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04.01.2013
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Knochenjob Pistendienst

Bully-Parade am Matterhorn

Von
DPA

Lawinen sprengen, bis tief in die Nacht Pisten präparieren, in eisiger Kälte die Abfahrt sichern: Rund um Zermatt am Matterhorn wird hart gearbeitet, um Gästen einen unbeschwerten Skitag zu ermöglichen. Denn direkt neben den Talrouten lauern tödliche Gefahren.

Eisig bläst der Wind auf dem Klein Matterhorn in den Waliser Alpen. Minus 17 Grad Celsius zeigt das Thermometer an. Moritz Kronig, stellvertretender Leiter des hiesigen Pistendienstes, rückt seine Schneebrille zurecht, steigt in die Skibindungen. Sein Handy meldet sich mit der Melodie von "Ring of Fire" von Johnny Cash. Die Arbeit ruft. Auf der Rückseite der Seilbahnstation, die mit 3883 Metern die höchste der Alpen ist, fährt er 200 Meter ab zur Gletscherpiste.

Etwas weiter unten bohren Kronigs Mitarbeiter Löcher in den Schnee am Rand der Piste, sinken dabei teilweise bis zu den Knien ein, rammen gelbschwarze Stangen in das tiefe Weiß. Kronig kommt dazu, peilt mit dem Auge über eine Stange, steckt sie wenige Zentimeter weiter rechts wieder ein. Ein Kollege fährt mit einer Seiltrommel den Berg herunter, knotet das Seil an jeder Stange fest.

"Die Seitenmarkierung der Piste ist hier besonders wichtig, weil es hier Gletscherspalten gibt", sagt Kronig. "Wir spannen ein Seil, damit jedem klar ist, wann er sich abseits der Piste bewegt - denn dort herrscht Lebensgefahr." Immer wieder sind hier Menschen, die neben der Piste fahren wollten, in Gletscherspalten gestürzt, viele konnten nur tot geborgen werden.

Als nächstes steht die morgendliche Patrouille auf einer Piste weiter unterhalb auf dem Programm. Die Männer überprüfen, ob Stangen und Hinweistafeln richtig stehen. Kronig ist mit seinem Kollegen Fredy Biner unterwegs, der eine Schlagbohrmaschine mit einem armlangen Bohrer an seinem Rucksack befestigt hat. In einem Flachstück richten sie einen Fangzaun über einem Abhang. Weiter unten rutschen sie im Schneepflug von Stange zu Stange. Nein, als Pistenpatrouilleur zu arbeiten, heißt nicht, elegant die Pisten herunter zu schwingen. Es ist Knochenarbeit in eisiger Kälte.

Noch aufwendiger ist die Arbeit, wenn viel Schnee fällt. Dann beginnt der Tag damit, dass Hubschrauber aufsteigen und Sprengladungen abwerfen - über jedem lawinengefährdeten Hang, um die Schneemassen vom Berg zu bringen. "Wir sperren das Gebiet großflächig ab und zünden dann ungefähr 90 Sprengladungen", sagt Kronig. Die Sonne scheint jetzt über dem Matterhorn, Kronig verabschiedet sich, um seine Büroarbeit zu erledigen.

Lebensmittellieferung mit dem Bagger

Gegen Mittag herrscht in dem etwa vier Kilometer entfernten Restaurant Riffelberg an der Talstation des Sessellifts Gifthittli Hochbetrieb. Franz Hasenhündl steht hinter der Kasse und fragt einen Kunden, ob er ihm zwei Fünfziger rausgeben darf. Jetzt in der Mittagszeit, hilft der Chef aus, wo Not am Mann ist.

Vor vier Jahren wurde das Selbstbedienungsrestaurant renoviert und auf einen "Freeflow"-Betrieb umgestellt. Das heißt, die Kunden gehen nicht brav in Reihe an einer einzigen lange Theke vorbei, sondern können sich ihre Route zwischen Nudel-Bratwurst-Pommes-Anreiche, Salatbuffet und Rösti-Theke aussuchen. "Den Umsatz haben wir seitdem um 30 Prozent gesteigert", sagt der Steirer Hasenhündl. "An guten Tagen verkaufen wir 1500 bis 1800 Essen."

