27.09.2010
Luxusyachten-Werft Lürssen
Quietscheenten für Superreiche
Von Mare-Autor Peter SandmeyerDie Neubauten der Werft animieren Autoren einschlägiger Hochglanzmagazine regelmäßig zu schwärmerischer Begeisterung. Als der Rezensent von "Yachting & Style" den Oberdecksalon der "Kismet" betrat, Baujahr 2007, riss es ihn hin. "In balinesischer Stimmung gehalten, mit einem Oberlicht, das aus dem Glasboden des Sundeck-Whirlpools besteht. Er sitzt genau darüber. Unter dem Glasboden, also an der Decke des Beach House, schweben bunte Quallen aus Glas."
Um Lürssen-Kunde zu werden, genügt es nicht, den Lotto-Jackpot zu knacken. Die Werft baut keine Yacht unter 50 Meter Länge. Und der laufende Meter Schiff, so die Faustregel, beläuft sich auf eine Million Euro. Basispreis. Extras kosten extra.
Jörg Beiderbeck war den Reichen immer dankbar, dass sie ihr Geld auf diese Weise unter die Leute bringen. "Sozialneid ist eine ganz falsche Einstellung; wir leben doch alle prächtig von diesem Reichtum." Beiderbeck entwirft immer noch Schiffe, hat sich aber 1996 selbstständig gemacht. "Heute sucht sich jemand, der ein Schiff bauen lassen will, seinen Designer und geht dann mit dessen Entwurf zur Werft."
Noch 80 Tage bis zur Übergabe
Die "Martha Ann", die im Januar 2008, endlich in Umrissen, erkennbar hoch und trocken in ihrer Halle am Nord-Ostsee-Kanal liegt, hat Espen Øino gezeichnet, ein norwegischer Superstar der Branche, auch "der Magier" genannt; Hauptsitz Monaco, aber ständig unterwegs zwischen Nizza, Bremen, Moskau und Palm Beach.
Die Länge der von ihm entworfenen Superyachten, die auf den Weltmeeren schwimmen, ergibt zusammen mehr als 1000 Meter. Sein Erfolgsrezept: ein Innenraum, der dem Eigner passt wie ein Maßanzug; und äußere Linien, für die er bewundert wird. "Das Exterior ist der öffentliche Aspekt einer Yacht", erklärt der Designer, "es ist der erste Eindruck, wenn der Eigner oder Gäste kommen. Die müssen schon bei der Anreise sagen können: Wow, was für eine tolle Yacht!"
Vom tollen Exterior ist noch wenig zu sehen. 80 Tage vor der Übergabe sind die Bordwände der "Martha Ann" mit Plastikplanen verhängt, es wird geschliffen und lackiert. Eine Kolonne von Spezialisten aus Griechenland macht diesen Job, gegen den die Arbeit in einer Autolackiererei wie Urlaub in einer Wellnessoase wirkt.
40 Tonnen Spachtelmasse werden verarbeitet. Dann stehen hinter den Plastikplanen die Painter in weißen Overalls auf drei Gerüstebenen übereinander, Atemschutzmasken auf den Gesichtern, Spritzpistolen in den Händen, hinter ihnen Helfer, die Schläuche nachführen, Schweiß abwischen, Lack nachgießen, Farbton Midnight Blue.
Jede Bordwand, 70 Meter lang, muss vom Bug bis zum Heck und von oben bis unten in einem Arbeitsgang durchgespritzt werden, nass in nass. Sonst gibt es Absätze, Farbunterschiede, Lackläufer. Und das bedeutet: alles von vorne - abschleifen, spachteln, neu lackieren. Und wenn dann alles gut gegangen, trocken und okay ist, dann folgt der zweite Spritzgang.
So viele Kabel wie in einer Boeing 747
Hinter der Bordwand werden unterdessen Kabel verlegt; in allen Farben und Stärken winden sich die Stränge durch die Schiffsgänge und werden in die Schächte hinter den abgehängten Decken gehievt, über 200 Kilometer, so viel wie in einer Boeing 747. Jede Kabine an Bord verfügt über ein Audio-Video-System mit allen Raffinessen, inklusive eines großen, versenkbaren Flachbildschirms. 45 Fernsehgeräte sind an Bord, 1000 Spielfilme abrufbar. 75 Menschen an Bord sollen gleichzeitig im Internet surfen können.
