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Reise

Sturmchaos in Nordrhein-Westfalen

Was Bahn-Kunden bei Ausfall und Verspätung zusteht

Sturmtief "Eberhard" hat den Bahnverkehr in Nordrhein-Westfalen am Sonntag lahmgelegt, kein Zug fuhr mehr. So können Kunden Entschädigungen einfordern.

TMN

Informationsschalter der Bahn

Montag, 11.03.2019   11:25 Uhr

Am Sonntagnachmittag musste die Bahn den Verkehr im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen komplett stoppen. Sturm "Eberhard" hatte Bäume auf die Gleise geweht und für einen Stromausfall in einem Stellwerk gesorgt. Am Montagmorgen fuhren dort wieder erste Züge im Fern- und Regionalverkehr. "Pendler sollten mit Verspätungen rechnen und sich in den Informationssystemen auf dem Laufenden halten", sagte eine Sprecherin der Deutschen Bahn.

Hunderte Reisende waren am Wochenende betroffen und strandeten zum Teil an Bahnhöfen. Dort stellten Bahn-Mitarbeiter an Taxi- und Hotelgutscheine aus. Außerdem wurden Aufenthaltszüge für die Nacht bereitgestellt. Die Bahn hob zudem alle Zugbindungen für am Sonntag und Montag geplante Fahrten auf. Die Tickets behalten ihre Gültigkeit bis zu einer Woche nach Reisedatum oder können kostenfrei storniert werden.

Welche Rechte haben Bahn-Kunden generell, wenn etwa bei Stürmen, Signalstörungen, oder Baustellen alles drunter und drüber geht?

Wenn Bahn-Reisende davon ausgehen können, dass ihr Zug am Zielbahnhof mehr als 20 Minuten verspätet sein wird, löst dies die Zugbindung von Tickets auf. Dann dürfen die Betroffenen den nächstbesten, aber auch spätere Züge nehmen und sind nicht mehr an eine bestimmte Route gebunden. Wer einen teureren Zug nimmt - zum Beispiel statt des Regionalexpresses einen ICE -, muss zunächst ein neues Ticket kaufen oder einen Aufpreis zahlen. Das bezahlte Geld kann er sich später aber wieder erstatten lassen.

  • Was steht mir zu bei Verspätungen ab 60 Minuten?
  • Wenn die Verspätung mehr als eine Stunde beträgt, können Reisende die Fahrt nicht antreten und sich den Fahrpreis erstatten lassen. Passagiere, die schon unterwegs sind, können die Reise abbrechen und sich einen Anteil des Preises auszahlen lassen - oder zum Ausgangsbahnhof zurückkehren und den gesamten Preis zurückfordern. Entschließen sie sich, trotzdem weiterzufahren, haben sie Anrecht auf Erstattung eines Viertels des Fahrtpreises. Ab zwei Stunden Verspätung ist es die Hälfte. Besitzt man eine Bahncard 100, gibt es zehn Euro Entschädigung in der zweiten Klasse.

    Haben Bahn-Reisende die 4,50 Euro für eine Reservierung investiert und fehlt dann der Wagen oder der ganze Zug fällt aus, so können sie sich das Geld zurückholen. Dafür müssen sie Fahrgastrechteformular sowie Originale des Fahrscheins und der Reservierung einreichen

  • Was steht mir zu, wenn ich andere Verkehrsmittel nehmen muss oder abends nicht mehr zu meinem Ziel komme?
  • Wer auf ein anderes Verkehrsmittel umsteigen muss, um noch zum Ziel zu kommen, kann die Kosten dafür bis zu einer Höhe von 80 Euro unter bestimmten Bedingungen von der Bahn zurückfordern. So muss die planmäßige Ankunftszeit zwischen null und fünf Uhr liegen und der Zug mindestens eine Stunde Verspätung haben. Alternativ haben Kunden Ansprüche, wenn die letzte planmäßige Verbindung des Tages ausfällt.

