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11.12.2012
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Tyler Brûlé über nervige Passagiere

TV-Sketch mit Shampoo-Tütchen

imago

Kosmetika können für Zoff sorgen: Warum nicht mal eine TV-Sendung vom Airport?

Tolpatschige Passagiere treiben andere Reisende schon mal in den Wahnsinn. Sie halten sie am Sicherheitscheck mit literweise Pflegelotionen auf - und sind oft zu langsam für die Welt der Globetrotter. Vielflieger Tyler Brûlé weiß, wie man das Slapstick-Potential am Airport im Fernsehen ausschlachten könnte.

Die Welt der Nachrichtensender kommt in Bewegung. In den nächsten Monaten können die spannenden Entwicklungen am Bildschirm mitverfolgt werden: Die BBC wird bis März in ein neues Bürogebäude ziehen. Und Jeff Zucker, der neue Oberboss von CNN, wird den Sender, mit dem 1980 alles begann, von Grund auf erneuern.

Während sich die Veränderungen bei der BBC wahrscheinlich in Grenzen halten (mit etwas Glück schönere Studios und eine Reduzierung der lila Krawatten und Blusen), bedeutet die Ankunft des Ex-NBC-Universal-Oberhauptes bei CNN, dass den Kanälen ein Zwangsaufenthalt im Trockendock bevorsteht, wo sie generalüberholt werden.

Wenn ich den Gerüchten und gelegentlich weitergeleiteten Mails von CNN-Mitarbeitern Glauben schenken darf, wird Zucker, der die morgendliche "Today"-Sendung in ein Milliarden-Dollar-Unternehmen verwandelte, berühmte Persönlichkeiten anheuern, um bestehende Werbekunden zu halten und neue zu akquirieren. Parallel dazu wird er jedoch das gesamte Genre der reinen Nachrichtensender auf den Kopf stellen.

Als ein doch recht frustrierter Zuschauer aller großen Nachrichtensender kann ich nur hoffen, dass Zucker CNN zurück zu ernsthaften Nachrichten und Analysen führt. Und nicht weiterhin den Großteil des Tages damit verschwendet, locker-flockig irgendwelchen Promis hinterherzuhecheln - eine unerträgliche Tendenz. Außerdem hoffe ich, dass der internationale Ableger von CNN seinem Namen gerecht wird, dass wieder mehr Inhalte aus London oder Hongkong kommen und dass ein Casting für neue Talente vor der Kamera stattfindet.

Selbstgebastelte Nachrichtensendungen

Eines der größten Probleme von CNN besteht momentan darin, dass bestimmte Bereiche, Zeitschienen und Zielgruppen gar nicht bedient werden. Vormittags ist etwa in Europa von klug gemachten, relevanten Nachrichtenprogrammen in englischer Sprache weit und breit nichts zu sehen. Seit Ewigkeiten frage ich mich, warum die Hauptverantwortlichen von 24-Stunden-Nachrichtensendern nie ein anspruchsvolles Morgenmagazin produziert haben.

Oft ertappe ich mich gegen Mitternacht dabei, wie ich durchs Programm zappe, um mir meine eigene ideale 30-minütige Nachrichtensendung zusammenzustellen. Das wird dann meistens ein Mix aus Sky News, Al-Dschasira und Bloomberg. Etwas mehr Loyalität seiner Zuschauer sollte sich Zucker schon als Ziel stecken. Er wird hoffentlich ein Programm entwickelt, das dazu führt, immer wieder denselben Sender einzuschalten.

So sehr ich auch an Zuckers Fähigkeiten als Produzent glaube, habe ich doch ein wenig Angst, dass er die Überarbeitung des Senders zu weit treibt und am Ende eher ein eher eine Art Reality-TV steht als ein echter Nachrichtenanbieter. CNN hat ja bereits mit diversen Formaten experimentiert, die mit begrenztem Erfolg in diesen Bereich hineinspielen. Es wurde schon kräftig bei den Korrespondenten gespart - zu Gunsten von noch mehr Kommentaren und Endlos-Talkshows.