Während die einen Arbeiter Kabel ziehen, montieren andere "Entdröhnbleche" auf die Fußböden, sie lagern auf federnden Abstandshaltern, damit Schiffsvibrationen nicht in die Kabinen übertragen werden. Das komplette Innere der Yacht ist ein Box-in-box-System: Weder Wellenschlag noch Maschinenlärm sollen im Wohnbereich spürbar sein. In den Kabinen ist es so ruhig, dass Lürssen auf den Einbau von Minibars verzichtet - das Brummen der Kühlschränke könnte die Gäste stören.
Ein Deck höher steht Prassad in der Bordbibliothek und belegt das Kapitell einer korinthischen Säule aus poliertem Holz mit Blattgold. 90 von diesen Säulen gibt es, alle handgeschnitzt und teilweise vergoldet. Prassad, 35, Tischler, kommt aus dem indischen Kerala, dort leben seine Frau, der zweieinhalbjährige Sohn und die jüngere Tochter. Vor zwölf Monaten hat er sie zuletzt gesehen. Er selbst arbeitet seit zehn Jahren für die Firma Greenline Interiors in Dubai, spezialisiert auf die Anfertigung exklusiver Yachtinteriors.
Noch vor ein paar Jahren hat Lürssen den Innenausbau aller Yachten ausschließlich an deutsche Betriebe vergeben. Doch der Boom der Megayachten hat bei diesen für derart überquellende Auftragsbücher gesorgt, dass die Werft mit ihren Bestellungen an den Golf ausweichen musste.
Von Sultanspalast bis Pop
Die Variationsbreite der Stile reicht dort vom Sultanspalast über Art déco bis zu knalligem Pop. Im Fall der "Martha Ann" folgt die Innendekoration einer Stilrichtung, die man auf der Werft zurückhaltend mit "Baltimore-Barock" umschreibt, amerikanischer Nussbaum, schwer, dunkel, ausladend. Das Holz aus den USA hat eine deutsche Firma geschnitten und nach Dubai geliefert, 20 Stämme, alle ungefähr im gleichen Farbton. Daraus wurde die komplette Inneneinrichtung der Yacht angefertigt, vorwiegend von Tischlern aus Indien - "Künstler ihres Fachs", rühmt Markus Pfeiffer, selbst Schreinermeister und der Werftverantwortliche für die gesamte Inneneinrichtung.
Nachdem in Dubai alles komplett und aufgebaut war, wurde es vom Eigner samt Gattin und dem Innenarchitekten François Zuretti besichtigt und abgenommen; dann in Container verladen und an den Nord-Ostsee-Kanal geschickt. Und deswegen wohnt Prassad mit 40 anderen Indern seit Monaten in einem Gasthof des Örtchens Jevenstedt, baut tags auf der "Martha Ann" die zerlegten Nussbaumschränke, Nussbaumbetten, Nussbaumregale und den Nussbaumschreibtisch mit den ausladenden Füßen wieder zusammen, trägt Blattgold auf und poliert Kratzer; und isst abends eins der Currys, deren Zubereitung der Koch des Dorfgasthauses in einem Crashkurs eigens lernen musste; dann guckt der Inder noch ein Bollywood-Video und geht früh zu Bett.
Zum schweren Holz an Bord passen schwere Polstermöbel, ein schwerer Steinway-Flügel, schwere Vorhänge mit schweren Troddeln und schweren Bordüren und der schwere Marmor in den Bädern, der allerdings in Leichtbauweise verlegt wird. "Dünnsteintechnik", erläutert Markus Pfeiffer, "nur drei Millimeter dick geschnitten, kostet ein Vermögen." Jörg Beiderbeck, der für einen Eigner auch einmal einen Rumpf aufschneiden lassen musste, um nachträglich eine Wanne aus Lapislazuli in ein Bad zu hieven, wiegelt ab: "Ein Vermögen ist es für unsere Kunden sicher nicht." Doch unter 10.000 Euro je Quadratmeter ist die Inneneinrichtung einer solchen Yacht nicht zu haben.

