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Reise

Im Dacia durch Sibirien

On the Road to Anabar

Durch Tundra, Taiga und über zugefrorene Flüsse: Die Anabar-Straße, die nördlichste der Welt, ist nur im Winter befahrbar. Michael von Hassel hat es bis kurz vors Nordpolarmeer geschafft - bei minus 50 Grad Celsius.

Mikhail Rybochkin
Ein Interview von
Donnerstag, 02.03.2017   06:20 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Sie sind rund 4000 Kilometer über Schnee und Eis vom Süden Sibiriens bis in den Norden gefahren. Ein Teil davon auf der Anabar-Straße zur Anabarbucht - wie kamen Sie auf die Idee?

Von Hassel: Ein Freund von mir, der Autor Kolja Spöri, ist einer der "Most Traveled People", die auch darum wetteifern, die abgelegensten Orte der Welt zu erreichen. Und die "Road to Anabar" führt zum nördlichsten Punkt der Welt, zu dem man mit einem normalen Auto noch hinkommen kann - nördlicher als das Nordkap in Norwegen oder Prudhoe Bay in den USA. Kolja fiel auf, dass die Fahrt bisher in Blogs noch nicht beschrieben worden war. Tatsächlich haben uns Bürgermeister erzählt, dass wir die ersten deutschen Besucher waren.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie am Endpunkt, in Jurjung-Chaja rund 100 Kilometer südlich des Nordpolarmeers, empfangen?

Von Hassel: Die Ewenken, ein Nomadenvolk, wurden dort von den Russen in zwei, drei Dörfern angesiedelt. Sie haben kein einfaches Leben: Alkoholismus ist verbreitet, es gibt eine hohe Suizidrate. Sie haben sich sehr gefreut, uns mit einem Festmahl und einer ausgiebigen Dorfrundführung begrüßt. Nun sind wir dort im Heimatmuseum mit Foto und Namen in einer Vitrine verewigt.

Fotostrecke

Im Dacia zum Nordpolarmeer: 4000 Kilometer über Eis und Schnee

SPIEGEL ONLINE: Sie haben extreme Temperaturen bis zu minus 50 Grad Celsius erlebt - wieso sind Sie im Winter gefahren?

Von Hassel: Größtenteils verläuft die Strecke, ab etwa Werchnemarkowo bis zum Arktischen Ozean, auf Winterstraßen, den Zimniks, und auf zugefrorenen Flüssen. Im Sommer ist das alles Sumpf - einfach nicht befahrbar. Von Dezember bis März räumt die größte Diamantenbergbaugesellschaft der Welt, Alrosa, die Strecke frei. Deren Trucks holen dann Öl ab, das im Sommer per Tankschiff an die Küste geliefert wird, und bringen es nach Udatschny und Mirny, zwei Städte mit riesigen Diamantenminen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit einem Lada Niva und einem Dacia Duster unterwegs gewesen - wie verkraften diese herkömmlichen Autos die Kälte?

Von Hassel: Beides sind wahnsinnig robuste Modelle und in Russland sehr beliebt, daher kann man sie an jeder Straßenecke reparieren lassen, auch einfach mal mit Plastikklebeband. In den Motor haben wir nicht brennbare Thermodecken hineingestopft, die es dort in jedem Supermarkt gibt, und am Kühlergrill eine Isomatte befestigt, damit der Motor die Wärme halten kann. Heizen im Innenraum kann man deswegen auch nicht, daher war es während der Fahrt eiskalt. In unseren Klamotten sahen wir aus wie Astronauten. Da der Atem sofort an den Scheiben gefriert, hatten wir nur Sicht durch die voll angeblasene Frontscheibe.

SPIEGEL ONLINE: Und? Gab es eine Panne?

Von Hassel: Nur einmal, da hat beim Lada die Sicherung des Kühlers versagt.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nicht so dramatisch….

