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Reise

Mein Weg auf den Mont Blanc

Warum mich Schweiß und Angst glücklich machen

Einmal auf dem höchsten Berg der Alpen stehen. Das ist das Ziel von Katherine Rydlink. In einer Multimedia-Serie zeigt sie, wie sie sich auf den Mont Blanc vorbereitet und den Aufstieg wagt.

Foto: Ralf Gantzhorn
Dienstag, 08.08.2017   09:28 Uhr

Bergsteigen kann ganz schön weh tun. Es ist mühsam und schweißtreibend. Manchmal habe ich Angst. Vor allem wenn der Berg sehr hoch und das Gelände unwegsam ist. Und wofür? Es ist die "Eroberung des Unnützen", sagt man.

Ich will in diesem Sommer auf den Mont Blanc - die wohl größte Herausforderung, die ich mir jemals vorgenommen habe. Absolut unnütz. Wie viele andere aber will ich einmal auf dem höchsten Punkt der Alpen stehen, mit meinen eigenen Füßen den 4810 Meter hohen Gipfel erklimmen.

Zur Person

Eigentlich bin ich Kletterin. Ich fühle mich in gut abgesicherten Sportkletterrouten wohl. Im berglosen Hamburg trainiere ich regelmäßig in der Halle - zwangsläufig. Meine Urlaube und lange Wochenenden verbringe ich möglichst draußen am Fels.

In Höhen über 4000 Metern aber war ich noch nie. Ich habe keine Ahnung, ob ich eine Mehrtageswanderung in durchweg alpinem Gelände mit schwerem Gepäck durchhalte, oder ob meine Nerven blank liegen, wenn ich in Steigeisen einen schmalen Grat überquere. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn ein unkonzentrierter Schritt der letzte gewesen sein könnte.

Fotostrecke

Mont Blanc: Der höchste Berg der Alpen

Je nach Definition ist der Mont Blanc der höchste Gipfel Europas. Früher galt er als "Verfluchter Berg": Im 18. Jahrhundert scheiterten erste Besteigungsversuche. Am 7. August 1786 schafften es schließlich die Franzosen Jacques Balmat und Michel-Gabriel Paccard als Erste auf den Mont Blanc. Diese Erstbesteigung gilt als eine der Geburtsstunden des Alpinismus.

Heute ist der Mont Blanc einer der meistbestiegenen Berge der Welt - und einer der gefährlichsten: In Sommermonaten versuchen täglich bis zu 400 Bergsteiger zum Gipfel zu gelangen - im gesamten Jahr etwa 30.000. Dutzende sterben dabei. Zwar scheint die Höhe von 4810 Metern im Vergleich zum Mount Everest mit seinen 8848 Metern klein. Doch immer wieder unterschätzen Hobby-Bergsteiger ohne oder mit nur wenig alpiner Erfahrung den Aufstieg.

Respekt und Demut vor dem Berg behalten

"Auf den Mont Blanc kannst du nicht einfach so hinaufwandern. Es ist ein gefährlicher Berg", sagt Stefan Glowacz. Der 52-jährige Extrembergsteiger klettert seit mehr als 40 Jahren und ist bekannt für seine Expeditionen in die entlegensten Gebiete der Welt. "Bevor man es mit so einem Berg aufnimmt, sollte man sich über die körperlichen und mentalen Herausforderungen bewusst sein, die so eine Besteigung erfordert", sagt er.

Klaus Fengler

Stefan Glowacz am Cerro Murallón (2656m) in Patagonien (2004)

Seine Tipps für mich: Ich müsse beherrschen, auf Steigeisen zu gehen, mich akklimatisieren, wissen, wie man sich in Notfallsituationen verhält. Und ich sollte über eine gute Grundlagenausdauer verfügen, wenn ich es auf den höchsten Gipfel der Alpen schaffen wolle - und wieder hinunter. "Auf jeden Fall solltest du mit einem erfahrenen Bergführer unterwegs sein", sagt Glowacz. Am wichtigsten sei, "dass man den Respekt und die Demut vor dem Berg behält".

Klettertechnisch gilt der Mont Blanc als mittelschwer. Sein Gipfel ist vergletschert, ohne Steigeisen und Eispickel kommt man dort nicht voran. Ab 2500 Metern drohen erste Symptome von Höhenkrankheit. Schnell umschlagendes Wetter, Steinschlag im Grand Couloir oder Eisschlag durch abbrechende Séracs sowie Lawinen sind weitere unberechenbare Risiken an diesem Berg.

Die Bergsteigerin Tamara Lunger rät mir, darauf zu achten, mit wem ich die Tour mache: Neben der notwendigen Erfahrung sei es wichtig, die Leute gut zu kennen, mit denen ich unterwegs sei. "Ihr werdet euch immerhin euer Leben anvertrauen." Die 31-Jährige stand 2010 als jüngste Frau der Welt auf dem Gipfel des Lhotse, eines Achttausenders im Himalaya. 2014 stieg sie auf den K2 - mit 8610 Metern der zweithöchste Berg der Welt.

Ale D'Emilia

Tamara Lunger am Kanchenjunga (8586m) im Himalaya (2016)

"Man darf auf Expeditionen kein Weichei sein", sagt sie. Schon mit den äußeren Umständen kämen viele nicht zurecht: keine Duschen, die Toilettensituation am Berg, der Geräuschpegel auf den Hütten. Doch es sei vor allem die Unberechenbarkeit in den Bergen, die starke Nerven erfordere. "Eigentlich klappt am Berg nie etwas, wie man es will", sagt die Südtirolerin. "Doch gerade das sind dann die Momente, in denen man viel mehr lernt, als wenn man einfach so zum Gipfel hochkommt."

Der Mont Blanc
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Normalweg (Klicken für mehr Informationen)
Der Normalweg, oder auch "Goûter"-Route, ist die einfachste und meistbegangene Route auf den Mont Blanc. Von Chamonix aus fährt man mit der Seilbahn zur Station Nid d'Aigle (2372m) und steigt von dort auf zum Refuge de la Tête Rousse (3167 m). Auf dem Weg zum Refuge du Goûter (3835m) durchquert man die gefährlichste Stelle des Normalwegs: Das Grand Couloir, wegen der Steinschlaggefahr auch "Todeskorridor" genannt. Über das Vallotbiwak (4362m) und den schmalen Bossesgrat geht es zum Gipfel.

Einfach so zum Gipfel hochlaufen, schön wär's. Manchmal frage ich mich schon, warum ich mir das eigentlich antue. Man friert. Man schwitzt. Man friert wieder, diesmal fürchterlich. Die Finger sind so taub und steif von der Kälte, dass es schmerzt. Die Lippen sind spröde und aufgesprungen - und dauernd läuft die Nase.

Zu den körperlichen Strapazen kommt das Rumpeln der Gesteinsbrocken, die rechts und links die Hänge hinunterdonnern. Der stechende Kopfschmerz, der schwere Atem und die leichte Übelkeit signalisieren mir, dass der menschliche Körper nicht unbedingt dafür gemacht ist, sich in größeren Höhen aufzuhalten. Das Paradoxe daran: Es macht mich glücklich.

Die Besteigung des Mont Blanc wird kein Spaziergang, so viel steht fest. Und auch die Vorbereitung wird vor allem eines: zeitaufwendig. Ich habe drei Monate für Planung, Training, Akklimatisierung und das Erlernen des nötigen technischen Knowhows. Und beim Aufstieg muss auch noch das Wetter stimmen.

In den kommenden Wochen zeigt Katherine Rydlink in einer sechsteiligen Serie bei SPIEGEL ONLINE, wie sie sich auf die Hochtour auf den Mont Blanc vorbereitet - vom notwendigen Training, Gletscherkursen bis zur richtigen Ausrüstung - und den Aufstieg wagt.

