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13.11.2012
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Winterwandern in den Dolomiten

Runterkommen im Hochpustertal

TMN

Keine Schickeria, kein Skizirkus: Dass selbst die größeren Ortschaften recht verschlafen wirken, macht das Hochpustertal in den Dolomiten so angenehm unspektakulär. Nur Schneeschuh-Wanderer können die Dreizinnenhütte erreichen - die Küche dort bleibt im Winter allerdings kalt.

Sexten - Wer in den siebziger und achtziger Jahren aufwuchs, wird die Sommer von damals immer mit diesem Eis am Stil verbinden: giftgrüner Waldmeister, darüber eine knallrote Himbeerschicht, gekrönt von drei weißen Zacken mit süß-saurem Zitronengeschmack. Das Kult-Eis in den Farben der italienischen Tricolore hieß "Dolomiti". Inzwischen ist es längst aus dem Sortiment der Supermärkte verschwunden.

Im Hochpustertal, im südöstlichen Südtirol, steht das Vorbild für das einst so beliebte Speiseeis: die Drei Zinnen, eine Gebirgsformation, nach der auch der gleichnamige Naturpark inmitten der Sextener Dolomiten benannt ist. Wie drei riesige, schrundige Zähne ragen die zerklüfteten Felsen aus einer schneebedeckten Halde. Nebelfetzen ziehen an den grauen Steilwänden vorbei, aus den tiefhängenden Wolken rieseln ein paar Schneeflocken. Und dazu diese Stille!

In den Sommermonaten pilgerten noch Heerscharen von Touristen im Gänsemarsch auf dem Bergpfad zum bekanntesten Wahrzeichen der Dolomiten. Jetzt hat der Winterwanderer die einzigartige Gebirgswelt fast für sich allein. Allerdings ist der mittelschwere Aufstieg zu der 2438 Meter hoch gelegenen Dreizinnenhütte in dieser Jahreszeit nur mit Schneeschuhen zu bewältigen. Am Ziel wird der Besucher mit dem berühmten Blick auf die drei Felszacken belohnt. Das ist dann auch schon alles. Kein heißer Jagertee, keine zünftige Brotzeit. Der Hüttenwirt macht seit dem 1. Oktober Urlaub. Selbstverpflegung ist angesagt.

"Hier ist es wunderherrlich"

Am besten mit regionalen Südtiroler Spezialitäten. In der Metzgerei in Moos kann sich der Wanderer vor seiner Tour mit Wildschweinsalami, Kamin-, Hirsch-, und Gamswurzen eindecken. "Alles aus eigener Hausschlachtung", versichert die Verkäuferin und packt als Versucherle zum Weckerl noch eine dieser flachgedrückten, eckigen Landjäger in die Tüte.

Es ist Nachmittag, die Schatten in den Tälern werden länger. Viel zu spät, um noch zu einer weiteren ausgedehnten Wanderung aufzubrechen. Die ideale Zeit für einen Kaffee. Vom Dorfzentrum Moos sind es nur ein paar Gehminuten zu den "Drei Zinnen". Selbst Hollywood logierte hier schon. Viele Jahre war der Regisseur und fünffache Oscar-Preisträger Fred Zinnemann ("Zwölf Uhr mittags", "Verdammt in alle Ewigkeit") hier zu Gast. Im Hausbuch hat er auf einem Briefbogen der 20th Century Fox einen Gruß hinterlassen.

Hotelbesitzerin Waltraut Watschinger zögert erst ein wenig, Anekdoten preiszugeben, aber dann plaudert sie doch aus dem Nähkästchen: "Jetzt kann ich es ja erzählen, schließlich lebt Mister Zinnemann schon eine Weile nicht mehr. Er hatte in Hollywood eine Freundin, die ihm sehr nahestand. Nach ihrem Tod hat er ihre Urne mit nach Europa genommen. Bei einem seiner letzten Besuche ist er mit einem Bergführer losgewandert und hat die Asche über den Gipfeln verstreut."

Vielleicht fand Fred Zinnemann im Hochpustertal nach diesem Verlust auf ähnliche Weise seinen Frieden wie der kränkliche, von Schicksalsschlägen getroffene Gustav Mahler, der von 1908 bis 1910 in der Nähe von Toblach die Sommermonate verbrachte: "Hier ist es wunderherrlich und repariert ganz sicher Leib und Seele", schrieb der Komponist noch voller Hoffnung.

Auch 100 Jahre später kommen Stressgeplagte in die schöne Gegend, um Kraft zu tanken. Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Beispiel. Der Koch der Talschlusshütte hat die Politikerin und ihren Mann schon in aller Herrgottsfrüh bei einem strammen Morgenmarsch durch das malerische Fischleintal gesehen: "Um sechs Uhr, da war noch niemand unterwegs. Die wollte eben auch mal ihre Ruhe haben."

"Alle Sehnsucht will nun träumen"

Keine Schickeria à la Cortina, kein Skizirkus à la Sölden. Dass selbst die größeren Ortschaften Sexten, Innichen und Toblach bis heute ziemlich verschlafen wirken und es dort auch dementsprechend gemächlich zugeht, macht das Hochpustertal so angenehm unspektakulär. Weniger ist mehr. An den Skiliften herrscht lediglich an den Wochenenden etwas mehr Betrieb.

Anspruchsvolle Skifahrer fühlen sich in den Sextener Dolomiten ohnehin etwas unterfordert, denn nur 17 Prozent der Pisten zählen zu der Kategorie "schwierig". Auf ihre Kosten kommen deshalb vor allem Langläufer und Wanderer. Kilometerweit führen die Loipen und Wege am Sextner Bach entlang bis hinein ins weite Tal, wo die Rienz und die Drau dahinrauschen.

"Die Sonne scheidet hinter dem Gebirge. In alle Täler steigt der Abend nieder. Mit seinen Schatten, die voll Kühlung sind. O sieh! Wie eine Silberbarke schwebt der Mond am blauen Himmelssee herauf." Es war sicherlich kein Zufall, dass Gustav Mahler 1909 die Verse des deutschen Lyrikers Hans Bethge ausgerechnet in einem bescheidenen Holzhäuschen im Hochpustertal in seinem Spätwerk "Das Lied von der Erde" vertonte.

"Die Erde atmet voll von Ruh und Schlaf. Alle Sehnsucht will nun träumen. Die müden Menschen gehen heimwärts." Vielleicht hat der große Komponist da bereits geahnt, dass er die Uraufführung seines Liederzyklus nicht mehr erleben würde.

Jens Golombek/dpa/abl

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