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Reise

Weitwandern im Winter

Der Schnee ist das Ziel

Tagsüber durch verschneite Wälder, nachts auf die Hütte: Eine Weitwanderung in den Alpen ist auch im Winter möglich. Auf einem Tiroler Hochplateau braucht es dafür nicht mal Vorkenntnisse - nur ein Gespür für Schnee.

Johannes Geyer
Von Johanna Stöckl
Mittwoch, 06.02.2019   05:04 Uhr

Ein mächtiger Pflug fräst in der Berggemeinde Leutasch einen Hotelparkplatz frei. Vor den benachbarten Häusern - deren Dächer mit dicken Schneehauben überzogen sind - wird ebenfalls geschaufelt und geschoben. Der viele Schnee macht den Einheimischen zwar zu schaffen, andererseits verwandelt er das sonnenverwöhnte, 1136 Meter hoch gelegene Hochplateau im Wettersteingebirge in ein Dorado für alle Winterfans.

Ihnen bietet sich seit dieser Saison ein neues Outdoor-Erlebnis: der erste Winterweitwanderweg Tirols. Vier Tagesetappen führen unter anderem durch das Fludertal, auf die Wildmoosalm und zur Aussichtsplattform Kurblhang, vorbei an imposanten Bergspitzen und idyllischen Seen. Übernachtungen in urigen Hütten und Gepäcktransport sind organisiert - nur laufen muss man selbst.

Was zwischen April und Oktober touristischer Alpenalltag ist, wird von den Tiroler Touristikern nun als Urlaubsneuheit in der kalten Jahreszeit angepriesen. "Im Sommer sind die mehrtägigen Touren durch das nahe Karwendelgebirge so beliebt, dass es auf der Hand lag, ein entsprechendes Wintererlebnis in der Region auszuarbeiten", sagt Markus Schmidt.

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Tirol: So schön ist Weitwandern im Winter

Der 43-jährige ehemalige Chef des Tourismusverbands Karwendel, der mittlerweile hauptberuflich als Outdoor-Blogger sein Geld verdient, hatte die Idee zum Winterweitwandern rund um Seefeld. Gemeinsam mit den Verantwortlichen aus der Olympiaregion hat der Touristikprofi aus Schwaz eine Route ausgetüftelt, die auch im Winter gut begehbar ist. Und zwar bedenkenlos bei allen Schneeverhältnissen - dank der Lage auf einem Hochplateau.

Am ersten Wandertag, der zwölf Kilometer langen Auftaktetappe zwischen Burggraben und Kreith schneit es im Leutaschtal so heftig, dass Mitwanderin Barbara aus Berlin kurz einmal die Fassung verliert: "Wer konnte ahnen, dass es sinnvoll wäre, zum Wandern eine Skibrille mitzubringen?" Die herabfallen Flocken pieken in den Augen.

Anders als im Sommer wandert die Gruppe in absoluter Stille. Nur ein leises Knirschen unter den Schuhen ist zu hören. Schritt für Schritt geht es stundenlang durch die weiße Pracht. Sehen kann man nicht viel, das zuvor beschriebene "atemberaubende Panorama" lässt sich lediglich vermuten. Der Weg ist heute das Ziel.

"Der viele Schnee ist hier nicht ungewöhnlich", erklärt Schmidt, "die Gegend zwischen Karwendel und Wettersteingebirge gilt als wahres Schneeloch." Der passionierte Wanderer wollte eine Route entwickeln, die auf leichten Wegen und ohne fachkundige Begleitung eines Bergführers individuell bedenkenlos zu absolvieren ist. Sie sollte auch für Menschen ohne alpine Vorkenntnisse geeignet sein.

Die Planung gestaltete sich komplizierter als gedacht. Die meisten Berghütten bleiben während der Wintermonate geschlossen. Zwangsläufig musste man also für die Übernachtungen in Tallagen ausweichen. Herausgekommen ist ein landschaftlich abwechslungsreiches Programm, bei dem die Wanderer zweimal im Tal und einmal auf der Wettersteinhütte schlafen.

Am zweiten Tag stoppt während des Frühstücks der Schneefall. Es klart auf. Um 9.30 Uhr stapft die Gruppe bei Sonnenschein los. Rechts und links des Weges türmen sich meterhohe Schneewände auf. "Das ist wie wandern in einer Bobbahn", sagt Lea aus Innsbruck, die das Leutaschtal nur aus dem Sommer kennt.

Die Wege werden täglich geräumt - notfalls zweimal. Mit der Pflege des Terrains beginnt man in Seefeld bereits im November: Fällt der erste Schnee, kommt ein Traktor zum Einsatz, dem ein schwerer Reifen vorgespannt ist. Er verdichtet den ersten Flaum. Liegt deutlich mehr Schnee auf den Wegen, braucht es einen Pflug, bei extremen Niederschlägen wie Mitte Januar die Schneefräse.

Damit der Untergrund genügend Grip hat, man nicht ausrutscht, verfügen die Schneefahrzeuge jeweils über eine Art von hinten angebrachtem Rüttelpult, das mit Diamantzacken bestückt ist und den schneebedeckten Untergrund aufraut. Zudem wird den Wanderern empfohlen, mit Spikes versehene "Schneeketten" anzulegen - rutschsicheren Sohlen, die man über die Bergstiefel stülpt.