insgesamt 36 Beiträge
freudentanz 08.08.2017
1. Beim lesen bekommt man den Eindruck ...
... daß Sie noch nie einen Berg in mehrtägiger Tour erstiegen haben. Ich habe es jetzt mehrfach nachgelesen bin mir aber nach wie vor unsicher. Ich bin überzeugt das ich Sie schon öfters, nicht "nur" geklettert, [...]
... daß Sie noch nie einen Berg in mehrtägiger Tour erstiegen haben. Ich habe es jetzt mehrfach nachgelesen bin mir aber nach wie vor unsicher. Ich bin überzeugt das ich Sie schon öfters, nicht "nur" geklettert, sondern auch Bergsteigtouren gemacht haben. Denn sonst würden Sie ja nicht sofort den Mont Blanc in Angriff nehmen. Ich frage das weil mein Kumpel Bergretter ist aber nach fast 20 Jahren hingeworfen hat weil er es nicht mehr erträgt wie leichtsinnig die Leute in den letzten Jahren geworden sind. Ich bin auf ihre folgenden Berichte gespannt und wünsche Ihnen auch alles Gute und viel Erfolg. Ich freue mich immer wieder wenn auch "moderne Smartphone-Menschen" den nicht so einfachen Weg gehen sondern eine Lernkurve im klassischen Sinne durchlaufen denn alles andere ist schlichtweg theoretischer Unsinn. Aber ich bin ein alter Knacker der von der therapeutsichen Wirkung von Blut, Schweiß und Tränen überzeugt ist. Meine Meinung., solange sie noch erlaubt ist.
bookwood74 08.08.2017
2. La Chamoniarde
Für eine Mont Blanc Besteigung ist La Chamoniarde die offizielle Informationsstelle: http://climbing-mont-blanc.com/de/
Für eine Mont Blanc Besteigung ist La Chamoniarde die offizielle Informationsstelle: http://climbing-mont-blanc.com/de/
durcheinandi 08.08.2017
3. @Nr.1
Ich kann Ihnen versichern das es Ihre erste Tour in solche Höhen ist. Kenn Sie nämlich ganz gut! ;-)
Ich kann Ihnen versichern das es Ihre erste Tour in solche Höhen ist. Kenn Sie nämlich ganz gut! ;-)
spon-1237239349588 08.08.2017
4. Abschreckendes Beispiel
Der Artikel ist ein schönes Beispiel dafür wie man es nicht machen sollte. Nicht, dass sich die Autorin professionellen Beistand holt oder "Demut und Respekt vor dem Berg" behalten möchte, das finde ich sehr positiv, [...]
Der Artikel ist ein schönes Beispiel dafür wie man es nicht machen sollte. Nicht, dass sich die Autorin professionellen Beistand holt oder "Demut und Respekt vor dem Berg" behalten möchte, das finde ich sehr positiv, aber der Artikel leistet der Einstellung Vorschub, dass wenn man schon mal auf einen Berg steigt, doch eigentlich gleich beim höchsten beginnen könnte. Und dann fragt man sich schon wie weit es mit der Demut her ist. Das A und O beim Bergsteigen ist Routine und die holt man sich nicht in drei Monaten. Bei meiner ersten Hochtour wäre ich auch nicht auf den Gedanken gekommen sofort auf den Mont Blanc zu steigen, durfte aber bei meiner späteren Besteigung des Berges einige Beispiele genießen von Leuten, die sich und andere damit in Gefahr brachten, sich ausgerechnet am Mont Blanc die ersten Bergsteigersporen zu verdienen. Andererseits kann man wahrscheinlich dankbar dafür sein, dass sie sich nicht gleich den Mount Everest rausgesucht hat. Da gibt es ja auch schöne Beispiele von Menschen, die im Basislager zum ersten Mal im Leben Steigeisen anhatten. Ich wünsche der Autorin viel Glück und Gesundheit, sie sollte sich aber überlegen, was für ein Vorbild sie hier abgibt.
Konrad_L 08.08.2017
5. @1+3: Dann ist es Unfug.
Ich bin in einer ähnlichen Situation wie die Autorin: Leidenschaftlicher Kletterer mit viel zu wenig Bergerfahrung. Mein einziger 3000er bisher war ausgerechnet der Ätna. Dann die Zugspitze übers Höllental. Und ein paar [...]
Ich bin in einer ähnlichen Situation wie die Autorin: Leidenschaftlicher Kletterer mit viel zu wenig Bergerfahrung. Mein einziger 3000er bisher war ausgerechnet der Ätna. Dann die Zugspitze übers Höllental. Und ein paar kleinere 2000er. Und darum weiß ich, dass es vermessener Unsinn wäre, jetzt den Mont Blanc oder das Matterhorn zu machen. Gewiss, schöne Berge. Und jenseits der Baumgrenze wird das Steigen gerade für einen Kletterer erst richtig interessant. Aber ich halte es für richtig, in aller Ruhe dahin zu reifen, solche Berge zu besteigen. Öfter mal in die Alpen fahren, ein paar schwerer werdende 3000er machen, Sicherheit und Erfahrung gewinnen, neue Techniken lernen. Was soll denn diese Hektik? Dieses Hau-Ruck von 0 auf 180? Das ist doch genau die Mentalität, die zu all diesen Bergunfällen führt. Wenn Leute, die kaum die Zugspitze schaffen, unbedingt einmal im Leben auf dem Mount Everest gewesen sein müssen. #4 hat völlig recht: Ein abschreckendes Beispiel.

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