11.08.2012
Londoner Wahrzeichen "The Shard"
"Bester Blick Europas"
Von Carsten Volkery, LondonLondon-Besucher können ihn nicht übersehen: 310 Meter hoch ragt der neueste Wolkenkratzer der Stadt am Südufer der Themse aus dem Häusermeer. "The Shard", die Scherbe, heißt das gläserne Ungetüm, das bei Anwohnern durchaus gemischte Gefühle hervorruft.
Doch was manchen Londoner kaltlässt, dürfte schon bald zu einer Top-Attraktion für Touristen werden. Am 1. Februar 2013 eröffnet die öffentliche Aussichtsplattform im 69. Stock, und bereits jetzt sind nach Angaben der Betreiber mehrere zehntausend Tickets verkauft.
Nie gab es einen besseren Blick über die britische Hauptstadt als aus diesem Aquarium in 244 Meter Höhe: Wie Modelleisenbahnen wirken die weißen Vorortzüge, die den Bahnhof Waterloo verlassen und auf ihren Trassen in die Peripherie der Zehn-Millionen-Stadt gleiten. Am anderen Themse-Ufer erhebt sich die Skyline des Londoner Bankenviertels, "The Gherkin", der Heron Tower und - winzig klein - St. Paul's Cathedral. Der weiße Kuppelbau, der einst die Traufhöhe für alle Londoner Neubauten festlegte, ist von hier oben nur ein Gebäude unter vielen.
Im Osten erhebt sich das vertraute Wolkenkratzer-Ensemble der Canary Wharf, gleich daneben das neue Olympiastadion. "London ist sehr viel spannender als die Wüste", sagt Anders Nyberg, Chef der Viewing Gallery, der auch die Aussichtsplattform im Burj Khalifa in Dubai betreibt. Aus dem Shard habe man den "besten Blick Europas".
Wer ranzoomen will, hat die Gelegenheit mit einem von zehn sogenannten Tellscopes. Die digitalen Teleskope blenden Informationen zu den Sehenswürdigkeiten ein, die man gerade sieht. Und sie garantieren Fernblick, selbst wenn es neblig ist. Man muss sie nur auf "perfekte Sicht" einstellen - schon liegt London im Sonnenschein da. "Augmented Reality" nennt Nyberg das. Bisher gibt es diese Spielerei nur im Burj Khalifa.
Luxuswohnung für 50 Millionen Pfund
Angepriesen wird "The Shard" als "erste vertikale Stadt Europas". Nur die unteren 28 Stockwerke sind für Büros gedacht. Darüber befinden sich drei Stockwerke mit öffentlich zugänglichen Restaurants, darüber ein Fünf-Sterne-Hotel der Shangri-La-Kette mit 200 Zimmern. Es folgen 13 Stockwerke mit zehn Luxuswohnungen (der Rundumblick kostet 50 Millionen Pfund) und ganz oben schließlich die Aussichtsplattform.
Hierher gelangen Besucher binnen einer Minute mit zwei High-Speed-Fahrstühlen, inklusive Umsteigen im 35. Stock. Damit es keine Schlangen gibt, werden bei der Buchung halbstündliche Zeitfenster für den Eintritt zugewiesen. Wer einmal oben ist, kann so lange bleiben, wie er möchte. Die Preise sind happig: 24,95 Pfund für Erwachsene und 18,95 Pfund für Kinder. Die Betreiber verweisen auf internationale Vergleichswerte. Das Empire State Building in New York kostet 25 Dollar. Und der Schnellzugang zum London Eye, dem Riesenrad gegenüber von Big Ben, kostet ebenfalls 25 Pfund.
"The Shard" war Anfang Juli mit einer spektakulären Lasershow eingeweiht worden. Doch gefeiert wurde nur die Fertigstellung der Fassade. Im Inneren wird noch gewerkelt. Die ersten Mieter werden erst 2013 einziehen. Bislang ist das Shangri-La-Hotel der einzige Mieter. Die Restaurants und Büros haben noch keine Abnehmer gefunden. Dabei liegen die Mieten laut Maklerfirma Knight Frank 40 Prozent unter denen im West End.
Während der Büromarkt schwierig ist, dürfte die Aussichtsplattform keine Nachfrageprobleme haben. Bis zu 5000 Besucher täglich kann sie empfangen. Wie das London Eye soll sie zu einer der ersten Anlaufstellen für London-Besucher werden, die sich einen Überblick verschaffen wollen.

