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Reise

Urlaubsdomizil in Italien

Ein-Euro-Häuser sollen Orte wiederbeleben

Italiens pittoreske Dörfer und Städtchen bringen Urlauber ins Schwärmen - doch vielerorts sind sie bedroht. In Sizilien will ein Bürgermeister seine Kommune retten: Er verkauft Häuser für einen Euro.

Lena Klimkeit/ dpa/ TMN
Mittwoch, 04.10.2017   14:38 Uhr

In Gangi kostet ein Haus fast so viel wie ein Espresso. Egidia de Benedictis glaubte ihren Augen nicht, als sie das las. "Wie kann das sein? Das müssen wir uns ansehen!", habe sie zu ihrem Mann gesagt. Und so reiste das Paar aus Belgien in den kleinen sizilianischen Ort zwischen Catania und Palermo, in dem es sie wirklich gibt: Häuser für einen Euro.

In Gangi ist wenig zu spüren von der Quirligkeit und dem Durcheinander Palermos zwei Autostunden entfernt. Der Ort wurde auf einen Felsen gebaut, etwa 6700 Menschen leben noch dort. In der Altstadt scheint die Zeit im Mittelalter stehen geblieben zu sein. Zwischen Steinmauern und unzähligen Kirchen begegnet man in den engen, steilen Gässchen auch an einem sonnigen Septembertag nur wenigen Leuten.

Pittoresk ist der Ort, keine Frage: umgeben von Wanderwegen, mit Blick auf den stolzen Vulkan Ätna. Doch nur von schöner Aussicht kann niemand leben. Viele ziehen deshalb weg, in die größeren Städte oder ins Ausland.

Ein Euro plus Restaurierungskosten

Bürgermeister Francesco Paolo Migliazzo ist so stolz auf die Idee, die Gangi wiederbeleben soll, als wäre sie seine eigene gewesen. Der Deal: Wer in Gangi ein Haus für einen Euro kauft, verpflichtet sich, das Gebäude innerhalb von drei Jahren zu restaurieren und hinterlegt eine Bürgschaft von 5000 Euro. Die Ziele: "Das historische Zentrum aufwerten. Die Kommune wiederbevölkern. Die lokalen Handwerker unterstützen", sagt Migliazzo.

Um die hundert Häuser wurden in den vergangenen Jahren für einen Euro verkauft, seit Migliazzos Vorgänger Giuseppe Ferrarello die Initiative angestoßen hatte. Nachahmer gibt es in Gemeinden der Toskana oder im Latium. Einen anderen Weg, um die sogenannten Borghi, die kleinen Dörfer in der Provinz, zu retten, beschreitet das Tourismusministerium: 2017 wurde zum Jahr der Borghi ausgerufen, begleitet von einer Marketinginitiative.

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Im Erdgeschoss der Stall, Licht gibt es nicht

Alessandro Cilibrasi, ein Italiener, der nur selten sein Zigarettenpäckchen aus der Hand gibt, vermittelt mit seinem Partner Santo Bevacqua die verlassenen, vernachlässigten und baufälligen Steinhäuser. Die Gebäude sind noch in Besitz der eigentlichen Eigentümer. Sie haben der Kommune Bereitschaft signalisiert, sie für einen Euro zu verkaufen.

Auf der Homepage der Gemeinde kann man sich einen ersten Eindruck von den rund 30 Niedrigpreisobjekten verschaffen. Oder direkt zu Cilibrasi in den alten Fiat steigen, der viel zu schnell durch die schmalen Straßen fährt.

Das authentische Italien

Er schließt ein kleines Eckhaus auf. Im Eingangsbereich liegt Müll, Licht gibt es nicht. Das Erdgeschoss wurde früher als Stall genutzt. An den unverputzten Wänden sind noch die Eisenringe zu sehen, an denen Tiere festgemacht wurden. "Vorsicht, nur hier hintreten", sagt Cilibrasi auf der Treppe ins Obergeschoss. Mit viel Phantasie erkennt man in dem Gebäude ein uriges Wohlfühlhäuschen. Aber dafür ist viel Arbeit und Geld nötig.

"In den Häusern für einen Euro fiel alles in sich zusammen - es war viel zu viel zu tun", sagt die 69-jährige de Benedictis. Cilibrasi habe dem Paar aber ein anderes Haus gezeigt. Das musste zwar auch renoviert werden, war aber in einem ganz guten Zustand, wie de Benedictis sagt. Die belgischen Rentner schlugen 2014 zu - und investierten etwa 75.000 Euro.

