27.09.2010
Luxusyachten-Werft Lürssen
Quietscheenten für Superreiche
Von Mare-Autor Peter SandmeyerDer Blick auf den Generalplan macht schwindelig. Tank Deck, Lower Deck, Main Deck, Bridge Deck, Upper Deck, Sun Deck, Tausende Komponenten und Einbaupositionen, von den sechs Klimazentralen, die die Aircondition steuern, über Stabilisatoren, die Seegang auch dann ausgleichen, wenn das Schiff ohne Antrieb ist, über die High-Fog-Feuerlöschanlage, die Klimaschränke für den Wein (Fassungsvermögen 1440 Flaschen), die Hochdruckpresse, die den Müll zusammenstaucht, und den Kühlraum, in dem er bis zur Entsorgung gelagert wird, über das "Electronic Anchoring System", mit dem das Schiff auch bei Wind, Strömung und 1000 Meter Wassertiefe auf einer Position bleiben kann, bis zum gläsernen Lift, der die Decks verbindet, und dem riesigen Plasmabildschirm, auf dem man im Hafen von Monaco vom Whirlpool aus das Formel-1-Rennen in Monaco verfolgen kann, so lange, bis die Boliden live am Schiff vorbeirasen. Rund 2000 Prüfpunkte gibt es, von der Waschmaschine bis zum Navigationsgerät. Und hinter jedem Prüfpunkt steht noch einmal die "Was passiert, wenn …?"-Frage: wenn mitten auf dem Atlantik der Fahrstuhl stecken bleibt?
Das Ganze ist ein Megapuzzle und eine logistische Meisterleistung. Planung, Bestellung, Einbau folgen akribischen Dispositionen. Erschwert werden sie von der Lage auf dem Weltmarkt: Stahl ist knapp und teuer, auf die Lieferung von Schiffsdieseln muss man viele Monate warten, ein Bugstrahler hat 36 Monate Vorlaufzeit, und Preissteigerungen von 25 bis 30 Prozent sind keine Seltenheit.
Der Mann, der den Überblick behält, ist Dietrich Kirchner, Projektleiter für die "Martha Ann", 44, seit zwölf Jahren bei Lürssen, Schiffbauer, Ingenieur, einer von 400 auf der Werft. Ein gesuchter Mann. Lürssen, wie alle Werften, hat Nachwuchssorgen. Das gilt besonders bei den Ingenieuren.
Fehler werden einkalkuliert
Kirchner ist ein nüchterner Mann, ein Mann der Zahlen, Termine und Spezifikationen. Er hat die Auftragsabwicklung im Griff und den Countdown bis zum Tag null unter Kontrolle. Seine Zahlen stimmen, auf seine Rechnung ist Verlass. Kirchner kann gut schlafen. Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Alles eine Frage von Berechnung, Reaktion und Teamwork.
Sogar eine Fehlerquote ist eingerechnet. Die große Flügeltür, die das Achterschiff des Main Deck mit der Lounge verbindet und in einem abweichenden Weißton angeliefert wird, bringt ihn nicht aus der Ruhe. Fertigungsingenieur Horst Westphal lässt sie demontieren und zum Neulackieren abtransportieren. Notdürftig wird der Eingang mit Plastikfolie abgedichtet. Trotzdem können innen die Tischler nicht weiterarbeiten - schwankende Luftfeuchtigkeit könnte dem Holz schaden. Der Projektleiter behält die Nerven. Dietrich Kirchner ist ein Mann, der nicht leicht irritierbar ist.
Auch nicht von dem Spagat, in dem er lebt. Tagsüber organisiert er Superluxus, am Feierabend klettert er in seinen ältlichen Peugeot und fährt zu seiner Frau und den vier Kindern ein paar Dörfer weiter; nach Jahren des Mieterdaseins und eisernen Sparens konnte die Familie 2009 endlich ein eigenes Häuschen beziehen.
Aber es gibt einen Faktor, der nicht berechenbar ist: den Kunden. Der Kunde hat spontane Ideen, wechselnde Gelüste, häufig eine Frau mit eigenen, eigenwilligen Ideen und keinerlei Verständnis für den Satz "Das geht nicht". Man kann aber nicht ein schnelles Schiff, ein ruhiges Schiff und ein Schiff mit großem Raumangebot zugleich haben. Entweder schlank und schnell oder geräumig und ruhig. Eine Frage der Berechnung.
Man kann auch nicht beliebig viele Decks übereinandertürmen. Gewicht oben bedeutet Instabilität. Deswegen muss beispielsweise der Pool auf dem Upper Deck geleert werden, bevor das Schiff aufs Meer hinausfährt. Seefahrt mit voller Wasserlast auf dem zweithöchsten Deck gefährdet nach den Regeln der Klassifizierungsgesellschaft die Sicherheit. Eigner wollen das manchmal nicht verstehen. Und deswegen gibt es Nächte, in denen Dietrich Kirchner nicht gut schläft.

