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29.02.2012
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Interrail-Jubiläum

40 Jahre grenzenloses Bahnfahren

DPA

36.000 Kilometer in vier Wochen: Seit 25 Jahren hält ein Karlsruher den Rekord im Europa-Reisen. Mit einem Interrail-Ticket vermaß er den Kontinent auf Schienen - so wie das auch heute noch Hundertausende jedes Jahr tun. Nun feiert das Bahnticket seinen 40. Geburtstag.

Karlsruhe - "Ein Urlaub ohne Bahnfahren ist für mich kein Urlaub." Manfred Weis liebt das Dahinrollen auf Schienen. Anders ist auch nicht zu erklären, warum er als junger Erwachsener innerhalb von vier Wochen einen bis heute ungeschlagenen Rekord aufstellte und rund 36.000 Kilometer quer durch Europa fuhr. Diese Bestleistung, vom Guinness-Buch der Rekorde anerkannt, erreichte er vor 25 Jahren mit einem Interrail-Ticket, dem Fahrschein für unbegrenztes Reisen in Europa.

"Neben meiner achtmonatigen Weltreise war das das Beste, was ich bislang gemacht habe." Nun feiert Interrail sein 40-jähriges Jubiläum - noch immer nutzen Hunderttausende das Angebot jedes Jahr.

Als das Interrail-Ticket am 1. März 1972 auf den Markt kam, entfachte das die Reiselust der jungen Europäer. Der Pass kostete im Gründungsjahr 235 Mark (rund 118 Euro), er verkaufte sich zwischen März und Dezember 85.000 Mal. Für viele Jugendliche öffnete sich ein Tor in die weite Welt: Mit der Netzkarte rückten Metropolen wie London und Lissabon in greifbare Nähe. Reisen wurde bezahlbar - und einfach. In den großen Ferien wurde erst gejobbt und dann der Rucksack gepackt.

Das stärkte auch den europäischen Gedanken. Menschen aus vielen Ländern sind sich auf ihrem Weg kreuz und quer durch Europa nähergekommen, die Geschichten aus den Zugabteilen sind auf unzähligen Internetblogs nachzulesen.

"Es war nie Hetze"

Wie vielen anderen ging es Manfred Weis bei seinem Abenteuer keineswegs nur um reine Kilometerfresserei. "Ich habe mir die Route schon nach den Sehenswürdigkeiten zusammengestellt", sagt der Karlsruher, der damals 26 Jahre alt war. So gut wie alle europäischen Hauptstädte hat er abgeklappert - von Stockholm über Paris nach Madrid und weiter nach Rom und Athen. "Es war nie Hetze, aber ich hatte immer was zu tun." Dabei war er meist nachts auf Tour, was die Fahrt enorm verteuerte: Liege- oder Schlafwagenzuschläge sind im Interrail-Ticket nicht inklusive.

Das Projekt hat er generalstabsmäßig vorbereitet. Er wälzte Kursbücher, suchte sich wichtige Sätze in allen europäischen Sprachen zusammen, besorgte Bargeld in 16 Währungen - den Euro gab es damals noch nicht. Nicht zuletzt hat er beim Guinness-Buch der Rekorde angefragt, wie er seine Leistung nachweisen muss - mit Fahrtenbuch, Schaffnern und Stempeln. Dass sein Rekord noch Bestand hat, wundert ihn. "Heute fahren die Züge doch schneller."

Am Bahnfahren fasziniert Weis, dass die Welt an einem vorbeizieht und die Seele gut hinterherkommt. "Nachts an irgendeinem Flughafen ankommen und gar nicht zu wissen, wo man eigentlich ist, finde ich schrecklich. Ich brauche die langsame Annäherung an ein Ziel."

Bereits als Schüler nutzte er Interrail, um sich die Welt zu erschließen - und das hat er ausgebaut. Die Weltreise mit seiner Frau führte ihn per Bahn über den Iran, Pakistan und China bis nach Hongkong. Er fuhr schon von Frankfurt bis nach Syrien, von Ägypten bis in den Sudan und mehrere Routen durch China.

