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Reise

Wanderung auf dem Hadrian's Wall Path

Bis an die Grenze

So strapazierfähig wie römische Legionäre sind sie zwar nicht. Trotzdem ist die Wanderung entlang des berühmten Hadrianswalls in Nordengland für unseren Autor und seinen Sohn ein besonderes Abenteuer.

Getty Images/iStockphoto
Von Achim Zeilmann
Mittwoch, 30.05.2018   03:56 Uhr

Kaiser Hadrians Wall wird von einer Kohorte Rinder gehalten. Ein Trupp Jungbullen verbaut uns den Weg, als wir endlich - zum ersten Mal auf unserer Wanderung - auf ein hüfthohes erhaltenes Stück der berühmten römischen Grenzmauer treffen. Und jetzt das: Die Viecher lassen uns nicht durch, Unesco-Welterbe hin oder her.

"Papa, lass uns lieber umdrehen", sagt mein zwölfjähriger Sohn und fasst mich an der Hand. Nichts da, denke ich, vielleicht etwas leichtsinnig. So nah wie hier sind wir dem letzten Vorposten des Imperiums, dem Mythos, den mein Sohn und ich aus Büchern und Filmen kennen, noch nie gekommen. Auf keinen Fall geben wir jetzt auf. Lautes Schreien und Armwedeln überzeugt die Tiere zum Glück, Platz zu machen.

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Hadrian's Wall Path: Auf den Spuren der Römer

"Hadrian's Wall Path" - für uns war der Name schon vor unserem Aufbruch ein Versprechen auf Abenteuer. Ein Freund hatte uns von dieser spektakulären Tour im Norden Englands, nahe der schottischen Grenze, vorgeschwärmt. "Papa, wenn meine Beine stark genug sind, möchte ich dorthin", wünschte sich mein Sohn schon vor vielen Jahren.

Die Geschichte der im Jahr 122 erbauten römischen Mauer quer durch England kennt er aus "Prinz Eisenherz"-Comics. Über die Geschichte der Römer hat er alles verschlungen. Also los! Zur Fünf-Tage-Vater-Sohn-Wanderung durch die Hügellandschaft, über Klippen und windzerzaustes Moorland.

Nur mit den Tagesrucksack unterwegs

Der Hadrianswall verläuft an der schmalsten Stelle Englands zwischen Newcastle und dem Solway Firth von Ost nach West. Wir entscheiden uns für die leichte Variante des Wanderwegs mit Etappen zwischen 14 und 20 Kilometern von Corbridge nach Carlisle.

Anders als einst die römischen Legionäre, die bis zu 30 Kilogramm Waffen, Rüstung und Gepäck durch die Landschaft schleppten, müssen wir uns nur um unsere Tagesrucksäcke mit Pulli, Regenklamotten, Proviant und Wasser kümmern. Für Gepäcktransport und Unterkunft in kleinen Bed&Breakfasts sorgt Hillwalk-Tours.

Vindolanda, Vercovicium, Cilurnum - solch römische Ortsnamen klingen in unseren Köpfen, als wir nach Newcastle fliegen. Ein Bummelzug bringt uns nach Corbridge, ein Bilderbuchdorf mit Feldsteinhäusern, handgemalten Ladenschildern und krummen Gassen. Am Ortsrand liegt die Ausgrabung des einstigen Römer-Stützpunktes Coria mit Resten von Lagerhäusern und Kasernen, Kommandeursvilla und Springbrunnen.

Als wir loswandern, sehen wir erst mal - nichts. Über Schafweiden laufen wir einige Kilometer den Wegweisern mit der weißen Eichel hinterher. "Sind wir hier richtig?", fragt mein Sohn. Ein Stück Graben hier, ein paar Bodenlinien im Gras dort, wo einst ein Wachturm gewesen sein soll. Landwirtschaft und Straßenbau haben über Jahrhunderte die Spuren der Römer ausradiert - bis wir auf John Claytons Erbe treffen: den Wall und was davon noch übrig ist.

Clayton war ab 1822 oberster Verwaltungsbeamter von Newcastle und Hobby-Archäologe. Auf seinem Familiensitz begann er mit Ausgrabungen und brachte dabei das Reiterfort von Chesters samt Badehaus ans Tageslicht. Das kleine Museum vor Ort platzt schier vor lauter Grabplatten, Götterstatuen und Alltagsdingen der Legionäre und römischer Bürger.

