12.07.2012
Lupiacs Musketier-Festival
Einer für alle, alle für ein Dorf
Von Helge SobikBei d'Artagnan ist niemand zu Hause: alles dunkel, keiner am Tresen, die Tür abgeschlossen, die Glasscheiben ein bisschen angelaufen, die Plakate an der Hauswand ausgeblichen. Josette Ribeiro hat dichtmachen müssen, ihr Gasthaus mitten im 312-Einwohner-Dorf Lupiac in der Gascogne hat schon vor vier Jahren geschlossen.
Seitdem sucht sie einen neuen Pächter. Oder einen Käufer. Jemanden, der die kleine Auberge d'Artagnan mit Bar und Gaststube im Geburtsort des legendären Musketiers d'Artagnan mit neuem Elan wiedereröffnen mag - hier, in diesem Landstrich mit seinen sanften Hügeln, den saftigen Weiden und den Weinfeldern im Pyrenäen-Vorland weit im Westen Frankreichs.
Eines Tages, hoffen die Leute in Lupiac, werden die Kurzurlauber endlich auf den Spuren jenes berühmtesten Sohnes der Gegend unterwegs sein. Charles de Batz jedenfalls, genannt d'Artagnan und geboren irgendwann zwischen 1610 und 1612 auf Schloss Castelmore direkt vor den Toren von Lupiac, ist das reale Vorbild des literarischen Leibwächters von König Ludwig XIII., den Alexandre Dumas mit wehendem Umhang und flottem Degen durch seinen Roman "Die drei Musketiere" fechten lässt. 128-mal ist die Story bereits in wechselnden Besetzungen verfilmt worden - anfangs mit Douglas Fairbanks in der Titelrolle, zuletzt als Hollywood-Kassenschlager mit Orlando Bloom und Milla Jovovich.
Ob in Frankreich selbst, anderswo in Europa, in den Hinterhöfen Amerikas oder den Vorstädten Fernosts kämpfen Jungs mit Holzschwertern und Plastikdegen im Kostüm ihres Idols. Von Lupiac aber hat noch kaum einer gehört. Das soll sich ändern. Schon bald, wenn es nach Régis Meyer geht, der dort lebt und als einer von Frankreichs führenden d'Artagnan-Experten gilt. Der vor Ideen sprudelnde Pensionär mit dem grauen Dreitagebart hat dabei die Ex-Wirtin Josette Ribeiro an seiner Seite - und fast jeden anderen im Dorf.
Blümchenkleid aus einer alten Tischdecke
Bis zum August sollen sie nun alle neu eingekleidet sein, jeder ein historisches Kostüm besitzen. Einen Tag lang werden sie sich nur darin zeigen, wenn sie auf den Place d'Artagnan mit dem alten Brunnen im Ortszentrum treten, unter die mittelalterlichen Arkaden an der Rue des Mousquetaires, egal wohin. Denn am 12. August steigt erstmals das d'Artagnan-Festival. Es soll Lupiac auf die Landkarte heben und, ganz nebenbei, dabei helfen, einen neuen Betreiber für das Dorfgasthaus zu gewinnen.
Ehrenamtlich schneidern die Frauen des Ortes seit Monaten an den Kostümen. Sie bestehen aus Altkleidern, aus Bettwäsche und Gardinen, und jedes einzelne ist nach Maß für denjenigen gefertigt, der es einmal tragen wird. Vorne im Schaufenster hängt mit Namenszetteln versehen bereits das weiße Kostüm mit Rüschen für Claudette, die als Bürgerfrau zum Fest geht. Daneben schaukelt die derbe Weste aus Sackleinen für Didier zusammen mit einem Hemd. Er geht als Landarbeiter. Josette Ribeiro, die Ex-Wirtin der Auberge d'Artagnan, freut sich an ihrem Blümchenkleid mit Schürze und der weißen Haube - alles gerade fertig geworden, enstanden fast durchweg aus einer ausgemusterten Tischdecke.
Wenn es so weit ist, soll das ganze Dorf für Autos gesperrt werden und alles so aussehen wie zu d'Artagnans Lebzeiten. Aus Paris wird eine kostümierte Fechtertruppe kommen, dazu ein Trupp Schaureiter, während die Barock-Musikanten sich wiederum aus den Einwohnern rekrutieren werden. Andere Leute aus dem Dorf werden kochen, backen und an Ständen all das verkaufen, was es Mitte des 17. Jahrhunderts auch schon gab und was noch heute perfekt ins Ambiente passt.
Warum das alles? Weil die Arbeitslosigkeit hoch ist. Weil das Dorf eine Attraktion braucht, auffallen will. Ein liebevoll ausstaffiertes d'Artagnan-Museum in einer alten Kapelle und ihrem Nebengebäude am Ortseingang gibt es bereits - mit Souvenirshop, wo Kinder Plastiksäbel für zehn, Schilde für zwölf oder eine goldene Königskrone aus Kunststoff für acht Euro erstehen oder sich der Einfachheit halber gleich von den Eltern schenken lassen können.
Rauflust und Trinkfestigkeit
Yves Rispat sieht dem Fest gelassen entgegen. Ob er mitmachen wird? "Na klar", sagt er. Dabei ist ihm d'Artagnan auch an jedem anderen Tag des Jahres nahe. Schließlich wohnt er in dessen Haus, ist heute mit 80 Jahren der Schlossherr im Château Castelmore, wo jener Charles de Batz vor gut 400 Jahren zur Welt gekommen ist. Der Raum ist noch erhalten wie zu d'Artagnans Tagen - mit denselben Tischen und Bänken. "Und mit einem Kamin, in dem man eine komplette Kuh grillen kann."
De Batz taucht ab 1640 in den Annalen der Musketiere auf. Zwei seiner Onkel hatten dem König bereits zuvor in dieser Funktion gedient, und weil ein bekannter Name von Vorteil ist, nannte er sich fortan nach der mütterlichen Linie der Familie ebenfalls d'Artagnan. Er brachte es zum Leibwächter des Königs, zum Anführer der Musketiere und fiel am 25. Juni 1673 in der Schlacht von Maastricht.
Warum Dumas die Handlung seines Musketier-Romans, der 1843/44 erstmals erschien, in der Zeit um gut 20 Jahre nach hinten versetzte und am Hofe König Ludwigs XIII. und dessen Widerpart Kardinal Richelieu spielen ließ, ist nicht bekannt. Dumas jedenfalls war es, der d'Artagnan ein Denkmal setzte. Und die Filmemacher des 20. Jahrhunderts waren es, die es mit ihren Kino-Adaptionen immer wieder aufs Neue polierten.
Auch für liebevollen Spott war dabei Platz - vor allem in einer erfolgreichen Fernsehverfilmung mit Michael York, Oliver Reed und Raquel Welch. Dort wird immer wieder über Rauflust und Trinkfestigkeit der Gascogner gescherzt und über ihre Bäuerlichkeit. Zugleich ist der Film eine Verbeugung vor ihrem ausgeprägten Ehrgefühl und ihrer Tapferkeit. Régis Meyer, Josette Ribeiro und all die anderen können bestens mit diesen Klischees leben.
Was nach dem Fest im August in Lupiac geschehen wird? Die Deko am Place d'Artagnan wird entfernt, die Straßen werden gekehrt. Die Menschen motten die neuen Kostüme im Fundus ein, schlüpfen wieder in Hemden und Jeans. Und freuen sich aufs nächstes Jahr, weil es das Fest künftig alle zwölf Monate geben soll.
Was auch zwischen den Events bleibt, ist der Gemeinschaftsgeist, dieses Einstehen füreinander, diese Bereitschaft, das Schicksal selber in die Hand zu nehmen und für den eigenen Ort zu trommeln. Mit ein bisschen Glück findet sich sogar daraufhin jemand, der Josette Ribeiro nach dem Schlüssel für die Auberge d'Artagnan fragt und den still gelegten Gasthof übernehmen will.

