Schrift:
Ansicht Home:
Reise

Urlaub in Island

"Die Toleranz gegenüber Touristen nimmt ab"

Sie bringen Geld ein - können aber auch nerven: Island wird von sehr vielen Touristen besucht. Die Chefin eines Tourismusverbands warnt nun vor wachsender Abneigung im Volk, doch die Werbemaschine läuft munter weiter.

Getty Images
Samstag, 04.11.2017   15:43 Uhr

Island erlebt einen Tourismusboom. Seit 2010 hat sich die Zahl der Besucher in der kleinen 330.000-Einwohner-Nation mehr als vervierfacht. In den Sommermonaten ist jeder fünfte Mensch im Land ein Tourist.

Das erfüllt nicht jeden mit Freude. "Ich finde, wir sollten ein 'Ausverkauft'-Schild am Flughafen haben, bis wir bereit sind, mehr Menschen aufzunehmen", nörgelte der Trainer der isländischen Fußballnationalmannschaft, Heimir Hallgrímsson, vor einem Jahr. Laut einer Umfrage der isländischen Tourismusbehörde meinten bereits vor Monaten drei Viertel der Isländer, dass der Druck der Besucher zu groß sei für Islands Natur.

Fotostrecke

Eisberge und Nordlichter: So schön ist Islands Natur

Nun warnt die Direktorin des isländischen Tourismusindustrieverbands, dass sich die Stimmung im Volk weiter verschlechtern könnte. "Wir sehen Zeichen, dass die Toleranz gegenüber den Touristen abnimmt, vor allem in den beliebtesten Gegenden", sagte Helga Árnadóttir der Nachrichtenagentur dpa. Das sei für den zweitwichtigsten Wirtschaftszweig auf der Vulkaninsel eine große Gefahr.

Der Tourismus sei für Island nach der schweren Finanz- und Bankenkrise ein "Lebensretter" gewesen, sagte Árnadóttir. Die Islandsbank prognostiziert für dieses Jahr rund 2,3 Millionen Besucher - ein Plus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im September zählte das Statistikamt 378.300 Übernachtungen. Deutsche sind nach US-Amerikanern die häufigsten Besucher.

"Die meisten Isländer stehen dem Tourismus immer noch positiv gegenüber", sagte Árnadóttir. "Wir haben jetzt Restaurants überall im Land, wo es früher nur Hotdog-Buden gab. Das hat die Lebensqualität der Menschen bereichert." Viele Bauern auf dem Land hätten im Tourismus ein zweites Standbein gefunden.

Steigende Mieten und Hotelbaustellen

Möglicherweise aber brauche die Branche trotzdem Grenzen. "Wie viele Gebäude in Reykjavik dürfen Hotels sein? Wie viele Restaurants? Wie viele Wohnungen wollen wir vermieten? Diese Entscheidungen muss die Regierung treffen", forderte Árnadóttir.

Die Werbemaschine läuft unterdessen munter weiter. So hat die Tourismusbehörde kürzlich den aus ihrer Sicht "schwersten Karaoke-Song der Welt" veröffentlicht: Touristen sollen sich ein "bílaleigubíll" (Mietwagen) leihen, den "hringvegurinn" (die Ringstraße) fahren - und bloß nicht auf das Moos "traðka" (trampeln). "So reyndu að syngja með!" heißt es zum Schluss: "Also versuch mitzusingen!" Das versuchen Besucher auch, allerdings oft wenig erfolgreich:

Einheimische beschweren sich vor allem über Vandalismus, die Einführung von Eintrittsgeldern für Nationalparks, steigende Mietpreise und Hotelbaustellen. Im vergangenen Jahr gab es wochenlange Diskussionen, weil öffentliche Toiletten fehlten und Touristen ihre Notdurft am Rand von Straßen und Privatgrundstücken verrichteten.