Elias Walser, Geschäftsführer des Tourismusverbundes Olympiaregion Seefeld, nennt das Winterweitwanderprojekt einen Glücksfall: "Wir verfügen hier über ein 142 Kilometer langes Wegenetz. Aus dem nur 40 Kilometer entfernten Innsbruck kommen seit jeher Tagesausflügler zu uns, die dem Nebel in der Stadt entfliehen und hier im Winter auf bestens präparierten Wegen spazieren gehen."

Obwohl ausschließlich bereits bestehende Winterwege miteinander verbunden wurden, war es eine Herausforderung, die Idee für diesen Winter zu verwirklichen: "Die gut ausgelasteten Beherbergungsbetriebe am Wegesrand mussten vom Konzept des Winterwanderns überzeugt werden." Schließlich verbringt man als Gast nur jeweils eine Nacht in der jeweiligen Unterkunft.

Am dritten Tag winkt mit der Übernachtung auf der 1717 Meter hoch gelegenen Wettersteinhütte ein alpines Erlebnis als Höhepunkt. Die Wirtsleute Beate und Hans Schütz waren von der Idee des Winterwanderns angetan und unterstützen das Vorhaben: "Im Winter hatten wir bisher nur tagsüber geöffnet. Skitourengeher, Wanderer und Rodler kehren bei uns ein." Seit Januar 2019 beherbergt man nun auch die Winterwanderer. "Die ersten Gäste sind begeistert", resümiert Beate Schütz zufrieden, "die Hüttenübernachtung bei uns scheint das Wintererlebnis abzurunden."


Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um die Etappen zu meistern?

Man sollte tägliche Wanderstrecken zwischen 8 und 16 Kilometern locker bewältigen können. Was nicht zu unterschätzen ist: Das Wandern auf Schnee ist deutlich anstrengender als auf ausgebauten Forst- oder weichen Waldwegen im Sommer.

Welche Herausforderungen gibt es auf der Wanderung?

Wer möchte, baut gelegentlich eine Bergetappe ein. Kurblhang und Brunschkopf etwa heißen die beiden bewaldeten Hügel, deren Besteigung im Schnee allerdings ordentlich Kondition erfordert. Die Aussicht von oben lohnt jedoch die Mühe.

Wie viel kostet eine Tour mit Übernachtung?

Die Wandertour ist ab 198 Euro buchbar - inklusive Übernachtung, Gepäcktransport und Frühstück. In einem Büchlein werden alle vier Etappen detailliert beschreibt. Die Orientierungshilfe wird vor Antritt der viertägigen Wanderung ausgehändigt.

Wo gibt es ähnliche Wintertouren in den Alpen?

Viele Regionen bieten Winterwanderungen durch den Schnee an - oft handelt es sich dabei jedoch um Tagestouren. Beispiele: Winterwandern rund um Oberstdorf im Allgäu, im Montafon in Vorarlberg oder im Bayerischen Wald. Zusammenhängende Routen, bei denen man im Winter mehrere Tage am Stück wandert und auch auf Hütten übernachtet sowie auf einen Gepäcktransport zurückgreifen kann, sind jedoch selten. Ein ähnliches buchbares Angebot, das allerdings nicht ohne Bus- und Bergbahnfahrten auskommt, ist das Winterwandern im Bregenzerwald.

Johanna Stöckl arbeitet als freie Autorin für SPIEGEL ONLINE und wurde auf dieser Reise vom Tourismusverein Seefeld unterstützt.

insgesamt 2 Beiträge
fatherted98 06.02.2019
1. Schneewandern...
...ist extrem anstrengend....jedenfalls für den der vorne weggeht. Durch die Alpen würde ich das nicht machen, dafür lebe ich zu gerne....aber in den Deutschen Mittelgebirgen bringt das durchaus Spaß.
...ist extrem anstrengend....jedenfalls für den der vorne weggeht. Durch die Alpen würde ich das nicht machen, dafür lebe ich zu gerne....aber in den Deutschen Mittelgebirgen bringt das durchaus Spaß.
Celegorm 06.02.2019
2.
In diesem Fall sind die Wege offensichtlich gut präpariert, womit das Ganze ohne grosse Steigung doch eher zum Sonntagsspaziergang wird. Ohne so etwas, erst recht im Gebirge, kann man eh nicht im Schnee "wandern", [...]
Zitat von fatherted98...ist extrem anstrengend....jedenfalls für den der vorne weggeht. Durch die Alpen würde ich das nicht machen, dafür lebe ich zu gerne....aber in den Deutschen Mittelgebirgen bringt das durchaus Spaß.
In diesem Fall sind die Wege offensichtlich gut präpariert, womit das Ganze ohne grosse Steigung doch eher zum Sonntagsspaziergang wird. Ohne so etwas, erst recht im Gebirge, kann man eh nicht im Schnee "wandern", das wäre dann eher Tourengehen mit entsprechender Ausrüstung inkl. Skis oder Schneeschuhen.
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