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Reise

Neuer Skitourenpark in Tirol

Sorgenfrei zum Gipfel

Die Winterindustrie reagiert auf einen Trend: Im Pitztal hat der erste Skitourenpark Tirols eröffnet. Die Routen sind für diejenigen, die sich keine Sorgen um Gletscherspalten oder Lawinen machen wollen.

Mario Webhofer / Tourismusverband Pitztal / dpa-tmn
Montag, 15.10.2018   04:34 Uhr

"Cappuccino-Route", gemütlich klang das. Und nun keucht man den steilen Berg hinauf, und ein Skifahrer nach dem anderen schießt vorbei. So ungefähr muss sich Wandern neben einer Autobahn anfühlen.

Wer früher noch über diejenigen gewitzelt hat, die sich für eine einzige Abfahrt mühselig die Piste hinauf kämpften statt den Sessellift zu nehmen, stapft nun oft selbst mit Tourenski stundenlang den Berg rauf: Skitourengehen ist zum Trendsport geworden - auf den die Winterindustrie nun reagiert.

Mit dem ersten Skitourenpark Tirols wollen Gletscherbahn und Tourismusverband die wachsende Zahl der Pistentourengeher ins Pitztal westlich von Innsbruck locken. Drei Aufstiegsspuren wurden markiert: eine leichte blaue, eine mittelschwere rote und die schwarze "Cappuccino-Route", die über 620 Höhenmeter auf 3440 Meter führt. Die Spuren richten sich vor allem an Anfänger, die bei der Abfahrt im Tiefschnee Schwierigkeiten haben, die sich keine Sorgen um Lawinen machen und nicht für viel Geld einen Bergführer engagieren wollen. Und an Ausdauersportler, fürs Training.

Anfangs waren viele Liftbetreiber in den Alpen wenig begeistert von den neuen Gästen, die ihre teuer präparierten Pisten hoch marschierten, ohne einen Skipass zu kaufen. Als die Tourengeher aber immer mehr wurden, witterten manche ein Geschäft: Tourentage auf wechselnden Pisten wurden festgelegt, Almen blieben für Feierabendsportler mit Stirnlampe länger geöffnet. Manche schalteten gar ihre Lifte ab und konzentrierten sich ganz auf die meist jungen Trendsportler.

Nun also ein Skitourenpark, gesponsert von einem Ski-Hersteller. Dabei bräuchte es ihn im Pitztal eigentlich gar nicht, sagt der Bergführer Burkhard Auer: "Bei uns ist es nicht so ein Problem, dass sich Tourengeher und Alpinfahrer in die Quere kommen." Dieser Konflikt sei in den Skigebieten rund um die großen Städte weitaus heftiger.

Sicherheitshalber hat man die blaue und die rote Aufstiegsspur trotzdem durch ein Schneemäuerchen von der Piste getrennt, wie einen Radweg neben der Straße. Zügig steigt Auer die rote Spur hinauf, zuerst entlang der Piste, dann durch einen halb verspurten Tiefschneehang. Für den 34-Jährigen ist es ein Spaziergang. Wenn das Wetter passt, führt er pro Woche mehrere Skitouren.

Aufsteigen ohne Angst vor Gletscherspalten, abfahren ohne Angst vor Lawinen

Nach eineinhalb Stunden steht Auer oben am Mittelbergjoch, auf 3150 Metern. Von hier hat man einen gewaltigen Blick über den Gletscher auf die Wildspitze. Österreichs zweithöchster Gipfel, 3774 Meter, hat einen großen Namen und ist relativ einfach. "Nicht steil und technisch nicht schwierig", sagt Auer. "Man sollte versiert Skifahren können und schon einige Touren gemacht haben, dann ist sie kein Problem."

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Skitourenpark im Pitztal: Keine Lawinen, keine Spalten - kein Powder

Bei gutem Wetter steigen am Wochenende oft mehr als 100 Tourengeher auf den Gipfel, besonders im Frühjahr. Einheimische gehen ohne Bergführer in der Seilschaft hoch, manche sogar allein. "Ohne Sicherung, ohne Sachkenntnis", sagt Auer. "Jedes Jahr haben wir zwei bis drei Spaltenstürze." Durch die heißen Sommer sei die Gefahr noch gestiegen. "Es sind Spalten aufgegangen, die hat man schon seit Jahren nicht mehr gesehen." Und einige würden nur von labilen Schneebrücken verdeckt, die schnell brechen können.

Umso mehr schätzen viele Tourengeher die Sicherheit eines präparierten Skigebietes. Aufsteigen ohne Angst vor Gletscherspalten, abfahren ohne Angst vor Lawinen.

Ein besonderes Naturerlebnis findet man im Skitourenpark natürlich nicht. Anfangs hat die "Cappuccino-Route" eine eigene Aufstiegsspur neben einem Schlepplift. Dann mündet sie in eine Piste. Nach dem ersten Flachstück geht es steil bergauf, irgendwann muss man die zweite Aufstiegshilfe unter die Ferse klappen. Und auf den letzten 200 Höhenmetern vor dem Belohnungs-Apfelstrudel helfen nur noch Spitzkehren.

Um sich die notwendige Technik und Kondition für all die schönen Tourenberge ringsum zuzulegen, ist der Park optimal. Und wer die "Cappuccino-Route" geschafft hat, bekommt am Ende seiner Mühen nicht nur Kaffee und Kuchen im Gipfelrestaurant. Sondern auch einen Rundumblick von der Aussichtsplattform auf die Gipfel Tirols.

Florian Sanktjohanser, dpa/kry

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