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Reise

Sturmbilanz der Bahn

Millionen Reisende waren von Herbststürmen betroffen

Tausende Zugausfälle, tagelange Reparaturen: Die Stürme "Xavier" und "Herwart" brachten im Herbst den Bahnverkehr im Norden zum Erliegen. Zahlen der Bundesregierung zeigen nun erstmals das ganze Ausmaß.

DPA

Reisende im Oktober in Hamburg

Von
Freitag, 01.12.2017   10:16 Uhr

Mehr als zwei Millionen Reisende in Deutschland waren nach den Herbststürmen "Xavier"und "Herwart" von Zugausfällen betroffen. Insgesamt fuhren rund 12.800 Züge gar nicht mehr oder nur noch auf einem Teil ihrer normalen Strecke. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag hervor, die dem SPIEGEL vorliegt.

Die beiden Stürme hatten im Oktober große Schäden angerichtet. Hunderte Bäume kippten auf Gleise und zerrissen vielerorts Oberleitungen. Im nördlichen und nordöstlichen Teil Deutschlands seien weitgehend alle Strecken betroffen gewesen, schreibt die Bundesregierung. Allein durch "Xavier" kam es zu 247 Streckensperrungen; das sind die gravierendsten Auswirkungen durch Unwetter der vergangenen Jahre:

In der Folge von "Xavier" fielen laut Bundesregierung 408 Fernzüge komplett und 852 teilweise aus, weitere 280 wurden umgeleitet. Davon waren über einen Zeitraum von acht Tagen 275.548 Fahrgäste betroffen. Besonders viele waren es am 6. Oktober, einen Tag nach dem Sturm. Über 100.000 Fahrgäste mussten an diesem Tag auf ein anderes Verkehrsmittel umsteigen oder gleich ganz auf das Reisen verzichten. Zum Vergleich: Die Deutsche Bahn transportiert in ihren Fernzügen nach eigenen Angaben zirka 380.000 Menschen pro Tag - es war also rund jeder Dritte betroffen.

Noch größer waren die Auswirkungen im Nahverkehr. Laut Bundesregierung fielen 3723 Regionalzüge komplett aus, 3986 konnten nicht die ganze Strecke fahren, und 186 Bahnen wurden umgeleitet. Allein bei DB Regio seien schätzungsweise 1,3 Millionen Fahrgäste betroffen gewesen. Nicht mit eingerechnet sind hier die Passagiere der Privatbahnen, die einen großen Anteil des Nahverkehrs betreiben. In Wirklichkeit dürften also noch mehr Menschen vergeblich auf einen Zug gewartet haben.

Der zweite Sturm "Herwart" Ende Oktober verlief insgesamt etwas glimpflicher. Über einen Zeitraum von drei Tagen fielen insgesamt 2022 Fern- und Regionalzüge komplett und 1834 teilweise aus, 81 wurden umgeleitet. Von den Ausfällen im Fernverkehr waren 102.258 Fahrgäste betroffen, bei DB Regio schätzungsweise noch einmal 400.000 Menschen.

Regierung kritisiert Bahn - ein bisschen

Die Deutsche Bahn war nach beiden Stürmen heftig in die Kritik geraten. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) warf dem Konzern vor, die Kunden nicht ausreichend informiert zu haben. Und der Fahrgastverband Pro Bahn bemängelte, die Bahn habe die Bäume entlang der Gleise nicht ausreichend zurückgeschnitten. Erst dadurch habe es zu so vielen Schäden an Oberleitungen kommen können.

DPA

Anzeigetafel in Berlin (Oktober)

Die Bundesregierung teilt diese Kritik offenbar in weiten Teilen - formuliert sie allerdings zurückhaltender. Es habe sich "Änderungsbedarf in verschiedenen Handlungsfeldern" ergeben, schreibt das Verkehrsministerium in seiner Antwort auf die Kleine Anfrage, unter anderem bei der "Fahrgast- und Kundeninformation sowie Verbesserung der Fahrgastbetreuung am Bahnhof" und bei der "Vegetationsbeseitigung".

Ein grundsätzliches Problem will man in der Regierung aber nicht erkennen; das Krisen- und Störfallmanagement der Deutschen Bahn AG sei "gut organisiert". Ob die gestrandeten Fahrgäste das genauso sehen, darf bezweifelt werden.

"Das mangelhafte Krisenmanagement bei den Herbststürmen zeigt erneut, dass es ein großer Fehler war, den DB-Konzern ausschließlich auf Profit zu trimmen", sagte Sabine Leidig, bahnpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag, dem SPIEGEL. "Hier ist die Bundesregierung dringend gefordert, der DB AG klare Vorgaben für die Qualität und Zuverlässigkeit des Bahnverkehrs zu machen."

