14.06.2012
US-Anwalt baut Luxusresort
Yes-we-can in der Toskana
Von Gesine BorcherdtMichael L. Cioffi ist einer von denen, die in einem Nebensatz den Bogen von den Etruskern über Macchiavelli bis zum toskanischen Fünf-Gänge-Menü schlagen. Meist gefolgt von den Worten "Love Affair". Der US-Anwalt aus Cincinnati - 59 Jahre alt, mit dichtem Haar, Rotweinnase und Wohlstandsbauch unterm Kaschmirpulli - steht mit gespreizten Beinen auf einem Hügel aus hubbeligen Sandsteinen. Vor ihm öffnet sich eine Kuhle archäologischer Ausgrabungen, die er nach seiner Großmutter Maria Mazzone benannt hat. In der Ferne leuchten die lieblich geschwungenen Hügel der Toskana.
Hier, mitten im Val d'Orcia, dem Weltkulturerbe auf halber Strecke zwischen Rom und Florenz, wo keine Bausünde die Klatschmohnfelder aus dem Gleichgewicht bringt, hat Cioffi ein mittelalterliches Dorf gekauft. Eigentlich hat er es sogar gerettet. Er hat ein verfallenes Gebäude nach dem anderen behutsam restauriert. 10 von rund 15 Häusern gehören bereits zu den "Villas at Monteverdi". So hat er seine Anlage getauft, die ab dem Anfang August Gäste aufnimmt. Solche, die zwischen 4000 und 12.000 Euro pro Woche zahlen.
"Sophisticated travellers" nennt Cioffi seine potentielle Kundschaft. Das seien alle, die seine Liebe für Historie und Humanismus, Kunst und Kulinarisches teilen und Wert auf entspannte, intelligente Konversation wie damals bei Petrarca legen. La Dolce Vita eben, so will es jedenfalls sein "Monteverdi Manifesto", das in den liebevoll gestalteten Luxuszimmern ausliegt. Dass beim Bau des Ferienresorts nebenbei eine Burg aus dem 12. Jahrhundert freigelegt wurde, in der nun auf Cioffis Kosten Studenten aus Siena werkeln, ist die buchstäbliche Krönung dieses Idylls im Schuldenstaat Italien.
Hollywood auf Italienisch
Tatsächlich ist an Cioffi ein kleiner Macchiavelli verloren gegangen. Für die Eroberung von Castiglioncello del Trinoro - so der Name des Ortes, in den er sich, wie er betont, einst als Backpacker verliebte - überzeugte er die Hauseigentümer mit seiner schulterklopfenden Autorität schnell, ihm ihre ruinösen Feriensitze zu verkaufen. Erstaunlich geschickt kam er mit der italienischen Bürokratie überein. Und er kumpelte mit der Handvoll Einwohner, die nach dem Krieg den Verfall ihres Dorfes erlebten.
Vor fünf Jahren begann Cioffi mit den Bauarbeiten. "Sie freuen sich, dass jetzt hier wieder etwas passiert", sagt er und ruft Scott, dem Schwiegersohn in spe zu, er möge ihm "das Baby" bringen. Kurz darauf hat Cioffi den jüngsten Familiennachwuchs auf dem Arm, so dass er vor den Grabungen wie ein Zeichen seiner Unsterblichkeit wirkt. Als politischer Berater hat Scott kürzlich bei den Cioffis eine Party für den Vizepräsidenten der USA geschmissen. Verlobt ist er mit Gina Cioffi, die das Hotel leiten wird und ein bisschen so aussieht wie die Tochter eines reichen Hollywood-Produzenten.
Genau das ist es allerdings, wovon Cioffi sich abheben will. Er möchte raus aus den künstlichen Kulissen Amerikas und seine italienischen Wurzeln beschwören. Doch Monteverdi ist im Grunde nichts anderes als eine Kunstwelt - wenn auch unwiderstehlich schön: ein Yes-we-can, ein US-amerikanischer Traum, eine Spielstätte für die gehobene Toskana-Fraktion.
Auch die Kirche ist gekauft
"Wir hatten Glück im Unglück", sagt Marina Comandini und schiebt sich eine Strähne aus der sonnengegerbten Stirn. Mit ihrem kleinen Sohn wohnt die Künstlerin in dem brüchigen Haus hinter Cioffis Restaurantterrasse mit dem Lavendelgarten. Dort finden jetzt im Sommer Konzerte statt, zu denen er das ganze Umland einlädt.
"Ich bin aus Rom hergezogen, weil ich das Verfallene mochte, die Einsamkeit und Stille. Jetzt hat sich alles verändert. Aber besser, er macht das als ein anderer." Marina seufzt und hofft, dass Cioffi nun zumindest ihre Bilder, wie er versprochen hat, bei sich ausstellen wird. Schließlich gibt es bereits ein Künstlerstipendium, die Villen werden mit zeitgenössischen Werken bestückt, und demnächst eröffnet eine Galerie, betreut von einer global umtriebigen Kuratorin.
"Michael mag diese Mischung aus Hotelgästen und uns", sagt Comandini. Doch bei der Vorstellung, dass die paar Alten hier mit frisch gefönten Touristen auf der Piazza vor der Kirche sitzen - die Cioffi übrigens ebenfalls gekauft hat und schon mit dem Gedanken an seine Grabstätte spielt -, zuckt sie lächelnd die Schultern.
"Slow Food" statt Speisenkarten-Staccato
Vielleicht sind solche Gesten der Grund dafür, dass Cioffi seine Gäste gerne zu amerikanophilen Freunden schickt: Unten im Tal baut Andrea Franchetti Wein an - er ist der Neffe von Cy Twombly, einer der größten Maler der Nachkriegszeit, der letztes Jahr in seiner Wahlheimat Rom starb. Benedetta Origo - Tochter der amerikanischen Autorin Iris Origo, deren Buch "Krieg im Val d'Orcia" vorsorglich in jeder Villa zu finden ist - residiert in La Foce, einer fürstlichen Renaissancevilla, deren Garten eine scharfgestochene Augenweide ist. Und in den urigen Trattorien rattert man die Speisekarte nicht mehr im Staccato herunter, sondern isst plötzlich "Slow Food".
Auf der winzigen Hauptstraße von Monteverdi, pardon Castiglioncello, eilt plötzlich Massimo, der Mann für alles, auf eine alte Dorfbewohnerin zu. Über das ganze Gesicht strahlend steht sie mit ihrem Hund vor der Baustelle, die bald das kleine Hotel sein wird. "Djamila!", ruft Massimo und deutet aufs Pflaster direkt vor der Treppe zur Clubraumvilla.
Djamila blickt zurück und zuckt die Schultern. Wo ihr Hund in Zukunft sein Geschäft erledigen darf, dafür wird Cioffi sicher auch bald eine Lösung haben.