"Seelenheimat gefunden"

Auch Laura Maria Aliénor Radulescu aus Stuttgart kam das erste Mal wegen der Ein-Euro-Häuser nach Gangi, gekauft hat die 30-Jährige ebenfalls ein teureres. "Von außen sehen die Häuser vielleicht ganz süß aus, aber man muss wirklich alles von Null an bauen. Und wenn man kein Haus für einen Euro kauft, hat man auch sein ganzes Leben Zeit, um zu renovieren."

Radulescu ist Künstlerin und Designerin. Wie ihr Haus nach dem Umbau aussehen soll, hat sie sich selbst ausgedacht. Im untersten Stock soll ein Atelier entstehen. Eine Heizung muss noch eingebaut und die Hälfte des Treppenhauses neu gemacht werden. Wenn das Haus einmal fertig ist, könnte sie sich vorstellen, Deutschland für immer zu verlassen und auf Sizilien zu leben - aber nur, wenn sie einen Job findet. "Ich habe da eine Seelenheimat gefunden."

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Ob sich mit Italien-Liebhabern und Teilzeitbürgern der Einwohnerschwund in Gangi wirklich aufhalten lässt? Fraglich. Doch die Werbetrommel ist gerührt - und die Not der Landflucht hat auch andernorts die Kreativität in die Rathäuser Italiens getrieben.

In Castel del Giudice, wo die Einwohnerzahl seit den Sechzigerjahren von 1500 auf 340 sank, wurden verlassene Ställe in ein Hotel mit Gourmetrestaurant verwandelt. Und auf der Mittelmeerinsel Ventotene wirbt der Bürgermeister um Migrantenkinder, damit die Schule nicht geschlossen wird.