Ziel von Regierung und Industrie sei, dass die Besucher das ganze Jahr über kommen - auch im dunklen Winter - und das ganze Land bereisen - nicht nur die Gegend um die Hauptstadt Reykjavik, sagte Verbandschefin Árnadóttir. Dafür aber müsse sich die Politik stärker engagieren. "Die Infrastruktur muss gestärkt werden. Straßen zu Touristenzielen müssen sicher und auch im Winter befahrbar sein. Leider konzentriert sich die Regierung weniger darauf, als wir wünschen."

lov/dpa

insgesamt 37 Beiträge
willi2011 04.11.2017
1. Am schlimmsten sind die Kreuzfahrtschiffe
Man kann an allen Naturschönheiten des Landes förmlich spüren u sehen, wann Kreuzfahrtschiffe Island angelaufen haben. Dann tauchen urplötzlich Dutzende von Reisebussen auf und spucken für kurze Zeit Touristen aus. Diese Art [...]
Man kann an allen Naturschönheiten des Landes förmlich spüren u sehen, wann Kreuzfahrtschiffe Island angelaufen haben. Dann tauchen urplötzlich Dutzende von Reisebussen auf und spucken für kurze Zeit Touristen aus. Diese Art des Fast-Food-Tourismus schadet dem Land auf Dauer, auch weil Kreuzfahrer fast kein Geld im Land lassen. Geschlafen und gegessen wird auf dem Schiff. Nur die giftigen Abgase bringen sie mit.
joG 04.11.2017
2. Das ist auch....
....auf Mallorca so. Wenn man Mallorcin versteht, erschrickt man, was die Einheimischen über auch wohlhabende sagen, während sie sie bedienen. Man versucht daher auch den Tourismus einzuschränken. Das ist immer so, wenn die [...]
....auf Mallorca so. Wenn man Mallorcin versteht, erschrickt man, was die Einheimischen über auch wohlhabende sagen, während sie sie bedienen. Man versucht daher auch den Tourismus einzuschränken. Das ist immer so, wenn die Bevölkerung der Region selbst wohlhabender wird. Dann sind Massen an lauten und oft arroganten Touristen nurmehr ärgerlich.
butzibart13 04.11.2017
3. Die Schattenseiten des Massentourismus
Ich habe Island mehrmals besucht. Am Anfang zu Beginn der 80-Jahre mit einer Reisegruppe war es Abenteuer pur, unbefestigte Straßen, auf denen man schier endlos lange unterwegs war, keine Einzäunung bei den Geysiren und ein oft [...]
Ich habe Island mehrmals besucht. Am Anfang zu Beginn der 80-Jahre mit einer Reisegruppe war es Abenteuer pur, unbefestigte Straßen, auf denen man schier endlos lange unterwegs war, keine Einzäunung bei den Geysiren und ein oft mühseliger Weg zu Wasserfällen. Mein letzter Besuch in Island 2010, eine vermüllte nicht mehr zugängliche Grotte Grotagja, Eingrenzungen bei den Schwefelfeldern von Namaskard, eine Schnellfahrt zur Askja, am Myvatn eine warme Lagune und natürlich die bekannte blaue Lagune. Alles ist kommerzialisiert und für viele Attraktionen muss man Eintritt bezahlen. Man kann dieses Verhalten der Isländer nachvollziehen und es geht ihnen nicht alleine darum, Kasse zu machen, wobei Island schon angesichts der kurzen Urlaubssaison teuer sein muss. Aber ähnliche Verhältnisse findet man wie oft berichtet auf Mallorca, Urlaubszielen in Italien, Griechenland, Neuseeland (ich glaube hier sind besonders viele Europäer, insbesondere Deutsche, z. Z .auch unser Bundespräsident unterwegs) und irgendwann liegen bei den Einwohnern die Nerven blank, weil das Maß des Erträglichen überschritten wird.
edefridolin 04.11.2017
4. Leider tritt auch bei diesem wunderschönen Land irgendwann...
...das Unausweichliche ein. Mein erster Besuch liegt jetzt knapp zwanzig Jahre zurück und war ein nachhaltig prägendes Erlebnis. Von Finanzkriese noch keine Spur, herrschte quasi Vollbeschäftigung, ein extremes Preisniveau und [...]