"Die dümmsten Passagiere der Welt"

CNN sollte seine Hauptnachrichten weltweit ausstrahlen und zu dem zurückkehren, was es einmal war. Dann kann es der Sender auch mit dem Discovery Channel und National Geographic aufnehmen. Und hätte CNN so viele Zuschauer wie die Sendung "Der gefährlichste Job Alaskas", wäre das ein enormes Potential für Deals mit Werbekunden. Da ein Großteil der CNN-Zuschauer aus Weltenbummlern besteht, sollte sich Zucker vielleicht mal Gedanken über die folgende Idee machen: Wie wäre es mit der Sendung "Die dümmsten Passagiere der Welt" in der Hauptsendezeit?

Auf dem Weg nach Tokio vor ein paar Tagen habe ich mir die erste Sendung bereits genau ausgemalt. Mit Hilfe von versteckten Kameras, nachgestellten Szenen und Animationen würden reale Ereignisse und ihr möglicher Ausgang präsentiert. In der kurzen Eingangssequenz sehe ich Heathrows Terminal 3 an einem Sonntagabend vor mir. Eine riesige Frau steht in der Schlange vor der Sicherheitskontrolle und sucht nach ihrer durchsichtigen Tasche mit den Kosmetikartikeln.

Nach einem gut 30 Sekunden dauernden Kampf mit einer unechten Louis-Vuitton-Tasche gelingt es ihr schließlich, eine gigantische Plastikmülltüte voller Kosmetika, Shampoos und diversen Produkten des persönlichen Bedarfs herauszuziehen. Als sie versucht, ihre Unwissenheit bezüglich der Größe der Tasche zu bezeugen, wird ihr erlaubt, all ihre Kosmetika auszubreiten. Der Sicherheitskontrolleur übergibt ihr einen Haufen kleinerer Taschen, um die Pflegelotionen und Crèmes einzutüten.

Statt sich mit dem ganzen Kram nun einfach irgendwo an die Seite zu stellen, bleibt sie vor dem grinsenden Angestellten stehen, blockiert den Eingang zum Durchleuchtungsapparat und sortiert alles an Art und Stelle.

Nachdem die Kamera dieses Bild eingefangen hat, würde sie einmal zu den wütenden Passagieren schwenken. Während sie die Schlange wartender Menschen abfilmt, würde über jedem eine kleine Denkblase aufploppen und animierte Szenen würden enthüllen, was jeder Einzelne mit dieser Dame und ihrer Ladung Schönheitsprodukte gerne anstellen würde.

Bestimmt wäre es eine Leichtigkeit, ein großes Pharmazieunternehmen als willigen Sponsor zu gewinnen.

