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17.12.2012
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Besuch in Thüringen

Der Stockmacher von Lindewerra

Von Oliver Lück
Oliver Lück

Michael Geyer ist einer der letzten seiner Art in Deutschland: Er ist Stockmacher. Seine kleine Fabrik liegt an der früheren deutsch-deutschen Grenze. Und seine Wanderstöcke sind in aller Welt bekannt. Selbst TV-Held Dr. House stützt sich auf eines der hölzernen Unikate.

Jeder kennt Peter Ustinov. Und fast jeder dürfte auch das Foto kennen, auf dem der mittlerweile gestorbene Schauspieler schelmisch durch den ovalen Griff seines Gehstocks lugt. Natürlich auch Michael Geyer, der ein wenig stolz auf dieses Foto ist. Er sagt: "Mein Vater hat diesen Stock gemacht." Manchmal sieht er auch andere Stöcke aus seiner Werkstatt, wenn sie im Fernsehen oder auf Bildern im Internet auftauchen. Dr. House, der TV-Arzt aus der gleichnamigen US-Serie etwa, stützt sich ebenso auf ein Unikat aus dem Hause Geyer wie Dieter Althaus, der frühere Ministerpräsident Thüringens, oder einst auch Otto Graf Lambsdorff.

Geyer steht in der kleinen Stockfabrik im thüringischen Lindewerra, genau da, wo schon sein Ururgroßvater den ersten Stock dämpfte, bog und trocknete. Seit über 160 Jahren wird in dieser Werkstatt geschliffen, gefräst, verziert und gebeizt. 32 Arbeitsschritte braucht es bis zum fertigen Wanderstock. Hunderte dunkelbraune Gehstöcke mit gebogenem Griff hängen an Drahtseilen unter der Decke. Rohlinge aus Edelkastanie liegen auf Transportwagen gestapelt in einer Ecke. Feiner Holzstaub hat sich auf alles gelegt.

Rund 70.000 Stöcke werden hier jedes Jahr handgefertigt. Allein vom traditionellen Wanderstock mit glänzender Bergstockspitze sind es fast 40.000. Zwei Angestellte hat Geyer. 200 Modelle umfasst das Sortiment, meist aus Kastanienholz, das aus Spanien und Südengland kommt: Rustikale Stöcke mit Naturwurzel. Mit Griffen für Rechts- und Linkshänder. Für Herren, Damen und Kinder. Mit eingebautem Kompass oder mit Glöckchen. Kranken- und Hirtenstöcke, Pilger-, Jagdsitz- und Spazierstöcke. Geyer sagt: "Jeder Stock hat seine eigene Geschichte. Jeder Stock ist ein kleiner Baum." Und ein Qualitätsstock kann viele Jahre alt werden und nicht selten sogar ein Menschenleben überdauern.

Stock als Statussymbol

Geyer ist kein typischer Thüringer, jedenfalls nicht, wenn man glaubt, was viele erzählen: dass Menschen aus Thüringen stets ausdauernd und gerne reden. Der 42-Jährige ist eher schweigsam. Er ist ein schlanker, kräftiger Mann mit kurzen Haaren und Glatze. Seine Hände verraten viel mehr über ihn und seinen Alltag als seine Worte. Die Arbeit hat Spuren hinterlassen, hat Furchen hineingegraben und Schwielen entstehen lassen. Es sind kurze, kräftige Finger, die fest zupacken können.

"So wie es im Erzgebirge die Spielzeugmacher gibt, gibt es hier die Stockmacher", sagt Geyer, "wobei es nicht mehr viele sind." Geyer ist einer der beiden letzten Erben einer großen Tradition. Im Nachbarort Bad Sooden-Allendorf gibt es noch eine weitere Stockfabrik. In den vierziger Jahren waren es allein in Lindewerra 30 Familien, die fast eine Million Stöcke im Jahr produzierten. Damals, als der Stock noch als Statussymbol galt und wie der Hut zum Mann gehörte. Auch Geyer hat seinen eigenen Wanderstock. Es ist ein schulterhohes Exemplar mit dem handgeschnitzten Kopf eines Geiers an der Spitze.