...das Unausweichliche ein. Mein erster Besuch liegt jetzt knapp zwanzig Jahre zurück und war ein nachhaltig prägendes Erlebnis. Von Finanzkriese noch keine Spur, herrschte quasi Vollbeschäftigung, ein extremes Preisniveau und die touristischen Stätten waren noch unreglementiert und weitgehend naturbelassen. Es war ein echtes und manchmal beschwerliches Erlebnis das (Hoch-)Land innerhalb von vier Wochen per Bus, Rucksack und als Tramp zu erkunden. Ist man einmal mit den Einheimischen in Kontakt gekommen, waren dies stets liebenswürdige, hilfsbereite und überaus entspannte Menschen, mit großen Interesse am Leben des Gegenüber. Seit der Finanzkriese wird das Land jedoch auf Teufel komm raus vermarktet. Wachstum um jeden Preis, allen voran Islandair mit seinem Stopover-Programm, was inbesondere den Golden Circle rund um Reykjavik extrem geschadet hat. Die nah am Flughafen gelegene Blaue Lagune, damals noch überschaubar und mit einer einfachen Holzhütte als Umkleide versehen, ist heute ein durchkommerzialisierter Wellness-Tempel, der eine wochenlange Vorbestellung erfordert und durch den von früh bis spät massenweise Stopover-Passagiere durchgeschleust werden. Am Strokkur gabs seinerzeit nur ne kleine Tankstelle und rundrum Natur. Heute ist das Gelände eingezäunt, Hotel und Souveniershop davor gebaut und mit Parkflächen zubetoniert. Die einst schmalen Pfade zu den großen Wasserfällen sind jetzt breit angelegt und führen von großflächig asphaltierten Busparkplätzen direkt zur Felskante. Das Þingvellir, einst eine Art Geheimtip, ist in der Saison heute vollkommen überlaufen und die dortige Silfra-Spalte wird mit Tauchtouristen nur so abgefüllt. Bodenständige Rucksackreisende, die wenigstens ein paar Tage irgendwo verweilen, sind immer weniger zu sehen. Statt dessen herrscht Massenabfertigung um in 30 Minuten zum nächsten Highlight weiterfahren zu können. Man muss schließlich in drei bis sieben Tagen das ganze Land "schaffen". Nicht zuletzt sind es Trends wie Heli-Skiing und Snowmobil-Touren, die in der zunehmenden Masse auch noch die einzigartigen Gletscherwelten zerstören. Das Einzige was das empfindliche Hochland noch ein wenig schützt sind die exorbitanten Preise für ernsthaft geländegängige Mietfahrzeuge. Im Laufe der Jahre konnte bzw. musste man den zunehmenden Massentourismus und den damit einhergehenden Verfall der guten Sitten hautnah miterleben. Müll wird in die Landschaft entsorgt, die empfindlichen Moosflächen werden zertrampelt und die Zeltplätze / Hütten vom Vandalismus heimgesucht und mit Fahrzeugen schwer zugängige Ecken für PKW befahrbar gemacht. Das dies den eher ruhigen Isländern irgendwann mal zu viel wird ist ja völlig klar. Nur die Schlussfolgerung der Verbandscheffin kann ich nicht nachvollziehen. Nein, das Land ist nun mal extrem und muss nicht auch noch im dunklen Winter für jeden Flachlandindianer durchgehend befahrbar sein.
achterhoeker 04.11.2017
5. Verständlich!
Aus meiner Verwandtschaft waren welche per Megaliner dorthin verfrachtet woren. Schlimme Fotos an der Bad, Badende im Wasser und Busweise wurden die Touris uber die Badeanlage getrieben. In Norwegen am Nordkap ähnliche [...]
Aus meiner Verwandtschaft waren welche per Megaliner dorthin verfrachtet woren. Schlimme Fotos an der Bad, Badende im Wasser und Busweise wurden die Touris uber die Badeanlage getrieben. In Norwegen am Nordkap ähnliche Zustände, 3000 Touristen wurden vom Schiff zum Nordkap und retour gekarrt. Und an dieser falschen nördlichsten Stelle Europas schubsten sich die Leute weg um ihren Ehegatten allein aufs Bild zu bekommen. Norwegen scheint dies noch nicht zu jucken. Warum aber Island?Die haben doch ein grösseres Problem. Ihre Regierung.
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Fotostrecke

Fotostrecke

 

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP