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23.02.2012
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Snowkiting-Kurs in Österreich

"Das ist kein Sport für Pussys"

Aus Zell am See berichtet
Kiteschule Skywalker

Mit Lenkdrachen und Skiern über das Eis: Im österreichischen Zell am See können Wintersportler auf einem zugefrorenen See den Trendsport Snowkiting lernen. Der verspricht Temporausch und Adrenalinkicks - aber nur, wenn der Wind mitspielt. Bei Flaute behilft man sich mit Schneemann-Humor.

Der Chicken Dick ist kaputt. "Wenn es kalt ist, kann der Gummi schon mal porös werden, jetzt ist er abgegangen", erklärt Christoph Volk und deutet auf den Sicherungshaken. Der Wind ist heute zu schwach zum Snowkiten, darum hockt er auf dem Eis, doktert an der defekten Aufhängung herum und erklärt ein paar Begriffe.

Denn wer mit Lenkdrachen über den Schnee rasen will, muss zunächst einmal Vokabeln lernen. Der Windbereich mit der größten Zugkraft heißt Powerzone, die Außenkanten des Flugschirms Tips, die Steuerstange Bar, die Notbremse Quick Release.

Der Chicken Loop wiederum ist eine stabile Schlaufe, die den Flugschirm am Trapez hält, dem Oberkörpergurt des Fahrers. Mit Hühnchen hat das wenig zu tun, Chicken bedeutet hier Memme. "In den siebziger Jahren haben amerikanische Kitesurfer den Bar noch selbst gehalten, dann haben sie für Anfänger die Befestigung gebaut, damit der Kite nicht wegfliegt", erklärt Volk. Apropos Memmen: "Snowkiting ist kein Sport für Pussys", sagt der 30-jährige Inhaber und Dozent der Kiteschule Skywalker. Man muss lange in großer Kälte aushalten, die Windkräfte sind immens, bei heftigen Böen zerren die bunten 21-Meter-Schnüre des Lenkdrachens mit schwer berechenbarer Wildheit am eingehängten Passagier.

Lernen vom deutschen Vizemeister

Volk hat blondierte halblange Haare, trägt eine himmelblaue Goretexjacke, ständig hält er eines seiner zwei iPhones mit schwarzer Panzer-Schutzhülle in der Hand, eins für Österreich, eins für Deutschland. Er hat vor sechs Jahren mit dem Sport angefangen, vorher war er Skilehrer. Als er im Bordmagazin eines Flugzeugs zum ersten Mal einen Snowkiter sah, war er so begeistert, dass er sich 2500 Euro von den Eltern lieh und Ausrüstung kaufte. Jetzt ist er amtierender deutscher Vizemeister und bringt an drei Standorten - am Feldberg in Baden-Württemberg, am Rittner Horn in Südtirol und im österreichischen Zell am See - Schülern das Kiten bei.

Snowkiting mausert sich seit einigen Jahren zur Trend-Wintersportart für Adrenalinsüchtige, bei Turnieren rasen 70 bis 80 Kiter gleichzeitig mit teils mehr als 100 km/h über ebene Schneeflächen. Die Besten beherrschen ähnlich wie Kitesurfer halsbrecherische Sprünge mit wilden Rotationen in der Luft, erst 50 oder 150 Meter weiter landen sie wieder auf dem Boden, das ist Skifliegen ohne Sprungschanze.

In Zell wickelt Volk nun auf dem zugefrorenen See den Kite wieder zusammen, es wird langsam dunkel, und kein Lüftchen ist zu spüren. Das wird heute nichts: Wenn nicht wenigstens eine leichte Brise von 12 km/h weht, ist selbst mit den großen 19-Quadratmeter-Kites der Profis nichts zu machen. Aus einer Bar am Ufer tönt "Sweet Child of mine" von den Guns'n'Roses. "Ich höre Après-Ski", verkündet Volk fröhlich. "Kommst noch mit ins Crazy Daisy?"

Nageln mit Captain Cola

Vier Stunden später. Der Partyraum im ersten Stock des Crazy Daisy füllt sich allmählich. An der Wand steht die Warnung "Nageln auf eigene Gefahr", was sich auf eine österreichische Tradition bezieht: Mehr und weniger Betrunkene testen ihre Koordination, indem sie mit der Rückseite eines Hammers Nägel in einen Baumstumpf zimmern. Je schwungvoller, desto größer die Gefährdung der Umstehenden. An einer Treppe sind die sieben Todsünden aufgelistet, auf einem der Bartresen tanzen eine junge Frau und ein Mann mit Hut jenseits der 45 lasziv zu "You can leave your hat on".

Außer Volk sind an diesem Freitagabend noch seine Freundin Sandra und Ski- und Kitelehrerin Mareike dabei, die beide ebenfalls für Skywalker arbeiten. "Après-Ski ist super in Zell. Nicht so wie in Ischgl, wo einem ständig jemand auf die Schuhe kotzt - aber auch nicht langweilig", sagt Volk und nippt an seiner Captain Cola, einem Longdrink mit Captain-Morgan-Karamellrum. Auch ziehe Zell ein internationaleres Publikum an als viele andere Alpen-Skiorte, viele Engländer und viele Niederländer, aber auch Russen, Polen, Kroaten nutzen die Skilifte auf die Schmittenhöhe.

Tagsüber flanieren sie durch Souvenirgeschäfte mit bunten Modell-Karussellen im Schaufenster, die "Für Elise" oder den Donauwalzer spielen, Spezialitätengeschäfte bieten Pinzgauer Bergkäse und Tiroler Speck an. Abends feiern junge Besucher im B17, Shaker's, Insider oder Crazy Daisy und kippen Schnäpse namens Flügerl und Flying Hirsch herunter, Zehnertabletts gibt's zum Sonderpreis.

