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25.03.2012
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"Titanic"-Ausstellung in Nordirland

"Sie war in Ordnung, als sie Belfast verließ"

Aus Belfast berichtet
AP

Belfast feiert die "Titanic" und die goldenen Boomzeiten: In der Hafenstadt wurde der legendäre Luxusliner vom Stapel gelassen, Ende März eröffnet am Bauplatz die größte "Titanic"-Ausstellung der Welt. Dabei galt der Unglücksdampfer lange als Tabuthema.

Samuel Scott war erst 15 Jahre alt und der Erste der über 1500 Toten der "Titanic". Er starb zwei Jahre, bevor das damals größte und luxuriöseste Schiff der Welt zu seiner ersten und letzten Fahrt in See stach - und er war Belfaster. In seiner Heimatstadt, am nordöstlichen Rand der irischen Insel, boomte 1910 die Industrie, dort stand die weltgrößte Werft Harland & Wolff. Und dort arbeitete Samuel bis zu seinem Sturz von einer Leiter in einem Nieter-Team an dem Luxusliner, der in der Nacht zum 15. April 1912 im eisigen Atlantik versinken sollte.

Ohrenbetäubender Lärm muss den Jungen auf der Werft umgeben haben: Hammerschläge, kreischende Sägen, quietschende Winden, rufende Arbeiter. Und es stank nach Stahl, Kohle und dem Feuer der lodernden Essen. Über hundert Jahre später, am gleichen Ort, ertönt die Kakophonie erneut, sind die Gerüche wieder da: im "Titanic Belfast". Das sechsstöckige Ausstellungsgebäude wird am 31. März offiziell eröffnet und will die Sinne seiner Besucher mit solchen Spezialeffekten, mit interaktiven Touchscreens und sprechenden Holografien bestechen.

So wie Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao, so schimmert und glänzt der 116 Millionen Euro teure Prestigebau in Belfast. Das Ausstellungsgebäude steht direkt an der ehemaligen Helling, dem Bauplatz, der "Titanic" und ihrer Schwesterschiffe. Könnte man ihn aus Möwen-Perspektive betrachten, sähe es aus wie das Logo der "Titanic"-Reederei White Star Line. Seine vier Sternzacken ragen ebenso hoch in den Himmel wie einst der Bug des Rekordschiffs. Eine Aluminiumhaut, zusammengesetzt aus 3000 Paneelen, reflektiert das Licht der Wasserbecken am Fuße des Gebäudes.

3-D-Höhle und eine Achterbahnfahrt

"Mit dem Erlebniszentrum soll die Blütezeit des Schiffsbaus gefeiert werden", sagt Paul Crowe von Todd Architects. "Damals hatte alles hier gigantische Dimensionen: die Kräne, die Gerüste und die Schiffe." Mit Industriecharme empfängt auch Titanic Belfast seine Besucher: Die Wände des 60 Fuß hohen Atriums sind verrosteten Stahlplatten nachempfunden, die Kasse scheint wie aus Kielblöcken gemacht.

Auf 11.000 Quadratmeter Fläche erzählen die Ausstellungsmacher die Geschichte des legendären Kreuzers. Nur wenige Originalgegenstände sind zu sehen, das Konzept heißt: Erleben mit allen Sinnen. Eine "3-D-Höhle" ermöglicht einen virtuellen Spaziergang durch Maschinenraum, Korridore und über die Brücke; recht konkret dagegen erleben die "Titanic"-Fans bei einer Fahrt im Käfigaufzug, wie hoch das Baugerüst war.

Dann besteigen sie eine kleine Bahn, die sie in eine Rekonstruktion von Samuel Scotts Arbeitsplatz entführt. Fünf Minuten dauert die Reise durch das Schiffswerft-Modell, die Wagen rotieren und bewegen sich hoch und runter, vorbei an einem riesigen Steuerruder und an Projektionen von historischen Schwarz-Weiß-Fotos.

Dunkler, enger und beklemmender wird es, wenn die Besucher die Abteilung "The Sinking" betreten: Die Temperatur fällt, die schnellen Morsezeichen des letzen Hilferufs ertönen, das Licht flackert - so sollen die Schrecken der Unglücksnacht, nach dem Crash der "Titanic" mit einem Eisberg, spürbar werden.

"Wir feiern mit der Ausstellung nicht den Untergang der 'Titanic'", sagt Tim Husbands, Geschäftsführer von Titanic Belfast, "sondern das, was in Belfast vor hundert Jahren geleistet wurde: ein Meisterwerk der Ingenieure und Handwerker." Ein Passagierschiff nach dem anderen verließ damals die Docks von Harland & Wolff, darunter auch Aufträge für große Reedereien wie Holland-Amerika Line und P&O Lines. Doch von den rund 11.000 Arbeitern zu Samuels Zeiten sind heute nur noch wenige hundert übrig.

"Dies ist unser Guggenheim"

Der Niedergang der Werft in den Sechzigern war symbolisch für den Niedergang Belfasts als hochproduktiven Industriestandort. Stark zerstört von deutschen Bombern und gebeutelt vom jahrzehntelangen Nordirland-Konflikt, hängt die Stadt wirtschaftlich noch heute am Tropf der britischen Regierung.

Erst mit dem Friedensabkommen 1998 begann der Wandel: Investoren errichteten millionenteure Einkaufszentren in der City, Restaurants beleben inzwischen das Straßenbild. Ein Hafenviertel-Projekt auf 75 Hektar und mit einem Volumen von sieben Milliarden Pfund wurde initiiert: das Titanic Quarter mit Industriebetrieben und Filmstudio, Luxuswohnungen und Cafés - und dem Ausstellungsbau als krönenden Mittelpunkt.

Mit den Veränderungen kommen auch die Touristen. Waren es vor 1994 lediglich 400.000 Besucher im Jahr, stieg ihre Zahl bis 2009 auf 9,3 Millionen. Auf Titanic Belfast, dem größten Tourismusprojekt in Nordirland überhaupt, ruht die Hoffnung, den Besucherboom weiter anzukurbeln: "Dies ist unser Eiffelturm, unser Guggenheim. Es ist unsere Chance, den Blick der Welt auf unsere Stadt vollkommen zu verändern", sagt Claire Bradshaw, Marketingleiterin von Titanic Belfast.

Museumschef Husbands will mit der legendären Marke neue Besuchermärkte erschließen: "Inder und Chinesen kennen vielleicht nicht Irland, aber sie kennen die 'Titanic'." Als Ziel für das erste Jahr hat sich der Erlebniscenter die Zahl von 425.000 Besuchern gesetzt, 80.000 Tickets sind bereits verkauft.

"Versenkt durch einen Engländer"

Lange war der Unglücksdampfer für die Belfaster ein Tabuthema. Viele Crewmitglieder, Techniker und Passagiere aus der Stadt starben beim Untergang der "Titanic". Belfast trauerte und wollte an das Desaster nicht erinnert werden. "When she left, she was alright", lautete das trotzige Motto: "Als die 'Titanic' Belfast verließ, war sie in Ordnung."

Dann kamen Regisseur James Cameron, sein Hollywood-Blockbuster mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet - und das Jubiläumsjahr 2012. Und mit ihm "Titanic"-Menüs und "Titanic" Afternoon Tea in Luxushotels, "Titanic"-Touren mit Nachkommen der Opfer, "Titanic"-Chips mit Salz und Essig und T-Shirts mit der bissigen Aufschrift: "Built by Irishmen, sunk by an Englishman" - Unglückskapitän Edward Smith war Engländer.

Auf die erhoffte Flut an "Titanic"-Fans hat sich auch das Ulster Folk and Transport Museum, 15 Kilometer entfernt von dem glitzernden Prunkbau, eingestellt. Die Ausstellung "Titanica" zeigt rund 500 Originale, ein Themenweg über das Gelände des Heimatmuseums führt zu originalgetreu aufgebauten Häusern jenre Zeit. In einer der winzigen Arbeiterwohnungen steht Guide John Savage vor dem Kamin.

In sackiger Hose und einem Wollhemd über dem imposanten Bauch erzählt der 61-Jährige aus dem Alltag eines Nieters wie Samuel Scott: "Mit spätestens 30 waren sie taub, zu laut war der Lärm der Hämmer. Oft fehlten ihnen Finger oder ein Auge - dies zählte aber zu den weniger schweren Unfällen", sagt Savage und wiegt eine pfundschwere Niete in der Hand. Über drei Millionen davon wurden in die "Titanic" geschlagen.

Der 15-jährige Arbeiter Samuel bekam im April vergangenen Jahres ein Denkmal auf einem Friedhof im Westen der Stadt: "Als Erinnerung an seine Seele und an alle, die beim Untergang der 'Titanic' ums Leben gekommen sind."


"Titanic"-Ausstellungen

Titanic Belfast : Eröffnung am 31. März. Eintritt für Erwachsene 13,50 Pfund, Kinder bis 16 Jahre 6,75 Pfund.

Ulster Folk & Transport Museum: Ausstellung "Titanica" und "Titanic"-Trail zu zehn Häusern mit Bezug zu dem Unglücksschiff. Eintritt jeweils für Erwachsene 6,50 Pfund, für Kinder 4 Pfund, für beide Museen für Erwachsene 8 Pfund, für Kinder 4,50 Pfund.

