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07.08.2013
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Per Frachtschiff auf dem Rhein

Kreuzfahrer mit Schlappohr

Von Bernd Ellerbrock
Bernd Ellerbrock

Viele weidende Kühe, Loreley und mittelalterliche Burgen: Der Rhein ist beschaulich, pittoresk und fast mediterran schön. Während einer Fahrt mit der "MS Michaela" lernen Gäste auch den Alltag einer Binnenschiffer-Familie kennen - vor sich 3611 Tonnen Schrott.

Der Weg zu meinem Urlaubsdomizil für die kommende Woche führt an mehreren Verbotsschildern vorbei: So was wie "Privatweg" oder "Durchfahrt verboten" kümmern mich heute nicht. Schließlich lande ich bei Amelsbüren in der Nähe der A1-Autobahnbrücke direkt am Dortmund-Ems-Kanal. Und an der "MS Michaela", einem 171 langen und 9,50 Meter breitem Schubverband.

"Auf meinem Schiff wird sich geduzt. Ich heiße Christian", begrüßt mich Schiffseigener Pawliczek. Der Mann für klare Ansagen ist Binnenschiffer aus Leidenschaft in dritter Generation. Motor an, Leinen los. Am Steuerstand legt Christian die linke Hand am Ruderhebel, die Füße hoch, der Blick ist nach vorn gerichtet oder links auf den Bildschirm, auf dem abwechselnd mal TV, mal eine elektronische Karte aufscheint.

Mit zehn Kilometer pro Stunde schieben sich die miteinander verkoppelten Schiffskörper gemächlich durch den Kanal. Beladen sind sie nicht, nur ein paar Tonnen Ballastwasser schwappen wie in einer überdimensionalen Badewanne hin und her. Und Ballast ist nötig bei einer Kanalfahrt quer durchs Ruhrgebiet, sonst würde das Schiff nicht unter den vielen Brücken hindurch kommen.

Taucht eine auf, fährt Christian seinen Fahrstand weit nach unten, nur sein Kopf lugt durch eine Öffnung im Dach hervor. Ist die Brücke passiert, wird das Steuerhaus wieder hinaufgefahren. "Du fährst wohl gerne Fahrstuhl", frotzele ich. "Ich hoffe, dein Wagen ist Vollkasko versichert. Die nächste Brücke könnte ihn zerschreddern", antwortet Christian. Deswegen wollte er am Telefon die Höhe meines Autos wissen! Ich bin erleichtert, als das Fahrzeug mit dem bordeigenem Kran weiter nach hinten umgesetzt wird. Es soll mich am Ende der Reise schließlich wieder nach Hause bringen.

18 Stunden im Steuerstand

Brückendurchfahrtshöhen, Schleusenabmessungen, fehlende Liegeplätze - das Problem-ABC der Binnenschifffahrt ist lang. Christian schimpft über die Deutsche Bahn, die als Letzte ihre Brücken höher legen würde. "Die Binnenschifffahrt ist doch deren Konkurrent." Und dass er heute nicht mehr weit käme. Es ist Wochenende, da wird nachts nicht geschleust, sondern erst ab 6 Uhr morgens wieder.

Die "Michaela" ist im Morgengrauen das erste Schiff, das in die Schleuse Wanne-Eickel einfährt. Via Sprechfunk verständigt Christian sich mit Bootsmann Marek, der mit den Festmachertauen beschäftigt ist. Als der Schubverband die dunkle, schmierige Schleusenkammer verlässt, schaut Christian nach, wo sich die "Hanseatic Scout" befindet. Der Schüttgutfrachter aus Norwegen hat den Bauch voll Schrott, der am nächsten Morgen auf das Binnenschiff umgeladen werden soll.

Das Seeschiff umfährt gerade den Skagerrak und wird wohl pünktlich in Rotterdam eintreffen. Die "Michaela" auch. Bedächtig tuckert sie durch den hundert Jahre alten Rhein-Herne-Kanal, vorbei an der Künstlerzeche "Unser Fritz" in Herne, dem Nordsternpark in Gelsenkirchen, der Marina Oberhausen und schließlich an der wohl bekanntesten Landmarke, dem "Gasometer" Oberhausen, in dem sich gerade Christo austobt. Vor der Schleuse Oberhausen-Lirich haben Künstler eine große Tafel angebracht: "Geduld" steht darauf. Wie treffend.

Ich lausche dem monotonen Motorengeräusch und dem freundlichen Gezirpe der Vögel im Ufergebüsch. Immer wieder begegnen uns andere Binnenschiffe, dies ist eine Frühaufsteherbranche. 18 Stunden ununterbrochen darf Christian sein Schiff führen, danach ist eine Ruhepause von mindestens sechs Stunden einzuhalten.