Kurz nach ein Uhr ist mit den Drinks zumindest für die Snowkiter-Gruppe Schluss, schließlich ist morgen noch ein Kurs. "Zwei Uhr ist die Todeszone", erklärt Party-Fachmann Volk - wenn man länger feiert, sei der Unterricht um 10 Uhr eine Qual.

Fähnchen ohne Wind

Die Theorie am Samstagmorgen findet ein Stockwerk tiefer statt als die Party - im Frühstückscafé des Hauses. Vier Schüler beugen sich über die Lehr-Broschüren, alle etwa Ende zwanzig und geübte Skifahrer oder Snowboarder. Das Crazy Daisy ist das heimliche Hauptquartier der Kiteschule in Zell: Aus den Fenstern blickt man auf den See und das Grand Hotel, einen weißgetünchten Palast für betuchte Gäste, auf seinem Dach zeigen rotweiße Österreich-Fahnen an, wie stark der Wind ist.

Mit badischem Akzent erklärt Volk Vorfahrtsregeln, Handzeichen ("Winken mit beiden Armen heißt 'Großes Problem'"), Luv und Lee und das Windfenster. "Das müsst ihr euch vorstellen wie eine halbe Käseglocke vor euch, wenn ihr mit dem Rücken zum Wind steht." Auf der Position 12 Uhr befindet sich dann die Powerzone, wer den Kite dorthin steuert, bekommt am meisten Schub. Die Kunst ist nun, bei Fahrten rechts vom Wind den Schirm zwischen 9 und 12 Uhr zu halten, bei Fahrten links vom Wind zwischen 3 und 12 Uhr.

Sehr theoretisch alles, dummerweise hat der Windgott schon wieder kein Einsehen. Als bis 14 Uhr kein Fähnchen auf dem Grand Hotel zuckt, schickt Volk die Schüler nach Hause und baut mit seinen Skywalker-Kolleginnen einen Schneemann auf dem See, Snowy wird er getauft, mit Handschuhen, Skibrille und Trapezgurt.

Schon wieder Flaute

Auf einer App kann Volk die Wind-Vorhersagen der nächsten Tage ablesen: "Morgen ganz früh sollen es zehn Knoten werden, wenn wir um 8 Uhr starten, können wir vielleicht was machen!"

Sonntag gegen 20 vor 8 dann die Ernüchterung: "Bleib liegen - kein Wind", schreibt er per SMS. Den Sonntagskurs lädt er per Panzer-Smartphone komplett wieder aus - Schüler bekommen einen Kurs-Gutschein, wenn das Wetter nicht mitspielt. Mittags kommt dann doch ein bisschen Bewegung in die Grand-Hotel-Fahnen, auf dem See sind ein paar Schleifen mit einem Vier-Quadratmeter-Übungskite möglich, ohne Ski. Das hat mehr mit Lenkdrachen-Fliegen im Stadtpark zu tun als mit winterlichem Extremsport, aber immerhin kann man ein paar Achten fliegen und feststellen, mit welcher Wucht ein so kleiner Kite auf das Eis prallt, wenn man sich mal wieder mit der Kurve verrechnet hat.

Wichtig beim Lenken sei, die Bar wie einen Fahrradlenker horizontal zu bewegen, nicht wie ein Autosteuer von oben nach unten, erklärt Volk. Er muss dann zurückfahren nach Freiburg, für etwa 16 Uhr sagt seine Windfinder-App noch einmal acht Knoten Wind mit Böen bis zehn Knoten voraus. Ansonsten scheinen die nächsten sieben Tage in Zell am See komplett windfrei zu sein.

Ein Helm ist Pflicht

Letzte Hoffnung also am Nachmittag: Kite-Lehrerin Melanie Meijer zu Schlochtern übernimmt, ungläubig blickt die Niederländerin auf die Grand-Hotel-Fähnchen. Die zappeln fröhlich herum, der Schnee landet diagonal auf dem Boden. Schnell raus auf den See, Trapez anziehen, Kite ausrollen. "Stopp, du brauchst einen Helm", sagt sie. Bei dem lauen Lüftchen? "Klar, immer!"

Dass ein Helm keine schlechte Idee ist, merkt ein Anfänger, sobald er den Kite in die Powerzone steuert und die Bar ein wenig an sich heranzieht. Wusch, zehn Meter übers Eis gerutscht, ganz schön kräftig, der kleine Drache.

"Versuch mal, den Kite auf zwölf Uhr ruhig zu halten, dann auf elf Uhr, zehn Uhr." Sie brüllt laut Anweisungen, eine ganz schnelle Reaktion ist wichtig, der Kite kann schnell Tempo und Kraft entwickeln. "Rechts ziehen! Depower! Links ziehen! Depower! Oh nein!" Eine plötzliche Böe, Absturz, Leinen verdreht. Depower, das ist auch noch eine wichtige Vokabel, sie bedeutet, den Bar von sich zu strecken, dann wird der Kite langsamer.

Es braucht ein bisschen Übung, aber irgendwann macht der Kite in etwa das, was der Steuermann-Novize von ihm will. Schnell noch die Ski an, es wird schon dunkel, am Grand Hotel und im Crazy Daisy gehen schon die Lichter an.

Am Ende dieser zweieinhalb Tage reicht es für ziemlich genau 15 Meter Snowkiten auf dem See. Scheint großen Spaß zu machen. Dann ist wieder Flaute.

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