Neue Regeln, neue Preise

Bis heute haben laut einem Bahnsprecher fast acht Millionen Europäer den Interrail-Pass genutzt, davon rund 1,3 Millionen Deutsche. Im vergangenen Jahr verkaufte die Eurail Group im holländischen Utrecht - die Vermarkter von Interrail - 248.000 Pässe. Doch das Angebot ist kaum noch vergleichbar mit dem der Anfangsjahre. Die Kunden können jetzt unter einer Vielzahl von Möglichkeiten wählen. Der Preis ist abhängig davon, wie viele Länder bereist werden und an wie vielen Tagen der Zug genutzt wird. Je nachdem kostet die Karte für Jugendliche zwischen 175 und 422 Euro.

Diese Neuerungen wurden Stück für Stück eingeführt. Bereits 1976 hoben die Organisatoren das Höchstalter von 21 auf 23 Jahre an, drei Jahre später durften Studenten bis zum Alter von 26 Jahren fahren, 1999 schließlich fiel die Altersbegrenzung vollständig weg.

Auch das Geltungsgebiet wurde immer größer. Mit 20 europäischen Ländern fing es an und schon zwei Jahre später kamen Norwegen, Rumänien und Marokko hinzu. Inzwischen gilt das Ticket in 30 Ländern. Seit 1985 können zudem neben Zügen auch einige Schiffspassagen auf der Ostsee und im Mittelmeer genutzt werden.

Nicht bei allen Jugendlichen kam diese Ausdifferenzierung gut an. "Also für mich ist Interrail Vergangenheit. Ist die reinste Abzocke geworden, seitdem alles in Zonen eingeteilt wurde", schreibt etwa ein Blogger unter dem Pseudonym "Grashalm". Ein Nutzer namens "Marius" widerspricht: "Ist doch trotzdem ne Menge, was man mit so einem Ticket machen kann!"

Konkurrenz der Billigflieger

Spätestens mit dem Aufkommen von Billigflügen hat Interrail seinen Sonderstatus verloren. Zudem ist das Rucksack-Image dahin, seit es Interrail für alle gibt, und das sogar mit erster Klasse. Trotzdem greifen noch immer vor allem Jugendliche zu dem Angebot. Nach Angaben der Bahn sind vier von fünf Interrailern unter 27 Jahre alt. Der Anteil der "Junggebliebenen über 60 Jahre" liegt bei etwa vier Prozent.

Um die Interrail-Gemeinde beisammen zu halten, organisiert die Bahn regelmäßig Stammtische, bei dem sich die Euro-Trotter austauschen können. Der Zug als Kontaktbörse - auch Rekordhalter Weis hat unzählige Leute auf seinen Reisen kennengelernt. Einige sind Freunde geworden. "Deshalb mag ich die Flugzeugsitze im ICE nicht, wo jeder für sich ist", sagt der selbstständige IT-Berater. "Ich bin ein Freund der Abteile."

Nur ein Problem macht dem Bahnfahrer zu schaffen. Im Gegensatz zu vielen Reisenden empfindet er das gleichmäßige Rattern keineswegs einschläfernd. "Ich kann im Zug nicht richtig schlafen, selbst im Schlafwagen nicht", erzählt er. Auch auf seiner Rekordfahrt hat er kaum ein Auge zugetan. "Aber Reisen sind ja auch nicht zum Schlafen da."

