Schrift:
Ansicht Home:
Reise

Tiefschneekurs in Tirol

Bergab im Walzertakt

Abseits der Piste fangen auch erfahrene Skifahrer wieder von vorne an: Wer am Stubaier Gletscher Tiefschneefahren will, muss technische Lektionen üben - und Demut mitbringen.

TMN
Donnerstag, 29.11.2018   05:31 Uhr

Girlanden fahren klingt hübsch - fühlt sich aber albern, fast demütigend an. Schnurgerade quert Thomas Engl die Piste und drückt rhythmisch die Knie Richtung Hang. Meint er das ernst? Sollen wir das Skifahren neu lernen? In gewisser Weise ja. Obwohl jeder in diesem Kurs viele Jahre Erfahrung hat - aber eben nur auf der Piste. Nun sollen wir auf dem Stubaier Gletscher in drei Tagen lernen, unplanierte Hänge kontrolliert hinabzukurven.

"Das Hauptproblem beim Umstieg ins Gelände ist für viele, dass sie in Rücklage geraten", sagt Engl. "Damit habe selbst ich noch manchmal zu kämpfen." Dabei ist der 29-jährige Südtiroler Bergführer und damit diplomierter alpiner Alleskönner. "Aber bis zur Ausbildung bin ich fast nur auf der Piste gefahren."

Fotostrecke

Freeriden: Kontrolliert kurven

Um die leidige Sache mit der Rücklage in den Griff zu bekommen, rät Engl den Kursteilnehmern, sich nach vorne zu lehnen, wie Skispringer. "Und jetzt die Hüfte zurück. Das ist die richtige Haltung." Denn nur wenn man mittig auf dem Ski steht, über dem Schwerpunkt, könne man ihn mühelos drehen. Klingt logisch. Bis wir das erste Mal von der Piste in den Tiefschnee fahren. Nach zwei Schwüngen falle ich kopfüber. Aufstehen, Skier suchen, weitermachen.

"Verliert nicht das Vertrauen, wenn die Skispitzen im Schnee verschwinden", sagt Engl. Überhaupt, sich zu trauen ist wichtig. Statt ängstlich nach einem Schwung die Schultern einzudrehen, sollen wir sie Richtung Tal geöffnet halten. "Nur die Beine bewegen sich", sagt Engl. "Skifahren ist Kniefahren."

Kreuzen, flattern, verkanten

Bald zeigt sich, dass jeder im Kurs seine eigenen Probleme hat. Der eine hält die Arme zu eng, der andere legt sich zu stark in die Kurve. Und ich sitze immer noch zu weit hinten. Trotzdem lobt uns Engl ständig. "Heute fahrt ihr alle deutlich besser", sagt er am zweiten Tag morgens. Und lässt uns von der Bergstation am Daunjoch mit geschulterten Skiern auf einen Grat stapfen.

Die Aussicht ist überwältigend: auf der einen Seite ein Gletschertal, auf der anderen Seite viele weiße Gipfel, gekrönt vom Zuckerhütl, dem höchsten Gipfel der Stubaier Alpen. Jauchzen, Gruppenfotos. Und dann Demut lernen. Im schweren Filzschnee scheint das Gelernte mit einem Schlag vergessen zu sein. Die Ski kreuzen sich, flattern, verkanten. Buckel hebeln einen aus, Mulden stauchen zusammen.

"Die Geschwindigkeit zu kontrollieren ist das A und O", sagt Engl. Immer wieder lässt er uns den Rhythmuswechsel üben: kurze Schwünge für steilere Abschnitte, längere Carving-Schwünge für flache Hänge. Ein Sturz im Tiefschnee mag nicht so schmerzhaft sein wie auf einer betonharten Piste. Aber er kann lebensgefährlich werden.

Warum, lernen wir am Abend. Lawinenkunde. "Wenn man stürzt, belastet man den Hang mit dem bis zu Zehnfachen des Körpergewichts", erklärt Engl. Und das kann eine Lawine auslösen. Engl erklärt Schwachschichten und Schneebretter. Und wie der Lawinenlagebericht zu lesen ist.

