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Reise

US-Nationalparks

"Ihr Deutschen verpasst das Beste!"

Sie bloggt, arbeitet Vollzeit und verlässt ihre Wohnung selten ohne Uniform. Betty Soskin ist mit 94 Jahren die älteste Park-Rangerin der Welt - fast so alt wie ihr Arbeitgeber.

Getty Images
Ein Interview von
Donnerstag, 25.08.2016   16:50 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Heute wird der National Park Service der USA 100 Jahre alt. Was gibt's zu feiern, Miss Soskin?

Soskin: Ein Umweltaktivist hat mal geschrieben, die Parks seien die beste Idee, die Amerika je hatte. Und das ist wahr. Die Parks konservieren unsere Heldenorte genau wie unsere Orte der Schande. Sie zeigen unser Land in all seiner Widersprüchlichkeit und führen uns dorthin, wo wir zu uns finden können.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Soskin: Die Parks zeigen unsere Entwicklung als Nation auf. Sie erzählen Geschichten von Sklaverei und Rassentrennung, von Navajo-Indianern, von KZs für japanische Kriegsgefangene, von Mut und Trauer, von Lebenslust und tiefem Hass. Nationalparks sind Schatullen. Sie bewahren das Beste und das Schlimmste auf, für das Amerika steht.

SPIEGEL ONLINE: Wir Europäer denken bei US-Nationalparks vor allem an tolle Naturerlebnisse wie die Schluchten und Plateaus des Grand Canyon und die Geysire im Yellowstone. Das ist wohl längst nicht alles.

Soskin: Es gibt mehr als 400 Nationalparkeinheiten in den USA. Sie reichen von riesigen Gebieten in Alaska mit Grizzly-Bären bis zu historischen Schlachtfeldern aus dem Bürgerkrieg. Sie reichen von Höhlen und Vulkanen bis zur Freiheitsstatue, vom Wrack eines Schiffes, das beim Angriff auf Pearl Harbor versenkt wurde bis hin zur Absturzstelle eines Flugzeugs von 9/11. Wer nur auf Berge und Seen schaut, sieht das Wichtigste nicht. Ihr Deutschen verpasst das Beste!

SPIEGEL ONLINE: Welchen Park mögen Sie denn am liebsten?

Soskin: Natürlich den in Richmond bei San Francisco - hier arbeite ich. Er hat einen etwas sperrigen Namen: "Rosie the Riveter World War II Home Front National Historical Park". Er erinnert an die Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs die Rüstungsindustrie am Laufen hielten. Sie halfen mit, die Nazis zu besiegen und trieben die Emanzipation der Frau voran. Ich habe selbst in einer solchen Fabrik gearbeitet, allerdings im Büro.

SPIEGEL ONLINE: Heute sind Sie Rangerin ...

Soskin: ... und zwar die Einzige, die den Besuchern aus eigener Erfahrung erzählen kann, wie es damals war.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten immer noch Vollzeit. Denken Sie auch mal an die Rente?

Soskin: Nein, ich habe noch so viel zu erzählen. Ich war Fabrikarbeiterin, Büroangestellte, Inhaberin eines Plattenladens für Gospelmusik. In den Sechzigern war ich Liedermacherin und Bürgerrechtsaktivistin, ich war Mutter, Politikerin und mit 85 wurde ich Park Rangerin. Mir macht die Arbeit Spaß. Ich verlasse meine Wohnung selten ohne meine Uniform.

SPIEGEL ONLINE: Warum das?

Soskin: Wenn ich farbigen Mädchen begegne - auf der Straße, im Supermarkt, im Aufzug - dann zeige ich Ihnen eine Karrierechance auf, die sie nicht erkannt hätten, wenn sie mich ohne Uniform gesehen hätten.

NPS

Betty Soskin bei der Arbeit

SPIEGEL ONLINE: Sie bloggen, skypen, haben einen Facebook-Account. Auf diese Interviewanfrage haben Sie in 13 Minuten geantwortet. Was reizt Sie an den sozialen Medien?

Soskin: Wissen Sie, ich sitze oft mit meinem Laptop im Coffeeshop, um mich herum all diese jungen Leute, die das Gleiche tun wie ich. Sie kommunizieren, recherchieren, lesen, sie teilen ihre Erfahrungen. Genau das will ich auch tun. Ich will mitteilen, was ich erlebt habe. Außerdem bin ich neugierig. Ich will wissen, wie und warum etwas funktioniert. Man sollte sich nie mit Antworten zufrieden geben. Jede Antwort birgt viele weitere Fragen in sich. Ob man diese nun mit dem Faxgerät, mit Twitter oder Instagram beantwortet, ist völlig egal.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Tipp für ein langes Leben?

Soskin: Ich habe gute Gene. Meine Urgroßmutter, geboren 1846, war eine Sklavin. Sie wurde 102 Jahre alt, meine Mutter wurde 101 Jahre alt. Vielleicht ist es aber auch das: Ich weiß immer noch nicht so recht, was ich mal tun soll, wenn ich erwachsen bin. Ich denke, ich habe noch so etwa 10 oder 20 Jahre, um es herauszufinden.

SPIEGEL ONLINE: Vor einigen Monaten wurden Sie im Schlaf von einem Einbrecher überrascht.