Touristen als zahlende Gäste willkommen

Normalerweise müssen sich seine Gäste selbst in ihrem Zimmer über einen eigenen Kühlschrank versorgen und dürfen die große Küche nutzen. Doch jetzt in den Ferien ist die ganze Familie inklusive zwei Söhnen und einer Tochter an Bord. Dazu die drei polnischen Bootsleute - und Schiffshund Aaron. Christians Frau Helen, gelernte Hotelfachfrau, kümmert sich um Frühstück, Mittag, Abendbrot. Dreimal am Tag sitzen wir in einer engen Sitznische hinter dem Steuerpult von Christian, der seine Mahlzeiten von einem Tablett auf den Oberschenkeln isst. Pause? Fehlanzeige.

Das Familienleben in der Binnenschifffahrt ist wenig romantisch. Christian holt abends kein Schifferklavier raus, sondern geht früh schlafen. Helen kümmert sich um Wäsche, Kinder, Internetseite, Korrespondenz und Buchhaltung. Das Rheinpatent zum Führen eines Binnenschiffes besitzt sie obendrein. Auch die 13- und 15-jährigen Jungs helfen, wo sie können. Eine Familie, die nicht nur von, sondern auch für die Binnenschifffahrt lebt.

Als wir endlich den Rhein befahren, wird das Ballastwasser abgepumpt und der Laderaum von den Kindern zum Spielplatz umfunktioniert. Mitten auf dem großen Fluss fahren sie im Schiffsrumpf Skateboard und malen mit bunter Kreide Bilder an die Stahlhaut. Auf dem Wasser-Highway hetzen die einen Frachtschiffe zu Tal und quälen sich die anderen zu Berg. Überholmanöver dauern hier eine Ewigkeit. Christian kennt jede Brücke, jeden Hafen, jede Fähre, jede Strömung, jede Buhne. Er hat den Rhein schon mit seinem Vater Rudolf befahren, vor zehn Jahren kaufte er den Schubverband.

Doch der Jungunternehmer wirkt besorgt und gehetzt. Wie in der Seeschifffahrt hat die Krise auch bei den Binnenschiffern zugeschlagen, die unter sinkenden Frachtraten, Überkapazitäten und steigenden Spritkosten leiden. Sichere Frachtaufträge wie in früheren Jahren, in denen ordentlich Geld verdient wurde, sind rar. Wie es nach meiner Woche an Bord weitergeht, weiß er nicht. Die Mitnahme von Urlaubsgästen jedenfalls ist willkommenes Zubrot. Würde er wieder ein Schiff bauen lassen, dann gleich mit zusätzlichen Zimmern für Gäste, sagt Christian.

Wanderung mitten im Rhein

Am anderen Morgen in Rotterdam wird der skandinavische Schrott vom Seeschiff aufs Binnenschiff verladen. Christian achtet auf die gleichmäßige Verteilung der Fracht, muss sein Schiff umsetzen, lässt wieder Ladung abnehmen, da "Michaela" zu tief im Wasser liegt. Staubwolken von Rost wirbeln bei jedem Hub auf, Mensch und Schiff sind zum Schluss von einer braunen Schicht bedeckt.

3611 Tonnen Schrott sind nun an Bord, bestimmt für ein Stahlwerk in Kehl am Rhein. Christian geht "erst mal duschen", bevor der 1.632 PS starke Motor angeworfen und abgelegt wird. Die drei polnischen Bootsleute sind den Rest des Tages beschäftigt: Der gesamte Schubverband wird abgeduscht und abgeschrubbt, bis auch das letzte Krümchen Roststaub im Rhein gelandet ist. Blitzsauber fährt "Michaela" jetzt rund 700 lange Kilometer "zu Berg".

Diesmal sehr langsam. Der Schubverband wird knapp über drei Meter tief in den Strom gedrückt, nur wenige Zentimeter ragt die Gangbord aus dem Wasser heraus und wird dabei ständig überspült. Entgegenkommende Schiffe lösen regelrechte Wellen aus, die angerauscht kommen, sich brechen. Der hintere Teil des Schiffes mit der Wohnung und dem Steuerhaus ist durch ein quer angebrachtes Schanzkleid, einen "Wellenbrecher", geschützt.

Ganz vorn am Bug des Leichters ist jetzt der richtige Platz für Urlaubsstimmung: kein Motorgeräusch, kein Sprechfunk - nur das Plätschern der Wellen. Um dorthin zu kommen, muss ich eine Schwimmweste anlegen. "Zieh auch Gummistiefel über", ruft Christian mir nach. Doch ich wate lieber barfuß durchs warme Rheinwasser, das die Waden bis zum Knie hoch umfließt - eine Wanderung mitten durch den Rhein.

