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Reise

Streik in Europa

Was Ryanair-Passagiere wissen müssen

Ryanair-Piloten legen wie in anderen europäischen Ländern auch in Deutschland am Freitag die Arbeit nieder. Mit erheblichen Folgen für die Passagiere. Lesen Sie die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

REUTERS

Ryanair-Flugzeug

Mittwoch, 08.08.2018   12:46 Uhr

Wo und wann wird bei Ryanair gestreikt?

Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) hat einen 24-stündigen Ausstand von Freitag, 10. August, 3.01 Uhr bis Samstag, 11. August, 2.59 Uhr angekündigt. Aufgerufen seien "alle festangestellten Piloten, die an Ryanair-Stationen in Deutschland beschäftigt sind". Die Piloten schließen sich Arbeitskampfmaßnahmen an, die am Freitag in Belgien, Irland, Schweden und den Niederlanden stattfinden.strich allein 250 Verbindungen von und nach Deutschland

Ryanair teilte mit, dass europaweit 400 Verbindungen, davon 250 Verbindungen von und nach Deutschland gestrichen sind. Betroffen sind insgesamt rund 55.000 Passagiere, davon gut 42.000 in Deutschland. Der Flugbetrieb solle am Samstag wieder normal aufgenommen werden.

VC schließt auch weitere Streiks nicht aus. "Wir werden auch in den kommenden Wochen und Monaten, wenn es sein muss, immer wieder zu Arbeitskämpfen kommen. Die können dann auch durchaus mal spontaner erfolgen", sagte Ingolf Schumacher, Vorsitzender Tarifpolitik bei der Gewerkschaft. Es bleibe aber dabei, dass Streiks mindestens 24 Stunden vorher angekündigt würden.

Wie erfahre ich, ob mein Flug betroffen ist?

Betroffene Passagiere würden per E-Mail oder SMS kontaktiert. Ryanair bietet eine Rückerstattung der Kosten, eine kostenlose Umbuchung auf den nächsten verfügbaren Flug oder einen vergleichbaren Ersatzflug an. Das Servicecenter der Airline ist unter der Nummer 0180/667 78 88 erreichbar (0,20 Euro pro Minute aus dem Festnetz, aus dem Mobilnetz abweichend).

Während des zweitägigen Streiks des Kabinenpersonals Ende Juli hatte Ryanair sich geweigert, eine komplette Liste der gestrichenen Flüge zu veröffentlichen. Vielmehr hieß es auch zu der Zeit, die betroffenen Kunden würden informiert, alle anderen könnten davon ausgehen, dass ihre Flüge stattfinden. Die Kunden seien umgebucht oder vollständig entschädigt worden, erklärte Ryanair später per Twitter.

Allerdings wurden dennoch zahlreiche Passagiere in Italien nicht vorab informiert und kamen trotz Streikankündigungen an die Flughäfen.

Welche Rechte haben Passagiere, wenn ihr Flug ausfällt?

Wenn ein Flug gestrichen wird, müssen Airlines den Passagieren eine alternative Beförderung ermöglichen - zum Beispiel durch die Umbuchung auf einen anderen Flug oder auf andere Transportwege, wenn das Ziel per Bus oder Bahn erreichbar ist. Das regelt die Fluggastrechte-Verordnung der EU. Bei Flugausfall oder einer Verspätung von mehr als fünf Stunden, kann der Kunde aber auch sein Ticket zurückgeben und bekommt dann sein Geld zurück.

Häufig bieten Airlines ihren Kunden gleich kostenfreie Umbuchungen auf alternative Termine - wie Ryanair - oder die Erstattung von Ticketkosten an.

Wer trägt die Kosten, wenn Passagiere nach Flugausfall stranden?

Nach der EU-Fluggastrechteverordnung muss eine Airline oder der Veranstalter seine gestrandeten Kunden betreuen - unabhängig davon, ob das Unternehmen für die Verspätungen oder Ausfälle von Flügen verantwortlich ist oder nicht. Verpflegung samt Getränken sollte gestellt werden, und wenn sich der Flug auf einen anderen Tag verschiebt, muss die Airline oder der Veranstalter die Hotelkosten tragen.

Gibt es Anspruch auf Schadensersatz?

Im Prinzip gilt: Streiken Piloten, haben Reisende keinen Anspruch auf Entschädigung bei Ausfällen oder Verspätungen ihrer Flüge von mehr als drei Stunden. Denn laut einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) aus dem Jahr 2012 handelt es sich hierbei um höhere Gewalt. Das gilt aber unter der Bedingung, dass die Fluggesellschaft alles unternimmt, was in ihrer Macht steht, um die Folgen des Streiks zu minimieren.

Allerdings hat sich die Rechtsprechung seit der Entscheidung des obersten deutschen Gerichts weiterentwickelt, erklärt der Reiserechtsexperte Paul Degott aus Hannover. So entschied der Europäische Gerichtshof im April 2018, dass eine Airline bei einem wilden Streik nur unter zwei Bedingungen von der Erstattungspflicht befreit werden könne: Zum einen dürfe das Ereignis, das zu den Behinderungen führte, nicht Teil der normalen Betriebstätigkeit sein. Zum anderen dürfe es von der Airline nicht beherrschbar sein (Az.: C-195/17).

Aus der Urteilsbegründung leitet Degott ab, dass Entschädigungen für Passagiere eines regulären Streiks möglich sind, wenn es dabei den Streikenden nicht nur um die Bezahlung, sondern um die Arbeitskonditionen insgesamt ging. Betrachte man die Gründe der Ryanair-Streikenden, "dann liegt das sehr nahe an dem, was der EuGH sagt", sagt Degott.

Allerdings müsste im aktuellen Fall erst mal geklagt werden. Daher rät Degott, vorsorglich Ausgleichszahlungen zu beantragen. Auch die Verbraucherzentralen empfehlen den Antrag, am besten schriftlich.

Im Juli kündigte Ryanair an, dass die Fluglinie seine Passagiere nicht für Flugausfälle und -verspätungen infolge des damaligen Streiks entschädigen wolle. Das Unternehmen hatte versichert, alle betroffenen Passagiere seien rechtzeitig umgebucht oder hätten den Preis des Flugtickets zurückerhalten. Darüber hinaus werde es aber wegen der "außergewöhnlichen Umstände" keine Entschädigungen zahlen.

Wenn keine "außergewöhnlichen Umstände" vorliegen, müssten Fluggesellschaften nach EU-Fluggastrechteverordnung bei Annullierungen und Verspätungen von mehr als drei Stunden eine Ausgleichszahlung leisten. Der Betrag liegt je nach Distanz bei 250 bis 600 Euro.

abl/dpa

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