1836 hatte ein Stockmachermeister aus Göttingen das Handwerk nach Lindewerra gebracht, wo auf den Hängen des nahe gelegenen Höheberges vor allem Eichen wuchsen. Die Rinde wurde damals geschält und zur Gerbsäureherstellung in der Lederproduktion benötigt. Die Bäume starben ab, und aus den Stümpfen wuchsen junge Schösslinge, die ein gutes Material für die Herstellung von Geh- und Stützstöcken aller Art waren.

Heute leben rund 250 Menschen in dem ruhigen Ort, der viele Fachwerkhäuser hat und den man noch immer "Deutschlands Stockmacherdorf" nennt. Dabei gibt es nur noch die Manufaktur der Geyers, deren Wanderstöcke in aller Welt bekannt sind. Deutschland, Österreich, Italien und die Schweiz sind die Hauptabnehmer. Und auch in England, den USA, Frankreich oder Japan gilt eine Gehhilfe aus Lindewerra mittlerweile als zuverlässiger Begleiter. "Viele denken, dass der Stock ein Zeichen von Alter oder Behinderung ist", sagt Michael Geyer, "wer viel wandert, weiß es besser."

Die Grenze ist noch sichtbar

Rund um Lindewerra gibt es zahlreiche Wanderwege. Die Mitte Deutschlands, wo Thüringen und Hessen sich berühren und wo die Werra eine Biege macht, die wie eine ovale Schlinge aussieht, liegt so abgeschieden und eingerahmt von bewaldeten Hügeln, als hätte man sie vergessen.

Einst verlief hier, an den Ausläufern des hessischen Berglandes, die deutsch-deutsche Grenze. Jenseits des Flusses lag Westdeutschland, das so mancher im Dorf noch immer so nennt. Man kann die Trennlinie auch heute noch sehen, wenn man den mit Bäumen bestandenen Höhenzug hinaufguckt. Die breite Schneise, die damals in den Wald geschlagen wurde, wird jetzt von jungen Birken bewachsen.

Geyer sagt: "Die Natur hat sich schon vieles zurückgeholt. Das ist gut. Wichtig ist aber auch, dass man manche Dinge nie vergisst." Auch wenn es manchmal ein etwas beklemmendes Gefühl ist, wenn er durch das Dorf läuft und die Straße der Einheit hinuntergeht, die früher Friedensstraße hieß und direkt am dunklen Streckmetallzaun mit dem Stacheldraht endete.

Geyer kann viele Grenzgeschichten erzählen, der Zaun und der Wachturm standen ja nur wenige Meter vom Hof seiner Eltern entfernt. Eine geht so: Regelmäßig kamen die Verwandten aus Kassel ans andere Flussufer, um zu winken und die Familie auf der thüringischen Seite zu sehen. Zurückwinken war verboten, das hatte der Abschnittsbevollmächtigte so angeordnet. Geyers Oma aber wollte sich nicht daran halten. Sie stellte sich dann jedes Mal ans Schlafzimmerfenster im ersten Stockwerk, tat so, als würde sie Fenster putzen und wedelte wild mit dem Staublappen.

"Der Einbruch kam 1990"

Für Geyer zählt jetzt vor allem die Zukunft. Für ihn war auch immer klar, dass er die Firma seiner Vorfahren eines Tages fortführen würde. Der gelernte Tischler hatte schon als Kind seinem Vater und Großvater geholfen und sich alles abgeguckt. Vor drei Jahren übernahm er den Familienbetrieb. Seine Eltern haben seither eine kleine Wirtschaft gleich neben der Werkstatt. Ein mutiger Schritt.

Als die Grenze aufging, ging es für die letzten verbliebenen Stockmacher bergab. "Der Einbruch kam 1990", erzählt Geyers Vater Wolfgang, "als die Genossenschaften aufhörten zu existieren und die Stockmachereien ihre Hauptlieferanten für Holz verloren." Der 64-Jährige wollte nicht aufgeben und erinnert sich, wie er sich damals auf die Suche machte. Er lieh sich das Auto eines Nachbarn und fuhr bis nach Spanien. Als er in den Ausläufern der Pyrenäen riesige Kastanienwälder entdeckte, konnte es weitergehen.

Wie lange noch, weiß niemand so genau. Wegen der Nordic-Walking-Hysterie und der hochmodernen Glasfaserstöcke mit Teleskopauszug sei der Umsatz in den vergangenen Jahren zurückgegangen. "Der Naturliebhaber nimmt den Holzstock, der Sportler den High-Tech-Stock", sagt Geyer.