Ingo Senft-Werner, dpa

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insgesamt 8 Beiträge
1. Ich könnte Romane darüber schreiben....
hoppeldipoppel 29.02.2012
... was ich alles erlebt habe. Ungewaschen, übermüdet, beklaut, verkatert, hungrig, pleite. Ich hab meine Interrail-Tour gemacht und träume immer noch davon. Wer das nicht gemacht hat, ist nie wirklich erwachsen geworden. [...]
Zitat von sysop36.000 Kilometer in vier Wochen: Seit 25 Jahren hält ein Karlsruher den Rekord im Europa-Reisen. Mit einem Interrail-Ticket vermaß er den Kontinent auf Schienen - so wie das auch heute noch Hundertausende jedes Jahr tun. Nun feiert das Bahnticket seinen 40. Geburtstag. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,818306,00.html
... was ich alles erlebt habe. Ungewaschen, übermüdet, beklaut, verkatert, hungrig, pleite. Ich hab meine Interrail-Tour gemacht und träume immer noch davon. Wer das nicht gemacht hat, ist nie wirklich erwachsen geworden. Apropos Roman: einen hocherotischen Roman habe ich bei Amazon entdeckt, als eBook. Von Théo alias Hugluhuglu (An der Grenze). Spritztour (An der Grenze) eBook: Théo alias Hugluhuglu: Amazon.de: Bücher (http://www.amazon.de/Spritztour-An-der-Grenze-ebook/dp/B006MMYMB8/ref=sr_1_5?s=books&ie=UTF8&qid=1330527513&sr=1-5) Deckt sich in vielen Momenten mit meinen Erfahrungen, auch wenn das Buch (offensichtlich) viel zu viel Sex enthält. Allein schon aus nostalgischen Gründen lesenswert, damals, als es noch D-Mark, Pesetas und Gulden gab. Ist Interrail durch den Euro eigentlich nur noch halb so aufregend?
2. Es war einfach nur geil.
earl grey 29.02.2012
235 DM und in dem Land, wo das Ticket gekauft wurde, zahlte man den halben Preis... also habe ich es in Basel auf der schweizer Seite gekauft (wer fuhr damals schon in die Schweiz...) und bin zu Fuß zurück nach DE... und [...]
Zitat von sysop36.000 Kilometer in vier Wochen: Seit 25 Jahren hält ein Karlsruher den Rekord im Europa-Reisen. Mit einem Interrail-Ticket vermaß er den Kontinent auf Schienen - so wie das auch heute noch Hundertausende jedes Jahr tun. Nun feiert das Bahnticket seinen 40. Geburtstag. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,818306,00.html
235 DM und in dem Land, wo das Ticket gekauft wurde, zahlte man den halben Preis... also habe ich es in Basel auf der schweizer Seite gekauft (wer fuhr damals schon in die Schweiz...) und bin zu Fuß zurück nach DE... und konnte so auch in Deutschland kostenlos fahren. Es war einfach nur geil. Heute fahren die nicht viel schneller, nur auf Teilstrecken, das machen aber die üblichen Verspätungen wieder Wett...
3.
Robert_Rostock 29.02.2012
Ich zum Beispiel. Das Bahn-Paradies schlechthin. Wozu soll ich in Deutschland umsonst fahren? Ich habe meine Interrail-Tour gemacht, um Europa kennenzulernen. Nur auf Teilstrecken. Zum Beispiel der Teilstrecke [...]
Zitat von earl grey235 DM und in dem Land, wo das Ticket gekauft wurde, zahlte man den halben Preis... also habe ich es in Basel auf der schweizer Seite gekauft (wer fuhr damals schon in die Schweiz...) und bin zu Fuß zurück nach DE... und konnte so auch in Deutschland kostenlos fahren. Es war einfach nur geil. Heute fahren die nicht viel schneller, nur auf Teilstrecken, das machen aber die üblichen Verspätungen wieder Wett...