    Um eine Entschädigung zu bekommen, müssen sich die Betroffenen ein Fahrgastrechteformular besorgen und ausfüllen. Das Formular wird manchmal direkt im Zug ausgeteilt, ansonsten bekommen die Fahrgäste es an der Information, im Reisezentrum oder im Internet zum Ausdrucken. Anschließend müssen sie es zusammen mit der Fahrkarte oder einer Kopie bei einem Reisezentrum der Bahn abgeben oder per Post an das Servicecenter Fahrgastrechte in Frankfurt am Main schicken.

    Kunden können Entschädigungen noch bis zu ein Jahr nach der Verspätung verlangen. Die Bahn empfiehlt, sich die Verspätung vom Zugpersonal oder am Bahnhof auf dem Formular bestätigen zu lassen.

    Das geht nicht. Was bei so manchem Verbraucher für den Ärger sorgt. Es sei verständlich, dass viele Kunden das als nicht mehr zeitgemäß empfinden, sagt ein Bahn-Sprecher. Die Deutsche Bahn will das auf lange Sicht auch ändern. Doch technisch sei das komplex und herausfordernd. So sei es zum Beispiel keine Option, den Prozess teilweise zu digitalisieren und auf online gekaufte Tickets zu beschränken.

    Für Vielfahrer, die damit potenziell auch vielfach von Verspätungen betroffen sind, hat der Bahn-Sprecher einen Tipp: das Formular online ausfüllen und im Computer speichern. Daten wie Anschrift oder Kontoverbindung müssen dann nicht jedes Mal wieder eingetragen werden. Das spart etwas Zeit. Ausdrucken und verschicken oder am Bahnhof vorbeibringen ist aber unvermeidlich.

    Wer auf diesen analogen Weg verzichten will, findet Anbieter im Internet. Einer ist Zug-Erstattung.de. Das Prinzip: Man lädt sein Ticket hoch, das System liest die Daten aus und bereitet auf deren Basis den Antrag vor. Man selbst fügt diesem noch seine Anschrift und Kontoverbindung hinzu. Das Verschicken an die Bahn übernimmt danach der Anbieter. Das kostet ab dem zweiten Antrag 0,99 Euro Gebühr. Ähnlich macht es Refundrebel.com.

    Bahn-Buddy.de geht mittlerweile noch weiter: Das Portal prüft anhand des hochgeladenen Tickets die Ansprüche des Kunden und macht ein Angebot für eine Sofortauszahlung der Entschädigung. Dafür fällt eine Gebühr an, deren Höhe sich laut Unternehmensangaben an den Erfolgsaussichten des Antrags orientiert. Maximal seien es 20 Prozent der im Raum stehenden Entschädigungssumme, im Schnitt würden zwölf Prozent abgezogen, sagt Phillip Eischet. Er ist Mitgründer des Unternehmens RightNow, zu dem Bahn-Buddy.de gehört.

    Die Bahn muss einen Antrag innerhalb eines Monats bearbeiten. Meist gehe es schneller, so der Bahn-Sprecher. Anfang November betrug die durchschnittliche Zeit rund zehn Tage. Anders als bei vielen Airlines, die sich bei Entschädigungsforderungen querstellen, lassen sich Ansprüche gegenüber der Bahn in der Regel ohne Probleme durchsetzen - zu der Einschätzung kommt Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn.

    Nur bei eher selten vorkommenden Härtefällen müssten Verbraucher die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (söp) rufen. Sie schlichte in 60 bis 70 Prozent der Fälle im Kundensinne. Entsprechend sagt Naumann zum Angebot von Bahn-Buddy.de: "Wem es darauf ankommt, das Geld früher zu haben, abzüglich der Gebühren natürlich, kann das machen." Es sei aber kein überlebensnotwendiger Service.