Von konkreten Vorgaben schreibt das Verkehrsministerium indes nichts. Die Probleme lösen sollen vielmehr mehrere eilig einberufene Arbeitsgruppen, teilweise innerhalb des DB-Konzerns, teils mit anderen Unternehmen zusammen. Ob das wirklich etwas bringt, werden die Fahrgäste schon bald erfahren. Beim nächsten Sturm.

insgesamt 7 Beiträge
Bob Hund 01.12.2017
1.
Ich bin im Sommer auf einer Konferenz in Italien gewesen. Bin mit dem Bus von Bologna aus gefahren. Andere Teilnehmer, die den Zug genommen hatten, klagten über verspätete, überfüllte Züge mit ausgefallenen Klimaanlagen. [...]
Ich bin im Sommer auf einer Konferenz in Italien gewesen. Bin mit dem Bus von Bologna aus gefahren. Andere Teilnehmer, die den Zug genommen hatten, klagten über verspätete, überfüllte Züge mit ausgefallenen Klimaanlagen. Bei einem Ausflug, den ich dann mit dem Zug gemacht hab, waren auch alle Züge verspätet. 15min und mehr. Die Bahnsteige waren voll mit Leuten, die auf ihre verspäteten Züge warteten. Nur weil die Medien hierzulande nicht über ausgefallene Klimaanlagen im TGV (http://www.leparisien.fr/transports/sncf-la-clim-en-panne-dans-le-paris-marseille-1000-passagers-mis-a-l-ombre-05-07-2017-7113231.php), steckengebliebene Züge in Schweden (http://www.maxgustafson.se/arbete/insnoad-jarnvag/), oder eingefrohrene Weichen in der Schweiz (https://www.watson.ch/Schweiz/Blaulicht/154091821-Schnee-Probleme--SBB-Störung-in-Lenzburg-++-A1-mehrere-Stunden-gesperrt-) berichtet, heißt das ja nicht, daß es nicht vorkommt.
lachina 01.12.2017
2.
Es ist an der Zeit, dass sich die DB ein Konzept für den Klimawandel zurechtlegt. Xavier und Herwart waren keine Ausnahmen, Unwetter, Stürme, Überschwemmungen etc. werden zunehmen. Macht die Bahn zukunftssicher, damit ihr [...]
Es ist an der Zeit, dass sich die DB ein Konzept für den Klimawandel zurechtlegt. Xavier und Herwart waren keine Ausnahmen, Unwetter, Stürme, Überschwemmungen etc. werden zunehmen. Macht die Bahn zukunftssicher, damit ihr wieder werben könnt: "Alle reden vom Wetter - wir nicht!"
metastabil 01.12.2017
3.
Es ist auch Zeit, dass das Verkehrsministerium, welches ja gerade das Ministerium ist, in dessen Aufgabenbereich Förderung und Finanzierung des Ausbaus und Erhaltes der Schieneninfrastruktur fällt, nicht mehr nur [...]
Zitat von lachinaEs ist an der Zeit, dass sich die DB ein Konzept für den Klimawandel zurechtlegt. Xavier und Herwart waren keine Ausnahmen, Unwetter, Stürme, Überschwemmungen etc. werden zunehmen. Macht die Bahn zukunftssicher, damit ihr wieder werben könnt: "Alle reden vom Wetter - wir nicht!"
Es ist auch Zeit, dass das Verkehrsministerium, welches ja gerade das Ministerium ist, in dessen Aufgabenbereich Förderung und Finanzierung des Ausbaus und Erhaltes der Schieneninfrastruktur fällt, nicht mehr nur Änderungsbedarfe sieht, sondern auch mal ordentlich Geld darin investiert, statt in den Ausbau des Straßennetzes.
PriseSalz 01.12.2017
4. Alle redem vom Wetter...
Als ich (62) noch in DE lebte, war die Bahn immer zuverlässig. Egal welches Wetter, egal welcher Fahrschein (oder zur Not auch ohne), es hiess einsteigen und los. Heute: Mein Ticket gilt nur für den einen Zug, der [...]
Als ich (62) noch in DE lebte, war die Bahn immer zuverlässig. Egal welches Wetter, egal welcher Fahrschein (oder zur Not auch ohne), es hiess einsteigen und los. Heute: Mein Ticket gilt nur für den einen Zug, der möglicherweise gar nicht fährt. Oder später. Endlose Telephonate um Rückerstattung. Ohne Bankkonto in DE geht dann aber gar nichts. Wieso hat es die Politik zugelassen ein so gut funktionierendes System wie die DB so grundlegend und sinnlos zu ruinieren?
Stäffelesrutscher 01.12.2017
5.
Gehen Sie mal zurück nach 1994. Ein Automobilzulieferer war Bahnchef, der heutige Cheflobbyist der Autokonzerne war Verkehrsminister. So sah es aus, als aus der Deutschen Bundesbahn (»Alle Wetter - die Bahn«) die Deutsche [...]
Zitat von PriseSalzAls ich (62) noch in DE lebte, war die Bahn immer zuverlässig. Egal welches Wetter, egal welcher Fahrschein (oder zur Not auch ohne), es hiess einsteigen und los. Heute: Mein Ticket gilt nur für den einen Zug, der möglicherweise gar nicht fährt. Oder später. Endlose Telephonate um Rückerstattung. Ohne Bankkonto in DE geht dann aber gar nichts. Wieso hat es die Politik zugelassen ein so gut funktionierendes System wie die DB so grundlegend und sinnlos zu ruinieren?
Gehen Sie mal zurück nach 1994. Ein Automobilzulieferer war Bahnchef, der heutige Cheflobbyist der Autokonzerne war Verkehrsminister. So sah es aus, als aus der Deutschen Bundesbahn (»Alle Wetter - die Bahn«) die Deutsche Bahn AG gemacht wurde. Und kurz danach kam der »Kanzler aller Autos« ...

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