31.01.2012
Tyler Brûlé drückt den Alarmknopf
Tasten statt Touchen!
Vom Aussterben bedroht: Der klassische rote Knopf für alle Notfälle
Kürzlich war ich Gast eines Ausfluges, auf dem uns das perfekt durchgestylte Werbefilmchen eines Unternehmens für Spezialglas vorgeführt wurde - wohl in der Hoffnung, ihre Produkte auf diese Weise auch der Technologieindustrie schmackhaft zu machen. Gezeigt wurde eine äußerst seltsame Familie, die wirklich jedes Klischee erfüllte. Wahrscheinlich, um möglichst viele unterschiedliche Märkte anzusprechen und nicht für jede Region eine Extrafassung erstellen zu müssen.
Ich war gerade dabei, mich interessanteren Dingen zuzuwenden - zum Beispiel der Beantwortung von E-Mails unter dem Konferenztisch - als mich doch eine gewisse Faszination für das offensichtliche Grauen des Alltags dieser fiktiven Familie erfasste.
Die Kernaussage des Videos lautete, dass unser Leben - sollte alles planmäßig verlaufen - in Zukunft auf wundersame Weise wahnsinnig vereinfacht wird: durch Glasbildschirme, die all unsere Bewegungen verfolgen. Bereits morgens im Badezimmer werden wir von Touchscreens begrüßt, während des Zähneputzens können wir schon mal die ersten E-Mails abrufen und als Krönung wird man noch fürsorglich auf den zur Neige gehenden Vorrat an Klopapier hingewiesen.
Im nächsten Zimmer ermöglicht uns eine riesige Glaswand die spontane Einberufung einer Telefonkonferenz; die rundum verglaste Küche wiederum wartet mit einer Ansammlung an Rezepten und Warnhinweisen (heiße Oberflächen, gefährdete Milchversorgung, zu viel Salz im Popcorn und überfällige Rechnungen) auf.
Exklusiver Blick in die Hölle
In dem Film werden wir durch einen stressigen Tag in einer Großstadt geführt, in der Glasmonitore sich sowohl in komplizierte als auch banale Tätigkeiten einmischen: vom Shopping bis zur Lunch-Bestellung und vom Treffen mit Geschäftspartnern bis zum DVD-Abend zu Hause. Mitglieder dieser Familie berühren, drücken und wischen unentwegt über Bildschirme, die offensichtlich noch den unwichtigsten Punkt der Tagesordnung durch interaktive Technologien verbessern. Kurz gesagt: ein exklusiver Blick in eine Hölle, die uns über kurz oder lang zu verschlingen droht.
Die Welt, in der diese Familie lebt, ist so entsetzlich, dass ich den Flachbildschirm am liebsten mit meinem Kopf zertrümmert hätte: frigide, eindimensional und alles andere als sexy. Dazu kommen noch die armen philippinischen Hausangestellten, deren Arbeitspensum ins Unermessliche steigt, da es zu ihren Aufgaben gehörte, all diese gläsernen Oberflächen fleckenfrei zu halten. Putzmittelhersteller hingegen vermelden bestimmt einen dreifachen Umsatzanstieg, da die Verkaufszahlen von Glasreinigern förmlich explodieren würden durch all das permanente Sprühen und Polieren.
Teuflische Kapitalisten und gierige Glasproduzenten
Mein Kollege Hugo, ein Design-Redakteur, verfasste vor Kurzem eine Hommage an den gemeinen Knopf - nicht die Sorte an Hemden oder Hosen, sondern die dicke, knubbelige Version, die Fließbänder in Gang setzt und Maschinen startet. Er beschrieb das Gefühl der Genugtuung, wenn ein großer, roter, idealerweise auch noch leuchtender Plastikkreis mit einem Metallhals ganze Maschinen zu einem knirschenden Halt zwingt, Raketen abfeuert oder Alarm auslöst. Nichts sei schließlich schöner als das Wissen darüber, was so ein kleiner Knopf alles anrichten könne - das würde ja eigentlich jeder kennen.
Ich weiß nicht, wer den Knöpfen den Krieg erklärt hat. Die Glasproduzenten in Absprache mit einem Haufen Technologie-Konzernen rund um San José? Oder ein teuflischer Kapitalist, der aus einem geheimen Lagerhaus in den Vororten Taipeis heraus operiert? Oder sind es all diese Leute (ich glaube, sie nennen sich "Berater"), die viel zu viel Geld dafür bekommen, Wege zu finden, um Geld sparen? Vielleicht sind aber auch alle Genannten daran beteiligt. Ich hege den Verdacht, dass die Zukunft vor allem deshalb aus letztlich unbefriedigendem Anstupsen und Rüberwischen von Bildschirmen besteht, weil irgendjemand Firmen davon überzeugen konnte, auf alles zu verzichten, was mechanisch bewegt werden kann.
In den vergangenen Monaten musste Blackberrys Mutterkonzern RIM Rückschläge auf dem Markt einstecken - die erwirtschafteten Ergebnisse enttäuschten und das Management hatte es versäumt, irgendetwas Visionäres zu entwickeln. Inzwischen hat zwar ein neuer Geschäftsführer das Ruder ergriffen, doch unverändert herrscht der Eindruck, dass weder die Analysten oder Investoren, noch die Geschäftsleitung sich auf ihren grundlegenden Aktivposten besinnen: die Qwerty-Tastatur. Vergessen Sie Betriebssysteme der nächsten Generation, Apps und erweiterte Akkulaufzeiten! Das Attraktivste am Blackberry ist schließlich immer das beruhigende Klicken seiner Tastatur gewesen.
Klassisch auf die Tastatur einprügeln
Wenn Sie mit Menschen sprechen, die den ganzen Tag lang E-Mails verschicken, werden Sie wenige finden, die die Funktionalität der Touchscreens hervorheben. Einige mögen zwar attraktive Anwendungen wie die automatische Wortergänzung oder die waagrechte Tastatur loben, alle werden sich jedoch darüber einig sein, dass nichts eine richtige Tastatur schlagen kann - allein schon, was die Genauigkeit angeht.
Nicht zu vergessen der Spaß, den es macht, eine gestrenge Ermahnung an einen nicht ganz auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit agierenden Kollegen rauszuhauen! Oder einen Brief an den Geschäftsführer eines Unternehmens, von dem man sich im Stich gelassen fühlt! Überhaupt gibt es nichts Schöneres, als ganz klassisch auf die Tastatur einzuprügeln und dann für den finalen Kombi-Schlag auf die "Senden"-Taste zu drücken.
Während momentan vielerorts über die Zukunft von Blackberry als ernsthafter Wettbewerber auf dem Markt diskutiert wird, sollten seine Konkurrenten lieber die Verbraucher ins Auge fassen, die sich eher für Produkte interessieren, die noch eine befriedigende haptische Erfahrung bieten, so wie sie beispielsweise mit einer Reihe von Knöpfen daherkommt, die klackern, klickern und gelegentlich auch mal klemmen.
Genauso wie es der Firma The Impossible Project gelungen ist, das Polaroid-Geschäft wiederzubeleben, indem sie Filme hergestellt und Fotoapparate repariert hat, so steckt zweifellos viel Geld darin, alte Smartphones der Marken Nokia, Blackberry und Samsung mit ihren hübschen, zuverlässigen und akkuraten Tastaturen zu restaurieren.