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23.01.2013
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Megève am Mont Blanc

"Diese Skifahrerei wird doch überschätzt"

TMN

Vor den Chalets parken Sportwagen, neben Luxushotels weiden Pferde. Im Winter trifft sich Frankreichs feine Gesellschaft in Megève. In dem Dorf am Mont Blanc trifft Alpen-Romantik auf dicke Geldbörsen - die Urlauber holen sich ihren Rausch bei Trüffel-Pasta und nicht auf der Piste.

Megève/Chamonix - Im Winter 1916 hatte Baronin Noémie de Rothschild von St. Moritz endgültig genug. Frankreich brauche eine eigene Winterfrische in den Alpen, forderte die patriotische Adlige. Noch in der Schweiz beauftragte sie ihren norwegischen Hof-Skilehrer Trygve Smith, einen adäquaten Ort zu finden mit angenehmem Klima, einem offenen Tal, atemberaubendem Panorama und einem guten Ski-Berg.

In den Savoyer Alpen wurde Smith in Sichtweite des mächtigen Mont Blanc fündig. Das Dörfchen Megève erschien perfekt. Mit Smiths visionärem Blick und den Millionen der Rothschilds wurde Megève zum neuen Ziel der Schönen und Reichen, das bis heute die Genießer unter den Wintersportlern magisch anzieht.

Bereits 1921 eröffneten die Rothschilds ihr Mont d'Arbois Palace Hotel. Bis heute thront das Luxusanwesen über dem Ort. Die ersten Gäste ließ die Baronin von den Bauern des Ortes in Pferdeschlitten zum Hotel hinaufbringen. Damals waren die Kutschen das einzige Transportmittel in schneereichen Wintern. Heute stehen sie für romantische Touren durch das historische Zentrum von Megève am Kirchplatz bereit.

Gelenkt werden die Pferdekutschen heute wie vor über 90 Jahren ausschließlich von den Bauern des Ortes. Trotz feiner Hotels, Gourmet-Restaurants und dem jährlichen Schaulaufen der feinen Pariser Gesellschaft hat Megève seinen bodenständigen Charme behalten. Gleich neben dem Chalet Zannier, dem neuesten Luxushotel in Megève, grasen Pferde auf der Weide. Von einem röhrenden Sportwagen aufgeschreckte Kühe schauen neugierig aus ihrem Stall.

Uralte Steinhäuser und Drei-Sterne-Restaurants

"Dieser Mix aus bäuerlicher Kultur, einem historisch gewachsenen Ort und Top-Hotels macht den besonderen Charme von Megève aus", sagt die Direktorin des Chalet Zannier, Line Février. Megève hat so gar nichts gemein mit den Retortenorten in den französischen Alpen. Statt Bettenburgen prägen Chalets das Bild. Rund um die Kirche stehen uralte Steinhäuser, dazwischen ein paar moderne Gebäude.

Das Zentrum von Megève ist eines der schönsten in den Alpen. In den Lokalen rund um den Kirchplatz steigen am Nachmittag die Après-Ski-Partys. Abends strömen die Skiurlauber in die Top-Restaurants wie das Flocons de Sel. Hier verwöhnt der mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnete Emmanuel Renaut seine Gäste mit fast ausschließlich regionalen Produkten. Der leidenschaftliche Skifahrer gehört zu den Starköchen Europas, in seinem Restaurant aber geht es unprätentiös zu. Auch die Preise sind moderat. Für sein dreigängiges Mittagsmenü verlangt Renaut gut 40 Euro. "Bei mir sollen schließlich ganz normale Leute zum Essen kommen können", sagt der 43-Jährige.

Viele Franzosen kommen allein wegen Renaut, der Alpen-Romantik und wegen des Nachtlebens nach Megève. Ski und Snowboard sind für sie nur ein Teil des Winterurlaubs. "Diese Skifahrerei wird doch überschätzt", sagt Gérard aus Paris, er schmunzelt und bestellt nach dem üppigen Mittagessen noch einen Cognac.

Freeride-Abfahrten im Schatten des Mont Blanc

Die Genießer sind in Megève, heißt es, die Sportler fahren nach Chamonix. Der Nachbar ist berühmt für seine anspruchsvollen Pisten und Geländeabfahrten. Das quirlige Bergsteigerstädtchen, in dem 1924 die ersten olympischen Winterspiele stattfanden, zieht gute Skifahrer und Tourengeher aus der ganzen Welt an. Allein für die Freeride-Abfahrt Vallée Blanche von der Aiguille du Midi im Schatten des Mont Blanc lohnt sich schon die Reise nach Chamonix.

In Megève dagegen sind die meisten Pisten leicht bis mittelschwer. Von den 221 markierten Abfahrten sind 43 grün, 64 blau, 80 rot und nur 34 schwarz gekennzeichnet. Sanft gewellte Hänge und schöne Waldabfahrten prägen das Bild. Zwischen 1113 und 2353 Höhenmetern erstrecken sich rund um Megève aber immerhin 445 Pistenkilometer, auf denen man sich auch in der Hochsaison problemlos aus dem Weg gehen kann.

