03.08.2012
Planwagen-Tour durch die Uckermark
Kaltblüter auf Autopilot
Von Helge BendlGerade hat hier jemand die Zeit angehalten. Nein, sie wurde zurückgedreht. Der Ameisenhaufen namens Stadt ist verschwunden, all die vielen Menschen, die hektische Geschäftigkeit des Alltags. Keine Hochhäuser, keine Einkaufszentren, kein Verkehr und keine Musik mehr aus tausendundeinem Lautsprecher. Stattdessen taucht man ein in eine ganz andere, viel natürlichere Landschaft. Und in eine Geräuschkulisse, in der klappernde Störche und der in Kastanienalleen und Pappelwäldchen rauschende Wind die Tonspuren liefern.
Man kann die Uckermark im eigenen Fahrzeug erkunden - und sich zuerst über Geschwindigkeitsbegrenzungen ärgern und dann über Kopfsteinpflasterstraßen, die einen durchschütteln. Oder, das ist die bessere Alternative, sie erleben, wie sie sich gibt: langsam. Wer Lust hat auf ein Rendezvous mit der Einsamkeit und die nötige Muße, entdeckt die Uckermark mit Pferd und Planwagen.
Eine Woche lang tourt man gemächlich über Feldwege und kaum befahrene Sträßchen, vorbei an Herrensitzen und Backsteinkirchen, angetrieben von nur einem PS. Mit dem Fahrrad wäre man deutlich schneller, als geübter Wanderer schafft man ein paar Kilometer mehr am Tag. Doch gerade in der Uckermark gilt: Der Weg ist das Ziel. Der Stress kann zu Hause bleiben.
Die Nervosität indes reist mit - glücklicherweise aber nur am ersten Tag. "Keine Angst: Sie brauchen null Erfahrung mit Pferden", hatte Katrin van Zwoll, Chefin von Celine Native Caravan, am Telefon gesagt und so die letzten Bedenken zerstreut - oder es zumindest versucht. Denn immer noch nimmt man sein neues Heim samt Zugtier mit einer Portion Unsicherheit in Empfang. Der Planwagen ist etwa so groß wie ein Camper und bietet mit einem Stockbett und dem Tisch samt zwei Bänken, die sich zu einem Doppelbett umbauen lassen, Platz für vier Personen.
Gasherd, Kochgeschirr, Licht von einer Zwölf-Volt-Batterie, Bettwäsche, Decken und ein Wassertank: Die Organisatoren haben an alles Wichtige gedacht. Und gleich mit exakter Routenbeschreibung, Karte und Satellitenbildern eine "Sieben-Seen-Tour" ausgearbeitet. Die Übernachtungsplätze - am Waldrand oder auf einer Wiese, auf einer Lichtung oder direkt am See - sind genau beschrieben. "Natur pur", heißt es bei der Einweisung verschmitzt, "ein Klappspaten ist im Wagen."
Dann wird man von Katrins Kollegin Nadin (in der Uckermark ist man schnell per du) in den Stall geführt. "Unsere Pferde sind Kaltblüter. Diese Tiere sind gutmütig und nicht aus der Ruhe zu bringen. Aber auch gelehrig und clever. Mathilde hat eure Tour schon oft gemacht und wird den Weg fast alleine finden."
Ein halber Eimer Kraftfutter als Bestechung
Mathilde: So heißt unsere Begleiterin für die nächsten sieben Tage. Sie zieht schon kräftig am Strick. Eine Dame von imposanter Größe und mächtigem Gewicht, aber zartem Gemüt: Wenn man sie mit einem halben Eimer Kraftfutter besticht, lässt sie sich ohne Murren vor den Planwagen spannen.
Wie das geht, lernen Laien tatsächlich in einer halben Stunde. Nadin kommt mit auf die Probefahrt zum ersten Rastplatz, hinterlässt für Notfälle ihre Handynummer - und wünscht gute Nacht. Mathilde funktioniert derweil, das stellt sich am nächsten Morgen heraus, nicht nur als vor Kraft strotzender Antrieb, sondern auch als verlässlicher Wecker: Weil sich Planwagen und Pferd eine Koppel teilen, kann sie schon früh am Morgen an die Wagentür klopfen: Zeit fürs Frühstück!
Mit gespitzten Ohren (Mathildes Signal, dass alles in Ordnung ist, auch wenn sie nicht immer den saftigen Löwenzahn fressen darf, der am Wegesrand wächst) zieht sie den Planwagen durch eine Landschaft ohne Gegenverkehr. Bei ihrem gelassenen Tempo sieht man plötzlich all die Details, die normalerweise an einem vorbeigerauscht wären. In einem Pappelwäldchen sprießt eine Kolonie Schirmpilze, während Mathilde ihren Hafer mampft. In den Seen, vor bunten Bootshäuschen, springen im Abendlicht die Fische. Und wenn man die Wasserburg von Gerswalde ansteuert oder mit klappernden Hufen die Kastanienallee zu Schloss Kröchlendorff hinauffährt, fühlt man sich wie einer der Adligen von Arnims, die hier einst hoch zu Ross unterwegs waren.
Weit, weit weg vom Rest der Welt scheint dann dieser unberührte Flecken Land. Gerade einmal 80 Kilometer sind es vom Norden Berlins, eine gute Stunde vom Rand der quirligen Hauptstadt. Doch Menschen trifft man nur wenige. Einheimische und Zugereiste aus den Metropolen, die hier im abgeschiedenen Nirgendwo ihr Paradies gefunden haben, verteilen sich auf versteckt liegende winzige Dörfer, die noch nicht vom Renovierungswahn verschandelt sind.
Und so ist eine Entschleunigungs-Woche mit Pferd und Planwagen viel zu schnell wieder vorbei. Wer will, kann seine Tour verlängern. So viel Zeit muss sein für eine Zeitreise in die Uckermark.