Ohne Clayton gäbe es heute keinen Kulturtourismus in der dünn besiedelten Region. 50 Jahre lang erforschte er die antike Geschichte Englands und kaufte in großem Stil Land entlang des Römerwalls. Er verpflichtete die Pächter, kein Baumaterial mehr für ihre Cottages zu plündern und ließ die Mauer in Teilen rekonstruieren.

Wachtürme und Meilenkastelle

Der zweite Tag unserer Wanderung führt uns von Chollerford nach Housesteads. Grüne Hügelketten, durchzogen von grauen Bruchsteinmauern, unser Blick geht weit nach Norden. Die antiken Ingenieure nutzten jede Anhöhe für ihre Verteidigungslinie und bauten sie trotzdem kilometerweit schnurgerade durchs Land.

Immer häufiger tauchen vor uns Mauern von Wachtürmen und Meilenkastellen auf. Mein Sohn jubelt: "Jetzt sieht es aus, wie ich mir das vorgestellt habe." Wir steigen zum Felsgrat des Sewingshield Crag hinauf. Ab und zu treffen wir andere Wanderer auf Römerspuren: Amerikaner, Kanadier, Holländer, wenige Deutsche. Wir stapfen bergauf und hangab, immer wieder mit Blick auf die Mauerlinie am Horizont.

Im Kastell von Housesteads besuchen wir das kleine Museum. Videos erzählen die Geschichte der Legionäre. Beim Probesitzen auf einer Römertoilette lernen wir, dass Moos am Stil einst als Toilettenpapier diente.

Unseren dritten Wandertag von Housesteads nach Greenhead haken wir als Prüfung ab: Dauerregen - von oben, von der Seite und von unten. Ausgerechnet am schönsten Teil des Walls! Auch der einsame Bergahorn am Sycamore-Gap, der direkt an der Mauer Wind und Wetter trotzt (und schon in der "Robin Hood"-Verfilmung von 1991 eine Rolle spielte), kann uns vor dem Mistwetter nicht beschützen.

Jede Infotafel studiert

Die letzten beiden Tage von Greenhead nach Lanercost und weiter nach Carlisle entschädigen uns. Wir wandern unter blauem Himmel und Schäfchenwolken und passieren Thirlwall Castle. Wir laufen durch Gärten und verwinkelte Dörfer, durch Heckentunnel, treiben Schafherden auseinander und umgehen neugierige Rinder.

Bilanz nach fünf Tagen und rund 80 Kilometern Wegstrecke: Selten waren wir abends so erschöpft und gleichzeitig so erholt. Wir haben Nordengland im Schritttempo erobert - und mittels der Infotafeln an Meilenkastellen, Museen und Ausgrabungen viel Geschichte gelernt: über Roms Legionen mit germanischen Einheiten, spanischen Reitersoldaten, Hilfstruppen aus dem heutigen Belgien, Bogenschützen vom Balkan, Flussboot-Truppen aus Syrien und importierten Gottheiten aus Persien.

Abends beim Essen im Bed&Breakfast in Lanercost unterhalten wir uns mit anderen Wanderern über die Briten und den Brexit und die Angst vor Fremden. "Ich versteh das nicht", sagt mein Sohn. "Schon vor 2000 Jahren sind doch Menschen von überall her nach Britannien gekommen. Die haben sich doch auch alle unter die Briten gemischt."

