01.06.2012
EM-Stadt Charkow
Willkommen bei den wahren Ukrainern!
Von Benjamin BidderDer Ort, der während der Europameisterschafts-Vorrunde zum Anlaufpunkt für Fans aus den Niederlanden und Deutschland werden wird, ist Ukraine-Reiseführern kaum eine Empfehlung wert. Im Südosten von Charkow schmiegen sich triste Betonblöcke an das Areal eines Traktorenwerks. Die U-Bahn-Haltestellen heißen hier noch "Sowjetische Armee" und "Proletarskaja", ganz so, als sei der Eiserne Vorhang nie gefallen.
In einem grauen Plattenbau an der "Straße des Friedens" hockt Maryna Grytska-Annenkowa am Bildschirm ihres Computers. Sie klickt sich durch Gäste-Anfragen. "Wir sind zu dritt, wir sind Holländer, aber ganz ruhig und nett", schreibt einer, der nach Charkow kommen will, wenn seine Mannschaft dort am 13. Juni gegen Deutschland antritt.
Während der Europameisterschaft werden Maryna und ihr Mann Jurij eins der zwei Zimmer ihrer winzigen Wohnung räumen und Platz schaffen für ihre Gäste aus dem Ausland. Geld werden sie dafür nicht verlangen: Sie haben sich der Initiative "Laskowo Prosimo", Herzlich willkommen, angeschlossen, deren Aktivisten Privatunterkünfte in den ukrainischen EM-Städten anbieten. 700 Gastgeber haben sich bereits angemeldet, auf Facebook und der Webseite rooms4free.org.ua.
Teigtaschen und Räucherspeck
Weil Maryna und Jurij kein Auto besitzen, wollen sie mit dem Bus zum Flughafen und zum Bahnhof fahren, um ihre Gäste abzuholen: die Deutschen, die etwas schüchternen Holländer und die junge Russin, die aus dem 3200 Kilometer entfernten Nowosibirsk mit dem Zug zu den Spielen fährt.
In der winzigen Küche wird das ukrainische Pärchen sie mit Wareniki bewirten, mit Fleisch, Kartoffeln oder Marmelade gefüllten Teigtaschen. Maryna wird dann von dem alten ukrainischen Brauch berichten: An Weihnachten mussten die unverheirateten Töchter einst Wareniki kochen, dann wurde der Hund in die Stube gelassen. Die Köchin, deren Teigtaschen er zuerst verspeiste, durfte sich Hoffnungen auf eine Hochzeit binnen Jahresfrist machen.
Vielleicht werden Jurij und Maryna danach auch noch Salo auftischen, fetten Räucherspeck, bei dessen Anblick figurbewusste Westeuropäer für gewöhnlich Reißaus nehmen, der gleichwohl aber sehr schmackhaft ist.
Charkow, die Heimat des Pärchens, ist die wohl am wenigsten selbstbewusste der acht EM-Spielstätten. Als sich die Stadt als Wettkampfort vorstellen sollte, ließen die Organisatoren verschämt das 20 Meter hohe Lenin-Denkmal im Zentrum aus dem Video retuschieren.
Deutsche Spuren an alten Mauern
Besucher empfängt Charkow als farblose Industriestadt. Im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, prägt gesichtslose Sowjetarchitektur die Straßenzüge im Zentrum. Die Reize der Stadt erschließen sich nur dem, der gründlich sucht.
Einst wurde Charkow von Kosaken als russische Grenzfestung errichtet. Noch heute rühmt sich die Stadt, dass sie nach der Oktoberrevolution rund 15 Jahre Hauptstadt der ukrainischen Sowjetrepublik war. Denn in Kiew hatten nach dem Ersten Weltkrieg ukrainische Nationalisten, dem Zaren ergebene Truppen und Deutsche das Sagen. Am Freiheitsplatz reckt sich noch heute das "Haus der Staats-Industrie" in den Himmel, ein Wolkenkratzer im Stil des Konstruktivismus mit 3000 Zimmern.
Wenige Meter entfernt finden sich Spuren deutscher Siedler im Osten. Wer nicht achtlos an dem verfallenden Jugendstilhaus in der Puschkin-Straße Nummer 19 vorübereilt, entdeckt an der Fassade verblassende deutsche Schriftzüge. "Friseur" steht da auf bröckelndem Putz, und "Bierhalle". Manch ein Charkower Bürger kennt die Puschkin-Straße auch noch unter ihrem alten Namen: "Große Deutsche Straße" - einst lebten hier Kaufleute und Gelehrte aus Deutschland.
Als die örtliche Universität 1803 Professoren suchte, wandte sie sich an Johann Wolfgang von Goethe, damals Minister im 1800 Kilometer entfernten Weimar. Der Dichter "empfahl vor allem freiheitsliebende und rebellische Akademiker", erzählt man sich in Charkow.
Wendehals an der Macht
Von der demokratischen Gesinnung ist wenig geblieben. Seit zwei Jahren wird Charkow von dem Magnaten Gennadij Kernes regiert - einem Mann, von dem die Bürger der Stadt hartnäckig behaupten, er habe den Grundstein seines Vermögens Ende der achtziger Jahre als Betrüger und Hütchenspieler am Hauptbahnhof gelegt. Kernes, der Wendehals, unterstützte einst die Revolution in Orange, nur um später in das wieder erstarkende Lager des seit 2010 amtierenden Präsidenten Wiktor Janukowitsch zu wechseln.
Janukowitsch hat sein Land in eine Sackgasse geführt, indem er seine Rivalin Julija Timoschenko ins Gefängnis werfen ließ. Die Strafkolonie, in der sie ihre Strafe verbüßt, liegt nur wenige Autominuten von Charkows Metalist-Stadion entfernt, ebenso wie das Eisenbahnerkrankenhaus, in dem die Politikerin behandelt wird. Seine sture Rache an der Rivalin hat das Image der Ukraine im Ausland ramponiert. Maryna, Jurij und die Aktivisten der ukrainischen Herbergs-Initiative wollen retten, was zu retten ist.
Oligarchen und Politiker leben in einer anderen Welt, sagt Jurij. "Wir einfachen Leute, wir sind die wahren Ukrainer. Vergesst also bitte die Politik und lasst uns euch willkommen heißen."
Maryna tippt eine E-Mail, eine Fangruppe braucht Hilfe bei der Suche nach einem Campingplatz. Dann öffnet sie eine Nachricht aus Deutschland, es ist ein Dankesschreiben eines Fans aus Berlin. "Der größte Schatz eures Landes", liest Maryna, "sind die Menschen."

