Schrift:
Ansicht Home:
Reise

Proteste in Spanien

"Tourist go home!"

Die Besucherzahlen erreichen in Spanien immer neue Rekorde - zum Unmut vieler Einheimischer. Jugend- und Bürgergruppen protestieren mit immer spektakuläreren Aktionen gegen die unerwünschten Massen an Touristen.

DPA

Protest in Palma

Mittwoch, 02.08.2017   17:24 Uhr

Die vier Vermummten tauchten plötzlich aus dem Nichts auf und stellten sich dem Bus voller Touristen in den Weg. Blitzschnell zerstachen sie die Reifen des Fahrzeugs und sprühten mit Farbdosen Parolen an die Windschutzscheibe. Im oberen Stockwerk des Doppeldeckerbusses saß Andrew Carey. "Ich habe gedacht, es sei ein Terroranschlag", sagte der 39-jährige Brite der Zeitung "Daily Mail" später.

Die Aktion geschah vergangenen Donnerstag im Zentrum der spanischen Metropole. Einige Tage später bekannte sich die linke Jugendorganisation "Arran" zu der Tat. Das Motiv? Das war auch auf der Windschutzscheibe in Orange zu lesen: "Der Tourismus tötet die Stadtviertel". Die Gruppe schlug am Montag in Barcelona wieder zu: Mehrere städtische Leihräder, die vor allem von Touristen benutzt werden, wurden zerstört.

DPA

"Geschlossen": Demonstranten in Palma sperrten symbolisch das Tourismusministerium

"Die Proteste gegen Tourismus werden immer heißer", hieß es im spanischen Rundfunksender Cadena Ser. Und auch immer häufiger, einfallsreicher und spektakulärer. Wie am Samstag auf Mallorca. Mitglieder der nicht von jungen Linken, sondern von besorgten Bürgern gebildeten Initiative "Ciutat per qui l'habita" ("Die Stadt für die Bewohner") sperrten in Palma symbolisch das Tourismusministerium. Sie klebten Zettel mit der Aufschrift "geschlossen" an die Eingangstür des Gebäudes.

Am Ballermann protestieren Anwohner gegen "Sauftourismus"

Eine Sprecherin der Vereinigung erklärte, was der größte Dorn im Auge der Gegner des Massentourismus sei: die Ferienvermietung in Mehrfamilienhäusern, die auf Portalen wie Airbnb angeboten wird. Diese verursacht nicht nur auf Mallorca oder in Barcelona eine Explosion der Immobilienpreise, die Senkung des Angebots an Mietwohnungen und eine Gentrifizierung der Innenstädte.

Fotostrecke

Urlauber-Boom: Voll, voller, Mallorca

Daneben sorgen randalierende und prügelnde Touristen, die auch tagsüber splitternackt und stockbetrunken herumlaufen, die in der Öffentlichkeit Sex haben oder sich erleichtern, für zunehmenden Unmut. Hinzu kamen zuletzt Neonazi-Gruppen, die am Ballermann ihr Unwesen trieben. "Der Abschaum, der uns geschickt wird, ist nicht angenehm", schimpfte Palma-Bürgermeister Antoni Noguera.

Am Ballermann protestieren Anwohner gegen "Sauftourismus", indem sie an Fenster oder auf Balkone schwarze Fahnen hängen. In Palma tauchten in den vergangenen Tagen wie schon vor einem Jahr erneut Protest-Graffiti und -Plakate auf: "Tourism kills the city" ("Tourismus tötet die Stadt"), "Stop Airbnb" oder "Palma no se vende" ("Palma wird nicht verkauft") ist unter anderem zu lesen. Und auch "Tourist go home!" und "Tourists=Terrorists".

Weniger Arbeitslose dank Tourismusbranche

Die Touristenzahlen brechen in Spanien derzeit alle Rekorde. Im ersten Halbjahr reisten 36,3 Millionen Ausländer ein - so viele wie nie zuvor und 11,6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Kassen klingeln. Die Hotels sind nahezu ausgebucht. Die Arbeitslosenquote - nach der Krise von 2008 immer noch eine der höchsten der Eurozone - fiel im zweiten Quartal vor allem dank neuer Stellen im Tourismussektor auf den niedrigsten Stand seit neun Jahren.

Das dürfe man alles nicht aufs Spiel setzen, warnen Experten. Bruno Hallé, Partner der auf Tourismus spezialisierten Beratungsfirma Magma HC, bezeichnet die Lage als "schlimm". Viele Menschen könnten in Zukunft von einem Besuch Spaniens abgehalten werden.

Tatenlosigkeit kann man den Verantwortlichen nicht vorwerfen. Am Dienstag trat auf den Balearen ein neues Gesetz in Kraft, das die Vergabe neuer Lizenzen zur Ferienvermietung beschränkt. Auf Mallorca, Ibiza und Co. will die linke Regionalregierung zudem vom kommenden Jahr an für die Hochsaison von April bis Oktober eine Höchstgrenze für die Zahl der Mietwagen festlegen. Die linke Bürgermeisterin Ada Colau verfügte in Barcelona einen Baustopp für Hotels. Airbnb und Homeaway mussten wegen illegaler Wohnungsvermittlungen mehrfach Strafen von bis zu 600.000 Euro zahlen.