insgesamt 8 Beiträge
robin-masters 30.05.2018
1. Schöne Tour
Das politische Statement am Ende hätte man sich aber schenken können. Erstens hat der EU Austritt nicht zwingend etwas mit Fremdenhass zu tun (Bürokratie, verlust an Mitbestimmung) und zweitens könnten Sie Ihem Sohn sagen das [...]
Das politische Statement am Ende hätte man sich aber schenken können. Erstens hat der EU Austritt nicht zwingend etwas mit Fremdenhass zu tun (Bürokratie, verlust an Mitbestimmung) und zweitens könnten Sie Ihem Sohn sagen das die Besucher vor 2000 Jahren sicher nicht in friedlicher Absicht kamen.
Knack5401 30.05.2018
2. Hört hört!
Warum so empfindlich robin-masters? Das ist eine normale Frage eines 12-jährigen, kein politisches Statement.
Warum so empfindlich robin-masters? Das ist eine normale Frage eines 12-jährigen, kein politisches Statement.
pietschko 30.05.2018
3.
1. hat der brexit eben doch viel mit fremdenfeindlichkeit zu tun. 2. hat die insel selten eie so friedliche zeit, wie unter den römern erlebt. auch das römisch reich an sich war für die (meisten) bürger ein segen. zu [...]
Zitat von robin-mastersDas politische Statement am Ende hätte man sich aber schenken können. Erstens hat der EU Austritt nicht zwingend etwas mit Fremdenhass zu tun (Bürokratie, verlust an Mitbestimmung) und zweitens könnten Sie Ihem Sohn sagen das die Besucher vor 2000 Jahren sicher nicht in friedlicher Absicht kamen.
1. hat der brexit eben doch viel mit fremdenfeindlichkeit zu tun. 2. hat die insel selten eie so friedliche zeit, wie unter den römern erlebt. auch das römisch reich an sich war für die (meisten) bürger ein segen. zu dieser zeit herrschte innerhalb des reiches frieden. die wirtschaft florierte. sehen sie sich einmal an, was mit dem untergang des reiches für jahrhunderte an entwicklung verloren ging. die römer waren weitestgehend tolerant gegenüber anderen religione und versuchten diese zu integrieren. nur die christen mussten ja gegen alles auflehnen um später an intoleranz kaum zu überbieten zu sein. das römische reich hat zu seiner überwiegenden zeit den bürgern eine sicherheit und wohlstand gegeben, die danach für jahrhunderte nie wieder erreicht wurden. und ich sehe die eu in einer art schon als eine fortführung und erkenntnis aus den errungenschaften der römer. denn anders als das heilige römische reich, was nie im echen kontext zum römischen reich stand, könnte die eu das erbe einmal positiv fortsetzen. es leben die römischen verträge.
Reg Schuh 30.05.2018
4. War schön dort
War schön dort, vor allem schön einsam. Wer außerhalb der "Hauptsaison", also vor allem, wenn die Briten kein Wochenende im Hochsommer oder keine Klassenfahrt-Saison haben, kann es sehr ruhig werden. Die Blockade [...]
War schön dort, vor allem schön einsam. Wer außerhalb der "Hauptsaison", also vor allem, wenn die Briten kein Wochenende im Hochsommer oder keine Klassenfahrt-Saison haben, kann es sehr ruhig werden. Die Blockade durch Jungrinder passiert offenbar auch anderen Wanderern. In meinem Fall funktionierte die Katzen-Strategie - lange genug anstarren und warten auch, dann hoppelten die zunächst skeptischen blickenden Rinder auch durch den Graben auf die andere Seite und gaben den Weg frei. Erfreulich ist, daß sich ein Sohn selbst für eine solche Reise interessiert. Leider hat der Autor nicht beachtet, daß man die wenigen spärlichen Überresten der fast zwei Jahrtausende alten Mauer AUF GAR KEINEN FALL betreten darf! So verlockend wie das ist - diesen Kulturschatz mit Wanderstiefeln zu betreten ist ...... Selbst wenn das nicht ausdrücklich strengst verboten wäre - das macht man einfach nicht! Über das Tor im Meilenkastell zur Steilkante hin (Bild 9) wird spekuliert, daß es im Plan stand, und der Plan war Wort des Imperator, also nicht in Frage zu stellen - mit anderen Worten eine Blüte der Bürokratie.
lachina 30.05.2018
5.
Nee, ist es nicht. Ich glaube nicht, dass Zwölfjährige so etwas fragen, zumal, wenn er sich mit römischer Geschichte auskennt, er auch was über die Aufstände der Briten gegen die Römer gelesen hat - Königin Boudicca und [...]
Zitat von Knack5401Warum so empfindlich robin-masters? Das ist eine normale Frage eines 12-jährigen, kein politisches Statement.
Nee, ist es nicht. Ich glaube nicht, dass Zwölfjährige so etwas fragen, zumal, wenn er sich mit römischer Geschichte auskennt, er auch was über die Aufstände der Briten gegen die Römer gelesen hat - Königin Boudicca und anderen. Das war keine friedliche Einwanderung.
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