Jeden Mittwoch und Sonntag kommt ein Güterzug der Gornergrat-Zahnradbahn zur Station Riffelberg auf 2582 Metern, beladen jeweils mit sechs Tonnen Lebensmitteln für das Restaurant. 70.000 Franken kostet der Transport pro Saison. Die Paletten werden von einem kleinen Frontlader-Bagger nach und nach zum Keller des Riffelberg-Restaurants gefahren.

Hasenhündl öffnet die Tür zur Spülküche. Dort ist alles in Ordnung. Teller und Gläser werden von Mitarbeitern auf ein Fließband gestellt, laufen durch eine Spülmaschine. Die Anlage muss funktionieren, denn nur für ein Drittel der Essen an einem Tag gibt es Besteck und Teller. Als es wieder zu einem Engpass an der Kasse kommt, verabschiedet Hasenhündl sich.

Aus dem Funkgerät von Fernando Truffer verabschiedet sich schon zum dritten Mal ein Kollege mit "Schönen Abend", als er um halb fünf endlich mit dem 490 PS starken Pistenbully Gas geben kann. Es dämmert, Feierabend im Skigebiet unterhalb des Matterhorns - für alle außer die Pistenraupenfahrer. Truffer wartet mit laufendem Motor neben der Riffelalp-Piste. Ein Skifahrer ohne Stöcke, der Patrouilleur, kommt um die Ecke gebogen im diffusen Abendlicht, blickt nach links und rechts, signalisiert mit gehobenem Daumen, dass die Piste frei ist. Truffer setzt die zehn Tonnen schwere Maschine in Bewegung, der CD-Player spielt "Born in the USA" von Bruce Springsteen. Hinter ihm röhren sechs weitere Raupen.

Jeder hat seine Piste. Truffer, die verspiegelte Sonnenbrille wie ein Haarreif ins lange Haar geschoben, bearbeitet eine beliebte mittelschwere Abfahrt. Er lenkt mit einem halbrunden Steuergerät, das an den Controller einer Playstation erinnert. Zuerst fährt er einen Hang nach unten, dreht an dessen Fuße. Dann senkt er mit einem Joystick den Pflug an der Front der Pistenraupe ab. Er gibt Gas, der Motor dröhnt, vor dem Schieber türmt sich der Schnee.

Gefährliche Schlittenfahrt mit zehn Tonnen

"Die Skifahrer schieben tagsüber tonnenweise Schnee bergab und an den Rand der Piste", erklärt Truffer. Besonders deutlich wird das an einer Stelle, wo die Piste eine 90-Grad-Kurve macht: Am Rand, der von einem Fangzaun begrenzt ist, türmt sich der Schnee. Truffer setzt den Pflug dort ab, vor der Pistenraupe bildet sich eine weiße Walze. "Den muss ich jetzt wieder dorthin drücken, wo er gebraucht wird", sagt Truffer. "Obwohl wir anderthalb Meter Schnee haben, wäre die Piste sonst in ein paar Tagen bis auf den Grund abgefahren."

Sobald er eine Ladung Schnee nach oben geschoben hat, schaltet Truffer in den Rückwärtsgang, fährt hundert Meter zurück und wiederholt die Prozedur. Armlange Eisbrocken fliegen hoch. "Das ist der Kunstschnee vom Anfang des Winters, der schon sehr komprimiert ist", sagt Truffer. "Da muss ich mehrmals mit der Fräse drüber, um diese Stücke klein zu kriegen." Die Fräse ist eine Maschine am Heck der Raupe, die Truffer per Joystick absenken kann und die den Schnee einebnet.

Es ist dunkel geworden über dem Riffelberg, Truffer arbeitet im Lichtkegel der großen Scheinwerfer des Pistenbullys. Gibt es Gefahren bei der Arbeit? "Bei weichem Neuschnee kann es passieren, dass die Raupe im Steilen nicht richtig Kontakt zum Untergrund bekommt." Truffer lacht. "Dann fährt man mit zehn Tonnen Schlitten, das ist das, was den Job spannend macht." Aber eigentlich sei die Arbeit im Cockpit der Raupe sehr sicher.

Gegen Mitternacht wuchtet sich Truffer aus dem Führerhaus. Er gähnt. Der Job ist erledigt, die Pisten unterhalb des Matterhorns sind eben und griffig. Morgen früh werden die Skifahrer wieder kommen, sich über die Pisten freuen - und kaum jemand wird sich bewusst sein, welche Arbeit hinter dem Spaß steht.

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