Nicht auf teure Technik verlassen

Spätestens jetzt ist allen bewusst, wie komplex Lawinen sind. Zum Glück gibt es einfache Faustregeln. Die Wichtigste: Bei Warnstufe zwei unter 40 Grad Hangneigung bleiben, bei Stufe drei unter 35 Grad und bei Stufe vier unter 30 Grad.

"Achtet auf die Alarmzeichen", sagt Engl bei einer Liftfahrt am nächsten Morgen. "Seht ihr die Gangeln, die kleinen Dünen und Riffel? Sie zeigen Triebschnee an, der vom Wind hierher geblasen wurde." Wenn er gebunden ist, kann er als Schneebrett abbrechen. Auch Risse in der Schneedecke, Wummgeräusche und spontane Lawinen sind Alarmsignale.

Nicht allen sind diese Zeichen geläufig. Als wir einen steilen Hang herabgekurvt sind, aus Vorsicht einzeln, sehen wir zwei Skifahrer oberhalb ein noch steileres Stück unter Felsen queren. Der erste Fahrer löst eine Minilawine aus - groß genug, um seinen Freund dahinter von den Skiern zu fegen.

"Heute fahren viel mehr Leute im Gelände als früher", sagt Engl, "weil es die moderne Ausrüstung auch mittelmäßigen Skifahrern erlaubt." Leider verlassen sich viele auf teure Technik wie einen Airbag-Rucksack. Und vernachlässigen es, sich mit Lawinen zu befassen und mit der Ausrüstung zu trainieren.

Völlige Verausgabung

Wer ein Lawinenverschütteten-Suchgerät, kurz LVS-Gerät, dabei hat, muss auch den Umgang beherrschen. Nach einer Lawine überleben 90 Prozent der Verschütteten die erste Viertelstunde, danach geht der Anteil rapide abwärts. Und bis die Bergrettung kommt, dauert es meist 35 Minuten. Also heißt es: üben - und das jeden Winter.

Neben dem Spielplatz vor der Dresdner Hütte vergräbt Engl seinen Rucksack und führt vor, wie man mit dem LVS-Gerät sucht und Sonde und Schaufel richtig nutzt. Sieht alles nicht schwierig aus. Also Probelauf. Engl stoppt die Zeit, allein das setzt unter Druck. Der Pfeil auf meinem Gerät springt hin und her, ratlos irre ich umher.

"Das LVS-Gerät waagerecht halten", ruft Engl, und gleich darauf: "Auf die Knie!" Mehr als sechs Minuten dauert es, bis meine Sonde schließlich den Rucksack trifft. "Und jetzt stellt euch vor, ihr habt mehrere Verschüttete", sagt Engl. Damit wir zumindest ansatzweise verstehen, was für ein Kraftakt so eine Bergung ist, lässt uns Engl buddeln. Zuerst bis zum Rucksack und dann weiter bis zur Erde. Zwei Meter sind es nur, und doch atmen alle schwer und rollen sich erschöpft auf den Rücken, als die Schaufel endlich den Boden trifft.

Das Gute an der Verausgabung: Skifahren fühlt sich danach federleicht an. Und langsam läuft es besser. Am dritten Tag platzt der Knoten bei einer simplen Übung, dem Hockeystopp: ein Stück Schuss fahren, dann die Ski quer stellen und abrupt bremsen. Plötzlich stellt sich das Gefühl ein, jederzeit die Kontrolle zu haben. Man beschleunigt nicht mehr ungewollt, fällt nicht mehr bei jedem Buckel in Rücklage. Und versteht in Triebschneemulden, warum Freerider so vom Powdern schwärmen.

Engl führt uns zu relativ unzerfahrenen Hängen. Mitten unter einem Liftmasten und im Slalom zwischen Felsen hindurch, bis er auf einer Moräne steht. "Früher hätte man hier gerade rüber gehen können", sagt er, "der Gletscher reichte bis hier hoch." Jetzt öffnet sich ein weites Tal vor ihm. Und ein steiler Hang. "Moränen haben immer um die 40 Grad", sagt er. Und er gibt einen sehr österreichischen Tipp, bevor er abwärts wedelt. "Denkt euch einfach einen Wiener Walzer. Das ist der richtige Rhythmus."

Florian Sanktjohanser, dpa/ele

Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP