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Über den Wolken

Segelkunstflieger in Ausbildung

Tschüss Panik

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Gleich geht es abwärts

Von
Freitag, 14.09.2018   13:42 Uhr

Ich mache einen Segelkunstflug-Kurs und will am liebsten damit aufhören. Weil mir ständig schlecht ist und ich Angst habe. Erst am vierten Tag ist Besserung in Sicht - auch wegen eines simplen Tricks.

Dabei war ich am Morgen des vierten Lehrgangstages eigentlich noch entschlossen, mir in der nächsten Apotheke vor Flugbeginn mit Medikamenten gegen Reiseübelkeit einzudecken. Hatte es dann aber vergessen.

Zum Glück, wie sich beim Mittagessen herausstellt. "Und, wie geht es deinem Magen?", fragt mich ein anderer Lehrgangsteilnehmer, der sich wohl daran erinnerte, wie ich die ersten drei Tage gelitten hatte (Wie es mir am Anfang des Lehrgangs ergangen ist, lesen Sie hier). "Gut!", sage ich und merke, dass ich nur aufgrund der Frage heute zum ersten Mal an meinen Magen denke.

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Ausbildung: Wie ich Segelkunstflieger wurde

Erstaunlich, an was man sich alles gewöhnen kann. Auch die Angst, die mich auf den ersten Flügen stets begleitet hat, ist weg. Das allerdings liegt wohl neben der Gewöhnung an die besonderen Flugzustände wohl auch daran, dass ich inzwischen einen einfachen Trick konsequent beherzige: Ich schnalle mich mit den Beckengurten extrem fest an, lasse sie, bevor ich starte, immer noch mal von einem Kameraden gesondert festziehen.

"Du musst in jeder Fluglage mit dem Hintern in Verbindung mit dem Flugzeug sein, sozusagen verschweißt zu einer Einheit", hatte mich mein Fluglehrer irgendwann aufgeklärt. Und siehe da: Plötzlich ist die Furcht im Flug weg.

Wie enorm der Unterschied ist, merke ich sofort, als ich mich einmal nicht ganz so festzurre: Als sich der Flieger auf den Rücken dreht, hänge ich auf einmal wieder in meinen Schultergurten, zwischen Hintern und Sitz sind mindestens fünf Zentimeter Luft. Plötzlich durchfahren mich wieder die Gedanken daran, ob mich die Plexiglashaube hält, falls sich das Gurtschloss öffnet. Instinktiv versuche ich, mich irgendwo festzuhalten, da ist aber nur der Steuerknüppel. Meine Rolle, die ich eigentlich fliegen wollte, sieht entsprechend krumm aus.

Der Turn liegt mir

Abgesehen von diesem kurzen Rückfall zeigt die Formkurve bei mir beständig nach oben. Das liegt auch daran, dass nun eine Figur auf dem Übungsprogramm steht, die sich schnell zu meinem Liebling entwickelt: der Turn.

Am Anfang des Turns steht ein Viertellooping, das Flugzeug schießt dann senkrecht in den Himmel. Nach einer Gedenksekunde tritt man voll ins Seitenruder. Das Flugzeug beginnt, sich um die Hochachse zu drehen, während es auf dem Weg nach oben immer mehr an Fahrt verliert.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Auf dem Scheitelpunkt, dann also, wenn die Fahrt aufgebraucht ist, schaut man über eine Tragfläche auf den Boden, die andere zeigt in den Himmel, das Flugzeug scheint in der Luft still zu stehen. Dann dreht es sich weiter um die eigene Achse, beginnt zu fallen, nimmt dabei Fahrt auf und dreht die Nase endgültig wieder in Richtung Boden.

Klingt einfach? Ist es nicht. Der Turn gilt als schwierige Figur. Wenn das Timing nicht stimmt, ich auf dem Weg zum oberen Wendepunkt zu viel Schwung verliere, die Nase sich also nicht mehr über die Achse drehen kann und sich nach unten senkt, sondern nach oben zeigt - dann geht es genauso wieder abwärts. Schwanz voraus der Erde entgegen. Das ist kein Drama: Es gibt ein sogenanntes Rettungsmanöver, eine Ruderstellung, mit der man das Flugzeug wieder in eine kontrollierte Lage bringt, und die üben wir auch. Nur schön sieht das dann nicht mehr aus.

Darauf zurückgreifen muss ich außer bei der Übung komischerweise nicht. Der Turn scheint mir zu liegen, die Abfolge der Ruderbefehle, die in Wahrheit noch ein paar mehr Elemente enthält als oben beschrieben, geht mir inklusive der richtigen Taktung gleich in Fleisch und Blut über. Vielleicht, weil der Turn auch die Figur ist, die ich am meisten mag.

Wo kann ich Segelkunstflug lernen?

Viele Segelflugschulen bieten für Piloten mit Segelfluglizenz und entsprechender Flugerfahrung auch die Schulung von Kunstflug an. Daneben haben sich verschiedene Vereine der Förderung von Segelkunstflug verschrieben, sie bieten über das Jahr verteilt Lehrgänge an. Zum Beispiel:

Looping, Abschwung, Aufschwung, Rolle - sie alle sind im Vergleich gewaltsame Flugmanöver. Wegen der hohen Geschwindigkeiten rauscht der Fahrtwind, die verschiedenen G-Kräfte zerren an mir. Der Turn ist anders. Eleganter. Klar: Rein geht man auch mit viel Fahrt und positiven G-Kräften und raus aus der Figur genauso.

Aber dazwischen, wenn sich der Flieger dem Gipfel der Parabel nähert, wird es immer stiller. Bis dann, ganz oben, nichts mehr zu hören ist - außer dem Knarzen der Tragflächenaufhängung. In dieser nahezu vollkommenen Stille dreht sich der große, schwere Flieger anmutig und tänzerisch über eine Schwinge, bevor er sich wieder in Richtung Erde stürzt. Diese drei, vier Sekunden nahe der Schwerelosigkeit ziehen mich wie magisch in ihren Bann. Für einen Moment scheint alles stillzustehen.

Es ist Tag vier. Ich verstehe jetzt die Faszination Kunstflug.

Wie es weitergeht, werde ich in den nächsten Tagen hier in dem Blog im Kunstflug-Tagebuch berichten.

Blog "Über den Wolken"

insgesamt 2 Beiträge
tb59427 14.09.2018
1.
Ich mag Deine Turn-Beschreibung - vor allem das Knarzen der Flächen (und wer weiß welcher anderen Teile auch noch). Das fasziniert mich immer wieder bei einem Turn im Segler.
Ich mag Deine Turn-Beschreibung - vor allem das Knarzen der Flächen (und wer weiß welcher anderen Teile auch noch). Das fasziniert mich immer wieder bei einem Turn im Segler.
kalim.karemi 14.09.2018
2.
Ist es beim Kunstflug erforderlich oder normal, das Steuer beidhändig zu bedienen?
Ist es beim Kunstflug erforderlich oder normal, das Steuer beidhändig zu bedienen?
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