Forum

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insgesamt 15 Beiträge
1. ch
zickezackehoihoihoi 11.12.2012
gebe zu ich hab nur den Aufmacher gelesen, weil ich zu wissen glaube, was im Artikel steht. Und es nervt mich. Warum nur immer diese Eile überall? Wo ist das Problem, einfach mal ein bisschen zu warten und sich von dieser [...]
Zitat von sysopimagoTolpatschige Passagiere treiben andere Reisende schon mal in den Wahnsinn. Sie halten sie am Sicherheitscheck mit literweise Pflegelotionen auf - und sind oft zu langsam für die Welt der Globetrotter. Vielflieger Tyler Brûlé weiß, wie man das Slapstick-Potential am Airport im Fernsehen ausschlachten könnte. http://www.spiegel.de/reise/europa/tyler-brules-ideenschmiede-tv-sketch-mit-shampoo-tuetchen-a-871057.html
gebe zu ich hab nur den Aufmacher gelesen, weil ich zu wissen glaube, was im Artikel steht. Und es nervt mich. Warum nur immer diese Eile überall? Wo ist das Problem, einfach mal ein bisschen zu warten und sich von dieser ständigen Hetik freizumachen?
2. Anregung
großonkel 11.12.2012
Ich hätte nie gedacht, dass das noch einmal passiert - aber Herr Brühlee hat mich tatsächlich inspiriert. Ich male mir gerade eine neue Fernsehsendung aus...muss nicht CNN, darf auch auf DMAX laufen. Dort wird ein unsagbar [...]
Ich hätte nie gedacht, dass das noch einmal passiert - aber Herr Brühlee hat mich tatsächlich inspiriert. Ich male mir gerade eine neue Fernsehsendung aus...muss nicht CNN, darf auch auf DMAX laufen. Dort wird ein unsagbar nervender Weltenbummler und Besserwisser (nennen wir ihn mal T.B.) von ganz normalen Flugpassagieren (ältere Menschen, normale Menschen, Familien mit Kindern) am Schalter der Goldcardfraktion erspäht - und dann ordentlich verkloppt. Gern dürfen über den Köpfen der Passagiere auch Gedankenblasen aufpoppen, in denen ein freudig erregtes "ENDLICH" zu lesen ist. Ach, die Welt könnte so schön sein...
3.
timbo79 11.12.2012
[QUOTE=zickezackehoihoihoi;11535395]gebe zu ich hab nur den Aufmacher gelesen, weil ich zu wissen glaube, was im Artikel steht./QUOTE] Glauben ist Nichtwissen - Sie wären überrascht, was wirklich drin steht...
Zitat von zickezackehoihoihoigebe zu ich hab nur den Aufmacher gelesen, weil ich zu wissen glaube, was im Artikel steht. Und es nervt mich. Warum nur immer diese Eile überall? Wo ist das Problem, einfach mal ein bisschen zu warten und sich von dieser ständigen Hetik freizumachen?
[QUOTE=zickezackehoihoihoi;11535395]gebe zu ich hab nur den Aufmacher gelesen, weil ich zu wissen glaube, was im Artikel steht./QUOTE] Glauben ist Nichtwissen - Sie wären überrascht, was wirklich drin steht...
4. Wer zur Hölle ist Tyler Brulee
Malshandir 11.12.2012
Also ich zähle zwar auch zur Generation Weltenbumler, aber zum Glück bin ich diesem TB nie begegnet und warum gibt man so einem Nobody hier eine Plattform? Jeder Weltenbummler weiss, dass eine so geschilderte Szene nur in der [...]
Also ich zähle zwar auch zur Generation Weltenbumler, aber zum Glück bin ich diesem TB nie begegnet und warum gibt man so einem Nobody hier eine Plattform? Jeder Weltenbummler weiss, dass eine so geschilderte Szene nur in der Economy vorkommt, da Herr TB sicher Business und First fliegt, bleiben ihm solche Zumutungen erspart. Also ist es nur Nonsensegefasel.
5. Es geht nicht um die Schlange am Flughafen
eta-treter 11.12.2012
[QUOTE=zickezackehoihoihoi;11535395]Warum nur immer diese Eile überall? Wo ist das Problem, einfach mal ein bisschen zu warten und sich von dieser ständigen Hetik freizumachen?/QUOTE] Weil wir unsere Geduld für die Fälle [...]
Zitat von zickezackehoihoihoigebe zu ich hab nur den Aufmacher gelesen, weil ich zu wissen glaube, was im Artikel steht. Und es nervt mich. Warum nur immer diese Eile überall? Wo ist das Problem, einfach mal ein bisschen zu warten und sich von dieser ständigen Hetik freizumachen?
[QUOTE=zickezackehoihoihoi;11535395]Warum nur immer diese Eile überall? Wo ist das Problem, einfach mal ein bisschen zu warten und sich von dieser ständigen Hetik freizumachen?/QUOTE] Weil wir unsere Geduld für die Fälle brauchen, wo wir wirklich nichts an der Situation ändern können. Also für all die Staus, Wartezimmer, Haltestellen und Schneestürme im Leben. Wenn ich eine Extra-Portion Rotphase bekomme, weil mein Vordermann sich offensichtlich einfach nicht vorstellen kann, dass auch hinter ihm Leute sind, denen eine rote Lampe keine neuen Erkenntnisse beschert, oder ich fast zerdrückt werde, weil drei dicke Leute direkt hinter der Rolltreppe stehenbleiben müssen, Schilder lesen und sich einfach nicht vorstellen können, dass außerhalb ihres Sichtfeldes immer noch eine Rolltreppe und andere Menschen befinden, dann erwarte ich von meinen Mitmenschen sehr wohl, dass ich nicht immer nur für andere mitdenke, sondern das auch mal umgekehrt passiert. Es tut nicht weh.

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Zur Person

  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".

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