An kalten Wintertagen sind die Südhänge des Jaillet beliebt. Ansonsten spielt sich aber alles auf den beiden großen Hausbergen ab, im Rochebrune/Cote 2000 und dem Mont-d'Arbois-Gebiet unter dem 2525 Meter hohen Mont-Joly-Gipfel. Hier stehen auch die schönsten Hütten für das Mittagessen, das in Frankreich auch beim Skifahren zelebriert wird.

"Wein ist wie Wachs für die Ski"

Auf die riesige Terrasse der Idéal-Hütte brennt die Sonne vom tiefblauem Himmel herunter. Vis-à-vis ragt das imposante Massiv des Mont Blanc in die Höhe. "Ein ordentliches Mittagessen dauert hier schon zwei Stunden", sagt Skilehrerin Helene, während aufgetischt wird: Salat mit Lachs, Forellen-Filets, Pasta mit Trüffel, Lammfleisch vom Grill und schließlich Crème brûlée. Dazu gibt es einen guten Tropfen aus der Region Savoyen. "Ein Gläschen Wein ist wie Wachs für die Ski", sagt Helene.

An den Nachbartischen wird wild gestikulierend erzählt, laut gelacht und heftig geflirtet. Eine junge Frau hat es sich zum Mittagessen bequem gemacht. Die Skischuhe und Socken hat sie ausgezogen und die nackten Füße in die Sonne gestreckt. Das sündhaft teure Designer-Skijäckchen mit Pelzkragen hängt mitsamt dem Pullover über der Stuhllehne. Im Yachthafen von Saint-Tropez würde sie wohl kaum weniger anhaben.

Erst am Nachmittag löst sich das amüsante Schauspiel auf der Terrasse so langsam auf. Beschwingt gleiten die Genießer leichte Pisten hinunter zum Plateau du Mont d'Arbois. Das letzte Stück führen die Abfahrten direkt über den Rothschild-Golfplatz, auf dem seit 2002 das Snow-Golf-Turnier von Megève ausgetragen wird. Das Golf-Turnier ist neben dem traditionsreichsten Winter-Polo-Cup Frankreichs einer der gesellschaftlichen Event-Höhepunkte der Wintersaison.

Carla Bruni und die Felswand-Prominenz

Zu diesen Terminen und an den Feiertagen düst die Pariser Haute Société in ihren Geländewagen und Edelkarossen hinauf nach Megève. Selbst im Winter präsentiert so mancher seinen Ferrari, denn Megève ist leicht erreichbar.

Hochsaison ist Promi-Zeit in Megève. Auch Ex-Staatspräsident Nicolas Sarkozy kam da mit Carla Bruni gern zur Winterfrische. Viele französische Hochsaison-Gäste starten spät am Morgen, essen lang zu Mittag und beginnen den Après-Ski früh am Nachmittag. An Neuschneetagen findet man so selbst dann noch unberührte Hänge, wenn unten im Tal Hochbetrieb herrscht.

Und wenn es wirklich einmal voll werden sollte, bleibt immer noch der Weg hinaus ins Gelände. Abseits der Pisten hat auch Megève einiges zu bieten. "Das Genießer-Skigebiet hat auch eine sportliche Seite", versichert Stefan Laude, der für das Marketing von Megève zuständig ist. Er muss es wissen. Fast jeden Tag bricht er in seiner Mittagspause zu einer kleinen Skitour auf. Zurück ins Büro fliegt der passionierte Paraglider dann mit dem Fallschirm.

Zu den spektakulärsten Hängen zählen die extrem steilen Rinnen am Aiguille-Croche-Massiv über dem Cote-2000-Gipfel. Dank Laude und seinem Kumpel Matthias Giraud ist die Felswand in der Extrem-Skiszene weltberühmt. Giraud ist einer dieser Ski-Base-Jumper-Stars, die auf Skiern auf Abgründe zurasen, in die Tiefe springen und dann am Fallschirm ins Tal schweben. Bei einer gemeinsamen Tour an der Aiguille Croche löste der 28-Jährige kurz vor seinem Absprung eine Lawine aus. Als die Tonnen von Schnee die Wand hinunterstürzten, flog Giraud der Lawine davon.

Laude schwebte mit seinem Fallschirm über der gespenstischen Szene und filmte Giraud. "Das war wahrscheinlich der beste Sprung meines Lebens", jubelte Giraud, der in Salt Lake City lebt, aber aus Megève stammt. Das Video des Wahnsinnssprungs wurde im Internet mehr als vier Millionen Mal angeklickt.

Baronin Rothschild wäre sicherlich entzückt gewesen, hätte sie den ungeplanten PR-Coup für ihren Skiort noch miterlebt. So ein Internetvideo hat nicht einmal St. Moritz zu bieten.

Inspiration für den Urlaub

Bernhard Krieger/dpa/jus

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