Soskin: Ja, in dem Moment war ich mir sicher, dass ich sterben würde. Ich wachte mitten in der Nacht auf und ein Mann stand neben mir. Er schlug mir mehrmals ins Gesicht, bis ich liegenblieb. Dann begann er, meine Sachen zu durchstöbern. Ich schleppte mich ins Bad und sperrte die Tür ab. Dort schnappte ich mir ein Bügeleisen, schaltete auf "Leinen", die heißeste Stufe. Wenn er ins Bad gekommen wäre, hätte ich dem Kerl das Bügeleisen in sein Gesicht gedrückt, sodass er für sein Leben gebrandmarkt gewesen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Der Einbrecher hatte also Glück?

Soskin: Er kümmerte sich nicht mehr um mich. Er klaute meinen Laptop, mein iPhone, ein paar Schmuckstücke und etwas Bargeld. Am schlimmsten war, dass er die Medaille mitnahm, die ich vergangenes Jahr von Barack Obama für meine Verdienste bekommen hatte. Aber das Weiße Haus hat sich inzwischen gemeldet, ich bekomme eine neue.

SPIEGEL ONLINE: Welche Nationalparks haben Sie noch auf Ihrer Liste?

Soskin: Ich wage es kaum zu sagen, aber ich habe weder Yellowstone noch den Grand Canyon je besucht. Da möchte ich unbedingt hin, am besten mit meinen Enkeln und Enkelinnen.

SPIEGEL ONLINE: Und für danach gibt ja noch ein paar hundert weitere Nationalparks in den USA, die Sie besuchen könnten.

Soskin: Ich weiß, ich weiß. Aber zunächst muss ich nach Washington. Da bin ich zur Eröffnung des Nationalmuseums für Afroamerikanische Kultur eingeladen. Zwei Tage nach meinem 95. Geburtstag. Präsident Obama wird auch da sein. Ich werde ihm bei dieser Gelegenheit dafür danken, dass er mir meine Medaille ersetzt.

insgesamt 8 Beiträge
PriseSalz 25.08.2016
1. Und viel mehr...
Painted Desert, Petrified Forest, Arcadia National Park, Meteorite Crater, Yosemite National Park, Blue Ridge Parkway, Höhlen im Shenandoah Valley, und und und. Ein Leben reicht kaum aus um alles zu sehen und zu erleben.
Painted Desert, Petrified Forest, Arcadia National Park, Meteorite Crater, Yosemite National Park, Blue Ridge Parkway, Höhlen im Shenandoah Valley, und und und. Ein Leben reicht kaum aus um alles zu sehen und zu erleben.
ArmeOhren 25.08.2016
2. Großartig
So lange so viel vom Leben zu haben, ist sicher das Wundervollste, was einem Menschen zuteil werden kann. Ich wünsche Betty Soskin, dass sie mindestens 120 Jahre alt wird und auf ihrem Weg noch jede Menge junge und alte Menschen [...]
So lange so viel vom Leben zu haben, ist sicher das Wundervollste, was einem Menschen zuteil werden kann. Ich wünsche Betty Soskin, dass sie mindestens 120 Jahre alt wird und auf ihrem Weg noch jede Menge junge und alte Menschen begeistert. Übrigens ist es nach meiner Erfahrung egal, ob man wegen der Seen oder der Geschichte kommt - einen Nationalpark zu besuchen, ist immer ein fantastisches Erlebnis.
elkemeis 25.08.2016
3. Brava!
Was wären alle Nationalparks dieser Welt ohne Menschen wie Mrs. Soskin. Die Episode mit dem Bügeleisen bringt mich bei allem Respekt vor dem Mut auch zum Schmunzeln: So möchte ich auch werden!
Was wären alle Nationalparks dieser Welt ohne Menschen wie Mrs. Soskin. Die Episode mit dem Bügeleisen bringt mich bei allem Respekt vor dem Mut auch zum Schmunzeln: So möchte ich auch werden!
bristolbay 25.08.2016
4. Diese Idee lebt auch von Volunteers
Zig NP haben wir in den USA besucht. Eins ist mir aufgefallen, neben den Park-Rangers gibt es zweite und ebenso wichtig Gruppe in diesem System, die Volunteers. Wie oft bin ich mit diesen, meist älteren Menschen, ins Gespräch [...]
Zig NP haben wir in den USA besucht. Eins ist mir aufgefallen, neben den Park-Rangers gibt es zweite und ebenso wichtig Gruppe in diesem System, die Volunteers. Wie oft bin ich mit diesen, meist älteren Menschen, ins Gespräch gekommen und immer hat man mehr erfahren, als das was in den Reiseführern steht. Meine volle Hochachtung und Dank an dieser Stelle an Menschen, die ihre Freizeit opfern, um Besuchern zu erklären und ganz einfach, mit kostenloser Arbeit dem Staat zu helfen.
bissig 25.08.2016
5.
Genau das meinte die Dame damit, dass wir was verpassen. Nichts zur Geschichte, sondern nur Natur.
Zitat von PriseSalzPainted Desert, Petrified Forest, Arcadia National Park, Meteorite Crater, Yosemite National Park, Blue Ridge Parkway, Höhlen im Shenandoah Valley, und und und. Ein Leben reicht kaum aus um alles zu sehen und zu erleben.
Genau das meinte die Dame damit, dass wir was verpassen. Nichts zur Geschichte, sondern nur Natur.
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