Colau verurteilte zwar die radikalen Aktionen der linken Jugendorganisation von Arran. Die Opposition wirft der früheren Aktivistin und Hausbesetzerin aber vor, die "Anschläge" zu dulden. Bisher wurde niemand festgenommen.

In dem am Donnerstag attackierten Bus saßen neben Andrew Carey und dessen Frau auch viele erschrockene Kinder. "Beängstigend" sei es gewesen, erinnerte sich der Brite. "Ich dachte, gleich steigt jemand mit einem Messer oder einer Schusswaffe in den Bus."

Emilio Rappold, dpa

insgesamt 128 Beiträge
rabkauhala 02.08.2017
1. Um sich in den Stadtzentren...
... unwohl befremdet zu fühlen braucht es garnicht den Tourismus. Ich fühle mich auch unwohl, wenn ich mal wieder das Gefühl habe in meiner Stadt sprachlich zur Minderheit zu gehören und ich den meisten Gesprächen in der [...]
... unwohl befremdet zu fühlen braucht es garnicht den Tourismus. Ich fühle mich auch unwohl, wenn ich mal wieder das Gefühl habe in meiner Stadt sprachlich zur Minderheit zu gehören und ich den meisten Gesprächen in der Fussgängerzone und der Straßenbahn nicht mehr folgen kann. Das verunsichert. Da muss mann dann schon nach Mallorca fahren um das Gefühl zu haben "hier versteht einen fast jeder". Doof ist das dann nur für die dortigen ursprünglichen Einwohner.
guentherzaruba 02.08.2017
2. kann man verstehen,
dass es niemand gefällt wie seine Heimat als Mittel zum Zweck verkommt. "Zivilisierte" aus allen Schichten machen mal "WAS SIE WOLLEN" um danach ganz normal weiter ihr langweiliges Dasein zu fristen. IST bei [...]
dass es niemand gefällt wie seine Heimat als Mittel zum Zweck verkommt. "Zivilisierte" aus allen Schichten machen mal "WAS SIE WOLLEN" um danach ganz normal weiter ihr langweiliges Dasein zu fristen. IST bei Hooligans übrigens genauso.... jede Woche
Referendumm 02.08.2017
3. Die Ex-Türkei-Urlauber
Die Ex-Türkei-Urlauber suchen sich halt ein anderes Land aus. Ist aber auch teilweise doof, die Hand, die einem füttert, auch noch zu prügeln. Immerhin wars doch auch deutschland, die Spanien in der Krise mit gerettet hatte, [...]
Die Ex-Türkei-Urlauber suchen sich halt ein anderes Land aus. Ist aber auch teilweise doof, die Hand, die einem füttert, auch noch zu prügeln. Immerhin wars doch auch deutschland, die Spanien in der Krise mit gerettet hatte, oder? Solche Aktionen von Jugend- und Bürgergruppen sind ziemlich egoitisch und dümmlich. Wenns Überhand nimmt, reisen die Deutschen dann eben woanders hin und dann?
ruibok 02.08.2017
4. Keine Einbahnstraße - liebe Spanier!
Demonstrationen und Artikeln dieser Art kann man sehr schnell die Luft aus den Segeln nehmen: 1. Solange Spanien hoffnungslos verschuldet ist und die Jugendarbeitslosigkeit eine Katastrophe darstellt, sollte man jeden [...]
Demonstrationen und Artikeln dieser Art kann man sehr schnell die Luft aus den Segeln nehmen: 1. Solange Spanien hoffnungslos verschuldet ist und die Jugendarbeitslosigkeit eine Katastrophe darstellt, sollte man jeden zahlenden Gast mit Handschlag begrüßen. 2. Zweitens erhält Spanien über die EU Milliarden zusätzlich von Deutschland. 3. Haben wir Hunderttausende Spanier aufgenommen, die hier leben und arbeiten in Deutschland. 4. Protestieren in Mallorca nur Gruppen, die nicht vom Tourismus profitieren. Die Mehrheit der Bevölkerung ist sehr dankbar dafür, dass die Deutschen ihre Insel als ihr Traumziel gewählt haben. Also, viel heiße Luft.
cave68 02.08.2017
5.
auch wenn solche dümmlichen Aktionen dieser linken Spinner (denen es aber nicht darum geht gegen einen Missstand zu protestieren sondern schlicht um Krawall machen geht) zu verachten ist sehe ich die moderaten Aktionen dieser [...]
Zitat von ReferendummDie Ex-Türkei-Urlauber suchen sich halt ein anderes Land aus. Ist aber auch teilweise doof, die Hand, die einem füttert, auch noch zu prügeln. Immerhin wars doch auch deutschland, die Spanien in der Krise mit gerettet hatte, oder? Solche Aktionen von Jugend- und Bürgergruppen sind ziemlich egoitisch und dümmlich. Wenns Überhand nimmt, reisen die Deutschen dann eben woanders hin und dann?
auch wenn solche dümmlichen Aktionen dieser linken Spinner (denen es aber nicht darum geht gegen einen Missstand zu protestieren sondern schlicht um Krawall machen geht) zu verachten ist sehe ich die moderaten Aktionen dieser Bürgergruppen schon als sinnvoll an. Es geht ja nicht darum den Tourismus komplett zu vergrämen sondern darum,dass man dieses "immer mehr" stoppt. Kein Land verkraftet unbegrenzt Touristen...in Spanien dürfte auch der immer grösser werdende Wassermangel ein grosses Problem darstellen.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP