30.05.2012
Andreassteig in Kiew
Porträt einer sterbenden Schönheit
Von Benjamin BidderKiew - Ein Schluck noch vom billigen Bier, ein Zug an der Zigarette, dann tritt Witalij Alexandrowitsch Kolesnikow, Jahrgang 1957, aus seinem Kiewer Atelier hinaus auf den Balkon. Behutsam baut der Maler seine Staffelei auf den morschen Planken auf. Es ist vielleicht das letzte Mal.
Der Staat hat ihm einst das winzige Atelier an einer Biegung des Kiewer Andreassteigs zugewiesen. "Unseren Montmatre" nennen die Einwohner der ukrainischen Hauptstadt die Straße stolz, weil hier tagsüber Künstler ihre Werke feilbieten wie an dem berühmten Hügel in Paris und abends ähnlich oft Verliebte durch das Viertel streifen.
Wie ein langgezogenes S streckt sich der Andreassteig von Kiews Unter- bis zur Oberstadt. In der Abendsonne zeichnet Witalij auf seinem Balkon auf einer Staffelei die Konturen der Straße nach: grün die Bäume an den Hängen des Dnjepr-Flusses, braun die Fassaden der herrschaftlichen Häuser, grau die Steine des groben Pflasters. Er malt das Porträt einer sterbenden Schönheit.
Schlägereien im Rotlichtviertel
Der Andreassteig ist die älteste Straße der Stadt. Tausendundeine Geschichte wissen seine Bewohner zu erzählen. In den Legenden kommen Heilige vor ebenso wie Hexen. Vor knapp 2000 Jahren soll der Apostel Andreas an dieser Stelle die Ufer des Dnjepr erklommen haben und, oben angekommen, die Entstehung einer "großen christlichen Stadt" prophezeit haben. Einmal im Jahr aber gehört die Gegend angeblich teuflischen Kräften - wenn die Hexen der Überlieferung nach hier in der Walpurgisnacht ihren Hexensabbat feiern.
Am Andreassteig, der einst ein Rotlichtviertel war, lieferten sich im 19. Jahrhundert Studenten und Offiziere des Zaren Schlägereien nach dem Bordellbesuch. Michail Bulgakow wurde hier 1891 geboren, heute einer der beliebtesten russischen Schriftsteller, zu Lebzeiten aber von den Sowjets verfolgt und zensiert. "Meister und Margarita", sein berühmtester Roman, durfte erst 1966 erstmals veröffentlicht werden, 30 Jahre nach Bulgakows Tod. "Hundeherz", eine bittere Satire auf den Sozialismus, schrieb er 1925, sie wurde aber erst 1987 publiziert.
Heute streckt sich hoch oben am Ende des Steigs die Andreaskirche dem Himmel entgegen, baufällig und doch grazil. Die Straße ist so widersprüchlich wie das Land: schön und chaotisch, bewohnt von aufgeschlossenen Menschen, aber beherrscht von undurchsichtigen Geschäftsleuten, für die der Steig kaum mehr ist als ein Flecken günstiges Bauland.
Der Oligarch
Auch die jüngere Vergangenheit, die demokratische "Revolution in Orange", hat Spuren am Andreassteig hinterlassen. Am Fuße des Hügels erinnert auf dem Kontraktowa-Platz ein Denkmal an die Aktivisten der Jugendbewegung "Pora - Es ist Zeit", die dort im Winter 2004 in Zelten kampierten, um faire Wahlen und ein Ende der Herrschaft korrupter Politiker zu erzwingen. Sie hatten keinen nachhaltigen Erfolg. Ausgerechnet der Bruder des einstigen Revolutionshelden und späteren Präsidenten Wiktor Jutschtschenko besitzt eines der Filetstücke am historischen Andreassteig, der bald mit modernen Bürohäusern bebaut werden soll.
Mehrere alte Gebäude wurden bereits abgerissen. Wo der Denkmalschutz oder störrische Einwohner stören, helfen gedungene Schlägertrupps nach. Hausnummer 14 und 16 wurden so bis zur Abrissreife demoliert. Witalijs Künstlerkolonie soll einem Hotel mit Tiefgarage weichen. Hinter den Plänen steht angeblich ein Abgeordneter des Stadtparlaments.
Vor allem aber Rinat Achmetow hat ein Auge auf den Andreassteig geworfen. Der Oligarch aus der ostukrainischen Industriestadt Donezk ist mit einem geschätzten Vermögen von 16 Milliarden Dollar der reichste Mann des Landes und, seit der von ihm gestützte Wiktor Janukwitsch 2010 Präsident wurde, auch einer der mächtigsten. Anfang April ließ Achmetow drei Gebäude niederreißen. Bauland ist teuer und rar im Zentrum von Kiew. Jahrelang trieb Achmetow den Bau eines Business-Centers aus Glas und Stahl mit rund 70.000 Quadratmetern am Andreassteig voran.
Der Künstler
Der Andreassteig war immer ein spartanisches Paradies für Künstler wie Witalij. Im Winter blieb die Hälfte der alten Häuser kalt, weil sie keinen Anschluss an das Fernheizungsnetz haben. Gingen in den Sommermonaten die üblichen Sturzregen über Kiew nieder, spülten die Wassermassen schon mal Souvenirstände und Fressbuden die Straße hinab, weil es an einer funktionierenden Kanalisation mangelte.
Das ändert sich nun, weil vor allem die Investoren auf die Erschließung des Gebietes drängen. 2011 rückten die Bagger an und rissen die Straße auf, ließen die Gruben jedoch über den Winter wie offene Wunden liegen.
Viele am Andreassteig glauben: mit Absicht. "Der Regen hat die Fundamente der alten Häuser noch stärker angegriffen, jetzt bleibt fast keine andere Möglichkeit mehr als der Abriss", sagt Alexander Brygynez, Stadt-Abgeordneter der Timoschenko-Partei "Vaterland".
Die Künstlerkolonie in Hausnummer 18 ist nur noch über ein Holzbrett zu erreichen. Ihre Bewohner haben ihre Kapitulation auf einem weißen Schild erklärt. "Liquidation - Ausverkauf" steht darauf geschrieben. "Straßen sind wie Menschen", sagt Maler Witalij resigniert und zuckt mit den Schultern. "Sie leben und sie sterben."
Der Bewahrer
Bergabwärts duckt sich ein winziges Museum hinter Baugruben und Gerüsten. "Wir haben geöffnet", verkündet tapfer eine Hinweistafel. Das "Museum einer Straße" ist der Geschichte des Andreassteigs gewidmet, und Museumsdirektor Dmitrij Schlonskij ist ihr Chronist.
Ende der achtziger Jahre hat er das Museum gegründet. Schlonskij kann sich noch daran erinnern, wie Männer mit den Büchern von Schriftsteller Bulagow in der Hand über das Pflaster stolperten, auf der Suche nach den darin beschriebenen Häusern.
Schlonskij hat zwei Leidenschaften: den Steig - und Totenmasken aus aller Herren Länder. 250 Gipsabdrücke von Dichtern, Denkern und Diktatoren hat er über die Jahre gesammelt. In den Hinterzimmern des kleinen Museums hängt so Reichskanzler Hindenburg neben Kant, Lenin, Stalin oder Atatürk, und in einer Plastikkiste auf dem Schrank in Schlonskijs Büro ruht die Maske von Heinrich Himmler, Hitlers Reichsführer SS.
Es sei eine gute Idee gewesen, die Häuser Ende der achtziger Jahre den Künstlern zu geben, sagt Schlonskij. Gut, aber nicht durchdacht. "Eine Weile lang haben sich die Maler auch um die Gebäude gekümmert", sagt er, aber nach ein paar Jahren sei alles den Bach runtergegangen.
Er hat jetzt Kontakt aufgenommen zu dem öffentlichkeitsscheuen Oligarchen Achmetow, denn "wenn das große Business kommt, kannst du es nicht aufhalten, du musst mit ihm arbeiten". Achmetows Firma hat die Pläne für den Bau des Geschäftshauses zurückgezogen, nach massiven Protesten der Bevölkerung. Statt dessen will der Oligarch ein Kulturzentrum auf dem Gelände errichten und berät das Vorhaben mit Aktivisten wie Schlonskij.
"Der alte Steig", sagt Schlonskij, "ist schon lange gestorben. Jetzt kommt es darauf an, was wir aus dem neuen machen."
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde der Eindruck erweckt, Rinat Achmetow habe die Pläne zum Bau des Business-Centers noch nicht aufgegeben. Das ist falsch. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