    abl/AFP/dpa

    insgesamt 6 Beiträge
    retterdernation 11.03.2019
    1. Schließen Wetterkapriolen ...
    nicht alle Haftungsansprüche aus. Beim Fliegen gibt es wetterbedingt keine Ersatzleistung. Bei der Bahn dürfte es ähnlich sein. Der Artikel stellst sich damit irgendwie in Frage ... oder ?
    nicht alle Haftungsansprüche aus. Beim Fliegen gibt es wetterbedingt keine Ersatzleistung. Bei der Bahn dürfte es ähnlich sein. Der Artikel stellst sich damit irgendwie in Frage ... oder ?
    darthmax 11.03.2019
    2. Vergleich
    wenn Flüge auf Grund höherer Gewalt = Wetter , Steiks abgesagt oder verspätet werden, steht dem Passagier keine Vergütung zu, selbst wenn diese berechtigt ist, muss er darum klagen und teure Anwälte bezahlen. Wenn also die [...]
    wenn Flüge auf Grund höherer Gewalt = Wetter , Steiks abgesagt oder verspätet werden, steht dem Passagier keine Vergütung zu, selbst wenn diese berechtigt ist, muss er darum klagen und teure Anwälte bezahlen. Wenn also die Bahn hier un die Pflicht genommen wird, wieso wird die Konkurenz geschont ? Die haben sicher eine bessere Lobbyarbeit geleistet und die internationale Aufstellung siehe Gepäckverlust tut ein Übriges.
    mgerhard 11.03.2019
    3. Viel Bürokratie statt automatische Erstattung bei Online-Buchungen
    Die Bahn macht die Erstattung sehr bürokratisch anstatt automatisch rückzuerstatten. Bei Online-Buchungen mit Reservierungen weiß die Bahn ja, welche Züge ausfallen. Stattdassen muss ich mühsam die Kosten der nun hinfälligen [...]
    Die Bahn macht die Erstattung sehr bürokratisch anstatt automatisch rückzuerstatten. Bei Online-Buchungen mit Reservierungen weiß die Bahn ja, welche Züge ausfallen. Stattdassen muss ich mühsam die Kosten der nun hinfälligen Reservierung per Papierformular beantragen (ich nehme mal an, dass die Bahn darauf hofft, dass das viele Kunden aus Bequemlichkeit nicht machen). Aber wenn ich online buche und bezahle, kann die Bahn mir die Kosten prompt am nächsten Tag auf mein Konto zurückerstatten. Buchungen sollen schnell mit einem Klick funktionieren. Warum aber nicht auch Erstattungen? Ein Beginn wäre die Rückerstattung von Sitzplatzreservierungen bei ausgefallenen Zügen.
    c.PAF 11.03.2019
    4.
    Irgendwie geht aber ganz unter, daß die Bahn seit heute viel (!) pünktlicher ist und viel weniger Züge Verspätung haben. Wie das? Na, die Bahn hat doch erklärt, daß seit heute nur noch solche Züge als verspätet [...]
    Irgendwie geht aber ganz unter, daß die Bahn seit heute viel (!) pünktlicher ist und viel weniger Züge Verspätung haben. Wie das? Na, die Bahn hat doch erklärt, daß seit heute nur noch solche Züge als verspätet gelten, die mehr als 15 (!) Minuten zu spät ankommen. Na also, Deutsche Bahn, geht doch! Nächster Schritt ist dann wohl, daß Züge als nicht verspätet gelten, wenn sie überhaupt ankommen. Dann gäbe es das Gerede wegen Tagen wie gestern überwiegend nicht mehr.
    spaceagency 11.03.2019
    5. c.paf - super
    dann warten wir mal auf die Statistik mit den neuen Kriterien. Ich wette, dass auch mit 15min Tolleranz die DB wie bisher die unpünktlichste Bahn Westeuropas bleibt. Was denken Sie?
    dann warten wir mal auf die Statistik mit den neuen Kriterien. Ich wette, dass auch mit 15min Tolleranz die DB wie bisher die unpünktlichste Bahn Westeuropas bleibt. Was denken Sie?
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