Ich zum Beispiel. Das Bahn-Paradies schlechthin. Wozu soll ich in Deutschland umsonst fahren? Ich habe meine Interrail-Tour gemacht, um Europa kennenzulernen. Nur auf Teilstrecken. Zum Beispiel der Teilstrecke Marseilles-Paris-London/Brüssel. Oder der Teilstrecke Barcelona-Madrid. Und natürlich, damals gab es keine Verpätungen... Ich habe zum 20. Jahrestag meiner legendären Interrail-Tour letztes Jahr nochmal eine kürzere Fahrt mit Interrail gemacht, in einige Ecken, wo ich damals nicht war. So schön es auch war, ich war ziemlich entsetzt, wie sehr im Vergleich zu damals die Freiheit des Reisens eingeschränkt ist. In Frankreich und Spanien kann man auf längeren Strecken kaum noch einen Zug ohne Reservierung nutzen, die natürlich extra kostet und teilweise auch noch stark kontingentiert ist.
4. Die Schweiz...
earl grey 29.02.2012
Die Schweiz war 1974 (da war ich per Interrail unterwegs) nicht so das Traumziel der damaligen Jugend... Um aus Deutschland erstmal raus zu kommen, musste man notgedrungen eine mehr oder minder große Strecke durch [...]
Zitat von Robert_RostockIch zum Beispiel. Das Bahn-Paradies schlechthin. Wozu soll ich in Deutschland umsonst fahren? Ich habe meine Interrail-Tour gemacht, um Europa kennenzulernen. Nur auf Teilstrecken. Zum Beispiel der Teilstrecke Marseilles-Paris-London/Brüssel. Oder der Teilstrecke Barcelona-Madrid. Und natürlich, damals gab es keine Verpätungen... Ich habe zum 20. Jahrestag meiner legendären Interrail-Tour letztes Jahr nochmal eine kürzere Fahrt mit Interrail gemacht, in einige Ecken, wo ich damals nicht war. So schön es auch war, ich war ziemlich entsetzt, wie sehr im Vergleich zu damals die Freiheit des Reisens eingeschränkt ist. In Frankreich und Spanien kann man auf längeren Strecken kaum noch einen Zug ohne Reservierung nutzen, die natürlich extra kostet und teilweise auch noch stark kontingentiert ist.
Die Schweiz war 1974 (da war ich per Interrail unterwegs) nicht so das Traumziel der damaligen Jugend... Um aus Deutschland erstmal raus zu kommen, musste man notgedrungen eine mehr oder minder große Strecke durch Deutschland fahren - und das kostete... wer eh in der Nähe von Basel wohnte, konnte durch diesen Trick viel Geld sparen; denn Spartickets wie heute gab es da noch nicht. Eine Fahrt von Freiburg nach Flensburg (wer nach Skandinavien wollte) war hin-zurück fast halb so teuer wie die gesamte Interrrail-Karte...
5. Viel sehen
megaptera 29.02.2012
Für junge Leute halte ich das Interrailticket für eine gute Möglichkeit, für wenig Geld viel bereisen zu können. Zwar sieht man i.d.R. meist sowieso nur Bahnhöfe und Landschaft aus dem Fenster, aber trotzdem. Habe es [...]
Zitat von sysop36.000 Kilometer in vier Wochen: Seit 25 Jahren hält ein Karlsruher den Rekord im Europa-Reisen. Mit einem Interrail-Ticket vermaß er den Kontinent auf Schienen - so wie das auch heute noch Hundertausende jedes Jahr tun. Nun feiert das Bahnticket seinen 40. Geburtstag. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,818306,00.html
Für junge Leute halte ich das Interrailticket für eine gute Möglichkeit, für wenig Geld viel bereisen zu können. Zwar sieht man i.d.R. meist sowieso nur Bahnhöfe und Landschaft aus dem Fenster, aber trotzdem. Habe es Mitte der 80er Jahre auch zweimal genutzt um Europa zu erkunden: einmal Westeuropa mit I, F, S und P und dann AU, Jugoslawien und Griechenland. Um Sucherei und Geld für die Übernachtung zu sparen, nahm ich meist Nachtzüge. Hatte damals für Spanien wohl einen etwas antiquierten Reiseführer aus den 70ern, der von Benidorm als einem malerisch am Strand gelegenen Dorf schrieb. Als ich mit dem Bus dort ankam, mußte ich unters Sauerstoffzelt. Unvergessen allerdings, als ich das erste Mal das Azurblau der Cote D'Azur sah: dieses Bild habe ich heute noch im Kopf. In Nizza gleich erst einmal Rucksack abgeschnallt und schwimmen gegangen.

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