EU aber auch Entschädigungen von bis zu 600 Euro zu. Die EU-Kommission in Brüssel zeigte sich beunruhigt und wies die Iren ausdrücklich auf die Rechte der Flugpassagiere hin. Man erwarte, dass sich Ryanair daran halte, sagte ein Sprecher

Das Vertrauen in den irischen Billigflieger, der sich seit Jahren unter Chef Michael O'Leary bemüht, sein Image zu verbessern, ist erschüttert: Die Papiere fielen am Montagvormittag um bis zu 4,8 Prozent auf ein Dreieinhalb-Monats-Tief von 16,25 Euro. Analysten des irischen Maklers Goodbody Stockbrockers schätzen, dass die Stornierungen die Airline rund 34,5 Millionen Euro kosten werden - davon 23,5 Millionen Euro für Entschädigungszahlungen. Eine Sprecherin von Ryanair bestätigte dies in etwa: Für die Entschädigungen rechne das Unternehmen mit bis zu 20 Millionen Euro.

Experteneinschätzung: Hintergrund ist Kampf um Air-Berlin-Slots

Laut "Irish Independent" ist nicht nur der angestaute Urlaubsüberhang der Piloten die Ursache der Personalknappheit. Die irische Zeitung berichtet, dass Ryanair auch Schwierigkeiten habe, überhaupt Personal zu finden, und in diesem Jahr bereits 140 Piloten an den erfolgreichen Konkurrenten Norwegian Air verloren habe. Ein Sprecher von Norwegian Air bestätigte dies gegenüber BBC.

Auch die deutsche Gewerkschaft Vereinigung Cockpit teilte der "Mitteldeutschen Zeitung" mit, dass Ryanair-Piloten massenhaft das Weite suchten und bei anderen Gesellschaften anheuern wollten. O'Leary sagte hingegen auf einer Analystenkonferenz in London, Konkurrenten würden um die Piloten von Ryanair buhlen - es gebe jedoch keinen Personalengpass. Die Piloten will er mit einem "Loyalitätsbonus" bei der Stange halten.

Spekuliert wird auch über einen ganz anderen Hintergrund: Ryanair bereite sich nach Einschätzung des Luftverkehrsexperten Gerald Wissel von der Beratungsgesellschaft Airborne auf den möglichen Fall vor, dass die insolvente Air Berlin ihren Flugbetrieb aus Geldmangel vorzeitig einstellen muss.

"Im Fall eines vorzeitigen 'Groundings' der Air Berlin müssten die begehrten Start- und Landerechte vom zuständigen Koordinator der Bundesrepublik sofort neu vergeben werden", sagte Wissel der Deutschen Presse-Agentur. Den Zuschlag könnten aber nur Gesellschaften erhalten, die dann auch mit entsprechenden Flugzeugen die Strecken tatsächlich fliegen könnten. Dafür wolle Ryanair einige Maschinen in der Hinterhand haben.

Aus dem Bieterkampf um die insolvente Fluggesellschaft hatte sich das irische Unternehmen Ende August zurückgezogen. Kritik erntete sie dennoch: Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller bezeichnete die Airline als "arbeitnehmerfeindliches Unternehmen" mit einem "frühkapitalistischen" Geschäftsmodell. Wirtschaftlich steht Ryanair derzeit gut da: Sein zweites Quartal von April bis Ende Juni schloss der Billigflieger mit einem Nettogewinn von 397 Millionen Euro ab.

abl/Reuters/dpa

insgesamt 56 Beiträge
hoeffertobias 18.09.2017
1. Erstaunlich!
Wie ein Unternehmen mit einer solchen Preisgestaltung überhaupt Gewinne einfliegen kann. Ich bin jetzt mehrfach mit RyanAir geflogen und war immer höchst zufrieden. Die halbe Stunde Verspätung kann ich dann locker wegstecken.
Wie ein Unternehmen mit einer solchen Preisgestaltung überhaupt Gewinne einfliegen kann. Ich bin jetzt mehrfach mit RyanAir geflogen und war immer höchst zufrieden. Die halbe Stunde Verspätung kann ich dann locker wegstecken.
chrimirk 18.09.2017
2. Geht den billigen Jakobs die Luft aus?
Das wäre zu begrüssen. Und ein Beitrag zum Klimaschutz. Wer ist der nächste?
Das wäre zu begrüssen. Und ein Beitrag zum Klimaschutz. Wer ist der nächste?
Skeptiker99 18.09.2017
3. wie bei der Bahn.
Die offizielle Begründung ist ja auch schon ein Witz. Flüge ausfallen lassen, damit nicht so viele Flüge unpünktlich sind. Das macht die Bahn genauso. Fällt ein Zug komplett aus, gilt er nicht als verspätet und ruiniert [...]
Die offizielle Begründung ist ja auch schon ein Witz. Flüge ausfallen lassen, damit nicht so viele Flüge unpünktlich sind. Das macht die Bahn genauso. Fällt ein Zug komplett aus, gilt er nicht als verspätet und ruiniert somit nicht die Statistik.
namachschon 18.09.2017
4. Habe ich kein Mitleid...
Tja, so ist das halt in der neoliberalisierten "Marktwirtschaft". Für ein Apple und Ei nach Malle, Gran Kanarien, etc. fliegen, aber den Service einer Premium Fluglinien erwarten. Müssten noch viel mehr pleite gehen, [...]
Tja, so ist das halt in der neoliberalisierten "Marktwirtschaft". Für ein Apple und Ei nach Malle, Gran Kanarien, etc. fliegen, aber den Service einer Premium Fluglinien erwarten. Müssten noch viel mehr pleite gehen, und die "Geiz ist Geil" Pauschaltouristen im Irgendwo sitzen lassen. Fliegen ist viel zu billig. Wenn ich billiger ans Mittelmeer komme, als ins Umland meiner Heimatregion, dann stimmt was nicht. Also locker bleiben. Insofern sind solche Nachrichten, wie auch alles BER gute Nachrichten.
Grummelchen321 18.09.2017
5. Wer mit
denen fliegt untergräbt auch gleich noch dazu die Arbeitsrechte der Piloten.Alle als Scheinselbstständige beschäftigt um Sozialabgaben zu sparen.So hilft der Deutsche Sparwütige auch mit die Gewerkschaften immer mehr zu [...]
denen fliegt untergräbt auch gleich noch dazu die Arbeitsrechte der Piloten.Alle als Scheinselbstständige beschäftigt um Sozialabgaben zu sparen.So hilft der Deutsche Sparwütige auch mit die Gewerkschaften immer mehr zu schwächen

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