"Titanic"-Touren

Titanic Walking Tour: Zweieinhalbstündiger Spaziergang mit "Titanorak" Colin Cobb im Titanic Quarter. Erwachsene 12 Pfund, Kinder 5 bis 8 Pfund

Titanic Tours Belfast: Dreistündige Rundtour per Auto, geführt von Susan Millar, eine Ururenkelin eines mit der "Titanic" untergegangenen Schiffsingenieurs. 30 Pfund pro Person.

Titanic Boat Tour: "Titanic"-Geschichtserkundung von der Wasserseite auf einer 75-minütigen Fahrt. Erwachsene 10 Pfund.

Forum

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insgesamt 16 Beiträge
1.
yolanthe85 25.03.2012
Wonach stinkt den Stahl? Wahrscheinlich stinkt Stahl so, wie Glas schmeckt, wie?
Zitat von sysopAPBelfast feiert die "Titanic" und die goldenen Boomzeiten: In der Hafenstadt wurde der legendäre Luxusliner vom Stapel gelassen, kurz vor dem Jahrestag ihres Untergangs eröffnet am Bauplatz die größte "Titanic"-Ausstellung der Welt. Dabei galt der Unglücksdampfer lange als Tabuthema. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,822356,00.html
Wonach stinkt den Stahl? Wahrscheinlich stinkt Stahl so, wie Glas schmeckt, wie?
2. Nur mal erwähnt
caraya 25.03.2012
Sie haben anscheinend noch nie im Maschinenbau oder einer Werkstatt gearbeitet. Stahl der gebrannt wird, also mit Brennern geschnitten oder geschweisst oder sonstwie geschmiedet oder bearbeitet wird, bzw. gereinigt wird, [...]
Zitat von yolanthe85Wonach stinkt den Stahl? Wahrscheinlich stinkt Stahl so, wie Glas schmeckt, wie?
Sie haben anscheinend noch nie im Maschinenbau oder einer Werkstatt gearbeitet. Stahl der gebrannt wird, also mit Brennern geschnitten oder geschweisst oder sonstwie geschmiedet oder bearbeitet wird, bzw. gereinigt wird, entwickelt einen markanten unverwechselbaren Geruch. Oder ist es bloß der Schweiß der Männer und Damen die damit arbeiten?
3.
PrettyHateMachine 25.03.2012
... trotz meines miesen Gedächtnisses erinnere ich mich noch an einen alten Beitrag im "Spiegel" (2008); hier die abgespeckte online-Version: Katastrophen: Mürber Greis - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft [...]
... trotz meines miesen Gedächtnisses erinnere ich mich noch an einen alten Beitrag im "Spiegel" (2008); hier die abgespeckte online-Version: Katastrophen: Mürber Greis - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,586837,00.html) "Ihre Eigentümer schickten die "Titanic" als klapprigen Riesen auf die erste Reise. Nach dem Untergang des Luxusschiffs wurden die Schlampereien vertuscht." Ob da was dran ist?
4. Belfast und H&W
exminer 25.03.2012
Vor Jahren habe ich ein Schiffsgetriebe dort angeliefert, im Gespräch mit den dort Beschäftigten zierten sich die Jungs wie die Zicke am Strick als die Rede auf die Titanic kam. Seit das Schiff bzw. die Reste gefunden waren, [...]
Vor Jahren habe ich ein Schiffsgetriebe dort angeliefert, im Gespräch mit den dort Beschäftigten zierten sich die Jungs wie die Zicke am Strick als die Rede auf die Titanic kam. Seit das Schiff bzw. die Reste gefunden waren, sind die Jungs etwas lockerer im Gespräch.
5. Tja
beatbox 25.03.2012
Da sieht man , wie sich in unserem Land , bedingt durch Arbeitsteilung und automatisierter Produktion, vorzugsweise auch ins Ausland ausgelagert, soziale Klassen voneinander entfernen. Die Bedingungen der Produktion von [...]
Zitat von yolanthe85Wonach stinkt den Stahl? Wahrscheinlich stinkt Stahl so, wie Glas schmeckt, wie?
Da sieht man , wie sich in unserem Land , bedingt durch Arbeitsteilung und automatisierter Produktion, vorzugsweise auch ins Ausland ausgelagert, soziale Klassen voneinander entfernen. Die Bedingungen der Produktion von materiellen Gütern dürfte noch so manche Überraschung für Sie parat haben. Seien Sie froh, das ihre Probleme sich als proportional zu dem sich ihren Flatulenzen verweigernden Sesselbezugs bewegen.

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