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Reise

Ausflugstipp zum Wochenende

Wo man in Deutschland noch flippern kann

Wenn es ein Spielgerät gibt, an dem Väter ihren Kindern noch etwas voraushaben, dann ist das der Flipper. Gelegenheit, die unvergessenen Spielhallenklassiker zu spielen, gibt es fast überall in Deutschland.

ASSOCIATED PRESS
Samstag, 10.09.2016   16:36 Uhr

"Nachwuchs" und "Museum" sind zwei Vokabeln, die nicht immer gut zueinanderpassen. Es gibt allerdings Museen, aus denen die lieben Kleinen kaum wieder wegwollen: An zahlreichen Orten in Deutschland kann man noch mit Flippern spielen - den lauten, alten elektronisch-mechanischen Spielgeräten, mit denen über 80 Jahre etliche Generationen groß geworden sind.

Einen Finger auf den Knopf rechts, einen auf links, und los ging das: mit viel Gerappel und Gepinge, Lichteffekten und diversen Zielen, Hindernissen und Ablenkungen für den Ball, den man so lang wie irgendwie möglich im Spiel halten musste. Das war Spiel mit Körpereinsatz, denn in der Not half nur noch ein kurzer Ruck, um den Ball daran zu hindern, zwischen den zwei per Knopfdruck gesteuerten "Fingern" hindurch zu verschwinden. Doch die Kraft dafür wollte fein abgemessen sein, denn sonst drohte das "Tilt": Eine mechanische Wippe im Inneren des Flippers quittierte zu heftiges Ruckeln mit der Deaktivierung der elektronischen Steuerung - Game over.

"Tilt? Was soll denn Tilt heißen, Papa?"

Genau mit diesem Drahtseilakt zwischen Physis und kühler Reaktion kann man Kids von heute an ihre Grenzen bringen: "Papa, was soll denn 'Tilt' heißen?" dürfte neben "Wieso tut der nichts mehr?" zu den eher häufigen Statements beim Erstkontakt mit diesen Oldtimern der Game-Kultur gehören. Möglich ist der über Vereine und einige Museen, die man über fast ganz Deutschland verteilt findet. Die deutsche Flippersuchmaschine kennt rund 1300 Standorte, die meisten davon privat. Doch es bleiben eine ganze Menge Museen und Vereine, die zumindest zu festgesetzten Zeiten ihre Maschinen für Besucher anwerfen - vorzugsweise am Wochenende: Für einen nostalgischen Trip allein oder mit Nachwuchs. Eintritts- und Nutzungspreise liegen meist zwischen 5 und 15 Euro.

Eines der größten Flippermuseen des Landes feiert an diesem Wochenende sein zehnjähriges Bestehen: Das Deutsche Flippermuseum in Neuwied, Westerwald.

Mit Wehmut reisen hier viele in die eigene Vergangenheit. Überall flimmert und blinkt es. Die Silberkugeln rollen. Musikfetzen und metallische Stimmen hallen durch verwinkelte Räume. Die Stromrechnung ist groß - und der nostalgische Spaß auch: Mit rund 50 Geräten hat Neuwied 2006 eröffnet. Heute sind es etwa 150 auf rund 350 Quadratmetern.

Einst standen Flipperautomaten in unzähligen Gaststätten. Dann kamen Mitte der Siebziger die Arcade-Automaten, die den Flipper sehr alt aussehen ließen: anfänglich primitive digitale Spiele wie "Asteroids" oder "Defender" - und bald "Pac-Man", "Donkey Kong" und all die anderen Dinge, die man wiederum nur wenige Jahre später auf Spielkonsolen im Wohnzimmer spielen sollte. So verdrängte das Arcade-Spiel den Flipper aus dem öffentlichen Raum, nur um selbst wieder zu verschwinden - bis in die Neunzigerjahre hielten sich noch einige Hersteller, aber digitales Spiel schlug Flipperspaß.

Vom Kult zum Ladenhüter - und zurück zum Kult

Heute gibt es mit Stern nur noch einen einzigen der einst großen Flipper-Hersteller, dazu einige kleinere Manufakturen, vor allem in den USA. Die dürfen sich allerdings wieder über auflebende Nachfrage freuen: Flippern ist für die Älteren pure Nostalgie - und Jüngere entdecken es als puren Spielspaß.

