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29.11.2012
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Berliner Phänomen

Wolfsbarsch im Toilettenhäuschen

dapd

Die notorische Geldknappheit der Hauptstadt hat den Berlinern ungewöhnliche Restaurants beschert - ihre Köche kochen und braten in umgestalteten Toilettenhäuschen. Kult ist inzwischen ein Imbiss in Kreuzberg geworden, der mit seiner Historie jedoch eher vorsichtig umgeht.

Ihre Geschäftspartnerin war zunächst gar nicht begeistert: ein französisches Restaurant in einer öffentlichen Toilette? Doch Alexandra von Scholz hatte sich bereits in das historische Gebäude und seine Lage am Berliner Müggelsee verliebt. "Der Standort war so gut", schwärmt sie. Also unterschrieben von Scholz und ihre Partnerin vor mittlerweile neun Jahren den Vertrag mit dem Bezirksamt Köpenick und begannen mit der Renovierung.

Sie funktionierten eine "komplett heruntergekommene Toilette" in ein Restaurant mit klassischen französischen Moules-frites (Muscheln mit Pommes frites) und Wolfsbarsch auf der Speisekarte um. Die Anwohner in Berlin-Friedrichshagen hätten zunächst Berührungsängste gehabt, sagt von Scholz. Allerdings nicht nur wegen der früheren Nutzung des Backsteingebäudes, sondern auch wegen der Küche. Inzwischen habe sich das Restaurant Domaines etabliert.

Wie so vielem in der notorisch klammen Hauptstadt, gab Geldknappheit den Anstoß für die Verwandlung von öffentlichen Bedürfnisanstalten. Wurden sie zunächst durch die Berliner Stadtreinigung verwaltetet, übernahm die Reinigungsfirma Wall Mitte der neunziger Jahre die Toiletten, wie der Leiter der Denkmalschutzbehörde im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, Olav Vogt, berichtet.

Schmiedeeiserne Designperlen

Da die Kosten für die Renovierung der Toilettenhäuschen in die Hunderttausende gingen, erhielt Wall im Gegenzug Werbeflächen in Straßen. Als die Bezirke jedoch keine Außenwerbung mehr genehmigen wollten, musste die Verwaltung andere Betreiber für die Toilettenhäuschen finden. "Die Umnutzung war ein Rettungsanker für einige Anlagen", sagt Vogt.

Gut zwei Dutzend von ihnen stechen besonders hervor: Es sind schmiedeeiserne Häuschen in achteckiger Form, vom Volksmund liebevoll Café Achteck genannt. Diese Toiletten wurden Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. Eine Legende besagt, dass ein Berlin-Besuch der Königin Victoria von Großbritannien den Ausschlag gab: Sie sah einen Mann auf offener Straße urinieren und war schockiert. Zunächst waren die Toiletten nur für Männer. Vogt berichtet, dass sie - wie bei einem Lego-Spielzeug - aus Fertigbauteilen zusammengesetzt waren.

Eines von ihnen steht am Schlesischen Tor im Stadtteil Kreuzberg und riecht heute vor allem nach Braten- und Frittierfett: der Imbiss Burger-Meister. Vor sechs Jahren gewannen seine Besitzer Cebrail Karabelli und Cecilie von Reibnitz eine Ausschreibung des zuständigen Bezirksamts. Unter strengen Denkmalschutzauflagen bauten sie ihren Grill in dem einstigen Urinal ein - und sind inzwischen berühmt.

Vom Pissoir zur Braterei

Nachdem der Burger-Meister in unzähligen internationalen Reiseführern als angesagtes Schnellrestaurant der Hauptstadt empfohlen wurde, ist der Grill unter der Hochbahnbrücke ein Besuchermagnet. Unweit von der East Side Gallery gelegen, einem der letzten kompletten Stücke Mauer in der Stadt, müssen die Kunden Schlange stehen, wenn sie an ein Hacksteak im Brötchen kommen wollen.

Dass der Imbiss in einer Toilette untergebracht ist, entgeht dabei vielen, aber längst nicht allen. Dennoch sind sich die Inhaber nicht sicher, ob sie die Vergangenheit ihres Imbiss als Toilette etwa mit Hilfe einer Metalltafel bekanntmachen sollten. "Man muss immer aufpassen, dass kein Ekel entsteht", sagt Anja Meichsner, eine Mitarbeiterin des Burger-Meisters, die gern ein paar Fotos zur Geschichte des Häuschens anbringen würde. Doch denkt sie, dass das Wissen um das Pissoir von einst für viele Kunden "nicht so ganz" mit dem coolen Image von heute "harmonisiert".

Immerhin gibt es nach wie vor einige Café Achtecks, die noch ihre ursprüngliche Nutzung anbieten, eines davon am Gendarmenmarkt. Allerdings ist auch hier nur der äußere Schein historisch. Das Häuschen ist komplett rekonstruiert, vor allem damit es heutigen Standards entspricht. Einen Vorteil hat dies: Auch Frauen können sich jetzt hier erleichtern.

abl/AFP

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insgesamt 1 Beitrag
1. Berlin ist wiedereinmal Vorreiter
ein-dummer-junge 29.11.2012
warten wir es ab und finden gleiche Restaurants nur doppelten Preis in München oder Hamburg
warten wir es ab und finden gleiche Restaurants nur doppelten Preis in München oder Hamburg

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