Von Hassel: Eigentlich nicht, aber bei minus 50 Grad muss man die Autos Tag und Nacht laufen lassen, sonst friert alles ein, was flüssig oder beweglich ist - auch Öl, Benzin und das Getriebe. Den Lada mussten wir nach der Panne am Abend ausmachen. Am nächsten Morgen war er nicht mehr zu bewegen, auch die Reifen waren festgefroren. Es waren nur 100 Meter bis zu Werkstatt, aber erst musste ein Lkw den Lada vom Boden losreißen und hinter sich her schleifen. Dann haben uns etwa 20 Holzfäller geholfen, das Auto die letzten Meter zur Garage zu tragen. Der Mechaniker hat die Sicherung gewechselt, den Lada einen Tag lang auftauen lassen - und dann ging's weiter.

SPIEGEL ONLINE: Die 4000 Kilometer haben Sie in acht Tagen geschafft - haben Sie überhaupt schlafen können?

Von Hassel: Kaum, da man nur 30 bis 60 km/h fahren kann, sind wir Tag und Nacht durchgefahren, wenn es ging. Auf dem zugefrorenen Fluss aber konnten wir nur bei Tageslicht fahren, um nicht in überfrorenen Wasserlöcher einzubrechen - nachts hätten wir die nicht gesehen. Dort gibt es keine Hotels oder Pensionen, man muss immer fragen, ob man etwas zu essen bekommt oder ein paar Stunden schlafen darf. Alle waren sehr gastfreundlich, man hilft sich gegenseitig. Manchmal gibt es über 1500 Kilometer kein Haus, keine Tankstelle, nix.

SPIEGEL ONLINE: Wen haben Sie getroffen?

Von Hassel: Viele Lkw-Fahrer, auch Diamantenschürfer, Rentierzüchter, Zobeljäger. Viele waren sehr interessiert, am gefühlten Ende der Welt haben wir über EU-Sanktionen und Merkels Politik gesprochen. Einmal hat ein Mann für uns Borschtsch gekocht, der dort nur mit seinen Hunden wohnt. Sonst kommt bei ihm nur einmal die Woche ein Lkw-Fahrer vorbei, dem er einen Teller Suppe oder Gulasch verkauft. Er fischt und jagt und hat sich einen Falken ausgestopft, mit dem er redet - das ist sein bester Freund.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich verständigt?

Von Hassel: Mit dabei war Mikhail Rybochkin, ein russischer Ex-Soldat, der in der Öl-und Gasindustrie und auch in Bushehr in Iran gearbeitet hat. Heute begleitet er Extremreisende und kennt Sibirien bis zum letzten Feldweg. Mischa weiß, wo man Essen und Sprit kaufen kann, denn Tanken ist nur an zwei, drei Orten möglich. Dafür muss man sich Wochen vorher anmelden und weiß dann doch nicht, ob man das Benzin wirklich bekommt. Wir mussten daher pro Auto zehn Kanister laden, für Gepäck oder Lebensmittel war kein Platz mehr.

SPIEGEL ONLINE: Nur Ihre Reisegruppe, zwei Autos, viel Kälte - wie war's?

Von Hassel: Unglaublich berührend. Unter anderem waren noch zwei weitere Mitglieder der "Most Traveled People" dabei: ein finnischer Professor für Marketing, der die zweitmeisten Grenzübertritte zu Fuß erreicht hat, und ein Brite, der in Jakarta arbeitet. Die sind reisesüchtig, immer rastlos und haben unfassbare Geschichte zu erzählen. Wir haben nicht einmal das Radio eingeschaltet, Land und Leute mit zu Hause verglichen und sehr viel diskutiert. Das hat wohl auch die Monotonie der Landschaft ausgelöst, die sich höchstens mal alle Tausend Kilometer änderte. Immer der gleiche Wald, alles flach. Es hat viel Freude gemacht, darunter zu leiden und das zusammen durchzustehen.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich allerdings recht öde an...

Von Hassel: Mich hat immer wieder erstaunt, wie die Russen diese unfassbaren Entfernungen und Temperaturen beherrschen. Dieses Land sollte man sich anschauen - es ist wirklich sehenswert.

SPIEGEL ONLINE: Was ist von der Reise geblieben?

Von Hassel: Ich bin süchtig nach der Weite geworden, nach einer Gegend, in der kein Mensch ist. Das ist ein bedrohliches, aber auch ein tolles Gefühl: pure Freiheit.

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