Lena Klimkeit, dpa

insgesamt 8 Beiträge
rainerwäscher 04.10.2017
1.
Für 75000 Euro bekomme ich in der (ost)deutschen Pampa ein fertiges Haus ohne jahrelang zu renovieren und mich mit Handwerkern rumzuschlagen, deren Mentalität ich nicht verstehe. Und vertraute Infrastruktur (Ärzte, Verkehr, [...]
Für 75000 Euro bekomme ich in der (ost)deutschen Pampa ein fertiges Haus ohne jahrelang zu renovieren und mich mit Handwerkern rumzuschlagen, deren Mentalität ich nicht verstehe. Und vertraute Infrastruktur (Ärzte, Verkehr, Einzelhandel) ist auch meistens nur wenige Kilometer entfernt und mit dem Auto erreichbar. Viel Spaß bei der Jobsuche in Italien. Weil das ja so gut klappt, sind die Ureinwohner übrigens weggezogen.
rosabalou 04.10.2017
2. bemerken Sie den Fehler?
Sie vergleichen die (ost)deutsche Pampa mit Italien - merken Sie, wo hier der Fehler liegt?
Zitat von rainerwäscherFür 75000 Euro bekomme ich in der (ost)deutschen Pampa ein fertiges Haus ohne jahrelang zu renovieren und mich mit Handwerkern rumzuschlagen, deren Mentalität ich nicht verstehe. Und vertraute Infrastruktur (Ärzte, Verkehr, Einzelhandel) ist auch meistens nur wenige Kilometer entfernt und mit dem Auto erreichbar. Viel Spaß bei der Jobsuche in Italien. Weil das ja so gut klappt, sind die Ureinwohner übrigens weggezogen.
Sie vergleichen die (ost)deutsche Pampa mit Italien - merken Sie, wo hier der Fehler liegt?
der_sinnlose 04.10.2017
3. der Preis macht blind für das was einen erwartet
so schön es dort ist aber der Ort liegt wirklich im absoluten Nichts. Die Küste liegt gut 1 Autostunde weit weg. Der nächste grössere Ort in die andere Richtung (vermutlich in alle Richtungen) ist Enna. Das ist alles andere [...]
so schön es dort ist aber der Ort liegt wirklich im absoluten Nichts. Die Küste liegt gut 1 Autostunde weit weg. Der nächste grössere Ort in die andere Richtung (vermutlich in alle Richtungen) ist Enna. Das ist alles andere als ein urbanes Zentrum. Wer es mal gesehen hat weiss was ich meine. Fahrzeit geschätzt ebenfalls gut 1 Stunde oder mehr. Also nichts für Leute im Rentenalter die mal krank werden können. Bis man das nächste Krankenhaus erreicht ist man bereits mumifiziert und kann sich in Palermo in dem bekannten Mausoleum ausstellen lassen. Zudem sind die Wege für Leute mit Gehbehinderungen, die einem im Alter durchaus treffen können extrem beschwehrlich. Das ist i.d.R. nur mit der Familie vor Ort abzudecken. Im schlimmesten Fall sind die Leute in ihren Häusern quasi gefangen. Bleiben die ganz Jungen und die Mittelschicht im besten Alter. Die ganz jungen finden dort keinen Job. Gäbe es welche würden die Italiener dort bleiben. Die im mittleren Alter haben i.d.R Familie und tun sich das meist nicht an. Wer weiss wie italienische Behörden ticken und die Mentalität der Leute dort unten kennt (die ich persöhnlich liebe aber eben nur im Urlaub wenn ich nicht mit denen arbeiten muss) muss vermutlich eine Macke haben um solch einen Stund zu riskieren. Die Zeit von 3 Jahren für die Renovierung ist zudem so gewählt das man kaum eine Chance hat viel selber zu machen. Es sei denn man wohnt dort. Das ist aber gewollt denn der Bürgermeister spekuliert ja darauf das die Leute quasi gezwungener Massen die Handwerker vor Ort buchen um den Kram auf die Reihe zu bekommen.
der_sinnlose 04.10.2017
4. der Preis macht blind für das was einen erwartet
so schön es dort ist aber der Ort liegt wirklich im absoluten Nichts. Die Küste liegt gut 1 Autostunde weit weg. Der nächste grössere Ort in die andere Richtung (vermutlich in alle Richtungen) ist Enna. Das ist alles andere [...]
so schön es dort ist aber der Ort liegt wirklich im absoluten Nichts. Die Küste liegt gut 1 Autostunde weit weg. Der nächste grössere Ort in die andere Richtung (vermutlich in alle Richtungen) ist Enna. Das ist alles andere als ein urbanes Zentrum. Wer es mal gesehen hat weiss was ich meine. Fahrzeit geschätzt ebenfalls gut 1 Stunde oder mehr. Also nichts für Leute im Rentenalter die mal krank werden können. Bis man das nächste Krankenhaus erreicht ist man bereits mumifiziert und kann sich in Palermo in dem bekannten Mausoleum ausstellen lassen. Zudem sind die Wege für Leute mit Gehbehinderungen, die einem im Alter durchaus treffen können extrem beschwehrlich. Das ist i.d.R. nur mit der Familie vor Ort abzudecken. Im schlimmesten Fall sind die Leute in ihren Häusern quasi gefangen. Bleiben die ganz Jungen und die Mittelschicht im besten Alter. Die ganz jungen finden dort keinen Job. Gäbe es welche würden die Italiener dort bleiben. Die im mittleren Alter haben i.d.R Familie und tun sich das meist nicht an. Wer weiss wie italienische Behörden ticken und die Mentalität der Leute dort unten kennt (die ich persöhnlich liebe aber eben nur im Urlaub wenn ich nicht mit denen arbeiten muss) muss vermutlich eine Macke haben um solch einen Stund zu riskieren. Die Zeit von 3 Jahren für die Renovierung ist zudem so gewählt das man kaum eine Chance hat viel selber zu machen. Es sei denn man wohnt dort. Das ist aber gewollt denn der Bürgermeister spekuliert ja darauf das die Leute quasi gezwungener Massen die Handwerker vor Ort buchen um den Kram auf die Reihe zu bekommen.
paysdoufs 05.10.2017
5.
Klingt zwar erstmal attraktiv, aber jeder der ein wenig weiterdenkt wird realisieren was nach dem ersten Euro alles an Kosten kommt - nicht nur in finanzieller sondern auch in nervlicher Hinsicht... Und auch wenn das [...]
Klingt zwar erstmal attraktiv, aber jeder der ein wenig weiterdenkt wird realisieren was nach dem ersten Euro alles an Kosten kommt - nicht nur in finanzieller sondern auch in nervlicher Hinsicht... Und auch wenn das vielleicht ein Vorurteil ist: Sizilien wäre jetzt nicht unbedingt meine erste Wahl - wegen der Mafia und der im Vergleich zu anderen Mittelmeerregionen doch sehr weiten Entfernung. Fazit: Wer das Geld für so ein Abenteuer hat kann dieses wahrscheinlich sinnvoller verwenden.
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