Auch in Deutschland werden wieder mehr Geräte verkauft und aufgestellt, die meisten sind aber Restaurationen. "Es gibt wieder einen kleinen Boom", sagt der Neuwieder Museumschef Axel Hillenbrand. "Aber eher für Privatleute, für Sammler."

Bundesweit bieten mittlerweile zweieinhalb Handvoll Museen und Vereine den Fans gegen Eintritt eine Rückreise in die Blütezeit der Flipper an (siehe Linkverzeichnis). So auch eines in Schwerin, mit mehr als 90 Geräten, wie Jörg Grünwald vom kleinen Trägerverein erzählt. "Zu uns kommen auch viele Kinder, die Flipper nur auf dem PC oder Tablet gespielt haben. Wenn sie die Automaten bei uns zum ersten Mal in echt erleben, sind sie begeistert." In beiden Museen können Besucher selbst flippern.

So ging das: Flipper "Icredible Hulk" (1979)

In Neuwied kommen die Flipper auch bei denen gut an, die nicht mit ihnen aufgewachsen sind. Sie redeten nur anders darüber, sagt Hillenbrand: " Sie sagen 'ich habe noch drei Leben', so wie bei den Videospielen, statt wie wir 'ich habe noch drei Kugeln'. Und sie sagen 'Token' zu den D-Mark-Münzen, mit denen die meisten Flipper nur funktionieren."

Viele Besucher wollen ihren Kindern zeigen, womit sie in der Jugend gespielt haben, sagt Hillenbrand. "Viele Väter freuen sich auch, mal wieder gegen den Sohn zu gewinnen. Mit der Playstation schaffen sie das ja oft nicht mehr."

Die in Neuwied ausgestellten Modelle zeigen acht Jahrzehnte der "Pinball"-Geschichte, wie Flipper im Englischen heißen. Es ist ein Geschicklichkeitsspiel, kein Glücksspielautomat, wie Hillenbrand betont. "Alles, was es zu gewinnen gibt, ist ein Extraball."

Und wie kommt man dazu, ein Flippermuseum zu gründen? "Ich habe meine Diplomarbeit über 'Star Trek' geschrieben und mich danach mit einem 'Star Trek'-Flipper belohnt", erzählt der Pädagoge und Sozialarbeiter. Bald seien es mehr Flipper geworden, und die Idee für das Museum sei entstanden. Dort bringt der kleine Trägerverein auch neu gekaufte Geräte aus ganz Europa auf Vordermann.

Rund 5000 Besucher zieht das Museum jedes Jahr an. Dazu gehört seit 2013 auch ein kleines Flipperhotel mit drei Zimmern im Stil unterschiedlicher Spielautomaten und mit zwei Flippergeräten zum nostalgischen Daddeln bis zum Schlafengehen.

Virtuelle Visualisierung: Flipper Terminator 2

Neben den Museen gibt es auch noch eine ganz aktive Spielszene: Ein Teil davon hat sich in der deutschen Flipper-Liga organisiert. Auch die Sportvereine erlauben Besuchern die Flipperei, meist an bestimmten Tagen. Wann und wo, erfährt man über ihre Webseiten (siehe Linkverzeichnis unten).

Wer sich lieber selbst einmal so ein Prachtgerät zulegen will, braucht eine dicke Brieftasche oder sehr viel Glück: Intakte alte Geräte werden ab circa 2500 Euro gehandelt, Neugeräte aus US-Fertigung gibt es ab rund 6000 Euro.


Flipperorte in Deutschland

Flipper-Standortsuche: 1300 Automaten Museen und Vereine

19057 Schwerin: Flippermuseum Schwerin e.V.
28816 Stuhr: Flippermuseum Bremen
32339 Espelkamp: Deutsches Automatenmuseum
32657 Lemgo: Electric Friends
44225 Dortmund: Shoot again - Flippermuseum Ruhr
48161 Münster: Verein Deutscher Flipperfreunde e.V.
56564 Neuwied: Deutsches Flippermuseum
54516 Wittlich: Pinball Party
61209 Echzell: Freddy's Pinball Paradise
63500 Seligenstadt: Flipper- und Arcademuseum Seligenstadt
73240 Wendlingen: Flipperhalle Stuttgart
76185 Karlsruhe: Retrogames e.V.
91620 Oberscheckenbach (bei Rothenburg o.d.T): Flippersammlung

Jens Albes, dpa/Frank Patalong

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