Unterwegs auf Binnenschiffen
Eine Mitfahrt auf der "MS Michaela" kostet in der Einzelkabine 490 Euro pro Woche. Die Kabine ist ausgestattet mit Einzelbett, Dusche/WC, TV/Radio/CD-Player und Kühlschrank. Küche kann mit genutzt werden. Es kann eine zweite Einzelkabine dazu gebucht werden (gemeinsames Bad); Preis: 770 Euro pro Woche.
Information: www.ms-michaela.de, msmichaela@gmx.de
Weitere Mitfahrmöglichkeiten auf Binnenschiffen
Mo-Bay: Dieter Last, Höpenweg 35, 21423 Winsen; Telefon: 0171-4113199; www.urlaub-binnenschiff.de
GMS "Bayerischer Wald": Eberhard Butenhof, Hasenroth 1, 44309 Dortmund; Telefon: 0231-3387450 oder 0171-8614627; www.ms-bayerischer-wald.de
Agentur Pfeiffer: Manteuffelstraße 6, 42329 Wuppertal; Telefon: 0202 – 452379; www.frachtschiffreisen-pfeiffer.de

Forum

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insgesamt 7 Beiträge
1. Fehlerhinweise
fehlerteufel666 07.08.2013
Bitte im Text korrigieren und dann dies löschen: 9 von 15 > ... fahren die Söhne und die Tochter des Schiffers im leeren Rumpf Scateboard ... Skateboard (k) > sonst würde das Schiff nicht unter den vielen [...]
Bitte im Text korrigieren und dann dies löschen: 9 von 15 > ... fahren die Söhne und die Tochter des Schiffers im leeren Rumpf Scateboard ... Skateboard (k) > sonst würde das Schiff nicht unter den vielen Brücken hindurch kommen ... hindurchkommen (ein Wort) > Ich hoffe, dein Wagen ist Vollkasko versichert ... vollkaskoversichert (ein Wort) > Mitten auf dem großen Fluss fahren sie im Schiffsrumpf Scateboard Nochmal: Skateboard (k)
2. Jetzt fehlt nur noch....
flüchtig 07.08.2013
der Ansprechpartner, über welchen man den Binnenschiffern ein solches Zubrot ermöglichen kann. Eine solche Reise würde ich auch gerne mal machen. Ich könnte mir auch vorstellen, der Hausfrau (*Binnenschiffahrtsfrau*) trotz [...]
der Ansprechpartner, über welchen man den Binnenschiffern ein solches Zubrot ermöglichen kann. Eine solche Reise würde ich auch gerne mal machen. Ich könnte mir auch vorstellen, der Hausfrau (*Binnenschiffahrtsfrau*) trotz Bezahlung dabei zur Hand zu gehen.
3. Da auch meine Frau und ich eine..
Holledauer 07.08.2013
.. gewisse "Wasseraffinität" haben, würde auch uns so eine gemächliche Rheinfahrt interessieren. Wir wissen natürlich, dass es auf dem Rhein auch "Kreuzfahrtschiffe" gibt, aber die Masse an Touristen [...]
Zitat von flüchtigder Ansprechpartner, über welchen man den Binnenschiffern ein solches Zubrot ermöglichen kann. Eine solche Reise würde ich auch gerne mal machen. Ich könnte mir auch vorstellen, der Hausfrau (*Binnenschiffahrtsfrau*) trotz Bezahlung dabei zur Hand zu gehen.
.. gewisse "Wasseraffinität" haben, würde auch uns so eine gemächliche Rheinfahrt interessieren. Wir wissen natürlich, dass es auf dem Rhein auch "Kreuzfahrtschiffe" gibt, aber die Masse an Touristen ist kaum auszuhalten. Darum lieber etwas weniger Komfort, aber sehr viel mehr Ruhe.
4. Buchung und Kontakt
BerndEPunkt 07.08.2013
Möglichkeiten, auf einem Binnenschiff als Gast/Passagier mitzufahren, gibt es nur wenige: M/S Michaela (http://www.ms-michaela.de) (der Schubverband dieses Reiseberichtes) Urlaub auf dem Binnenschiff [...]
Möglichkeiten, auf einem Binnenschiff als Gast/Passagier mitzufahren, gibt es nur wenige: M/S Michaela (http://www.ms-michaela.de) (der Schubverband dieses Reiseberichtes) Urlaub auf dem Binnenschiff (http://www.urlaub-binnenschiff.de) (Binnenschiff Mo-Bay) GMS Bayerischer Wald (http://www.ms-bayerischer-wald.de) (Binnenschiff GMS Bayerischer Wald) oder über folgende Agentur: Internationale Frachtschiffreisen Pfeiffer GmbH - Startseite - Willkommen (http://www.frachtschiffreisen-pfeiffer.de) Weitere Tipps, Reportagen und Hintergründe zu Reisen auf Frachtschiffen in meinem Buch "Auf Frachtschiffen unterwegs"; Fotostrecken und mehr Maritimes auf meiner Webseite Fotografie ? 8Komma0 ? Bernd Ellerbrock (http://www.8komma0.de). Bernd Ellerbrock (Autor)
5.
brut_dargent 07.08.2013
Wir würden auch direkt mit an Bord gehen. Koche übrigens ganz gern.
Wir würden auch direkt mit an Bord gehen. Koche übrigens ganz gern.

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