Der Hoffnungsträger der Familie aus Lindewerra könnte vielleicht der zehnjährige Enkel sein, der sagt, dass auch er mal Stockmacher werden möchte. Ob sein Vater das gut finden soll, weiß er nicht. "Wir werden sehen", sagt Geyer, "klar ist, dass er unsere Tradition nicht fortführen muss." Einen kurzen Augenblick hält er inne. "Wobei, schön wäre es schon."

Forum

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insgesamt 9 Beiträge
1. die guten Ossi-Produkte :-)
Millitärwissenschaftler 17.12.2012
...da ist endlich der lange erwartete Beweis...nicht nur der Osten geht am Stock :-)...nein da wird auch von Charly Sheen in Two and a Half Men auch gerne mal ein Radeberger Bier getrunken...mich würde nicht wundern, wenn James [...]
...da ist endlich der lange erwartete Beweis...nicht nur der Osten geht am Stock :-)...nein da wird auch von Charly Sheen in Two and a Half Men auch gerne mal ein Radeberger Bier getrunken...mich würde nicht wundern, wenn James Bond mal eine F6 raucht...ach nein die Traditions-Marke wird es ja bald nicht mehr geben( die heißen dann Chesterfield)...gibt es noch mehr Ossi-Produkte im internationalen Filmgeschäft????
2. Teleskopstöcke
jejo 17.12.2012
Auch Naturliebhaber nutzen zunehmend Teleskopstöcke, wie sie auch moderne Funktionskleidung nutzen. Funktional ist ein solcher moderner Teleskopstock nämlich deutlich überlegen, sowohl was Gewicht, Anpassbarkeit an [...]
Auch Naturliebhaber nutzen zunehmend Teleskopstöcke, wie sie auch moderne Funktionskleidung nutzen. Funktional ist ein solcher moderner Teleskopstock nämlich deutlich überlegen, sowohl was Gewicht, Anpassbarkeit an unterschiedliche Situationen als auch Unempfindlichkeit angeht. Und dann gibt es noch diejenigen, die sich am Beginn einer Wanderung selbst einen Wanderstab suchen, die waren natürlich nie potentielle Kunden. Bleibt als Kundschaft eigentlich nur noch die Gruppe der Nostalgiker und Liebhaber solcher Gegenstände. Hoffentlich bleibt die so gross, dass sich solche Unternehmen noch halten können.
3. Schöne Geschichte
ratxi 17.12.2012
Eine schöne Geschichte wie diese schenkt mir neue Ideen für eine Wanderung in ursprünglicher Natur. Ich freue mich, die Manufaktur eines Tages zu besuchen...
Zitat von sysopOliver LückMichael Geyer ist einer der letzten seiner Art in Deutschland: Er ist Stockmacher. Seine kleine Fabrik liegt an der früheren deutsch-deutschen Grenze. Und seine Wanderstöcke sind in aller Welt bekannt. Selbst TV-Held Dr. House stützt sich auf eines der hölzernen Unikate. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/stockmacher-michael-geyer-aus-lindewerra-in-thueringen-a-872948.html
Eine schöne Geschichte wie diese schenkt mir neue Ideen für eine Wanderung in ursprünglicher Natur. Ich freue mich, die Manufaktur eines Tages zu besuchen...
4. Ursprünge u.Brauchtum bewahren -
trevi 17.12.2012
Es tut gut, derartiges zu lesen. Gehen in D doch zunehmend altes Brauchtum und ehrenwerte Ursprungs-Darstellungen zurück, bzw. werden z.T. lächerlichen amerikanischen Gepflogenheiten geopfert. Leider unter tatkräftiger [...]
Es tut gut, derartiges zu lesen. Gehen in D doch zunehmend altes Brauchtum und ehrenwerte Ursprungs-Darstellungen zurück, bzw. werden z.T. lächerlichen amerikanischen Gepflogenheiten geopfert. Leider unter tatkräftiger Mithilfe von TV-Medien -
5. Es wäre dennoch schön, zu wissen, ...
Methusalixchen 18.12.2012
... mit wie vielen Leuten Geyer 70.000 Stöcke im Jahr herstellt, rund 8 pro Stunde ...
... mit wie vielen Leuten Geyer 70.000 Stöcke im Jahr herstellt, rund 8 pro Stunde ...

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